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Risiken von interkulturellen und antirassistischen Trainings. Wie kann ein Bumerang-Effekt minimiert werden?

Systematisches Literaturreview

Bachelorarbeit 2016 63 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

2. Theorie und Forschungsstand
2.1. Definitionen
2.1.1. Definition interkultureller Trainings
2.1.2. Definition antirassistischer Trainings
2.2. Klassifizierung interkultureller und antirassistischer Trainings
2.3. Risiken interkultureller und antirassistischer Trainings
2.3.1. Wahrgenommener Essentialismus und kulturelle Intelligenz
2.3.2. Verstärkung von Stereotypisierung
2.3.3. Verstärkung von Vorurteilen in Abhängigkeit vom Trainings- setting
2.3.3.1. Einfluss extrinsischer und intrinsischer Motivation
2.3.3.2. Einfluss von Empathie in Intergruppensituationen
2.3.4. Einfluss positiver und negativer Wahrnehmung kultureller Vielfalt
2.3.5. Negative Aspekte in Abhängigkeit von der Eigengruppe
2.3.6. Einfluss des Geschlechts
2.4. Forschungsfragen

3. Methode
3.1. Ein- und Ausschlusskriterien für Literatur
3.2. Vorgehen

4. Ergebnisse
4.1. Risiken interkultureller und antirassistischer Trainings
4.1.1. Wahrgenommener Essentialismus und kulturelle Intelligenz
4.1.2. Verstärkung von Stereotypisierung
4.1.3. Verstärkung von Vorurteilen in Abhängigkeit vom Trainings- setting
4.1.3.1. Einfluss extrinsischer und intrinsischer Motivation
4.1.3.2. Einfluss von Empathie in Intergruppensituationen
4.1.4. Einfluss positiver und negativer Wahrnehmung kultureller Vielfalt
4.1.5. Negative Aspekte in Abhängigkeit von der Eigengruppe
4.1.6. Einfluss des Geschlechts
4.2. Psychologische Prozesse in qualitativen Studien

5. Diskussion
5.1. Wahrgenommener Essentialismus und kulturelle Intelligenz
5.2. Verstärkung von Stereotypisierung
5.3. Verstärkung von Vorurteilen in Abhängigkeit vom Trainingssetting..
5.3.1. Einfluss extrinsischer und intrinsischer Motivation
5.3.2. Einfluss von Empathie in Intergruppensituationen
5.4. Einfluss von positiver und negativer Wahrnehmung kultureller Vielfalt
5.5. Negative Aspekte in Abhängigkeit von der Eigengruppe
5.6. Einfluss des Geschlechts
5.7. Psychologische Prozesse in qualitativen Studien
5.8. Einschränkungen und Implikationen für zukünftige Forschung

6. Literaturverzeichnis

7. Pressemitteilung

Anhang

Zusammenfassung

Interkulturelle und antirassistische Trainings sind dazu konzipiert, Vorurteile, Ste- reotype und Diskriminierung zu verringern. Obwohl sie meist mit positiven Effek- ten einhergehen, besteht aber auch die Gefahr, dass die Diskussion dieser sensib- len und emotional beladenen Themen negative Auswirkungen haben kann. Im Gegensatz zu den positiven Auswirkungen solcher Trainings werden die nega- tiven Auswirkungen in der Forschung vielfach vernachlässigt und erst in jün- gerer Zeit näher untersucht. Mit der vorliegenden Arbeit wird ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand gegeben, indem Ergebnisse von 17 Studi- en in einem systematischen Literaturreview zusammengefasst und kritisch be- leuchtet werden. Es zeigte sich, dass antirassistische und interkulturelle Trai- nings zum Teil mit einer Verstärkung von Vorurteilen, Stereotypen und wahrgenommenem Essentialismus sowie dem Abbau von einigen Subfacetten kultureller Intelligenz einhergingen. Weiterhin konnte nachgewiesen werden, dass die Auswirkungen von der Art des Trainingssettings abhängig waren. Be- sonders kontraproduktiv wirkten sich hier die Förderung extrinsischer Motiva- tion und das Erzeugen von Empathie in Intergruppensituationen aus. Des wei- teren konnte ermittelt werden, dass die Entstehung negativer Effekte bei Trainings vom Geschlecht der Teilnehmenden abhängig war. Tendenziell zeigten sich bei Frauen weniger negative Auswirkungen als bei Männern; gleichzeitig waren Frauen den Trainings gegenüber aufgeschlossener. Qualita- tive Studien ergänzen die Ergebnisse, indem sie Einblicke in die verschiede- nen Lernphasen und die damit verbundenen kognitiven und affektiven Hinder- nisse geben, die es zu überwinden gilt, um die z. T. kurzfristigen negativen Auswirkungen langfristig ins Gegenteil umzukehren. Abschließend werden Einschränkungen der vorliegenden Arbeit sowie der untersuchten Studien be- nannt und mögliche Fragen für weitere Forschungen formuliert.

