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"Die Verwirrungen des Zöglings Törleß". Eine psychologische Betrachtung im Zeichen der Philosophie

Hausarbeit 2016 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I Einleitung

II Musils philosophische Studien
II.I Freudsche Psychoanalyse - Das Unbewusste
II II Maeterlinck - Das Transzendentale
II.III Mach und die Gestaltpsychologie - Die Immanenz

III. Psychoanalytische Interpretation

IV. Erotik und Sexualität als Grenzüberschreitung
IV.I Božena
IV.II Basini - Homosexualität als Tabubruch

V. Fazit

I Einleitung

Robert Musils Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törle ß 1 (im Folgen Törle ß) ist unbestritten einer der bedeutsamsten des frühen 20.Jahrhunderts und noch über 100 Jahre später hat er nichts von seiner anfänglichen Faszination einbüßen müssen. Und so ist er zum modernen Klassiker geworden. In Musils Erstlingswerk sind bereits zentral Themen angelegt, die sich im Weiteren durch sein gesamtes Œvre ziehen werden.

„Im Törless“, schreibt Musil in einen Tagebucheintrag „wird das Unbegreifliche, Ahnungsvolle nur ungefähr Vorstellbare, wo es auftritt überall begreiflich zu machen gesucht, genetisch, psychologisch.“2

Kaum ein Aspekt des Romans wurde nicht durchleuchtet, schon diese Vielschichtigkeit der differenzierten Denkanstöße, lässt auf Törleß Komplexität schließen. Die Kategorisierungsversuche reichten von Bildungs- über Schüler bis zum Kadettenroman, Was es jedoch unbestreitbar festststeht ist, dass es „the earliest novel […] to show specific Freudian influence“3 und zudem „the earliest existentialist novel“4 sei. Der Roman sei somit ein „gesamtphilosophischer Weltentwurf“.5

Es lassen sich zwei Hauptlinien in der Rezipientenchaft erkennen. Die einen sprechen von einem Schülerroman, in dem die krisengeplagte Entwicklung eines sensiblen Schülers, hinweg durch eine Odyssee leidvoller Erfahrung hin zur Entwicklung zum gereiften jungen Mann beschrieben wird, auf der andere Seite steht eine Leserschaft, die genährt durch Musils eigene Kommentare im Törleß einen Vorboten auf die Grausamkeiten des drohenden Weltkriegs analysieren zu denkt.6

Die Herangehensweise, mit welcher ich mich dem Roman nähere ist eine Symbiose aus philosophischen, psychologisches, teils auch soziologischen Fragestellungen. Im Verlauf meiner Ausarbeitungen werde ich erst Musils frühe Rezeption Maeterlincks, danach Mach und Freud, bevor ich mich einer Interpretation ausgesuchter Textinhalte im Sinne der Psychoanalyse widme.

Im nächsten Schritte werde ich mich mit der Frage der Individualität auseinandersetzen, dem Ich-Konzept und dem des Individuums aus der Sicht um 1900.

II Musils philosophische Studien

Möchte man sich in einer klassisch literaturwissenschaftlichen Methodik einem Texte nähern, so ergeben sich verschiedene Ansätze dies zu tun. Im Allgemeinen unterscheidet man drei große Theoriefelder: die textimmanenten Theorien (u.a. Strukturalismus, Hermeneutik), die kulturwissenschaftlichen Richtungen (z.B. Gender Studies) und schließlich die interdisziplinären Disziplinen, hier vorzugsweise der psychoanalytische Interpretationsansatz.

II.I Freudsche Psychoanalyse

Spricht man von einer psychoanalytischen Interpretation, so sei zu beachten, dass sich diesem Themenkomplex von verschiedenen Seiten genähert werden kann. So gibt es stets drei Facetten der Betrachtung, nämlich die Fokussierung auf den Autor, d.h. warum verfasste er den zu untersuchenden Text, den Textkorpus als solches und die Rezeption.

Ich stelle im Folgenden den Psychologie-Diskurs in Bezug auf Musils Törle ß in den Vordergrund. Dabei werde ich zunächst Musils Intention bzgl. der Akzentuierung der Psychologie betrachten, um mich danach einer (psychoanalytisch inspirierten) Interpretation von Kernstellen und Fragestellungen des Romans zu widmen.

