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Die Kooperation zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Ganztagsschulen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 14 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Kinder- und Jugendhilfe
2.2. Ganztagsschule

3. Warum eine Kooperation zwischen Jugendarbeit und Ganztagsschulen sinnvoll und nötig ist

4. Probleme bei der Kooperation

5. Bedingungen für eine erfolgreiche Kooperation

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ganztagsschulen sind in Deutschland seit einigen Jahren wieder ein aktuelles Thema und rücken verstärkt in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Verantwortlich dafür sind insbesondere die PISA[1] -Ergebnisse und die lebensweltlichen Veränderungen, die einen erhöhten Bedarf an Betreuungsplätzen zur Folge haben.[2]

Aufgrund der schlechten Ergebnisse der deutschen Schüler[3], bei der ersten Erhebung von PISA im Jahre 2000, wurde die Bildungsqualität an deutschen Schulen öffentlich debattiert. Besonders im Fokus der Bildungspolitik liegt der Ausbau von individueller Förderung und Chancengleichheit der Schüler. Ferner wird der erhöhte Bedarf an Betreuungsplätzen für Kinder und Jugendliche im Ganztag genannt, um Probleme aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen zu kompensieren. Es wird davon ausgegangen, dass sich Familie und Beruf erst dann gut vereinbaren lassen, wenn ausreichend Angebote für Ganztagsbetreuung zur Verfügung stehen. Die Tendenz geht somit dahin, dass ein großer Teil der Heranwachsenden immer mehr Zeit des Tages in der Schule verbringen wird. Schulen und Lehrer müssen daher zunehmend Aufgaben übernehmen, die über eine reine Wissensvermittlung der Unterrichtsinhalte weit hinausgehen. Es wird von Seiten der Politik nach Möglichkeiten gesucht, wie die Schule den wachsenden Herausforderungen gerecht werden kann. Die Kooperation von Schule und außerschulischen Partnern ist ein möglicher Lösungsansatz, den Schülern die nötige individuelle Förderung zu bieten.

Insbesondere die Jugendhilfe und dabei verbunden die Jugendarbeit, die mit ihrem gesetzlichen Auftrag die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen fördert, bekommt als Kooperationspartner eine immer größere und wichtigere Bedeutung. Durch diese Kooperation soll eine ganztägig konzipierte Schule entwickelt werden, die nicht nur die Schüler nachmittags betreut, sondern auch qualitativ ermöglicht, dass die Schule zu einem Lern- und Lebensort wird, an dem alle Kinder und Jugendlichen ihren Nachmittag sinnvoll gestalten können und individuell gefördert werden. Die Modelle der Kooperation von Jugendarbeit und Schule geraten zunehmend in das Interesse der Bildungsforscher. Diese Arbeit zeigt die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit der beiden Systeme und versucht mögliche Probleme und Chancen aufzuzeigen. Wie die Kooperation in der Praxis funktioniert ist allerdings bisher wenig erforscht. Allerdings gibt es in der aktuellen Forschungsliteratur schon neue Ergebnisse, die beispielsweise über die Zufriedenheit der Kooperationspartner berichten.

Doch ob dieses Kooperationskonzept auch wirklich funktioniert, oder nur eine Wunschvorstellung von einer bildungspolitischen Reaktion ist, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Zunächst werden Begriffsbestimmungen aufgezeigt, die eine Klärung der Begriffe Kinder- und Jugendhilfe und Ganztagsschule ermöglichen soll. Im nächsten Kapitel werden die Grundlagen der beiden Institutionen skizziert und mögliche Chancen und positive Aspekte der Kooperation dargestellt. Doch auch die Probleme, die bei einer Kooperation entstehen können, werden nicht außer Acht gelassen und im darauffolgenden Kapitel erläutert. Ebenso werden die Bedingungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit angeführt. Im letzten Kapitel werden abschließend die wichtigsten Aspekte noch einmal aufgegriffen und resümiert.