1. Einleitung

Makrothemen wie Globalisierung, Informationszeitalter und Flexibilisierung der Arbeitswelt (Sennett, 1998) aber auch die jüngsten Entwicklungen in Syri- en haben die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kontextbe- dingungen soweit verändert, dass die Anforderungen an Individuen, soziale Gruppen aber auch die Politik hinsichtlich des Aufbaus interkultureller Kom- petenzen gestiegen sind. Interkulturelle und antirassistische Trainings sind in einem Zeitalter heterogener Gesellschaften notwendig, um Vorurteile, Stereo- type und Diskriminierung abzubauen und somit ein friedliches, tolerantes und gerechtes Zusammenleben zu ermöglichen. Interkulturelle Trainings versu- chen daher, über die Vermittlung von Wissen zur Vielfalt menschlicher Kultu- ren und durch Kontakt zwischen Gruppen ein grundlegendes Verständnis von Andersartigkeit zu erreichen, um damit die Toleranz gegenüber Mitgliedern anderer Ethnien oder anderer kultureller und religiöser Gruppen zu erhöhen (siehe Kapitel 2.1.1.). Antirassistische Trainings haben hingegen zum Ziel, in- dividueller und struktureller Diskriminierung entgegenzuwirken, indem privi- legierte Mehrheitsmitglieder über diskriminierende Machtverhältnisse aufge- klärt werden und Minderheitsmitgliedern Wege aufgezeigt werden, ihre Interessen eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten (siehe Kapitel 2.1.2.). Da interkulturelle und antirassistische Trainings sensible und emotio- nal aufgeladene Themen behandeln, sie sogar teils erst ins Bewusstsein der Teilnehmenden rücken, besteht aber auch die Gefahr, dass sie das Gegenteil bewirken. Bei Mitgliedern der Majorität werden durch die Wahrnehmung un- gerechtfertigter Eigenprivilegierung möglicherweise Gefühle von Schuld und Scham oder das Bedürfnis nach Rechtfertigung des Verhaltens erzeugt, bei Mitgliedern der Minorität hingegen Wut oder Angst vor eventueller Diskrimi- nierung (Bigler & Wright, 2014). Nach Güttler (2003) werden Vorurteile, Ste- reotype und Diskriminierung also verstärkt − es tritt eine Einstellungsänderung in entgegengesetzter Richtung als intendiert ein (Bumerang-Effekt). Die Eva- luation solcher negativen Auswirkungen wird abgesehen von wenigen Aus- nahmen (McGregor, 1993; Stephan & Stephan, 1984) bisher in Wissenschaft und Forschung vernachlässigt (Emmerich & Krell, 1997) und ist daher Thema der Arbeit. Mittels Literaturrecherche wird ein Überblick über den Forschungs- stand der letzten Jahre gegeben und es werden insbesondere Vorschläge abgeleitet, wie den o. a. negativen Auswirkungen vorgebeugt werden kann.

2. Theorie und Forschungsstand

Dieses Kapitel umfasst die Definition und Klassifizierung interkultureller und antirassistischer Trainings sowie die Ableitung negativer Auswirkungen von Trainings anhand theoretischer Begründungen.

2.1. Definitionen

2.1.1. Definition interkultureller Trainings

Interkulturellen Trainings liegt die Annahme zu Grunde, dass Konflikte in ei- ner multikulturellen Gesellschaft durch fehlendes Wissen über andere Kultu- ren und fehlende Erfahrung mit anderen Kulturen entstehen (Atia, 1997). Interkulturelle Interventionen versuchen daher, über Informationen zur Vielfalt menschlicher Kulturen ein grundlegendes Verständnis von Andersartigkeit zu erreichen, um damit die Toleranz gegenüber Mitgliedern anderer Ethnien oder anderer kultureller und religiöser Gruppen zu erhöhen (Beelmann, Heineman, & Saur, 2009). Der Fokus liegt hier also auf den kulturellen Unterschieden verschiedener sozialer Gruppen. Die Betonung kultureller Unterschiede im Rahmen interkultureller Trainings kann verstärkt dazu führen, dass einzelne Personen nicht mehr als Individuen, sondern nur noch als Mitglied einer kultu- rellen Gruppe wahrgenommen werden und sich nach Buchtel (2014) dement- sprechend Vorurteile und Stereotype verstärken können. Es sei darauf hinge- wiesen, dass der Begriff Kultur in dieser Arbeit weit gefasst wurde. Er bezieht sich sowohl auf religiöse oder ethnische Kulturen als auch auf unterschiedli- che Kulturen in Unternehmen, so dass Diversity Trainings in diese Kategorie aufgenommen wurden.

