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Sprachkrise und Sprachkritik. Sprachentwicklung zwischen 1900 und 2000

Das Verhältnis des Schriftstellers zur Sprache an der Jahrhundert- und Jahrtausendwende

Essay 2004 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schriftsteller und ihre Sprache
2.1 Sprachkritik
2.2 Die Unterscheidung von Sprachkrise und Sprachkritik

3. Die Sprachkrise um 19005
3.1 Hugo von Hofmannsthals Chandos- Brief
3.2 Aktuelle Reaktionen auf den Chandos- Brief

4. Die Sprache um 20009
4.1 Die allgemeine Tendenz zur Sprachkritik
4.2 Die Sprachkritik
4.3 Die Sprachkrise

5. Fazit

6. Literaturliste

1. Einleitung

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ sagte einst Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951)[1]. Inwieweit diese Behauptung besonderes auf Schriftsteller zutrifft, wird in dieser Arbeit näher untersucht. Dabei geht es weniger um das Zutreffen des genauen Wortlautes dieser Aussage, als darum, zu veranschaulichen, wie sehr die Sprache den Schriftsteller bestimmt.

Die Sprache ist ein Grundbaustein der Existenz aller Menschen und doch wissen nur wenige ihre Bedeutung wirklich zu schätzen. Autoren hingegen setzten sich meist ganz explizit mit der Sprache auseinander und so entstand bereits vor Jahrhunderten die sogenannte Sprachkritik. Interessant an diesem Thema ist vor allem, inwieweit sich diese Kritik an der Sprache zwischen 1900 und 2000 entwickelt hat.

Beschäftigt man sich mit den Diskussionen um Sprache in den letzten hundert Jahren, so stellt man fest, dass um 1900 das Thema Sprachkrise einen hohen Stellenwert hatte und dass wir es um 2000 praktisch nur noch mit der Sprachkritik zu tun haben. Zur Jahrhundertwende schien es, als gehöre ein Maß an sprachskeptischen Wendungen zum guten Ton, heutzutage will kaum noch ein Schriftsteller ein sprachliches Kunstwerk schaffen, um den möglichen Zerfall der Worte kümmert man sich nicht mehr.

Im Rahmen des Seminars „Die Sprachkrise um 1900“ wurden einige der zahlreichen Dokumente behandelt, die die Sprachkrise zur Jahrhundertwende ausdrückten. Knapp hundert Jahre später ist jedoch zum Thema Sprachkrise kaum noch etwas aktuelles zu finden. So stellt sich die Frage, ob die Sprachkrise in Annäherung an die Jahrtausendwende tatsächlich überwunden ist und warum dies der Fall sein könnte. Hat sich das Verhältnis der Schriftsteller zur Sprache so sehr verändert oder ist es einfach der Wandel der Zeit, der die Sprachkrise aufgelöst hat?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, werden im Folgenden erst einmal die Begriffe Sprachkrise und Sprachkritik in Bezug auf die Jahrhundert- und Jahrtausendwende geklärt. Anschließend sind sowohl die Sprachkrise um 1900 anhand des prominenten „Chandos Briefes“ als auch die heutigen Reaktionen darauf Themen des 3. Kapitels. Als Gegensatz dazu werden die Sprachkritik und Ansätze einer Sprachkrise um 2000 dargestellt.

Anhand dieses Aufbaus lässt sich besonders gut erkennen, wie sich die Beziehung der Schriftsteller zur Sprache im Laufe eines Jahrhunderts geändert hat und wie auch die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung darauf Einfluss nimmt.

2. Schriftsteller und ihre Sprache

2.1 Sprachkritik

Die Sprache macht es den Menschen möglich, eine chaotische Menge an Wahrnehmungsdaten in eine geordnete Welt zu überführen.

Inwiefern diese Überführung ausreichend und anschaulich genug ist, bleibt subjektiv. Einige interessiert diese Frage mehr, andere weniger.

Selbstverständlich gehören Schriftsteller zu jenen, die die Sprache besonders genau begutachten, gerade weil diese ihr Handwerkszeug ist.

So gibt es zwei hauptsächliche ’Kritikpunkte’ an der Sprache, die Autoren im Laufe der Zeit geäußert haben.