2. Begriffsbestimmungen

2.1 Kinder- und Jugendhilfe

Es gibt keine strikte Definition dessen, was Jugendarbeit ist. Die Kinder- und Jugendarbeit gehört zur Kinder- und Jugendhilfe und stellt ein komplexes pädagogisches Handlungsfeld dar.[4] Die Hilfe für Kinder- und Jugendliche soll darin bestehen, junge Menschen zu fördern. Außerdem sollen sie in ihrer Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit unterstützt und ergänzt werden.[5] Die vielfältigen Freizeitangebote in Jugendeinrichtungen sprechen junge Menschen an, die aus unterschiedlichen sozialen Milieus stammen. Im Gegensatz zu anderen Einrichtungen, wie der Schule, ist ein Besuch einer Jugendeinrichtung freiwillig. Die Kinder- und Jugendlichen können das Angebot meist nach ihrem Interesse mitgestalten.

Die rechtlichen Grundlagen und Angebotsformen der Jugendarbeit ergeben sich aus dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG). In umfassender Form werden dort die Aufgaben, Leistungen und Schwerpunkte der Jugendarbeit beschrieben.[6] Die Angebote der Jugendarbeit sollen den Kindern und Jugendlichen als Experimentierfelder dienen, auf denen sie neue Fähigkeiten und Verhaltensweisen ausbilden können. Die Jugendarbeit fördert die Entwicklung und bietet Erfahrungs- und Lernprozesse für junge Menschen an, die sie individuell in ihren Prozessen persönlicher Entwicklung und Lebensbewältigung, hin zu einer selbstbestimmten Lebensführung und reflexiven Identität benötigen. Ein zentrales Ziel der Jugendarbeit ist demzufolge die Persönlichkeitsbildung und die Stärkung der Subjektstellung.[7] Um individuellen Bedürfnislagen in der Praxis gerecht zu werden, müssen verschiedene pädagogische Arbeitsformen zur Verfügung stehen. Die Jugendhilfe arbeitet nach den Prinzipien, beziehungsweise den Theorien der lebenswelt-, sozialraum- und bedürfnisorientierten sozialen Arbeit, welche eine Vielfalt an Angeboten und eine Flexibilität im pädagogischen Handeln voraussetzen.[8]

2.2. Ganztagsschule

Schule ist im Gegensatz zu den Freizeitangeboten der Jugendarbeit Pflicht und für alle jungen Menschen in Deutschland verbindlich. Der pädagogische Auftrag der Schule lautet, die Schüler strukturiert und systematisch mit Lernanforderungen zu konfrontieren, Wissen zu vermitteln und Kompetenzen auszubauen.[9] Diese Aufgaben werden erfüllt, indem die Lehrkräfte Unterricht erteilen. Dabei verfolgen sie das Ziel, durch Einsatz von Methoden, mediale Vermittlungshilfen, und eigener persönlicher Kompetenzen, den Schülern das geforderte Wissen zu vermitteln und zu festigen. Durch bestimmte Lehrpläne sind Inhalte, Ziele und Kompetenzen, die an die Schüler vermittelt werden sollen, staatlich festgeschrieben.[10] Dieser Prozess „Schule“, bildet in Erziehung, Bewertung der Leistung und Zertifizierung, die für den jeweiligen biografischen Werdegang jedes Schülers wichtig ist, eine „spannungsgeladene Trias“[11]. Somit ist die Schule mit ihrem eigenen Erziehungs- und Bildungsauftrag ganz anders aufgebaut als die Kinder- und Jugendhilfe. Die meisten Schulen sind gebunden an festen Routinen und Handlungsabläufen, bei denen der Stundenplan den Alltag der Kinder bestimmt. Doch die Kinder und Jugendlichen erfahren Schule nicht nur als Lernort, sondern auch als Lebensraum. Besonders bei Ganztagsschulen stellt dieser Lebensraum für die Schüler einen wichtigen sozialen Bezugsort dar, da sie einen Großteil ihrer Tageszeit in der Schule verbringen und dort mit Gleichaltrigen zusammen sind. An einer Ganztagsschule werden junge Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft für eine lange Zeit des Tages, teilweise den kompletten Tag, zusammengeführt. Somit besitzt die Ganztagsschule eine Integrationsstruktur, die die Schüler in ihrer Sozialisation fördert, sodass sie sich zu selbstständigen und selbstverantwortlichen Individuen entwickeln können. Zusätzlich sollen Jugendliche in der Lage sein, den Alltag mit erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten zu bewältigen und somit durch die Schule auf die Berufswelt vorbereitet werden.[12] Was aber genau unter einer Ganztagsschule verstanden wird, ist bundesweit sehr unterschiedlich. Es gibt kein einheitliches Bild von einer ganztägig konzipierten Schule, da sie sich in länderspezifischen Bestimmungen und mit unterschiedlichen Konzepten unterscheidet. Eindeutige Abgrenzungen und Definitionen sind kompliziert, da in der Praxis verschiedene Mischformen von Modellen üblich sind. Allerdings werden gebundene Formen einer Ganztagsschule mit den offenen Angeboten einer ganztägigen Betreuung abgegrenzt. Nach diesem Verständnis müssen die Unterrichtsinhalte, oder außerschulischen Aktivitäten, auf den Vor- und Nachmittag für alle Schüler verpflichtend verteilt sein.[13]