2.1.2. Definition antirassistischer Trainings

Im Unterschied zu interkulturellen Trainings wird bei antirassistischen Trai- nings die Hauptursache für Konflikte zwischen verschiedenen kulturellen, re- ligiösen oder ethnischen Gruppen in diskriminierenden gesellschaftlichen Verhältnissen und Strukturen gesehen (Attia, 1997). Im Fokus antirassistischer Bildungsarbeit steht die Beziehung zwischen individueller und struktureller Diskriminierung. Es geht dabei sowohl um politische, rechtliche und wirt- schaftliche Strukturen als auch um alltägliche Ungleichheitspraktiken (Lang- thaler 2003). Nach Liebscher und Fritzsche (2010) sind die Zielvorstellungen antirassistischer Trainings die "Sensibilisierung für rassistische Machtverhält- nisse, die Vermittlung von Wissen über Erscheinungsformen, Ursachen, Funk- tionen und Mechanismen von Rassismus, Empowerment von Minderheiten sowie die Stärkung von Handlungskompetenzen und Zivilcourage gegen Ras- sismus".

2.2. Klassifizierung interkultureller und antirassistischer Trai- nings

Nach Woltin und Jonas (2009) lassen sich interkulturelle und antirassistische Trainings hinsichtlich ihrer Methode und Kulturspezifität unterteilen (siehe Tabelle 1). Bei der Methodik unterscheidet man zwischen didaktischen und er- fahrungsorientierten Methoden. Didaktische Methoden zielen vor allem auf kognitive Lernziele wie z. B. den Abbau von Stereotypen ab und fokussieren sich auf die Vermittlung von Wissen. Erfahrungsorientierte Methoden beab- sichtigen hingegen vorwiegend affektive und verhaltensbezogene Lernziele. Vorurteile und diskriminierendes Verhalten sollen verringert werden, indem die Teilnehmenden aktiv miteinbezogen werden. Trainings sollten eine Mi- schung beider Methoden verwenden (Fowler & Blohm, 2004; Woltin & Jonas, 2009), um sowohl kognitive als auch affektive und verhaltensbezogene Lern- ziele zu erreichen, die gemeinsam zu nachhaltigeren Veränderungen führen.

Die zweite Unterteilung betrifft die Kulturspezifität eines Trainingspro- gramms. Es wird zwischen kulturübergreifenden und kulturspezifischen Me- thoden unterschieden. Bei kulturübergreifenden Trainings steht die Sensibili- sierung für kulturelle Unterschiede im Vordergrund ebenso wie ein besseres Verständnis kultureller Basisannahmen durch das Kennenlernen von Kultur- modellen und -dimensionen. Lässt sich der interkulturelle Kontext hingegen auf eine Zielkultur beschränken, stehen kulturspezifische Methoden im Vor- dergrund. Nach Woltin und Jonas (2009) sollte sich die inhaltliche Schwer- punktsetzung nach den Bedürfnissen und der Zusammensetzung der Teilnehmenden richten.

Tabelle 1

Beispiele für Methoden interkultureller Trainings in der Systematisierung nach Kulturspezifität und Methode (Woltin & Jonas, 2009, S. 475)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3. Risiken interkultureller und antirassistischer Trainings

In diesem Kapitel werden mögliche Risiken und negative Auswirkungen interkultureller und antirassistischer Trainings theoretisch begründet. Auf dieser Grundlage werden anschließend die Forschungsfragen abgeleitet, die dieser Arbeit zugrunde liegen.

2.3.1. Wahrgenommener Essentialismus und kulturelle Intelligenz

Durch die Vermittlung von kulturellen Unterschieden soll in Trainings u. a. die kulturelle Intelligenz der Teilnehmenden erhöht werden. Kulturelle Intelli- genz bezieht sich auf die Fähigkeit eines Individuums, sich in interkulturellen Kontexten kompetent und angemessen zu verhalten (Ang et al., 2007). Dieses multidimensionale Konstrukt umfasst die vier Subfacetten metakognitive, kognitive, motivationale und verhaltensbezogene Intelligenz, welche übli- cherweise im Selbstbericht über Items der Cultural Intelligence Scale gemessen werden.

