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Postmoderne Dekonstruktion von Identität und Biographie im Film "I'm Not There"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 36 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Identitätskonzeptionen und das biographische Narrativ

3. Leben Erzählen: ‚Biopics’ zwischen Anspruch, Möglichkeit und Grenze
3.1 Referenzialität
3.2 Chronologie und Strukturierung des Gezeigten
3.3 Faktizität und Authentizität

4. I’M NOT THERE als postmoderne Interpretation des biographischen Erzählens und der Identitätsdekonstruktion
4.1 Anti-Konventionalität und dekonstruktive Erzählverfahren
4.2 Konzept der Person: Identitätsdekonstruktion
4.2.1 Absenzbekundung
4.2.2 Fragmentierung des Subjekts ‚Bob Dylan‘
4.2.2.1 ‚Fake‘
4.2.2.2 ‚Prophet‘
4.2.2.3 ‚Poet‘
4.2.2.4 ‚elektrisierender Star‘
4.2.2.5 ‚Rockstar‘
4.2.2.6 ‚Outlaw‘
4.3 Filmmusik und Kohärenzstiftung
4.4 Zeitwende und kultureller Wandel – Wirklichkeitskonstitution

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

‚When you don’t try to imitate reality, something even more real happens.’

– Todd Haynes

Das, was wir im Kino auf einer Leinwand sehen, soll uns überwältigen, Freude bereiten, zu Tränen rühren, aufwühlen oder faszinieren. Wir sollen unser eigenes Innenleben mit dem der Filmfigur in Verbindung setzen können, gemeinsam mit ihr leiden, sie verstehen oder sie verabscheuen. In jedem Fall steht das Gezeigte im inhärenten Zusammenhang zum Individuum und ist als ein wechselseitiges Spiel zwischen filmischer Vision und den Erwartungen, Vorstellungen oder Wünschen des Beobachters zu deuten. Dieser Überwältigungseffekt entsteht im besten Falle durch eine gelungene Illusion, die uns der Film vermittelt: wir sehen und wissen, dass das Gezeigte fiktiv ist, es fühlt sich jedoch real und echt an. Diese Verblendung von Fiktion und Realität ist für das Gelingen eines Filmes entscheidend und tritt besonders hervor, wenn sich der Film auf ein reales Subjekt – einen Menschen, welcher Teil unserer außermedialen Wirklichkeit ist – bezieht. Die Verfilmung des Lebens von Stars, Künstlern oder Musikern bildet dabei nicht nur die Vita des Menschen ab, sondern generiert durch die mediale (Neu-)Verhandlung von im kulturellen Wissen abgespeicherten Vorannahmen über das Subjekt eine Interpretation des vorgeführten Lebens und bietet uns eine Möglichkeit an, durch welche Perspektive wir den dargestellten Menschen sehen können. Todd Haynes gelang mit seinem 2007 erschienen Film I’M NOT THERE diese Verbindung zwischen Realität und Fiktion so authentisch herzustellen, dass ein wahrhaftig außergewöhnliches und zugleich beeindruckendes Portrait des Künstlers Bob Dylan entstand. Eigenwillig und unkonventionell in seiner Bildsprache sowie der Wahl des narrativen Modus zerpflückt der Film die Person Dylans, nur um sie dann wieder neu zusammenzufügen. Der Film schöpft aus dem Zeichenvorrat über die Person, verrätselt und mythisiert die mit ihr verbundenen evokativen Konnotationen und kreiert durch diese abweichende Vorgehensweise ein neues Verständnis von Dylans Identität, die durch seine medialen Repräsentationen, den fiktionalisierten Rollen, zu entschlüsseln ist.

Im Kontext der vorliegenden Seminararbeit soll aufgezeigt werden, wie Todd Haynes I’M NOT THERE Biografie und Identität dekonstruiert, welche Ordnungs- und Differenzierungskategorien dabei eine Rolle spielen und worin sich die paradigmatischen Auflösungsmomente und Konventionsbrüche in Bezug auf die Darstellung der Person Bob Dylan letztendlich manifestiert. Zunächst sollen dabei grundlegende Kategorien der Biografieschreibung und die damit zusammenhängende Identitätsgenese beschrieben werden. Unter näherer Betrachtung des Forschungsgegenstandes werden dann identitätsbezogene Dekonstruktionsstrategien im Kontext des postmodernen Films herausgearbeitet und Veränderungen im Darstellungsmodus beschrieben. Mittels konkreter inhaltlicher sowie cinematographischer Szenenanalyse werden dann schließlich die verschiedenen Figurationen bzw. Personenentwürfe nochmals skizziert und die vermittelten Normen und Werte der dargestellten Welt aufgezeigt.