3. Warum eine Kooperation zwischen Jugendarbeit und Ganztagsschulen sinnvoll und nötig ist

Aufgrund der Veröffentlichung der schlechten Ergebnisse der deutschen Schüler beim internationalen Leistungsvergleich werden seitdem Veränderungsvorschläge zum Ausbau der Bildungsangebote vorgelegt. Das größte Ziel sei die Verbesserung der Bildung. Im Mittelpunkt dieser Debatte steht die Ganztagsbildung, da PISA deutlich gemacht hat, dass nicht nur der Unterricht besser gestaltet werden muss, sondern auch soziale Probleme gelöst werden müssen. Doch nicht nur der „PISA-Schock“ ist dafür verantwortlich, dass bildungspolitisch umgedacht wurde. Kindern und Jugendlichen stehen vielfältige Herausforderungen bevor, die sie in einer sich ständig verändernden Umwelt bewältigen müssen. In den letzten Jahren gab es erhebliche gesellschaftliche und technologische Veränderungen, die den Alltag der Kinder bestimmen. Sehr zentral für die Lebenswelt der Jugendlichen ist aber auch der Wandel in den Familien als Sozialisationsinstanz, der Strukturwandel der Jugendphase, die veränderte Erwerbstätigkeit der Eltern und damit verbunden die Freizeitgestaltung der Kinder.[14] Aufgrund dieser Veränderungen ist eine neue Strukturierung des Bildungs- und Erziehungsauftrages bedeutsam. Denn der Bildungs- und Schulerfolg ist nachweislich von der sozialen Herkunft abhängig.[15] Damit die veränderten Bedingungen nicht zu einem größeren gesellschaftlichen Problem werden und Faktoren wie die soziale Herkunft sich nicht negativ auf die Chancengleichheit der Kinder und Jugendlichen auswirken, werden neue Anforderungen an die Jugendhilfe und das Schulsystem gestellt. Diese Anforderungen sind mit den getrennten institutionellen Mustern nicht zu schaffen, weswegen eine Kooperation zwischen den Institutionen nötig ist.[16]

