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Joseph Roths "Die Kapuzinergruft" (1938). Handout und Ausführungen zum Referat

Referat (Ausarbeitung) 2011 7 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Perspektive:

2. Einordnung der Kapuzinergruft in das Gesamtwerk:

3. Erzählverfahren:

4. Funktionsweise des Romans:

5. Rekonstruktion des Österreichbilds in der Kapuzinergruft:
5.1 Österreichaspekte, die ein menschliches Zusammenleben ermöglichen:
5.2 Österreichaspekte, die sich durch ihre Reformbedürftigkeit kennzeichnen:

6. Roths ethisch-religiös motivierter Legitimismus:

7. Symbolische Grablegung der Idee Österreich:

Literaturverzeichnis

ÜBERSICHT:

1. Perspektive:

- Entwurf eines differenzierteren und damit realistischeren Österreichbilds im Roman
- Feuilletons ⇔ Romane: Beitrag zu einem wechselseitigen Verständnis (dieIdee Österreich der Feuilletons findet sich im Roman mitunter nur in gebrochener Form wieder)

2. Einordnung der Kapuzinergruft in das Gesamtwerk:

- erschienen 1938 im niederländischen Verlag De Gemeenschap
- Titel Kapuzinergruft: Symbol für das Ende einer Welt (vorläufige Arbeitstitel: „Ein Mann sucht sein Vaterland“, „Kelch des Lebens“)
- Widerspiegelung des Untergangs der österreichisch-ungarischen Monarchie im Schicksal von Einzelpersonen

3. Erzählverfahren:

- Erzählperspektive: aus der Sicht Franz Ferdinand Trottas in der Ich-Form erzählter Lebensbericht; Trotta verfügt zum Zeitpunkt des Erzählensüber revidierteAnsichten etwa zur Religion und Tradition
- Zeitstruktur: Rückgriff auf die Form des Zeitromans, bei dem das Geschehen bis an die Gegenwart herangeführt wird; Beginn der Handlung im Frühjahr 1913, Handlungsende im März 1938 mit dem ‚Anschluss’ Österreichs an das Dritte Reich

4. Funktionsweise des Romans:

- das Historische kann im erzählten Privaten hintergründig mitgelesen werden
- große Zäsur 1918: kontrastreiche Gegenüberstellung des Österreichs vor dem Zusammenbruch der Monarchie und des Österreichs nach dem Ersten Weltkriegà Kritik und Verklärung als zwei gegenläufige Erzählintentionen – der Erzähler rückt kritisch von der biographischen Vergangenheit ab und bewegt sich gleichzeitig verherrlichend auf die historische zu
- der Verlust von „Heimaten“ durch den Untergang der k. und k. Monarchie löst eine spezifischeTrauer, Verzweiflung und Resignation aus
- Folge des Vaterlandverlusts sind Sprachlosigkeit und Verdrängungsprozesse

5.Rekonstruktion des Österreichbilds in der Kapuzinergruft:

- Rückbesinnung und Neubewertungdes Gewesenen
- Reformbedürftigkeit des Kaiserreichs
- Idee Österreich als Lösung gegen den Nationalismus

→ Legitimes Österreich, das einem nicht-legitimen NS-Staat entgegengehalten wird

5.1 Zentrale Österreichaspekte, die ein Modell für menschliches Zusammenleben ermöglichen:

- Übernationalität

- der habsburgische Geist als einende Kraft, die vielen Heimat und Identität bietet
- Aversion gegen das Reichsdeutsche/Preußen

- Dezentralismus

- Roths habsburgischer Mythos ist slawisch-föderalistischer Art
- Peripherie als wahrhafte Identität Österreichs
- Kritik an der Haupt- und Residenzstadt Wien
- östlich und religiös geprägter Semitismus

5.2 Österreichaspekte, die sich durch ihre Reformbedürftigkeit kennzeichnen:

- Verhaltensweisen der Gesellschaft: Versagen in der Vergangenheit, das zum Scheitern in der Gegenwart führt

- Kritik des apolitischen Privatisierens
- Verdrängung der neuen Ordnung

6. Roths ethisch-religiös motivierter Legitimismus:

- religiöser Hintergrund von Roths Österreichbild
- Verwirklichung der Idee einer von Gott verliehenen dynastischen Herrschaft durch die Habsburger Monarchie
- Absage an säkulare Erlösungskonzepte
- Darstellung einer kraftlosen Religion in der Kapuzinergruft: Religionals „Formerhalterin“, deren Inhaltenicht mehr gelebt werden
- Verharmlosung von Thoraverstoß und Sünde im 7. Kapitel
- ethisch-religiösen Korruption als eine der Hauptursachen für den Untergang der k. und k.Monarchie à Einzug des Nationalismus als „neue Religion“