2. Identitätskonzeptionen und das biographische Narrativ

Das begriffliche Konstrukt der Identität ist eine nur schwer zu greifende und, wenn überhaupt, nur hinlänglich zu definierende Kategorie, die die Soziologie, die Psychologie, die Medien- und Kulturwissenschaft und eine Vielzahl an weiteren wissenschaftlichen Disziplinen immer wieder zum Gegenstand machen. In unserer heutigen medialen und hyperkomplexen Welt gibt es dabei eine Reihe an Identifikationsmöglichkeiten für zum einen die eigene Persönlichkeit, also das ‚Selbst‘ und die Identität des ‚Anderen‘. An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass Identitätskonzeptionen nur dann entstehen können, wenn sich das Individuum innerhalb eines Kollektivs bewegt und anhand äußerer Referenzpunkte verortet. Individuen sind also nicht statisch, sondern einem dynamischen gesellschaftlichen Prozess unterworfen, der dazu führt, dass sie sich zwischen ‚Eigenem‘ und ‚Fremden‘ hin und her bewegen; ein ständiges Wechselspiel also zwischen eigenen Ansprüchen, Wahrnehmungen, Werten und dem Versuch der Abgrenzung vom fremden ‚Anderen‘, das wiederum Normen und Werte, also ein Verständnis der momentanen Welt mit all seinen Konflikten und Widersprüchen, vorgibt.

In diesem Kontext gilt es als besonders signifikant, dass sich vor allem in seiner medialen Verarbeitung der Film als Ort der Identitätsgenese und einer Projektionsfläche des ‚Ichs‘ beschreiben lässt. Das Medium Film ist dabei als kultureller Speicher und somit als Spiegel von gesellschaftlichen Prozessen und Konzeptionen zu verstehen, was ihn dazu befähigt im nächsten Schritt etwas über die Zeichen unserer Zeit, gesellschaftliche und kulturelle Strukturen, die Beziehung zwischen Individuum und Kollektiv sowie die Orientierungspunkte, Schwierigkeiten und Voraussetzungen für die Identitätsgenese auszusagen.

Diese Fragestellungen spielen vor allem in Bezug auf biographische filmische Narrative eine tragende Rolle und können in diesem Zusammenhang als konstitutiv betrachtet werden. In biographischen medialen Repräsentationen kann Identität als eine innere (Sinn)Struktur, als ein generatives Erzeugungsprinzip[1]verstanden werden, welches Lebensereignisse sowie –erfahrungen gleichsam verarbeitet, gestaltet und immer wieder neu verhandelt. Der Film fungiert also demnach als Auslagerungsort für Identitäts(de)konstruktionen, die in Disposition zur eigenen Lebenswelt stehen und damit selbst zu einem Ort der Hinterfragung vom Konzept der Wesenseinheit wird.

3. Leben Erzählen: ‚Biopics’zwischen Anspruch, Möglichkeit und Grenze

Das Leben eines Menschen[2] filmisch zu erzählen stellt eine zweifellos schwierige Aufgabe dar. Regisseure und Drehbuchautoren, die die Lebensgeschichte einer kulturell bedeutsamen Persönlichkeit inszenieren wollen, sehen sich mit einer Problematik konfrontiert, welche ihrem eigenen Anspruch geschuldet ist: Wie überwindet man die Grenze zwischen Faktizität und Fiktionglaubhaft, wie gelingt es ‚Leben‘ darzustellen, in seiner Gänze und mit all seinen Aspekten, wie findet man einen Zugang zum Subjekt des Films, dem Individuum? Wie kann die Lebensgeschichte einer Person dann im nächsten Schritt authentisch auf der Leinwand vermittelt werden?