Dieses mag bei kurzem überdenken zunächst konkurrieren, macht im Ganzen dennoch keinen Gegensatz aus. Spreche ich von einer psychoanalytischen Methodik, so muss dieses, wie ich zeigen werde nicht automatisch bedeuten, dass Musil die Rezeption Freudscher Theoriebildung als Motivation zum Verfassen des Törleß sah. Umstritten ist es zwischen den Wissenschaftlern inwiefern Musil die Schriften Freuds überhaupt gekannt hat, doch ist es eine Tatsache, dass neben einem Groß kleinerer Aufsätze (bis 1904 nicht weniger als 84), bereits Studienüber Hysterie (1895 zusammen mit Breuer), die Traumdeutung (1899/90), und die Psychopathologie des Alltagslebens (1904) erschienen und ich mich damit auf die Seite derjenigen Forscher stelle , dass Musil zwangsläufig über die Theorien informiert sein musste, er doch wenigigstens über Umwege als Psychologieinteressierter davon gehört haben wird. Nicht weniger spricht dafür, dass er sich um die Jahrhundertwende belegbar mit Künstlern, die Freud rezipierten umgab. So ist anzunehmen, Musil Kenntnis der Texte Freuds und das Schreiben des Romans hatte zeitlich mit dem vorherigen Erscheinen zentraler Kernaussagen des Begründers der modernen Psychoanalyse korrespondiert. Rezipierte Musil Freud oder nicht, es ist trotzdem lohnenswert den vorliegenden Roman aus psychoanalytischer Sicht zu deuten.7 Zu Freuds größten Errungenschaften gehört aber unumstritten die Konzeption des Unbewussten.:

„Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale der Außenwelt. “ 8

Wenn es also durchaus Sinn ergibt den Törleß psychoanalytisch zu deuten, was war aber Musils eigentliches Motiv, den Roman samt Plot und Figurenkonstellation zu verfassen?

Was den Leser jeher fesselte, war die intensive Durchleuchtung Törleß' Seelenkrise eingebettet in Musils dichterische Gestaltung. Doch laut Musil gehöre es zu einem großem Missverständnis, den Erfolg Musils der Betonung der Psychologie zuzuschreiben. Musil ist sich bewusst, dass die Leserschaft einen wissenschaftlichen Psychologiebegriff vermuteten, den er jedoch nicht adäquat bedienen konnte:

„Es findet sich keine reale Psychologie, wenigstens ist sie ganz ohne Interesse, willkürlich, dilettantisch behandelt.[...] Daneben das doch wieder Realpsychologische (und doch auch wieder ungewohnt Psychologische) des Romans.“9

II.II Maeterlinck

„Um auf den T.[örleß] zu kommen: das Buch ist nicht naturalistisch. Es gibt nicht Pubertätpsychologie wie viele andere, es ist symbolisch, es illustriert eine Idee. Um nicht missverstanden zu werden, habe ich ein Wort von Maeterlinck, das ihr am nächsten kommt vorausgesetzt.“10

Es ist durch Tagebucheinträge evident, dass Musil sich seit 1899 mit Maeterlinck beschäftigt. Zitierte Zeilen zu Beginn Des Törleßromans stammen aus Moral des Mystikers und dienten demnach als Motto. Durchaus, sie dienen als sprach-skeptische Warnung, die höchst zutreffend das Dilemma des Protagonisten widerspiegelt.

Das von Maeterlinck zelebrierte mystisch-spirituelle Gegenspiel des naturwissenschaftlich bestimmten Weltbildes trifft auch auf Musils Wohlwollen. „Wichtigste Aufgabe des Menschen sei es daher, diese 'andere' Welt zu finden und nach ihren Regeln zu leben […].“11

Doch ist die andere Welt , das Gegensätzliche, Komplementäre die essentielle Thematik in Musils Œvre. Begriffspaare sind: „ratioid/nicht-ratioid; Ratio/Mystik; Wirklichkeit/Mystik; Mathmatik/Mystik; Intellekt/Gefühl; etc.“12

Durch Maeterlinck fällt Musils Aufmerksamkeit auf Ralph Waldo Emerson; er „ stellt dem naturwissenschaftlichen Weltbild ähnlich wie Maeterlinck sein Konzept der Seelenentfaltung entgegen. Auch er verkündete den Anbruch eines neuen Zeitalters der Menschheit.“13