7. Symbolische Grablegung der Idee Österreich:

- Trottas Ritual, in der Kapuzinergruft Trost in der Vergangenheit zu suchen, wird ihm im Schlusskapitel verwehrt
- endgültige Zerstörung der Idee Österreich: Das göttlich sanktionierte und damit legitime Habsburger Reich muss der nicht-legitimen nationalsozialistischen Herrschaft weichen

Ausführungen zum Referat

Joseph Roth: Die Kapuzinergruft

1. Perspektive:

- Kapuzinergruft: Entwurf eines differenzierteren und damit auch realistischeren Österreichbildes als in den Feuilletons
- Feuilletons auf der einen Seite, Romane auf der anderen Seite Beitrag zu einem wechselseitigen Verständnis (die Utopie der politischen Ideen, wie man sie in den Feuilletons antrifft, wird besonders deutlich wenn man sieht, wie gebrochen die Idee Österreich mitunter im Roman erscheint).

2. Einordnung der Kapuzinergruft in das Gesamtwerk:

- erschienen 1938 im niederländischen Verlag De Gemeenschap, es handelt sich also bei der Kapuzinergruft um eines der letzten Werke Joseph Roths
- vorläufige Arbeitstitel: „Ein Mann sucht sein Vaterland“, „Kelch des Lebens“: hatten für Roth nicht mehr genug Ausdruckskraft
- Titel Kapuzinergruft: Symbol für das „Ende einer Welt“, nämlich die untergegangene Donaumonarchie
- Der Untergang der Donaumonarchie spiegelt sich hier im Schicksal der Menschen wider, die durch diesen Zusammenbruch nicht nur materiell, sondern insbesondere seelisch zutiefst getroffen wurden

3. Erzählverfahren:

- Erzählperspektive: die Handlung wird aus der Sicht des Protagonisten Franz Ferdinand Trotta in der Ich-Form als eine Art Lebensbeichte erzählt; Trotta verfügt zum Zeitpunkt des Erzählens über revidierte Ansichten etwa zur Religion und Tradition (d. h. er verfügt zum Zeitpunkt des Erzählens über ein religiöses Bewusstsein und benennt sittliches Fehlverhalten, insbesondere das eigene, häufig in einer religiösen Terminologie)
- Zeitstruktur: Rückgriff auf die Form des Zeitromans, bei dem das Geschehen bis an die Gegenwart herangeführt wird; Beginn der Handlung im Frühjahr 1913, Handlungsende im März 1938 mit dem ‚Anschluss’ Österreichs an das Dritte Reich (der Roman durchläuft damit ein Vierteljahrhundert Zeitgeschichte)

4. Funktionsweise des Romans:

- das Historische wird im Roman beinahe ausgeblendet, obwohl es im Bericht des erzählten Privaten hintergründig doch stets gegenwärtig ist (Bsp. Hinweise auf Inflation, Währungsreform, österreichische Februar-Revolution 1934)
- der verlorene Weltkrieg wirkt im Roman als große Zäsur und wird von den Figuren als Verlust der Lebensmitte erklärt. Somit wird das Österreich vor dem Zusammenbruch der Monarchie beständig mit dem Österreich nach dem Ersten Weltkrieg kontrastiert. Obwohl der Erzähler kritisch von seiner biographischen Vergangenheit abrückt, bewegt er sich zugleich verherrlichend auf die historische zu – er verstrickt sich also in zwei gegenläufigen Bewegungen. Heimat, Geborgenheit oder Zugehörigkeit wurden von Trotta nicht als junger Mann und werden auch nicht gegenwärtig von ihm erfahren, sondern erst retrospektiv auf vergangene Lebenssituationen und zurückgelassene Orte projiziert. Also erst der Sich-Erinnernde identifiziert sich mit der Monarchie, die dem Erlebenden fremd geblieben ist. Trottas Fremdheit in der Gegenwart – er bezeichnet sich selbst als „Exterritorialer unter den Lebenden“ – begründet sich also mit einer Verwurzelung in der Vergangenheit.
- Heimaten und Zugehörigkeiten, wie z. B. das Militär, österreichische Werte und Traditionen – kurz: das Althergebrachte und Beständige werden durch den Untergang der Monarchie als verloren oder gescheitert betrachtet; dieser Verlust bewirkt, dass die Kapuzinergruft von einer spezifischen Trauer, Verzweiflung und Resignation als dominierende Charakteristika geprägt wird. So sind etwa die Erzählpartien des Romans beständig von melancholischen Rückblicken, sentimentalen Klagen und deprimierenden Ausblicken umspielt. In einzelnen Textpassagen findet die Trauer um den Verlust des Vaterlandes dagegen gerade in der Sprachlosigkeit ihren Ausdruck.

