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Lernen durch Bewegung. Einfluss gezielter Bewegungsformen auf den Mathematikunterricht

Am Beispiel einer fünften Realschulklasse

Examensarbeit 2012 40 Seiten

Didaktik - Mathematik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Die Problemfindung
1.2 Zielsetzung der Arbeit

2. Theoretische Hintergründe
2.1 Was hat Bewegung mit Lernen zu tun?
2.2 Erkenntnisse aus der Hirnforschung
2.3 Der gesellschaftliche Wandel
2.4 Gezielte Bewegungen durch Brain-Gym
2.5 Legitimation durch den Lehrplan

3. Die Beschreibung der Klassensituation

4. Die Auswahl und Beschreibung der Übungen
4.1 Didaktisch – methodische Überlegungen

5. Die Durchführung im Unterricht
5.1 Planerische Vorüberlegungen
5.2 Die Durchführung – Tag 1
5.3 Die Durchführung – Tag 2
5.4 Die Überarbeitung und Verbesserung des Bewegungsmodells
5.5 Die Durchführung – Tag 3
5.6. Die Durchführung – Tag 4
5.7. Zwischenreflexion
5.8. Die Durchführung – Tag 5 und 6
5.9. Die Durchführung – Tag 7: Das Störverhalten ausgewählter SuS
5.10. Die Durchführung – Tag 8: Der Kopfrechentest

6. Reflexion und Ausblick
6.1 Vorwort
6.2 Die Reaktion der SuS auf die Bewegungsübungen
6.3 Die Analyse der Unterrichtsstörungen
6.4 Die Analyse der Konzentration und der kognitiven Leistungsfähigkeit
6.5 Die Auswirkungen auf das Sozialklima der Klasse
6.6 Zusammenfassung und Ausblick

7. Anhang
7.1 Die Beschreibungen der Übungen
7.2 Fragebogen zur Optimierung der Übungen
7.3 Kopfrechentest 1
7.4 Kopfrechentest 2 (veränderte Aufgaben)
7.5 Auswertungsbogen (Selbstreflexion der SuS)
7.6 Der Datensatz für die Auswertung der Kopfrechentests
7.7 Die Angabe der Quellen

1. Einleitung

1.1 Die Problemfindung

Während meiner Studienzeit verfasste ich eine Seminararbeit zum Thema „Bewegungskonzepte an Ganztagsschulen“. In dieser Arbeit verglich ich drei verschiedene Schulmodelle miteinander, welche durch unterschiedlich stark ausgeprägte Bewegungskonzepte eine ganzheitliche Erziehung der Schülerinnen und Schüler anstrebten. Bei der Literaturrecherche für diese Arbeit, stieß ich auf eine Bildquelle[1], welche die Umsetzung, sowie die Erfahrungen aus Schüler- und Lehrersicht, dokumentierte. So wurden verschiedene Bewegungsphasen nicht nur in die Pausen oder in den Nachmittagsunterricht integriert, sondern auch in den alltäglichen Unterricht. Es zeigte sich, dass die Schüler mehr Spaß am Unterricht hatten und zudem einen hohen Lernzuwachs erzielten. Der Unterricht verlief störungsarm und insgesamt war ein konzentriertes undstörungsfreies Arbeiten zu beobachten. Besonders in Erinnerung blieb mir in diesem Zusammenhang ein Zitat von Dieter Hermann, dem damaligen Direktor Schulleiter der Glocksee-Schule in Hannover:

„Bewegung und Lernen gehören genauso zusammen wie man soziales, emotionales und kognitives Lernen nicht voneinander trennen kann.“[2]

Die eigentliche Idee zu dieser Arbeit entwickelte ich einige Zeit später, zu Beginn meines Referendariats. Ich übernahm nach den Sommerferien, unter anderem, eine fünfte Klasse in Mathematik. Obwohl die Klasse durchschnittlich leistungsstark ist und ich meine Stunden stets in den ersten drei Schulstunden halte, ist die Klasse oftmals sehr unruhig und unkonzentriert.Allein der Montag bildet eine Ausnahme. Montags haben wir in der dritten Stunde Mathematik und die Klasse hat vorher eine Doppelstunde Sport. Die Montagsstunde kennzeichnet sich dadurch, dass der Unterricht konstruktiver und störungsfreier ist als sonst. Es finden weniger Nebengespräche statt und die ansonsten deutlich wahrnehmbare motorische Unruhe, sowie unerlaubte und störende Bewegungen sind in dieser Stunde deutlich minimiert. Die Schüler wirken insgesamt frischer, motivierter und konzentrierter als sonst.