Filmische Biografie, Lebensgeschichte, verfilmtes Leben oder Biopic – es haben sich eine Vielzahl an Begrifflichkeiten für das durchaus umstrittene Genre, welches das Leben von bekannten, kulturell relevanten Persönlichkeiten darstellen soll, eingebürgert. Vom Filmklassiker des amerikanischen KinosCitizen Kane (1941)von Orson Welles bis hin zu zeitgenössischen Filmen wieRay(2004)von Taylor Hackford oder dem Johnny Cash BiopicWalk The Line (2005)des Regisseurs James Mangold – die Filminszenierung von berühmten Menschen und deren Lebensgeschichte zählt seit jeher als bedeutender Teil des populären Kinos und begeistert und fasziniert die Zuschauer nach wie vor auf besondere Weise. Die Faszination für Biopics ist dabei schwer zu beschreiben und von vielseitigen Aspekten geprägt, hängt aber in hohem Maße von außerfilmisch konzipierten Personenentwürfen ab, die die mit einem medienübergreifendem Zeichengeflecht, welches als ‚Image‘ beschrieben werden könnte, in Verbindung stehen. Das Interesse der Zuschauer ein Biopic zu sehen entsteht also aus einer ganz bestimmten Erwartungshaltung heraus, mehr über bekannte Persönlichkeiten zu erfahren, sie verstehen zu lernen und bislang unbekannte Instanzen ihres Lebens zu erfahren, die ihnen im Normalfall verschränkt geblieben wären.

Sehen wir also ein Biopic über einen Künstler, Musiker oder Schriftsteller, findet eine mentale Grenzüberschreitung statt, die uns dazu befähigt, bestehende Annahmen über die dargestellte Person mit einer erweiterten Vision anzureichern.

Im Fokus liegt dabei nicht notwendigerweise, welches Leben konkret erzählt wird, sondern vielmehrwiees erzählt wird. Die narrativen Strategien, die bei der Art und Weise, wie die Geschichte eines Menschen dargestellt wird und die filmische Ästhetik, bilden dabei die zentralen Stützpfeiler, die überhaupt erst eine filmanalytische Perspektive und damit einen Interpretationsversuch ermöglichen. Im Folgenden sollen die wichtigsten inhaltlichen sowie ästhetischen Elemente des Biopics aufgeführt werden. An dieser Stelle sei jedoch zu erwähnen, dass es sich dabei um konventionalisierte Inszenierungsstrategien handelt, die nicht allgemeingültig sind, jedoch unter Betrachtung des Korpus immer wieder zu erkennen sind. Die Herausbildung der filmischen Konventionen spielt in Bezug auf das folgende Analysebeispiel I’M NOT THERE jedoch eine tragende Rolle, da gerade die Nicht-Einhaltung bzw. die Abweichung von gegebenen Genrekonventionen den Anlass zur gesonderten Betrachtung des Films im Kontext Postmoderne bilden.

3.1 Referenzialität

Bezeichnend für die Einordnung eines Films als Biopic ist zunächst die vormediale Grundlage, die sich der Film zu eigen macht – die Lebensgeschichte einer historisch belegbaren, tatsächlich existierenden Person, welche im kulturellen Kontext von erhöhter Relevanz ist oder war[3]. Für Filmbiographien ist es also elementar, dass sie auf der inhaltlichen Ebene an ihr Subjekt gebunden sind und diesen Zusammenhang auch auf irgendeine Weise filmisch markieren. Diese Kennzeichnung kann dabei implizit oder explizit erfolgen. Durch die konkrete Nennung des Namens im Filmtitel sowie filmische Verweise im Vorspann wie Title Cards, in denen die biographische Vorgeschichte der Person zusammengefasst wird, oder die Einblendung von dokumentarischem Material wie Fotos[4]oder Zeitungsartikel, kann eine Rahmenerzählung geschaffen werden, die einen expliziten Zusammenhang zum Referenzobjekt des Films herstellt. Implizite Verweise können auf der Folie der indirekten Darstellung erfolgen, wenn beispielsweiseÄhnlichkeitenzur tatsächlichen Vita des Menschen erkennbar sind, oder das Werk des Referenzobjekts filmisch thematisiert wird. Bei Musikern kann dies abstrakt betrachtet durch die Filmmusik geschehen oder beispielsweise durch Zwischenschnitte von Live-Auftritten des Künstlers. Biopics haben also keine unmittelbare referenzielle Verpflichtung in Bezug auf eine außerfilmische faktische Wirklichkeit, referieren aber selbe durch die Darstellung von Semantiken, die mit historisch belegbarer Persönlichkeiten verknüpft sind.