Die Vermittlung von kulturellen Unterschieden geht aber auch mit dem Ri- siko einher, dass Gruppencharakteristika und Gruppengrenzen überhöht wer- den (Rosenthal & Crisp, 2006). Dies kann dazu führen, dass die einzelne Per- son nicht mehr als Individuum, sondern nur noch als Mitglied einer kulturellen Gruppe wahrgenommen wird und sich dadurch das essentialistische Denken verstärkt. Essentialistisches Denken bedeutet, dass Menschen essentielle Merkmale zugeordnet werden und diese als stabil, unveränderbar oder biolo- gisch basiert angesehen werden, obgleich sie sozial konstruiert sind (Markus, 2008). Im Zusammenhang mit interkultureller Bildung kann diese Art zu den- ken mit verstärkter Stereotypisierung und Vorurteilen einhergehen (Gaither et al., 2014).

2.3.2. Verstärkung von Stereotypisierung

Nach Woltin & Jonas (2009) besteht gerade bei kulturspezifischen didakti- schen Methoden interkultureller Wissensvermittlung die Gefahr, dass beste- hende Stereotype über eine Kultur bestätigt und damit verfestigt werden. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn kulturspezifische Traditionen und Verhal- tensweisen absolut formuliert werden, wie z. B. "Ostasiaten sind kollektivisti- scher als Personen des westlichen Kulturkreises" (Matsumoto, Grissom, & Dinnel, 2001).

Wegner (1994) hat eine Theorie entwickelt, welche erklärt, unter welchen Bedingungen der Versuch, Stereotype zu unterdrücken, erfolgreich ist und un- ter welchen Bedingungen Stereotype verstärkt werden. Werden Personen auf- gefordert, Stereotype zu unterdrücken, werden zwei parallele Prozesse initiiert:

(1) Es wird ein bewusster, gedanklicher Prozess angestoßen, bestimmte Stere- otypen zu unterdrücken (z. B. die Beurteilung eines afroamerikanischen Be- werbers soll nicht mit seiner Hautfarbe in Verbindung stehen). (2) Darüber hinaus wird ein überwachender Prozess angestoßen. In diesem wird ermittelt, inwiefern es gelingt, Stereotype zu unterdrücken: Es wird nach Gedanken ge- sucht, die signalisieren, dass die mentale Kontrolle nicht gelingt (die Beurtei- lung des afroamerikanischen Bewerbers steht mit der Hautfarbe in Verbin- dung). Die einzige Möglichkeit, dieses zu überwachen, besteht darin, dass die Repräsentationen der zu unterdrückenden Stereotype bis zu einem gewissen Grad im Bewusstsein der Person aktiviert sind und diese Repräsentationen immer wieder mit den bewussten Gedanken, Stereotype zu reduzieren, vergli- chen werden. Der bewusste gedankliche Prozess, Stereotype zu unterdrücken, erfordert höhere kognitive Aufmerksamkeit als der überwachende Prozess und ist daher dominierend. Sofern ausreichend kognitive Kapazitäten vorhanden sind, werden die intendierten Effekte meist erzielt. Sind hingegen nicht genü- gend kognitive Kapazitäten vorhanden, verdrängt der überwachende Prozess den bewussten Prozess, Stereotype zu unterdrücken. Dies begründet sich da- rin, dass während des überwachenden Prozess routinemäßig immer wieder die zu unterdrückenden Stereotype aktiviert werden und damit in den Vordergrund gerückt werden, was eine Verstärkung von Stereotypen zur Folge hat.

2.3.3. Verstärkung von Vorurteilen in Abhängigkeit vom Trainingssetting

Im folgenden Abschnitt wird theoretisch begründet, unter welchen Trainingsbedingungen Vorurteile verstärkt werden können.

2.3.3.1. Einfluss extrinsischer und intrinsischer Motivation

Angelehnt an die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan (1985, 2002) konnte in einigen Forschungsarbeiten (Devine, Plant, Amodio, Hormon-Jones, & Vance, 2002; Legault, Green-Demers, Grant, & Chung, 2007) gezeigt wer- den, dass die Regulation von Vorurteilen maßgeblich davon abhängig ist, ob diese intrinsisch oder extrinsisch motiviert ist. Personen, die intrinsisch moti- viert sind, ihre Vorurteile zu regulieren, tun dies aus persönlichen und selbst- gewählten Gründen. Extrinsische Motivation liegt hingegen vor, wenn Perso- nen dazu aufgefordert werden, Vorurteile zu reduzieren. Sie unterdrücken Vorurteile aus externalen Gründen wie z. B. aus Angst vor Ablehnung oder dem Druck, sozialen Normen entsprechen zu müssen. Die Theorie der Reak- tanz von Brehm und Brehm (1981) legt nahe, dass sich die Vorurteile bei Per- sonen mit extrinsischer Motivation verstärken können, da sie sich in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen, persönliche Gründe zur Vorurteilsreduzierung zu wählen und sich von anderen kontrolliert fühlen, was somit zu einer Abwehrreaktionen führt, Vorurteile also verstärkt werden.

