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Dramentheoretische Aspekte in Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Dramenanalyse
2.1 Struktur und Inhalt
2.2 Dramenform und Motive
2.3 Figuren
2.3.1 Reale Personen
2.3.2 Übernatürliche Figuren und Figuren der Traumwelt
2.4 Sprache
2.4.1 Figurenrede und Nebentext
2.4.2 Rhetorische Mittel
2.4.3 Syntaktische und lexikale Stilmittel

3. Resümee

4. Bibliographie:

1. Einleitung

„Ein Stück, das kein Theater spielen will und kein Publikum sehen will.“[1]Mit diesen Worten leitete Wolfgang Borchert sein einziges Drama „Draußen vor der Tür“ ein, das als eines der berühmtesten Nachkriegsdramen in die Geschichte eingegangen ist. Er schrieb es im Herbst 1946, im ersten Nachkriegsjahr, innerhalb von acht Tagen nieder, während er aufgrund einer Lebererkrankung ans Bett gefesselt und mit dem bevorstehenden Tod konfrontiert war.[2]Prägnant für seine pazifistische Einstellung, die auch das Drama ganz offensichtlich widerspiegelt, ist mit Sicherheit auch sein Elternhaus. Borcherts Vater, ein Lehrer, und seine Mutter, eine Heimatschriftstellerin, zählten zu den Mitgliedern der intellektuellen Kreise Hamburgs und erzogen ihren Sohn Wolfgang aufgeklärt und fortschrittlich. Doch seine Abneigung zum Nationalsozialismus konnte ihn nicht vor dem Kriegsdienst bewahren und so wurde er, nach einer kurzen Zeit als Schauspieler, im Frühjahr 1941 zur Wehrmacht einberufen. Die Zeit als Soldat an der Ostfront machte Borchert sehr zu schaffen. Er protestierte gegen den militärischen Drill und kam wegen vermeintlicher Selbstverstümmelung vor Gericht. Nach seinem Freispruch kam er trotzdem für einige Wochen in Haft, da er sich verächtlich gegenüber Staat und Partei geäußert hatte. Schon während seines Gefängnisaufenthaltes hatte er mit einer Leberentzündung zu kämpfen. Trotzdem wurde er nochmals an die Ostfront versetzt, um kurze Zeit später wegen Fieberund Leberanfällen und der daraus resultierenden Dienstuntauglichkeit schließlich vom Wehrdienst entlassen zu werden. Nach einem weiteren Gefängnisaufenthalt wegen einer Goebbels-Parodie und der Flucht aus der französischen Kriegsgefangenschaft schaffte es der von Krankheit geschwächte Wolfgang Borchert endlich nach Hamburg zu kommen, wo er, geprägt von seinen Kriegserfahrungen, sein Werk verfasste.[3]

Die Literatur der Nachkriegszeit markiert einen Wendepunkt, besser gesagt einen Neuanfang in der Literaturgeschichte. Deshalb wird dieser Zeitpunkt auch als Stunde Null bezeichnet. Es lag nun an der Literatur, sich neu zu erfinden, um zur „moralischen Erneuerung des durch den Faschismus erniedrigten Volkes“[4]zu verhelfen. Borcherts Werke spiegeln diese Tendenzen der neuen Literatur deutlich wieder. „Draußen vor der Tür“ beschäftigt sich mit einem Kriegsheimkehrer, dem immer mehr der Boden unter den Füßen entgleitet, als er wieder zu Hause ist, und eben doch nicht zu Hause, weil es für ihn kein Zuhause mehr gibt. Sein sehr ausführlich dokumentiertes Innenleben schwankt zwischen Hoffnung und Verzweiflung und repräsentiert damit treffend das Gefühlsleben der Nation zu dieser Zeit. Das Durchleben einer so grausamen Zeit lässt viele Menschen an Gott und auch an der Menschheit zweifeln. Auch mit diesen Themenfeldern setzt sich der Protagonist Beckmann im Drama auseinander, ebenso mit der Schuldfrage und der Verantwortung. Zudem veranschaulicht Borchert schonungslos, wie wenig Wert ein Menschenleben zur Kriegsbeziehungsweise Nachkriegszeiten hatte. Auch der Charakter des Dramas erfährt in der neuen Literatur eine Umwälzung. War vorher das klassische Drama gefragt, so ist jetzt das expressionistische Drama auf dem Vormarsch.

Die folgende Arbeit soll sich mit der Analyse des Dramas „Draußen vor der Tür“ befassen und dabei die Form des Dramas, sowie die sprachlichen Eigenheiten untersuchen und herausstellen. Zudem soll eine Gegenüberstellung mit dem klassischen Drama nach Bernhard Asmuths Dramenanalyse stattfinden. Hierbei sollen die Unterschiede herausgearbeitet werden und eine Kategorisierung des Dramas in die Moderne ermöglichen.