II.III Ernst Machs Gestaltpsychologie und Versuche zur Experimentalpsychologie

Der zentralste theoretische Unterbau Musils ist aber chronologisch gesehen die Rezeption experimenteller Psychologie und der Gestaltpsychologie Ernst Machs. Mach lehnt allen „metaphysischen Nebel“14 kategorisch ab und grenzt sich damit vom esoterikschwangeren Fin de siècle ab. Um es auf einen Punkt zu bringen: aller Skepsis der Mystik setzt Mach seinen Empirokritizismus gegenüber. Dieser erkenntnisorientierte Ansatz des Positivismus versucht den Dualismus zwischen Psyche und Materie zu überwinden. Kerninhalt ist ein sogenannter Monismus, der davon ausgeht, dass das schier aus unzählbaren Kleinstteilen bestehende Weltsystem zur Erklärung jedweder, u.a. auch psychischer Ausprägungen herangezogen werden kann.15

Musils Reflexionen orientieren sich getreu Machs Tradition ganz im Sinne der Philosophie. Doch muss Musil bald erkennen, dass eine strikte Philosophierezeption nicht nur irritierend, sondern geradezu hinderlich auf sein Werk als Dichter ist. Musil unterscheidet zwischen dem Inhalt seines Romans und seiner eigentlichen Aussagekraft, denn er ist sich durchaus im Klaren, dass Törleß eine Herausforderung an die kontemporären Moralvorstellungen stellt.16

[Ich] „drückte mich von meiner Arbeit, trieb philosophische Studien. […] So geschah es, daß ich etwas zu schreiben begann, u. der Stoff, der gleichsam fertig dalag, war eben der der V.[erwirrungen] d.[es] Z.[öglings] T.[örleß].“17

In jener Zeit,als Musil 2005 den Törleß beendet und 1908 sein Philosophiestudium abschließt, vollzieht sich auch der langsame Wechsel der Psychologie von einer geisteswissenschaftlichen Einordnung hin zu einer empirischen Wissenschaftlichkeit.

„Der Inhalt des Romans fungiert in letzter Instanz nur als Mittel zum Zweck. Es geht Musil nicht darum, ein identifikatorisch bedeutendes Werk zu schaffen, das ein realistisches und psychologisch korrektes Abbild der pubertären Irrungen eines Jugendlichen darstellt.[...] Sein eigentliches Ziel ist es, seelische Zusammenhänge offensichtlich werden zu lassen.; eine Intention, für deren Erreichen er die erkenntnisorientierten Wissenschaften heranzieht. Dabei steht jedoch nicht die korrekte Wiedergabe wissenschaftlicher Postulate im Vordergrund, vielmehr fungieren sie als ihrerseits als Mittel zum Zweck , um das literarische Ideal der Abbildung seelischer Prinzipien umsetzen zu können.“18

„Der Sechzehnjährige […] ist eine List. Verhältnismässig einfaches und darum bildsames Material für die Gestaltung von seelischen Zusammenhängen, die im Erwachsenen durch zu viel andres kompliziert sind, was hier ausgeschaltet bleibt.“19

Während der Entstehung des Törleß stellten diese neuen, aktuellen Ansätze gedankliche Inspirationspunkte für Musil am Berliner Institut für Psychologie dar. Trotz eigener Aussagen psychologisch kaum versiert zu seien und kaum Interesse an Experimenten gehabt zu haben, ist nachgewiesen, dass Musil bis zur Fertigstellung des Törle ß in den Experimentalbetrieb involviert gewesen ist.