2.3.3.2. Einfluss von Empathie in Intergruppensituationen

Untersuchungen zeigen, dass das Erzeugen von Empathie für Mitglieder einer Fremdgruppe außerhalb von Intergruppensituationen mit positiven Effekten wie der Reduktion von Vorurteilen und verbesserten intergruppalen Beziehun- gen einhergeht (Dovido et al. 2004), nicht jedoch innerhalb einer Intergrup- pensituation. Bei dem Versuch, die Welt aus dem Blickwinkel der Mitglieder einer Fremdgruppe zu sehen, sehen Menschen zunächst sich selbst und fragen sich, wie Fremdgruppenmitglieder ihr Handeln beurteilen. Dies aktiviert nega- tive Masterstereotype, wie die Fremdgruppe die Eigengruppe betrachtet (Vorauer, Main, & O'Conell, 1998), und kann zu Abwehrreaktionen führen. Die intendierten positiven Effekte der Perspektivübernahme werden überlagert und es tritt ein gegenteiliger Effekt ein.

2.3.4. Einfluss positiver und negativer Wahrnehmung kultureller Vielfalt

Trainings, in denen der Umgang mit kultureller Vielfalt gelehrt werden soll, zielen darauf ab, ein höheres Bewusstsein, Akzeptanz und Toleranz gegenüber Menschen anderer Kulturen zu schaffen. Darüber hinaus betonen neuere For- schungsarbeiten die Wichtigkeit, den Teilnehmenden einen realistischeren Blick auf kulturelle Vielfalt zu vermitteln, indem sowohl positive als auch ne- gative Aspekte von Diversität angesprochen werden. Eine realistischere Wahrnehmung kultureller Vielfalt führt zu weniger falschen Erwartungen und damit weniger Konfliktsituationen bzw. einem besseren Umgang damit (Carell, Mann, & Sigler, 2006; Mannix & Neale, 2005). Andererseits besteht die Gefahr, dass Teilnehmende aufgrund solcher Maßnahmen zu der Annahme verleitet werden, dass eine bereits positive, von Diversität geprägte Umgebung vorliegt, diese Annahme aber nicht an der Realität geprüft wird. Dies kann zu einer Illusion von Fairness führen. Diskriminierung wird nicht erkannt, was mit verstärkter Abneigung gegenüber den unterrepräsentierten Gruppen ein- hergehen kann, da deren Anschuldigungen als ungerechtfertigt angesehen werden.

2.3.5. Negative Aspekte in Abhängigkeit von der Eigengruppe

Nach Güttler (2003) wurde die Theorie der sozialen Identität von Tajfel (1978) und Tajfel und Turner (1979, 1986) als ein theoretisches Rahmenkon- zept zur Analyse von Intergruppenverhalten konzipiert und beinhaltet im We- sentlichen vier miteinander in Beziehung stehende Konzepte über psychologi- sche Prozesse, die für die Entstehung von Verhalten zwischen Gruppen verantwortlich sind: Soziale Kategorisierung, soziale Vergleiche, soziale Iden- tität und soziale Distinktheit. Über den Prozess der sozialen Kategorisierung teilen Individuen ihre Umwelt hinsichtlich verschiedener Merkmalsdimensio- nen in verschiedene soziale Kategorien ein, um sich in der sozialen Realität zu orientieren und Informationen über die eigene Position innerhalb des sozialen Gefüges zu erhalten. Aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe und aus dem Verhältnis dieser zu anderen sozialen Gruppen wird die soziale Iden- tität eines Individuums bestimmt, die zusammen mit der personalen Identität zum Selbstkonzept eines Individuums gehört (Dorsch & Wirtz, 2014). Infor- mationen über die Charakteristika dieser sozialen Identität gewinnt die Person über soziale Vergleiche zwischen der eigenen und der fremden Gruppe auf verschiedenen Vergleichsdimensionen. Jedes Individuum ist bestrebt, eine po- sitive soziale Identität zu besitzen. Indem man sich von anderen Gruppen ab- grenzt, insbesondere Merkmalsdimensionen herausgestellt werden, auf denen die eigene Gruppe der fremden Gruppe überlegen ist, wird eine positive Distinktheit erzielt. Antirassistische Trainings bergen die Gefahr, die positive soziale Identität einer Person und der Eigengruppe in Frage zu stellen, indem sie ein Bewusstsein für Rassismus und die ungerechtfertigte Eigenprivilegie- rung z. B. aufgrund heller Hautfarbe schaffen, was wiederum mit negativen Affekten wie Schuld oder Angst vor anderen ethnischen Gruppen einhergehen kann (Swim & Miller, 1999).