Hans-Joachim Mähl beispielsweise sieht das problematische Verhältnis des Dichters zur Sprache darin begründet, dass das dichterische Handwerkszeug Sprache zu vorbestimmt ist:

Eben diese beiden Sprachsphären aber, die Umgangssprache und die Sprache der literarischen Tradition, mit allem, was sie an Interpretation der Welt und an Aussage über sie enthalten, sind das vorgeprägte Material, mit dem der Dichter arbeitet – und es ist in viel stärkerem Maße vorgeprägt, als es etwa die Farben, mit denen der Maler, oder die Töne, mit denen der Musiker arbeitet, sind.[2]

Hugo von Hofmannsthal beschrieb das Verhältnis des Menschen zur Sprache mit dem Satz: “Für gewöhnlich stehen nicht die Worte in der Gewalt der Menschen, sondern die Menschen in der Gewalt der Worte.“[3]

Neben der Kritik an dem in der Sprache bereits enthaltenen Verständnis über die Welt, wurde auch die Unzulänglichkeit der Sprache häufig behandelt. Gemeint ist der Zweifel an der Möglichkeit, durch das Medium Sprache genau das in angemessener Form ausdrücken zu können, was das Innere des Individuums oder die äußere Realität darstellt. Aufgrund dessen kam langsam der Verlust des Sprachvertrauens auf und die daraus resultierende Angst vor der Leere hinter den Worten.

2.2 Die Unterscheidung von Sprachkrise und Sprachkritik

Das Sprachproblem um 1900 lag darin, dass exakte wissenschaftliche Erkenntnisse nicht durch eine Sprache ausgedrückt werden konnten, die zu vorbestimmt, ungenau, banal und phrasenhaft war, um eine angemessene Kommunikation zu ermöglichen.

Unter dem Begriff Sprachkritik versteht man die an sprachlichen und kulturellen Normen orientierte Auseinandersetzung mit dem Sprachgebrauch einer Zeit und den Tendenzen des Sprachwandels.

Doch worin liegt nun genau der Unterschied zwischen Sprachkrise und Sprachkritik?

Jemand befasst sich mit dem Sprachgebrauch seiner Zeit, der auf irgendeine Art und Weise nicht den Anforderungen entspricht, er übt also Kritik an der Sprache. An diesem Punkt befand man sich damals und befindet sich auch heute noch. Mit dem Unterschied, dass man um 1900 aus dieser Sprachkritik in eine Sprachkrise verfiel. Diese ist somit aus der Sprachkritik entstanden und hat einfach größere Ausmaße angenommen. Die Sprachkrise ist also eine Steigerung der Sprachkritik.

Die Frage, warum man heutzutage am Punkt der Sprachkritik stehen bleibt, die Schriftsteller um 1900 jedoch einen Schritt weiter – hinein in eine Krise – gingen, kann kaum pauschal beantwortet werden.

Der Blickwinkel auf die Sprache scheint sich verändert zu haben. Die Zeiten haben sich geändert und damit auch ein wenig die Bedeutung der Sprache. Noch immer ist sie eines unserer wichtigsten ’Güter’, doch heutzutage setzt man sich anders mit der Sprache auseinander. Die Sprachkrise, die sich als eher philosophisch einordnen lässt, ist ein Nachdenken über den Sinn, über die Bedeutung von Sprache. Die heutige Sprachkritik dagegen bewegt sich auf einer nüchterneren Ebene der äußeren Betrachtung der Sprache bzw. des Sprachgebrauchs. Sie befasst sich mit dem ’Äußeren’ der Worte, zum Beispiel mit der Veränderung der Schreibweise. Außerdem wird die zunehmende Beeinflussung des deutschen Sprachgebrauchs -beispielsweise durch Anglizismen- bemängelt. Hinter dieser Kritik steht die Intention, Aufmerksamkeit auf die Reduzierung der deutschen ’Sprachkräfte’ zu lenken.

Die Sprachkrise dagegen setzt sich mit dem ’Inneren’ der Sprache auseinander, mit ihrer Ausdrucksfähigkeit im Allgemeinen, die mit der Entwicklung der deutschen Sprache nichts zu tun hat.

Um diese Beobachtung zu veranschaulichen, werden nun sowohl die Sprachkrise als auch die Sprachkritik näher behandelt.

[...]


[1] Ludwig Wittgenstein: „Tractatus logico-philosophicus.“ S.89

[2] H.-J. Mähl: Die Mystik der Worte S.289

[3] Hugo von Hofmannsthal. Prosa I. S. 267

Details

Seiten
15
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638343817
ISBN (Buch)
9783638761635
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34058
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2
Schlagworte
Sprachkrise Sprachkritik Schwerpunkt Sprachentwicklung Seminar Schreibstrategien Verstummen

Autor

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Titel: Sprachkrise und Sprachkritik. Sprachentwicklung zwischen 1900 und 2000