Neben der expliziten oder impliziten Referenzialität zur biographischen Person ist auch der Grad der Fokussierung selbiger bedeutungstragend. Traditionell nehmen Biopics eine klare Zentrierung auf die Person vor, dessen Lebensgeschichte erzählt werden soll und verzichten weitestgehend auf komplexe Nebenfiguren oder Parallelhandlungsstränge. In diesem Zusammenhang spielt auch das Verhältnis von Haupt- und Nebenfiguren und deren Spannungsverhältnis innerhalb der Diegese eine tragende Rolle. Wird die Fokussierung also klassisch-objektiv, hybrid, subjektiv oder extern vorgenommen?[5]Als besonders interessant können solche Biopics betrachtet werden, die sich diesem Prinzip verweigern und eine Dezentrierung der biographischen Figur vornehmen. Das Spiel mit Abwesenheit oder einer Verdopplung bis hin zur Inszenierung einer exzessiven biographischen Figur[6]sind eigenwillige und ungewöhnliche Darstellungsverfahren, die I’M NOT THERE geradezu perfektioniert.

In Bezug auf Referenzialität können auch konkrete oder implizite Verweise auf die außerfilmische Realität und deren historische Geschehnisse Aufschluss über die Kontextualisierung des Gezeigten geben. Historische Bezüge können einerseits in direktem Zusammenhang zum Referenzobjekt des Films stehen, also der biographischen Figur, die dargestellt werden soll, sie können aber auch andererseits allgemeinere historische Referenzen verwenden, um das Gezeigte zeitbezüglich in seinem kulturellen Kontext zu verorten. Durch Einblenden von Jahreszahlen zu Beginn oder Ende des Films, Voice-Over Kommentaren, Interviewsequenzen, die zwischengeschnitten werden, sowie selbstreferentiellen Darstellungsformen innerhalb der Diegese (z. B. Nachrichten im Fernsehen) entsteht eine historische Rahmung, welche dem Zuschauer Orientierungshilfen liefert. Differenzierter betrachtet muss jedoch erwähnt werden, dass es sich hierbei um ein mittelbares, gebrochenes Referenzverhältnis des Dargestellten zur vormedialen Wirklichkeit handelt. Biopics können demzufolge lediglich Referenzpunkte liefern, aber die historischen Bezüge nicht vollständig – und kontextfrei – abbilden. Trotzdem fungiert der Film mittels seiner Rückbezüge zur außerfilmischen Realität als kultureller Speicher und eröffnet Deutungsangebote der Zeit, in welcher der Film spielt.

3.2 Chronologie und Strukturierung des Gezeigten

In diesem Kontext spielt auch die Auswahl und Strukturierung des Gezeigten eine unübersehbar wichtige Rolle. Wie lässt sich so etwas Komplexes wie ‚Leben‘ überhaupt auf die Leinwand bringen? Welche Episoden eines Menschenlebens sind bedeutungstragend und werden daher überhaupt erst ausgewählt? Wie kann ‚Leben‘ strukturiert und filmisch aufgearbeitet werden? Diese Fragestellungen deuten bereits auf eine grundlegende Problematik hin: Ein Film wird aufgrund seiner medialen Beschaffenheit, mit einer Spiellänge von üblicherweise ca. 100 Minuten, niemals das Leben einer Person in Gänze darstellen können und muss zwangsläufig Strukturierungen und Fokussierungen vornehmen. Bereits vor der eigentlichen filmischen Umsetzung muss also eine Auswahl getroffen werden, welche Aspekte und Episoden eines Lebens des Protagonisten erzählt werden sollen, und welche nicht. Die Bandbreite der Möglichkeiten ist in diesem Zusammenhang jedoch begrenzt: versucht das klassische Biopic chronologisch vorzugehen, beginnen experimentellere Formen der Filmbiografie mit dem Tod des Subjekts und erzählen die Lebensgeschichte vice versa. Eine ganze Reihe an populären Biopics versucht das Leben der dargestellten Person möglichst ohne Auslassungen und Leerstellen zu inszenieren[7]und verwendet deshalb einen stark gerafften Erzählmodus, andere fokussieren lediglich eine Phase wie Kindheit oder Jugend aus dem Leben ihrer Protagonisten und lassen unumgänglicher Weise Fragen über die weitere Entwicklung des dargestellten Menschen offen.

Vor allem Biopics, die das Leben von Künstlern (Literaten, Maler oder Musiker) thematisieren, metaphorisieren häufig die Lebensabschnitte mit dem Werk des Protagonisten und orientieren sich damit an einschneidenden Punkten dessen künstlerischen Werdegangs. Dieser Ansatz ist für das nachfolgende Analysebeispiel von hoher Relevanz, da durch ihn deutlich wird, dass in Biopics über Künstler ein inhärenter Zusammenhang zwischen dem Künstler uns seinem Werk besteht, der in diesen Filmen immer mitgedacht und filmisch verarbeitet werden muss. Wenn wir uns in diesem Kontext auf die filmische Darstellung von Musikern beschränken, spielt die Filmmusik, die das Gezeigte intra- oder extradiegetisch begleitet, eine besonders wichtige Rolle und muss daher nicht nur gesondert betrachtet, sondern eben auch zeichenhaft gedeutet werden.