Aufgrund dieser Beobachtung erinnerte ich mich an die positiven Erfahrungen meiner Hausarbeit zum Thema „Bewegung an Ganztagsschulen“ und überlegte mir, ob mehr Bewegung vielleicht der Schlüssel für mein Problem sein könnte. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Sport sich positiv auf meine eigene Leistungsfähigkeit auswirkt, da ich durch sportliche Aktivitäten eine Art „Ausgleich“ zum Beruf finde. Persönlich finde ich, dass der Bewegungsaspekt in unserem heutigen Schulsystem viel zu kurz kommt und dreimal 45 Minuten Sport für eine ganzheitliche Erziehung nicht ausreichen. Aus diesem Grund interessiert mich die Frage, ob die Unterrichtsqualität sowie die Schülerleistungen durch mehr Bewegung im Unterricht positiv zu beeinflussen sind.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Mit dieser Arbeit möchte ich ein Bewegungskonzept vorstellen, dass fächerübergreifend genutzt und im alltäglichen Unterricht ohne größere Umstände integriert werden kann. Wichtig hierbei ist, dass die Schülerinnen und Schüler das Bewegungskonzept akzeptieren und Spaß daran haben. Im Fokus meiner Untersuchungen stehen folgende Leitfragen:

1. Welche Reaktion zeigen die Schülerinnen und Schüler[3] auf die Übungen?
2. Kann der Unterricht mit Hilfe der Übungen störungsfreier ablaufen als zuvor?
3. Begünstigt gezielte Bewegung die kognitive Leistungsfähigkeit der Schüler? Können sie sich länger konzentrieren und bessere Lernergebnisse abrufen?
4. Wirken sich die Übungen positiv auf das Sozialklima innerhalb der Lerngruppe aus?

Zu Beginn der Arbeit beschäftige ich mich mit den theoretischen Zusammenhängen zwischen Bewegung und Lernen im Allgemeinen. Danach stelle ich mein erarbeitetes Bewegungsmodell vor und erläutere dessen Aufbau sowie Ablauf. Bei den Übungen handelt es sich um eine Zusammensetzung verschiedener Bewegungsansätze aus dem Bereich des BRAIN-GYM[4]. Allerdings soll diese Arbeit noch einen Schritt weiter gehen. Zusätzlich sollen meinem Bewegungsmodell einige kooperative Übungsformen ergänzt und ausgewertet werden. Ich möchte überprüfen, ob kooperative Bewegungsformen sich positiv auf das Sozialklima der Klasse auswirken.

Mein Forschungsfeld beschränkt sich auf eine fünfte Klasse, welche lediglich aus 21 Schülerinnen und Schülern besteht. Einerseits möchte ich die Entwicklung der ganzen Klasse beobachten, jedoch sollen andererseits auch einzelne Schüler genauer ausgewertet werden. Die Durchführung selber beträgt ein Zeitintervall von zwei Wochen (acht Stunden). Zu Beginn jeder Stunde sollen 10 Minuten für gezielte Bewegungsübungen zu Verfügung stehen.

