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Waltraud Poschs "Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt". Eine Rezension

Rezension / Literaturbericht 2011 6 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Abstract

In ihrer zweiten Monografie „Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt“ zeigt die Autorin Waltraud Posch, dass die permanente Arbeit am eigenen Körper heute wichtiger ist denn je. Die Arbeit am Köper mit dem Ziel seiner Optimierung wird von der Autorin als „Projekt“ (S. 11) bezeichnet, das für jeden von uns zur Pflicht geworden ist. Demzufolge handelt der moderne Mensch hinsichtlich seines Körpers gleich einem Unternehmer: Wie er sein Leben managt, so muss er auch seinen Körper managen. Dabei geht es bei dem geschönten Körper nicht um die Schönheit als solche, sondern darum, welche Bedeutungen einem idealen Körper in der modernen Gesellschaft zugeschrieben werden. Die Funktion von Schönheitshandlungen besteht demnach darin, uns eine Identität aufzubauen bzw. zu erhalten und uns sozial zu positionieren.

Wie sieht die Vorgehensweise der Autorin aus?

Posch schließt sowohl den weiblichen als auch den männlichen Körper in ihre Betrachtungen mit ein, wobei sich insbesondere die dargestellten Entwicklungen der männlichen Schönheitsnormen als bislang noch gering erforschtes Gebiet aufschlussreich erweisen. Der Autorin geht es dezidiert um alltägliche, heutzutage als normal akzeptierte Schönheitshandlungen wie bspw. Haare färben oder das Benutzen von Make-up. Das Schönheitsideal und damit auch die Schönheitshandlungen werden dabei immer vor dem Hintergrund der wechselseitigen Abhängigkeit von Individuum und Gesellschaft analysiert (vgl. S. 33f., 172f., 210). Wichtig ist in diesem Zusammenhang jedoch die Auffassung der Menschen als aktiv Handelnde, weshalb auch die Aneignung des Schönheitsideals von Individuen in letzter Konsequenz nicht als von Außen determinierte, sondern als aktive Handlung angesehen wird.

„Projekt Körper“ zeichnet sich methodisch in erster Linie dadurch aus, dass die Ausführungen zur Bedeutung von Körperlichkeit oftmals aus differenzierten Überlegungen zu Modernisierungsprozessen resultieren. Hierdurch erfolgen interessante Rückblicke auf Verhältnisse der vergangenen Epochen vor allem des 18., 19. und 20. Jahrhunderts (vgl. u. a. S. 28, 125ff., 194ff., 211). Bezüglich der Methodik des Buches ist darüber hinaus von Bedeutung, dass sich Posch bei einer Vielzahl ihrer Aussagen auf repräsentative (inter-)nationale Studien bzw. Statistiken stützt; besonders deutlich zeigt sich dies im Kapitel „Körperbefindlichkeiten“. Indem die Autorin mit empirisch belegten Daten arbeitet, kann die Leserin/der Leser zum einen genau nachvollziehen, wer zu welchem Zeitpunkt und vor allem basierend worauf zu welchen Ergebnissen gekommen ist. Zum anderen ist es der Autorin durch die herangezogenen Studien möglich, Korrekturen am öffentlich-medialen Diskurs vorzunehmen und dadurch mit gängigen Vorurteilen aufzuräumen (vgl. u. a. S. 153, 202f.) Ist dies der Fall, so handelt es sich bei den öffentlich dominierenden Botschaften meist um generalisierte, pauschalierte oder verkürzte Aussagen.

Was die Untermauerung eigener oder fremder Thesen mit Theorien der sog. „Klassiker“ der Soziologie betrifft, so sind in Hinblick auf die Körpersoziologie im engeren Sinne die Namen Foucaults, Elias’ und Goffman’s zu nennen. Insbesondere bei der theoretischen Erklärung der Verinnerlichung gesellschaftlicher Normen und den damit verbundenen Auswirkungen auf den Körper fallen wichtige Stichworte wie Gouvernementalität (Foucault, S. 167) oder Selbstzwangsapparatur (Elias, ebd.). Im Anschluss an Foucault begreift auch Posch Körpermanipulationen als „Technologien des Selbst“ (Foucault, S. 13). Zur Erläuterung einiger für die Moderne ausschlaggebender Prozesse wie den der Individualisierung oder den der fortschreitenden Funktionalisierung sozioökonomischer Schichten greift Posch über Elias hinaus zudem auf Theorien Simmels und Luhmanns zurück (vgl. S. 30, 46, 63).

Der Körper wird hingegen nicht im Kontext ethischer oder philosophischer Zusammenhänge verhandelt, womit auch die Phänomenologie als relevante Theorie unbeachtet bleibt. Zumindest innerhalb der Abschnitte, in denen es um die Körperbefindlichkeit des Menschen geht (S. 140-154), fehlt demzufolge die notwendige Unterscheidung zwischen Körperhaben und Leibsein. Bezüglich des Nutzens von Schönheit verzichtet die Autorin zudem ausdrücklich auf die von ihr zum Teil kritisierte soziobiologisch bzw. evolutionstheoretisch basierte Attraktivitätsforschung.