Unabhängig von der konkreten narrativen Strategie soll das Gezeigte jedoch mit Logik zu entschlüsseln sein – die Botschaft, die über die filmische Wirklichkeit vermittelt werden soll, muss dekonstruierbar sein. Die gezeigten Lebensepisoden müssen also in irgendeiner Weise miteinander verknüpft werden, um semantische Paradigmen zu bilden und im nächsten Schritt Sinnangebote zu liefern. Was sagt der Film in seiner Gesamtheit über die dargestellte Persönlichkeit aus? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den gezeigten Sequenzen? Kann ein Handlungs- oder Entwicklungsverlauf erkannt werden? Welche Perspektive nimmt der Film in Betrachtung seines Subjekts ein? Die Genese einer logischen Ordnung, die für das Biopic konstitutiv ist, fungiert dabei einerseits als Leseanleitung für den Zuschauer und andererseits als semantische Konstruktion für Ordnungen und Werte, die die dargestellte Welt beinhalten.

3.3 Faktizität und Authentizität

Um das Leben eines Menschen filmisch zu erzählen und gleichsam zu inszenieren gibt es also eine Vielzahl an Möglichkeiten und Herangehensweisen. Die filmische Vermittlung der Referenzpunkte, in Form des Bezuges zum Subjekt oder dem historischen Kontext, sollen dabei vor allem Authentizität vermitteln. Die Glaubwürdigkeit des Gezeigten basiert dabei einerseits auf der Vermittlungsinstanz selbst, als auch auf der Art und Weise,wiesie filmisch argumentiert, um den Eindruck der Wahrhaftigkeit der dargestellten Inhalte zu vermitteln. Am offensichtlichsten wird dieser Effekt durch faktische Elemente gebildet, die die Diegese durchziehen. In Bezug zur biographischen Person wären dabei beispielsweise Geburtsdaten, nachweisbare Eckdaten zur Karriere etc. zu nennen, die im kulturellen Wissen abgespeichert sind und als gesichert gelten. Diese faktisch nachweisbaren Ereignisse eines Lebens erhalten dann – in den Rahmen einer Erzählung gestellt – einen Zusammenhang, eine imaginäre Kohärenz, die letztlich jedoch nur durch den Blick von außen zustande kommt. Erst durch die Rezeption von Biopics wird also Authentizität durch die Inszenierung von Authentizität ermöglicht. Authentizität ist also im biographischen Spielfilm als Effekt[8]zu verstehen:

[Biopics] prägen das Wissen über historische Figuren und bilden eine eigene Wirklichkeit, die sich nicht mitwahroderfalschin Bezug auf die Historie begreifen lässt.[…] Der >Als-ob<-Charakter des Films und in besonderem Maße des biographischen Spielfilms gibt den Betrachter/inne/n die Illusion, eine Lebensgeschichte als glaubhaft zu erfahren.[9]

Es handelt sich also um ein filmisches Oszillieren zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion, das in seiner Ausprägung als illusionshafte Darstellung eine ‚Wirklichkeit‘ erzeugt. Funktional umgesetzt wird dies durch Strategien der Wiedererkennung, auf die im Umkehrschluss auf der Rezeptionsseite eine Anerkennung erfolgt. Es wird also ein Pakt zwischen dem Rezipienten und der filmischen Vermittlungsinstanz geschlossen, durch den eine erfahrbare Wirklichkeitsvorstellung generiert wird, die über die tatsächliche Realität hinausgeht. Durch dieses Zusammenspiel bzw. der Überlagerung von Faktizität und Fiktion entsteht eine übergeordnete dritte Ebene, die eineerweiterteWirklichkeitswahrnehmung generiert – das Ganze ist dabei mehr als die Summe seiner Teile.