5. Rekonstruktion des Österreichbilds in der Kapuzinergruft:

Grundsätzlich: Der Ich-Erzähler nimmt eine Rückbesinnung und Neubewertung des Gewesenen, d. h. der einstigen Ordnung der alten Monarchie vor. Trotz der im Roman aufgezeigten Fehler und Reformbedürftigkeit des Kaiserreichs wird die Idee Österreich als Lösung gegen den Nationalismus und folglich auch gegen dessen Extremform, den Nationalsozialismus der Deutschen, angesehen. Wie Claudio Magris betont, löste der Aufstieg und die Drohung des Nazismus einen Schock bei Roth aus, der ihn zur sehnsüchtigen Rückkehr zum geordneten Österreich von gestern drängte. In der Kapuzinergruft wird damit ein legitimes Österreich einem nicht-legitimen NS-Staat entgegengehalten.

5.1 Österreichaspekte, die ein menschliches Zusammenleben ermöglichen:

(Übernationalität): Dem Geist der Monarchie wird die Kraft zugeschrieben, „das Entlegene nahezubringen, das Fremde verwandt werden zu lassen und das scheinbar Auseinanderstrebende zu einigen“ (S. 44). In Erinnerung an seine Reise nach Zlotogrod begreift Franz Ferdinand die gesamte alte österreich-ungarische Monarchie als seine Heimat. Er gelangt damit zu einem Begriff von Heimat, der nicht an eine Nation gebunden ist. Mit der Beschreibung der nationalen Vielfalt, wie sie die Monarchie sicherte, schreibt Roth in der Kapuzinergruft gegen den verheerenden Nationalismus des 20. Jahrhunderts und dessen totalitäre Ideologisierungstendenzen an. So ist es nur konsequent, wenn Chojnicki im Roman dem deutschen Staatsvolk die Schuld am Untergang Habsburgs anlastet. Unverkennbar sind das die Worte Roths, der das Übergewicht der deutschsprachigen Führungsschicht als größtes Problem des Vielvölkerstaats angesehen hat. Im Roman demonstriert Roth die Aversion gegen das Reichsdeutsche insbesondere an der überzeichneten Darstellung der Figur des Herrn von Stettenheim, die klar antipreußisch pointiert ist (Textstelle S. 44 vorlesen).

(Dezentralismus): Die Peripherie des Reiches mit ihrer naturhaften Kraft und Urstämmigkeit, wie sie durch Joseph Branco und Manes Reisiger verkörpert werden, stehen im Roman für die eigentliche, wahrhafte Identität Österreichs. Dies zeigt, dass die Dimension des Kaiserreichs, die Roth vermittelt, typisch slawisch-föderalistischer, peripherer Art ist. Die Figur des Manes Reisiger macht darüber hinaus noch einmal deutlich, dass Roths Semitismus von religiöser und östlicher Prägung, ganz im Unterschied zum kapitalistischen jüdischen Geist Wiens ist.

Im Roman wird den peripheren Kronländern die Haupt- und Residenzstadt Wien gegenübergestellt, das sich den Problemen des Gesamtstaates entfremdet hatte. Die gesellschaftlichen Verfallserscheinungen in der Hauptstadt offenbart Roth an der Diskrepanz zwischen Sein und Schein, nämlich an einem Sprachgebrauch, der sich als verlogen herausstellt.

5.2 Österreichaspekte, die sich durch ihre Reformbedürftigkeit kennzeichnen:

(Verhaltensweisen der Gesellschaft): In der Kapuzinergruft geht es nicht nur um die moralische Verherrlichung eines untergegangenen Reiches, sondern es fließen auch Kritik an Gesellschaft und Politik ein. Roth wusste um die Reformbedürftigkeit der Monarchie und sah damit auch die Krise am Ende der Republik Österreich durch Fehler in der Vergangenheit verschuldet. Der ‚Anschluss’ vom 11. März 1938 erscheint so in einem größeren historischen Zusammenhang und wird nicht allein aus der politischen Situation heraus erklärt. Das Versagen in der Vergangenheit führt zu einem Scheitern in der Gegenwart.