Carl Stumpf arbeitete mit Hilfe seines Assistenten Friedrich Schumann an seiner Schrift: Beiträge zur Analyse der Gesichtswahrnehmung. Musils Zutun als Versuchsperson brachte kaum experimentellen Mehrwert außer der Einsicht, dass er sich weitgehend von der These emanzipierte, es gebe eine objektive Beschreibung der eigenen Wahrnehmung, eine Annahme die „Musils Neigung zur seelischen Dekomposition verrät.“20

Wie viel Musil auch von den Studien für sich mitnimmt, es lässt sich definitiv ein Einfluss dessen auf Törleß' Charakterkonstruktion ausmachen: Musil benutzt, um die innere Zerrissenheit Törleß' zu illustrieren, die aus Schumanns Experiment gewonnene Kenntnisse in Bezug auf optische Täuschungen und transferieren diese auf Törleß' Gedankenwelt. Ein Prinzip, das auf ein auffälliges Verhältnis zur ausgeprägten Visualisierung von Gedankenfetzen zwischen Innen - und Außenwelt referiert. Im Folgenden wird der Protagonist zunehmend optische Reize in seine Gedankenwelt integrieren, um psychischen Druck zu sublimieren.21

Es wird des Weiteren angenommen, Musil habe sich bei der Konzeption eines von Törleß' psychischen Problemen an der Forschung Schuhmanns über, im menschlichen Gehirn, perzipierte Inhalte und optische Täuschungen orientiert:

„ Törleßvermochte nichts zu denken; er sah... […] er sah Menschen in einer Weise, wie er sie noch nie gesehen, noch nie gefühlt hatte. “ 22

Letztendlich lässt sich bei dem jungen Törleß zwischen dem visuellen Sehen und dem emotionalen Sehen unterschieden. Letzteres projiziert seine Gefühle und seelischen Regungen nicht nur in sprachlicher, sondern auch und vor allem in visueller Manier.

Der Protagonist Törleß, Schüler in einer k.u.k. Militärakademie, kann als erster Vertreter der Musil'schen Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Dichtung gewertet werden. Zentral für die Hauptfigur ist der Konflikt zwischen tradierten rationalen Prinzipien zur Erfassung der Umwelt und der ihm eigenen subjektiven Sichtweise, die im weitesten Sinne als emotional dominiert bezeichnet werden kann(…)

[...]


1 Musil, Robert: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß. Reinbek b. Hamburg 1978. [T]

2 Musil, Robert: Tagenbücher I, Hg. v. Frisé, Arnold. Reinbeck b. Hamburg 1983. [Tb I]

3 Goldgare, Harry: The Square Root of Minus One: Freud and Robert Musil's „Törless“. In: Comperative Literature 17 (1965), S. 18.

4 Dassanowsky-Harris, Robert von: The „Nicht-Ich“ and Collaboration: The Socio-Political Implicationsof Self in Musil's Die Verwirrungen des Zöglings Törle ß. S.25. In: Germanic Notes 21 (1990), H.1/2, S.22-25.

5 Schröder-Weile: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß oder was sonst ist Literatur? Versuch einer Standortbestimmung. S. 196. In: Hickmann. Hannah (Hg.): Robert Musil and the literary landscape of his time. Salfort 1991, S. 196-227.

6 Vgl. Kroemer, Roland: Ein endloser Knoten? Robert Musils Verwirrrungen des Zöglings Törless imSpiegel soziologicher, psychoanalytischer und philosophischer Diskurse, München 2004, S.11.

7 Vgl. ebd.: S. 74-77.

8 Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. Studienausgabe, Bd. 2. 10. Frankfurt a. Main, S. 580

9 Musil, Robert: Briefe 1991-1942. Hg. v. Frisé, Arnold. Reinbek bei Hamburg 1981, S. 4. [Briefe]

10 Musil, Briefe: S. 47.

11 Krömer.: S.65.

12 Musil-Lektüre, das Unbewusste

13 Kroemer.: S. 66.

14 Mach, Ernst::Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen. Darmstadt 1991, S. 39.

15 Vgl. Kroemer.: S.68/69.

16 Vgl. Brüning, Karen: Die Rezeption der Gestaltpsychologie in Robert Musils Frühwerk. In: Dawidowski, Christian u. Neuhaus, Volker (Hg.): Moderne und Gegenwart. Studien zur Literaturwissenschaft. Bd. 20, Frankfurt a. Main 2015, S.77/78.

17 Kroemer.: S. 73.

18 Brüning: S. 77/78 u. 79.

19 Ebd.: S.78.

20 Ebd.: S. 82.

21 Vgl.ebd.: S. 83/84.

22 T.: S. 96.

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668301696
ISBN (Buch)
9783668301702
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340708
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät/Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Robert Musil Die Verwirrungen des Zöglings Törleß Psychologie Philosophie

Autor

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