2. Dramenanalyse

Nach einer kurzen inhaltlichen Wiedergabe soll sich dieser Punkt zunächst mit dem strukturellen und formalen Aspekt des Dramas, das heißt, dem Aufbau, der Szeneneinteilung, etc. beschäftigen. Darauffolgend soll eine Analyse der Sprache vorgenommen werden, bei der zum einen auf die Figurenrede und den Nebentext und ihr Verhältnis zueinander eingegangen werden soll. Zum anderen sollen die rhetorischen Stilmittel, sowie die syntaktischen und lexikalen Stilmittel untersucht werden.

2.1 Struktur und Inhalt

Das klassische Drama nach Asmuth ist normalerweise in fünf Akte unterteilt. Die Akteinteilung rührt aus dem Chordrama und dient als Kompositionsraster. Die Akteinteilung ist nicht zwingend an die Handlung gekoppelt und kann vom Zuschauer oft nur wahrgenommen werden, wenn auch die Handlungskontinuität von Raum und Zeit unterbrochen wird, das heißt, wenn der Schauplatz wechselt.[5]Das Drama von Borchert ist nicht in fünf Akte, sondern in fünf Szenen unterteilt. Als Szene wurde zum einen ursprünglich ein Schauplatz bezeichnet und meint laut Asmuth „das Geschehen zwischen zwei Schauplatzwechseln“[6]und zum anderen „das Geschehen zwischen zwei Personenwechseln“[7]. In „Draußen vor der Tür“ ist beides der Fall. Einzig und allein der Protagonist Beckmann ist in jeder Szene anwesend.

Exposition

Den fünf Szenen vorangestellt, beginnt Borcherts Drama mit einer kurzen Exposition. Der Begriff der Exposition stammt aus der Antike und bezeichnet laut Asmuth einen Prolog, der sich kurz mit dem Inhalt des darauffolgenden Dramas auseinandersetzt. Asmuth zufolge haben die neuzeitlichen Dramatiker meist auf diese Vorrede verzichtet und deren einführende Funktion der Bühnenhandlung überlassen. Borcherts Drama folgt in dieser Hinsicht dem klassischen Muster. In seinem Drama ist der Prolog, wie schon erwähnt, der eigentlichen Bühnenhandlung vorangestellt, also „handlungsextern“ und nicht „handlungsintern“. Eine auktoriale Figur, die nicht Teil der Handlung ist, gibt einen kurzen Überblick über die Thematik, dringt dabei aber nicht in die Handlung ein, sondern kratzt nur leicht die Oberfläche an. So heißt es:

Ein Mann kommt nach Deutschland. Und da erlebt er einen ganz tollen Film. Er muß sich während der Vorstellung mehrmals in den Arm kneifen, denn er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. (Aber dann sieht er, daß es rechts und links neben ihm noch mehr Leute gibt, die alle dasselbe erleben. Und er denkt, daß es dann doch wohl die Wahrheit sein muß.) Ja, und als er dann am Schluß mit leerem Magen und kalten Füßen wieder auf der Straße steht, merkt er, daß es eigentlich nur ein ganz alltäglicher Film war, ein ganz alltäglicher Film.[8] Obwohl der Ausgang des Geschehens, nämlich dass der Mann am Ende auch noch auf der Straße steht, bekannt ist, stört es keineswegs die Spannung, so wie Kritiker der handlungsexternen Exposition bemängeln. Da Exposition heute fast ausschließlich die integrierte Form meint, ist bei der Vorrede Borcherts von einem Prolog zu sprechen.

Vorspiel

In dem darauffolgenden Vorspiel ist in der Figurenrede des Beerdigungsunternehmers allerdings das Muster der handlungsinternen Exposition zu beobachten. Die Figurenrede übernimmt hier nämlich eine auktoriale Funktion. Anstatt im Nebentext über das Geschehen zu informieren, beschreibt der Beerdigungsunternehmer in einem Monolog detailliert, wie ein Mann, offensichtlich der Protagonist Beckmann, dicht am Ufer der Elbe steht und schließlich hineinspringt. Dieser dicke, überfressene und fortwährend rülpsende Beerdigungsunternehmer symbolisiert den Tod, der durch den Krieg reich geworden ist. Dem gegenüber steht Gott, in der Gestalt eines alten jammernden Mannes, der hilflos um seine Kinder weint, die nicht mehr an ihn glauben.

[...]


[1]Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk. Mit einem biographischen Nachwort von Bernhard Meyer-Marwitz, Hamburg 1949, S. 99.

[2]Vgl. Stefan H. Kaszynski: Typologie und Deutung der Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert, Polen 1970, S. 15.

[3]Vgl. ebd. S. 8 ff.

[4]Ebd. S. 3.

[5]Vgl. Bernhard Asmuth: Einführung in die Dramenanalyse, Stuttgart 2009, 37 f.

[6]Asmuth: Einführung in die Dramenanalyse, S. 38.

[7]Ebd.

[8] Borchert: Das Gesamtwerk, S. 102.

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668304994
ISBN (Buch)
9783668305007
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341020
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,00
Schlagworte
Germanistik Draußen vor der Tür Nachkriegsroman Wolfgang Borchert Wolfgang Borchert die Elbe der Andere Stilfiguren Dramenanalyse
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