Mit der sogenanntenLeipziger These „Bildung ist mehr als Schule“ wird der politische und pädagogische Grundgedanke dargestellt, der ein neues Bildungsverständnis einfordert.[17] Dieser Grundgedanke zeigt auch, dass Bildung weit mehr ist als Wissen zu vermitteln und Wichtiges auswendig zu lernen. Durch das veränderte Bildungsverständnis wird auch erkannt, dass Bildung nicht nur in der Schule stattfindet. In der Schule herrscht formelle Bildung in einer strukturierten, gegliederten und verpflichtenden Art. Doch überall, wo Heranwachsende etwas lernen, sich entfalten, oder etwas erfahren können, herrscht eine Form von Bildung. Die Kinder- und Jugendliche erfahrenBildung auch in ihrem Elternhaus, im Freundeskreis, oder anderen Peer-Groups. Dieser erweiterte Bildungsbegriff der informellen Bildung ist sehr zentral für die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe. Die informelle Bildung ist die Voraussetzung und das Fundament, auf dem formelle und nichtformelle Bildungsprozesse aufbauen.[18] Freundschaftsbeziehungen und Peer-Groups machen Schule für Kinder und Jugendliche zu einem zentralen Treffpunkt. Somit sind auch die Angebote der nichtformellen Bildung, also der Jugendarbeit, für die Kinder- und Jugendlichen in ihrer Freizeit und auch in der Schule von großer Bedeutung. Die Zusammenarbeit von formellen, informellen und nichtformellen Bildungsprozessen definiert im umfassenden Sinn den Begriff Bildung.[19] Das nun entstehende Bildungskonzept sieht vor, dass alle drei Bildungsprozesse miteinander kooperieren, da verschiedene Erfahrungen entstehen, die einander ergänzen.

[...]


[1] PISA (Programme for International Student Assessment) Internationale Schulleistungsuntersuchungen mit dem Ziel, die Basiskompetenzen von Schülern zu erfassen.

[2] Vgl. Honisch, C.: Jugendarbeit und Ganztagsschule. Empirisch-theoretische Erkenntnisse zu einem Spannungsverhältnis. Berlin 2014, S. 15.

[3] Um die Arbeit lesbarer zu gestalten, wird im Folgenden die männliche Form verwendet, wenn von Schülern, Lehrern, Sozialpädagogen etc. gesprochen wird. Es sind jedoch stets Männer und Frauen gemeint.

[4] Vgl. Thole, W.: Kinder- und Jugendarbeit. Eine Einführung. Weinheim und München 2000, S. 2.

[5] Vgl. Wiesner, R.: Ziele der Jugendhilfe. In: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilferecht von A-Z. München 2008, S. 399.

[6] Vgl. Zipperle, M.: Jugendhilfeentwicklung und Ganztagsschule. Empirische Ergebnisse zu Herausforderungen und Chancen. Weinheim und Basel 2015, S. 26.

[7] Vgl. Pauli, B.: Kooperation von Jugendarbeit und Schule. Chancen und Risiken. Schwalbach 2006, S. 44.

[8] Vgl. Ebd. S, 296.

[9] Vgl. Honisch2014, S. 71.

[10] Vgl. Ebd. S. 71.

[11] Ulich, K.: Beruf Lehrer/in. Weinheim 1996, S. 109.

[12] Vgl. Kamski, I.: Innerschulische Kooperation in der Ganztagsschule. Münster 2011, S. 32.

[13] Vgl.Nordt, G.: Lernen und Fördern in der Hausaufgabenpraxis der offenen Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen. Münster 2013, S. 23.

[14] Vgl. Honisch 2014, S. 67f.

[15] Vgl. Ebd. S. 117.

[16] Vgl. Zipperle 2015, S. 46f.

[17] Vgl. Ellermann, D.: Jugendarbeit und Ganztagsschule. Grundlagen und Wege zu einer Kooperation. Hamburg 2008, S. 11.

[18] Vgl. Rauschenbach, T.: Bildung im Kindes- und Jugendalter. Über Zusammenhänge zwischen formellen und informellen Bildungsprozessen. In: Wensierski, H.-J. (Hrsg.): Jugend und Bildung. Modernisierungsprozesse und Strukturwandel von Erziehung und Bildung am Beginn des 21. Jahrhunderts. Opladen 2008, S. 21.

[19] Vgl. Ebd. S. 23.

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668301900
ISBN (Buch)
9783668301917
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340669
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Humanwissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
kooperation kinder- jugendhilfe ganztagsschulen

Autor

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Titel: Die Kooperation zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Ganztagsschulen