Inwieweit ein erhöhtes Bewusstsein für Eigenprivilegierung und Rassismus sowie damit verbundene negative Affekte positive oder negative Auswirkun- gen haben, hängt von der wahrgenommenen Bedrohung durch das Kursmate- rial und den persönlichen Voraussetzungen der Teilnehmenden, wie z. B die Stärke der Identifikation mit der Eigengruppe, ab. Nach Bowman (2009) kann ein erhöhtes Bewusstsein für die ungerechtfertigte Eigenprivilegierung und die verstärkte Wahrnehmung von Rassismus zum einen dazu führen, dass das für kognitives Wachstum erforderliche Ungleichgewicht zwischen ursprünglichen Überzeugungen und neuen Informationen zu einer lernförderlichen Explorati- onsperspektive führt und darin mündet, dass sich Teilnehmende z. B. verstärkt gegen Rassismus einsetzen. Zum anderen kann es bei sozial privilegierten Per- sonen zu einer lernhinderlichen Widerstands-Perspektive kommen, nach der wahrgenommene Bedrohung durch das Kursmaterial zu Abwehrmechanismen wie Verleugnung oder verringerter Unvoreingenommenheit führen. In Folge dessen wird das für kognitives Wachstum erforderliche Ungleichgewicht ver- hindert und Vorurteile können sogar verstärkt werden.

2.3.6. Einfluss des Geschlechts

Verschiedene Forschungsarbeiten zeigen, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen in ihren Einstellungen zu kultureller Vielfalt und in ih- rem Verhalten in interkulturellen Situationen gibt. Es zeigt sich, dass Frauen positivere Einstellungen zu kultureller Vielfalt und individuellen Unterschie- den zeigen als Männer (Strauss & Connerly, 2003; Thompson, 2000). Diese Befunde sind nicht überraschend, da Frauen in der Gesellschaft, der Politik aber auch im Berufsleben diskriminiert wurden und werden. Gemäß der sozia- len Identitätstheorie (Tajfel, 1978; Tajfel & Turner, 1979, 1986) führt dies da- zu, dass sich Frauen aufgeschlossener und toleranter gegenüber Mitgliedern anderer kultureller Gruppen und Minderheiten verhalten.

2.4. Forschungsfragen

Da dies eine explorative Literaturarbeit ist, die den neuesten Forschungstand erfassen soll, werden keine Hypothesen, sondern nur Forschungsfragen aufge- stellt.

Hauptfragestellung: Welche Risiken gehen mit interkulturellen und antirassistischen Trainings einher?

1. Fördern Trainings den wahrgenommenen Essentialismus und verhindern so den Aufbau kultureller Intelligenz?
2. Unter welchen Bedingungen können Trainings zu einer Verstärkung von Stereotypen führen?
3. Führen Trainings zu einer Verstärkung von Vorurteilen?
4. Welche Einfluss hat die Wahrnehmung kultureller Vielfalt?
5. Gibt es Unterschiede in den Auswirkungen in Abhängigkeit von der Ei- gengruppe?
6. Unterscheiden sich die Auswirkungen von Trainings in Abhängigkeit vom Geschlecht?
7. Welche kognitiven und affektiven Hindernisse müssen in einem Training überwunden werden?
8. Was sind die Fragen und Empfehlungen, die aus der Literaturarbeit her- vorgehen?

3. Methode

Da diese Abschlussarbeit als ein systematisches Literaturreview der aktuellen empirischen Forschungsliteratur konzipiert ist, sollen in diesem Abschnitt die Ein- und Ausschlusskriterien für die Auswahl der Studien sowie die methodische Vorgehensweise dargestellt werden.

3.1. Ein- und Ausschlusskriterien für Literatur

Es wurden zunächst vier Einschlusskriterien für die Verwendung von Studien festgelegt. (1) Die Studien müssen ein Peer-Review durchlaufen haben, um die wissenschaftliche Qualität der Studien sicher zu stellen. (2) Es wurden ledig- lich empirische Studien untersucht. (3) Entsprechend den Sprachkenntnissen der Autorin wurden nur Studien in deutscher oder englischer Sprache aufge- nommen. (4) Es wurden nur Studien einbezogen, die zur Beantwortung der Forschungsfragen beitragen konnten. Ein Ausschluss aufgrund des Alters der Studien konnte nicht erfolgen, da es sich bei der Erforschung von Risiken interkultureller und antirassistischer Trainings um ein junges, weitgehend ver- nachlässigtes Forschungsfeld in der Psychologie handelt.