4. I’M NOT THERE als postmoderne Interpretation des biographischen Erzählens und der Identitätsdekonstruktion

Kaum ein anderer Musiker des 20. Jahrhunderts hat die Menschen so begeistert als auch gleichsam verwirrt wie Bob Dylan. Er ist Poet, Rockstar, Rebell und Mythos zugleich, was Todd Haynes in seinem 2007 erschienen Film ‚I’M NOT THERE‘ auf die Leinwand zu bringen versuchte. Dabei ging der Regisseur vonVelvet Goldmine (1998)und dem Melodramen-RemakeFar From Heaven (2002)einen bemerkenswert ungewöhnlichen Weg. Haynes fragmentiert das Leben Dylans in sechs Perspektiven, die scheinbar unzusammenhängend aneinander montiert werden und nennt dabei den Namen seines Protagonisten nicht ein einziges Mal. Kein Bild gleicht dabei dem anderen, Haynes führt seine experimentelle Interpretation auch auf der Ebene der Filmästhetik fort: Auf Farbaufnahmen folgen Schwarz-Weiß-Bilder, auf Total- folgt Nahaufnahme.

Durch den wiederkehrenden Wechsel der Erzählungen, die jede für sich einen Aspekt in Dylans Leben abbilden sollen, entsteht ein Kaleidoskop an Bildern - Imaginationen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, die mit sämtlichen Konventionen brechen und gerade durch diese außergewöhnliche Interpretation zu einer authentischen Hommage auf Bob Dylan werden. Auch wenn der Film von Anfang bis Ende niemals den Namen seines Protagonisten ausspricht und Charaktere als Dylan-Reflektoren, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, präsentiert, bekommt der Zuschauer einen phantastischen, fantasievollen und zuweilen verwirrenden Eindruck davon, wer die Person Bob Dylan ist, der abwesend und präsent zugleich ist.

I’M NOT THERE bricht auf mehreren Ebenen mit Konventionen des traditionellen Kinos, und fügt sich mit seiner eigenwilligen Darstellung in eine Reihe postmoderner Filme, die sich durch Abweichungsmomente sowie dem kreativen Spiel mit Zeichen und Bedeutung auszeichnen. Er verzichtet nicht nur auf eine einheitliche ästhetische Gestaltung und Chronologie in der Narration, sondern gestaltet auch den wichtigsten Teil eines Biopics um: das Subjekt selbst – den Künstler Bob Dylan. Im Folgenden sollen die spezifischen Aspekte skizziert werden, die konstitutiv für den Film im postmodernen Diskurs bezeichnend sind.

[...]


[1]Alheit (2010:230)

[2]Im Kontext der folgenden Arbeit werden unter dem doch recht weit gefassten Begriff des ‚Biopics‘ ausschließlich fiktionale und keine dokumentarischen Spielfilme betrachtet. Der dokumentarische Modus folgt anderen Differenzierungskategorien, die an dieser Stelle aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit nicht gesondert berücksichtigt werden können und soll sich hier klar vom Anspruch auf Authentizität abgrenzen.

[3]Vgl. zur Belegbarkeit und der Einordnung bzw. Klassifizierung von historisch relevanten Persönlichkeiten in Biopics George Frederick Custen –Bio/pics: How Hollywood Constructed Public History(1992).

[4]„Bonnie und Clyde“ (1967) von Arthur Penn beginnt im Vorspann mit Fotografien von Bonnie Parker und Clyde Barrow. Daraufhin folgt ein kurzer Text, der die Vorgeschichte der beiden Protagonisten zusammenfasst. Durch diese filmische Strategie wird eine explizite Markierung vorgenommen, durch die sichtbar wird, dass es sich bei den dargestellten Personen um tatsächlich, real existierende Personen handelte.

[5]Vgl. zur Relation von Haupt- und Nebenfiguren in Biopics vor allem Henry McKean Taylor – Rolle des Lebens (2002).

[6]Vgl. Taylor (2002)

[7]Ein Beispiel hierfür wäre Richard AttenboroughsGandhiaus dem Jahr 1982, welcher mit einer Länge von 192 Minuten versucht, das komplette Leben Gandhis zu erzählen und damit zu einer epischen Filmbiographie wurde.

[8]Zum Effekt der Authentizität in Biopics vgl. Nicola Valeska Webers Aufsatz „Dichtung und Wahrheit“: Darstellungs- und Rezeptionsmodi des Biopic.

[9]Berger (2009:35)

Details

Seiten
36
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668302891
ISBN (Buch)
9783668302907
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340825
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Mediensemiotik
Note
1,0
Schlagworte
postmoderne dekonstruktion identität biographie film there

Autor

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Titel: Postmoderne Dekonstruktion von Identität und Biographie im Film "I'm Not There"