Zu welchen inhaltlichen Ergebnissen gelangt die Autorin?

Die Autorin gliedert den Inhalt ihres Buchs in vier Hauptkapitel mit entsprechenden Unterpunkten, verzichtet jedoch zu Lasten der Übersichtlichkeit leider auf jegliche Nummerierung. Das erste der vier Hauptkapitel trägt die Überschrift „Soziologie der Schönheit“, Kapitel zwei wird „Das Ideal“ benannt, das dritte Kapitel ist mit „Warum uns das Schönheitsideal nicht egal ist“ überschrieben. Das letzte Kapitel trägt den Titel „Zwischen Für und Wider“.

Soziologie der Schönheit

Die beiden Funktionen von Verschönerungen, nämlich die Funktion der Identitätsstiftung bzw. -stabilisierung sowie die der sozialen Positionierung, lassen Schönheit nach Meinung der Autorin zum „Mittel zum Zweck“ (S. 33, vgl. auch S. 116, 170f.) werden. Indem Schönheitshandlungen als eine Form der Körpermanipulation auf einem Kontinuum zwischen Unterwerfung und Selbstbestimmung bzw. zwischen Anpassung und Abhebung angesiedelt werden, wird die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Individuum und Gesellschaft verdeutlicht. Was Posch mit der Bezeichnung Projekt Körper ausdrücken will, präzisiert sie anhand zweier Schlagworte der Moderne, zum einen Individualisierung, zum anderen Freiheit. So wird unter dem Begriff der Freiheit verständlich gemacht, dass sich in gegenwärtigen Gesellschaften Handlungsspielräume und Lebenschancen vergrößern, sich aber zugleich der Druck auf den Einzelnen sowohl in Bezug auf sein Leben als auch in Bezug auf seinen Körper erhöht. Letzteres wird auf die neoliberale Logik zurückgeführt, die eine Selbstverantwortung hinsichtlich Körper, Gesundheit und Aussehen vorsieht. Den nachstehenden Ausführungen Poschs zufolge hat sich das Sprichwort „Kleider machen Leute“ zu „Körper machen Leute“ gewandelt. Demnach wird die soziale Selektion durch die Inszenierung von Körperlichkeit ausgemacht: Zur Elite des 21. Jahrhunderts gehört, wer schön ist. Die Autorin verdeutlicht den Zusammenhang von Elite und Körperlichkeit insbesondere durch den Faktor Gewicht. Wirtschaftlicher, politischer und sozialer Einfluss gehe meist mit einem schlanken Körper einher, während dagegen Fettleibigkeit nicht zuletzt infolge der Gesundheitsberichterstattung vorrangig als Phänomen der sozialen Unterschicht gelte.

Das Ideal

In diesem Kapitel zeigt die Autorin anhand von vier Kriterien auf, wie der moderne Mensch auszusehen hat, um dem derzeitigen Schönheitsideal zu entsprechen. Das Ideal sollte Schlankheit, Jugendlichkeit, Fitness sowie Authentizität verkörpern. Die Verkörperung dieser Eigenschaften besitze insofern eine Symbolfunktion, als sie in der modernen Gesellschaft für hochstehende Werte wie Disziplin, Leistungsbereitschaft, Gesundheit, Flexibilität oder Dynamik stehe. Im weiteren Verlauf werden dann die Auswirkungen des Schönheitsideals auf den Menschen entsprechend untersucht. Posch kommt dabei zu dem Ergebnis, dass aufgrund des vor Augen stehenden Schönheitsideals ein gesellschaftliches Phänomen körperlicher Unzufriedenheit existiert, diese Unzufriedenheit aber von Medien und Experten/innen übertrieben dargestellt wird. Ein genereller „Schönheitswahn“ (S. 153) könne wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden. Schließlich geht die Autorin der Frage nach, inwieweit das Schönheitsideal Frauen und Männer in unterschiedlicher Weise manipuliert. Der Feststellung, dass Frauen grundsätzlich einem deutlich größeren Schönheitsdruck als Männer ausgesetzt sind, steht der seit gut zehn Jahren zu beobachtende Trend gegenüber, dass auch Männer zunehmend dem Schönheitsideal unterworfen sind. Verschönerungen seien demnach keine rein weibliche Angelegenheit mehr.

Warum uns das Schönheitsideal nicht egal ist

Im dritten Abschnitt des Buchs wird erläutert, warum das Schönheitsideal so große Macht besitzt. Hierfür baut Posch auf dem Verständnis auf, dass die Anpassung an das Schönheitsideal in der modernen Gesellschaft nicht als Diktat oder gesellschaftliche Norm, sondern durch seine bereits vollzogene Verinnerlichung als freiwillige, individualisierte Unterordnung unter Schönheitsstandards empfunden wird. Heutzutage würden somit die Faktoren Freiheit und Selbstermächtigung bei der Interpretation von Verschönerungen eine große Rolle spielen. Im Anschluss daran begründet die Autorin die Macht des Schönheitsideals anhand von vier sog. „Dimensionen der Relevanz“ (S. 170). Das Schönheitsideal sei erstens permanent sichtbar; zweitens existiere immer nur ein einziges Schönheitsideal; drittens sei Schönheit heute auf vielfältige Weise herstellbar; viertens könne man sich einen Nutzen von Schönheit versprechen.