3.2. Vorgehen

Die Ermittlung der in Betracht zu ziehenden Forschungsliteratur erfolgte per systematischer Literaturrecherche über die Datenbankoberfläche EBSCOhost in den Datenbanken PsychARTICLES, Psychology and Behavioral Science, PsycInfo und PSYNDEX. Die Recherche wurde zu verschiedenen Zeitpunkten von Dezember 2015 bis April 2016 durchgeführt und lief in unterschiedlichen Schritten ab: Im ersten Schritt erfolgte die Kombination der Suchbegriffe intercultural training, multicultural training, cross-cultural sensivitiy training, cross-cultural orientation program, cultural communication training, diversity training, race-relations training, race awareness oder anti - racism-training mit den Begriffen intervention, training, class oder program sowie den Begriffen backlash, negative, ironic effect, rebound, paradox, risk und evaluation. Es sei darauf hingewiesen, dass sämtliche der genannten Begriffskombinationen mehrfach gesucht wurden, jeweils unter Berücksichtigung unterschiedlicher Suchoptionen wie Boolescher Operatoren und in unterschiedlicher Anordnung der Begriffe. So erfolgte die Suchkombination intercultural AND training OR intervention OR class OR program AND negative z. B. erst in Form einer Schlagwortsuche für sämtliche Begriffe. In einem anderen Durchgang wurden dann nur die ersten Begriffe innerhalb der Schlagwörter gesucht, während letz- terer nur im gesamten Text vorkommen sollte usw. Im nächsten Schritt wur- den folgende, in bereits als relevant eingestuften Artikeln erscheinende, jedoch zuvor unberücksichtigte Schlagwörter identifiziert: multiculturism, color blindness, stereotype threat, discrimination, prejudice (reduction) and impact und white guilt feelings. Als letzter Schritt der Recherche erfolgte eine Durch- sicht der Literaturverzeichnisse der ausgewählten Artikel. Titel von Publikati- onen, die eine hohe Themenrelevanz indizierten, wurden zusätzlich recher- chiert und gegebenenfalls mit einbezogen.

Darüber hinaus wurden Autoren, die während der Literatursuche vermehrt auffielen, wie Prof. Dr. Pieterse von der Universität New York und Prof. Dr. Zick von der Universität Bielefeld, persönlich angeschrieben. Beide bestätig- ten, dass die Quellenlage zu diesem Thema sehr dünn ist. Daher wurde die Restriktion, ausschließlich quantitative Studien zu verwenden, aufgegeben und es wurden auch qualitative Studien mit einbezogen. Dies jedoch nicht nur in- folge der schlechten Quellenlage, sondern weil qualitative Studien aufgrund ihrer inhaltlichen Orientierung besondere Möglichkeiten bieten, innerpsychi- sche Prozesse besser nachvollziehen und bewerten zu können. Ferner wurden empirische Studien aufgenommen, in denen zwar keine Trainings durchge- führt wurden, die aber Aufschluss darüber geben, was bei der Gestaltung von Trainings beachtet werden sollte, um negative Auswirkungen zu vermeiden. Eine tabellarische Übersicht aller einbezogenen Studien findet sich im An- hang.

Ausgehend von der geschilderten Suchmethodik erfolgte eine Auswahl von 17 Forschungsartikeln, die in dieses Review einflossen und im nachfolgenden Abschnitt vorgestellt werden.

4. Ergebnisse

In diesem Teil der Arbeit werden für jede untersuchte Studie der Aufbau, das Design, die Stichprobe, die verwendeten Messinstrumente sowie die Risiken und negativen Auswirkungen interkultureller und antirassistischer Trainings dargestellt.

4.1. Risiken interkultureller und antirassistischer Trainings

Unter Bezug auf die eingangs formulierten Forschungsfragen wird nachfolgend jeder negativen Auswirkung interkultureller und antirassistischer Trainings ein eigener Unterabschnitt gewidmet.

4.1.1. Wahrgenommener Essentialismus und kulturelle Intelligenz

Zwei der gesichteten Studien (Buchtel, 2014; Fischer, 2011) untersuchten die Auswirkungen interkultureller Trainings auf das essentialistische Denken und die kulturelle Intelligenz der Teilnehmenden.