Franz Ferdinand Trotta repräsentiert die Gruppe in der Kriegsgenration, die bereits 1914, also bevor sie in den Krieg zieht, eine „verlorene Generation“ darstellt. Zur Welt der alten Monarchie gehörte das Milieu der jungen Aristokraten, welches im Roman durch Franz Ferdinand und seine Kameraden verkörpert wird. Ihre dekadente Lebenseinstellung ist ein Vorzeichen des drohenden Verfalls der österreich-ungarischen Monarchie. Vor dem Krieg ist die Endzeitvorstellung und die Todesahnung, die mitunter bis zur Todessehnsucht gesteigert wird, bei den Bürgern der k. und k. Monarchie ständig präsent. Die Omnipräsenz des Todes wird durch das Leitmotiv der knochigen, gekreuzten Hände symbolisiert. Franz Ferdinand und der Kreis um ihn leben vor dem Ersten Weltkrieg ein leichtfertiges Leben der Langeweile und des Protests aus „Mode“. Sie sind projüdisch und antireligiös, da in Österreich der Antisemitismus und die Kirche das Leben stark beeinflussen. Wäre die junge Generation eigentlich sozial als Führungsschicht prädestiniert, erweist sie sich in ihrer Gesamtheit als zu schwach, diese Aufgabe zu tragen. Das fehlende politische Engagement bzw. der totale Rückzug aus der Politik auch nach dem Untergang des Reiches wird als Wegbereiter für den politischen Totalitarismus ausgemacht und so zum augenscheinlichen Objekt der Zeitkritik.

Ebenso wie das politische Zeitgeschehen nach dem Ersten Weltkrieg blenden die Figuren auch die neuen sozialen und ökonomischen Zustände aus; vielmehr behalten sie das Standesdenken der Vorkriegszeit unverändert bei. Dass die neue Ordnung abgelehnt und verdrängt wird, führt dazu, dass die Figuren mit der veränderten Situation nicht zurechtkommen und damit in der Gegenwart scheitern.

6. Roths ethisch-religiös motivierter Legitimismus:

Zuletzt kommt es mir insbesondere darauf an zu versuchen, anhand der Kapuzinergruft den religiösen Hintergrund von Roths Österreichbild aufzuzeigen. Claudio Magris und Volker Henze sehen Roths Bekenntnis zur österreichischen Monarchie in der letzten Gewähr für einen Staat mit menschlichem Antlitz begründet. Denn nur eine Monarchie wie jene der Habsburger verwirklicht für Roth die Idee einer von Gott verliehenen dynastischen Herrschaft im Gegensatz zu einem von Menschen entworfenen ideologischen oder philosophischen System. Damit erteilt Roth jeder Art von säkularen Erlösungskonzepten eine Absage. Es geht also um die Legitimität der Idee Österreich, wie wir sie letzte Stunde besprochen haben.

Wie verhält sich das Religiöse nun in der Kapuzinergruft ? Zwar wird Österreich gegen Ende hin selbst zur Religion erklärt, dennoch aber erfährt das Thema Religion im Roman eine Brechung. Denn obwohl die Religion als Stifterin einer übernationalen, kulturübergreifenden Einheit und Identität unverzichtbar ist, wird sie im Roman nur als „Formerhalterin“ dargestellt, deren Inhalte aber nicht mehr gelebt werden. So werden die Repräsentanten der alten Monarchie wie etwa Franz Ferdinands Mutter oder der Graf Chojnicki zwar als den katholischen Glauben „Praktizierende“, nicht aber als wahrhaft „Gläubige“ beschrieben. Meines Erachtens spiegelt insbesondere die Verharmlosung von Thoraverstoß und Sünde im 7. Kapitel der Kapuzinergruft den selbstgerechten, halbherzig praktizierten Glauben des österreichischen Staatgebildes wider (Textstelle S. 36).

Damit lässt sich sagen, dass Roth in der Kapuzinergruft in der ethisch-religiösen Korruption während der Spätphase des Habsburger Reiches eine Hauptursache für den Untergang der k. und k. Monarchie ausmacht. Denn von einer oberflächlichen Glaubenspraxis ist es nur noch ein Schritt bis zur völligen Relativierung religiöser Überzeugungen und Werte. Infolge dieser Immanenzbewegung kann der Nationalismus als „neue Religion“ Einzug erhalten – eine Entwicklung, die im letzten Romankapitel mit dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland vollendet wird. Claudio Magris erkennt bei Roth „die sakrale Bedeutung des Reiches, als sterbende, höhere Idee“, eine Idee, die just „in der Gesellschaft, deren staatlicher und politischer Ausdruck es sein müsste, zerstört“ werde.

[...]

Details

Seiten
7
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668302129
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340618
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Joseph Roth Die Kapuzinergruft Österreichbild Gesellschaftsroman

Autor

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Titel: Joseph Roths "Die Kapuzinergruft" (1938). Handout und Ausführungen zum Referat