Zwischen Für und Wider

Die Autorin schließt mit einer Diskussion über die prinzipielle Schwierigkeit des Umgangs mit dem Thema Schönheit. Das Hauptproblem liegt für Posch darin, dass es für den Einzelnen immer ein Für und Wider gibt – letztlich müsse jede/jeder für sich entscheiden, wie sie bzw. er mit Schönheitsstandards und Verschönerungstechniken umgeht.

Wertung

Ehe ich ein abschließendes Gesamturteil abgebe, sollen zunächst einige wenige Kritikpunkte sowie die besonders gelungenen Aspekte des Buchs kurz diskutiert werden. Schade ist, dass der Leserin/dem Leser der Einstieg in die Thematik insofern erschwert wird, als innerhalb des ersten Großkapitels, „Soziologie der Schönheit“, kein Zusammenhang der ersten drei Unterpunkte erkennbar ist. Die Autorin kommt hier vom Thema „Hochkonjunktur Schönheit“ auf die „Schönheit als widersprüchliches Alltagsphänomen“ zu sprechen, um sich in unmittelbarem Anschluss daran dem Thema „Mode“ zu widmen. Hinsichtlich der Gedankenführung innerhalb der Kapitel als solcher erachte ich lediglich die Sprunghaftigkeit des eben erwähnten Kapitels „Schönheit als widersprüchliches Alltagsphänomen“ sowie des Schlusskapitels „Zwischen Für und Wider“ als problematisch und teilweise nicht nachvollziehbar. Das Anreißen einer großen Vielzahl von Aspekten hat in diesen beiden Passagen zur Folge, dass letztendlich kein Gedanke mehr zur entsprechenden Ausführung gelangt.

Grundsätzlich positiv zu beurteilen ist, dass Posch zur Erstellung von „Projekt Körper“ viel namhafte Forschungsliteratur vorwiegend der 2000er Jahre herangezogen hat, wodurch die Leserin/der Leser auf den aktuellen Stand der Forschung gebracht wird. Die Zusammentragung enthält dabei auch über den engeren Fachbereich der Soziologie hinaus nützliche Hinweise auf weiterführende Literatur. Jedoch kann die Tatsache, dass durch die häufige Verwendung fremder Thesen eigene Erkenntnisse der Autorin bisweilen zu kurz kommen, nicht der Kritik entzogen werden – man vergleiche hierzu insbesondere das Kapitel „Körperbehaarung“. Wenn Posch nicht über die bloße Aneinanderreihung von Erkenntnissen anderer Autoren/innen zu einem Sachverhalt hinauskommt, bleiben diese mitunter unkommentiert stehen (vgl. S. 28f., 43f.). In Hinblick auf die Wissenschaftlichkeit ist es schließlich nicht akzeptabel, dass die Autorin immer wieder sekundär zitiert.

Der Verzicht auf unnötige Verkomplizierungen der Sprache tut der wissenschaftlichen Ausdrucksweise keinen Abbruch, so dass sich die Leserin/der Leser gerne mit der Thematik auseinandersetzt. Dabei besteht die besondere Leistung Poschs darin, über weite Teile des Buchs hinweg einen bestimmten Sachverhalt aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. So kann es vorkommen, dass das, was auf den ersten Blick nach einer Widersprüchlichkeit in den Ausführungen ausgesehen hatte, sich später als differenzierte Analyse erweist. Durch den weitestgehenden Verzicht auf Monokausalitäten wird in „Projekt Körper“ erneut demonstriert, dass eineindeutige Antworten in der Soziologie meist nicht möglich sind – demnach kann die Autorin der Leserin/dem Leser auch kein ‚Patentrezept’ an die Hand geben, wie man mit dem Schönheitsideal umzugehen hat bzw. welche Einstellung gegenüber den Schönheitshandlungen die richtige ist.

Als abschließendes Fazit gilt es damit festzuhalten: Waltraud Posch leistet mit ihrem Buch einen wichtigen Beitrag zur Körpersoziologie, als die Autorin für die Bedeutung des Schönheitsideals im 21. Jahrhundert mit all seinen Konsequenzen für unser Handeln sensibilisiert. Aufgrund der differenzierten Analysen ist „Projekt Körper“ sowohl für Studierende als auch für Wissenschaftler/innen, die sich mit dem modernen Körper beschäftigen, unbedingt lesenswert.

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Details

Seiten
6
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668304154
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340616
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Waltraud Posch Projekt Körper Body Politics Schönheit Schönheitsfanatismus

Autor

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Titel: Waltraud Poschs "Projekt Körper. Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt". Eine Rezension