In der Studie von Fischer (2011) mit 49 neuseeländischen Studierenden verschiedener ethnischer Herkunft wurden die Trainingseffekte eines interkul- turellen Trainings auf das essentialistische Denken und die kulturelle Intelli- genz mit Hilfe eines Prä-Posttest-Designs und zwei Messzeitpunkten ermittelt. Das sechswöchige Training bestand aus Unterrichtsstunden, dem Simulations- spiel BAFA BAFA (Shirts, 1977) und dem Verhaltensmodifikationstraining Excell (Mak, Barker, Logan, & Millman, 1999) und bediente sich somit so- wohl didaktischer als auch erfahrungsbasierter Methoden; die Inhalte waren kulturübergreifend. Vor dem Training wurde anhand von elf Items auf einer 7- stufigen Likertskala (1 = trifft gar nicht zu, 7 = trifft in hohem Maße zu) mit der Kurzform des Fragenbogen zur kulturellen Intelligenz von Ang et al. (2007) die kulturelle Intelligenz der Teilnehmenden gemessen. Es wurde hier- bei zwischen den Subskalen metakognitive, kognitive, motivationale und ver- haltensbezogene Intelligenz unterschieden. Die Messung essentialistischen Denkens erfolgte mit Hilfe von elf selbst entwickelten Items auf einer 7- stufigen Likertskala (1 = trifft gar nicht zu, 7 = trifft in hohem Maße zu), ange- lehnt an die Skalen rassistischen Essentialismus von Chao, Chen, Roisman und Hong (2007). Eine Messung fand zu Beginn (MZP1) und nach Abschluss (MZP2) des Trainings statt. Gemäß der Hypothese stieg der Wert für essentia- listisches Denken zwischen Prä- und Posttest (MZP1: M = 4.69, SD = 0.66; MZP2: M = 4.89, SD = .67) und wurde mittels Varianzanalyse bestätigt: F (1,49) = 4.34, p < .05, η2 = 0.86. Die Hypothese, dass die vier Subskalen kul- tureller Intelligenz zunehmen, konnte nicht bestätigt werden. Vielmehr konnte entgegen der Annahmen nachgewiesen werden, dass die kognitive Intelligenz signifikant abnahm (MZP1: M = 3.85, SD = 1.30; MZP2: M = 3.45, SD = 1.23; F (1,49) = 4.76, p < .05, η2 = 0.94). Des Weiteren zeigte sich eine Abnahme der metakognitiven Intelligenz am Ende des Trainings (MZP1: M = 4.82, SD = 1.35; MZP2: M = 4.72, SD = 1.11). Hier ergab sich allerding ein nur nahezu signifikanter Effekt: F (1,49) = 3.50, p = .068, η2 = .71. Die Untersuchung ergab keine signifikanten Effekte in Bezug auf die motivationale und verhaltensbezogene Intelligenz (F < 1).

Buchtel (2014) führte eine ähnliche Studie mit 54 nordamerikanischen Stu- dierenden verschiedener ethnischer Herkunft durch. Sie untersuchte ebenfalls, ob interkulturelle Trainings kulturelle Sensitivität oder aber stereotypes, rigi- des Denken fördern. Hierzu wurde ein 12-wöchiges didaktisches und kultur- spezifisches (ostasiatischer und westlicher Kulturkreis) Training durchgeführt. Bei dieser Studie handelt es sich um ein Prä-Posttest-Design mit zwei Mess- zeitpunkten und einer Kontrollgruppe. Zu Beginn und am Ende der Interventi- on wurden die Variablen kulturelle Intelligenz und essentialistisches Denken erhoben. Wie bei Fischer (2011) wurde kulturelle Intelligenz anhand o. g. Subskalen (Ang et al., 2007) erfasst. Essentialistisches Denken wurde mit Hilfe von drei Items der Implicit Person Theory (Dweck, Chiu, & Hong, 1995) und vier Items der Implicit Theory Scale (in Anlehnung an die Implicit Person Theory) ermittelt. Im Gegensatz zu Fischer (2011) führte das Training nicht zu einer Zunahme essentialistischen Denkens, aber zu einem Anstieg der metakognitiven Intelligenz: F (1, 51) = 4.65, p = .018.

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Details

Seiten
63
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668302303
ISBN (Buch)
9783668302310
Dateigröße
770 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340577
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Psychologie
Note
2,0
Schlagworte
interkulturelle Trainings antirassistische trainings

Autor

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Titel: Risiken von interkulturellen und antirassistischen Trainings. Wie kann ein Bumerang-Effekt minimiert werden?