2. Theoretische Hintergründe

2.1 Was hat Bewegung mit Lernen zu tun?

„Bildungssysteme, die die Beweglichkeit der Schüler auf ein Minimum reduzieren – indem sie nur noch Abfolgen von Buchstaben und Zahlen auf ein Spielfeld so groß wie ein Blatt Papier aneinanderreihen -, haben nicht verstanden wie wichtig die motorische Bewegung ist.“[5]

Der Grund für Lern- und Verhaltensschwierigkeiten von Schülern liegt häufig in der unzureichenden Fähigkeit, Sinneswahrnehmungen angemessen aufzunehmen, zu ordnen und gezielt zu verarbeiten. Komplexere Handlungen, wie zum Beispiel Lesen, Schreiben und Rechnen erfordern ein reibungsloses Zusammenspiel und Verarbeiten durch unsere Sinnesorgane.[6] Bewegung und Wahrnehmung sind Lernbereiche, die nicht voneinander abzugrenzen sind. „Sie stellen die Voraussetzungen und Grundlagen für alle Kompetenzbereiche dar.“[7] Demnach besitzt die Bewegung eine entscheidende Rolle bei der Gesamtentwicklung des Menschen.

Mit Bewegung kommen wir bereits das erste Mal im Mutterleib in Kontakt. Durch das rhythmische Gehen unserer Mutter, ihre Atmung und ihren Herzschlag, bildet sich für uns die Grundlage zur Ausbildung kohärenter Muster, die uns später helfen ähnliche Strukturen der Naturwissenschaften und Sprachen zu verstehen. Durch Bewegung lernen wir unsere Umwelt kennen und speichern diese in unserem Kopf ab. Jede Bewegung ist ein sensomotorischer Vorgang, der an eine genaue Kenntnis unserer physikalischen Welt angebunden ist, von dem sich wiederum alles neue Lernen ableitet. Immer wenn wir gezielte Bewegungen ausführen, kommt es zu einer Aktivierung des Gehirns, zu einer Integration und damit öffnet sich der Weg zum Lernen selbst.[8]

2.2 Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Unser Gehirn ist die Schaltzentrale des Menschen. Von hier aus wird unser gesamtes Denken und Handeln gesteuert. Das Gehirn entwickelt sich durch seinen Gebrauch stets weiter und bildet die Schnittstelle des Körpers mit all seinen Sinnesorganen. Unsere Sinnessysteme nehmen Reize auf, die unser Gehirn anschließend verarbeitet. Diese Entwicklungsprozesse fördern die Denkstruktur und Wahrnehmungsleistung, die wiederum mit unserer Motorik in Beziehung stehen. Je stärker unsere Motorik angesprochen und trainiert wird, umso stärker sind die Auswirkungen auf eine verbesserte kognitive Entwicklung. Jegliche Bewegungs- und Sinneserfahrungen tragen hierzu bei.[9]

Der Mensch besitzt bei seiner Geburt mehr als 100 Milliarden Nervenzellen, die allerdings erst dann funktionsfähig werden, wenn sie durch Synapsen miteinander verbunden sind. Bei Kindern werden diese Verbindungen in besonders hohem Maße durch die Tätigkeit der Sinnesorgane und durch körperliche Aktivitäten erzeugt. Je mehr Reize das Gehirn verarbeiten kann, desto komplexer werden die Nervenzellen miteinander verbunden.[10]

Die Aufgabe von Neuronen besteht in der Speicherung und Verarbeitung von Informationen. Reift eine Nervenzelle heran, so bildet sie zahlreiche Fortsätze aus und schafft somit Verbindungen (Synapsen) zu anderen Nervenzellen. Durch diese Verbindungen können nun chemische Stoffe hin- und herfließen, sodass ein Informationsaustausch stattfinden kann. „Neurowissenschaftler weisen immer wieder darauf hin, dass die Vernetzung aktivitätsabhängig ist.“[11] Nervenzellen tauschen Informationen aus, indem sie sich gegenseitig elektronische Signale schicken. Um jedoch einen aktiven, sowie reibungslosen Informationsfluss zu gewährleisten, müssen die Nervenzellen zuvor aktiviert und stimuliert werden. Jede sinnliche Wahrnehmung oder Bewegung wird in eine elektrisch-chemische Aktivität umgewandelt und begünstigt die Ausbildung neuer Synapsen und die Verbindung weiterer Nervenzellen. Je öfter die bestehenden Verbindungen genutzt werden, desto effizienter sind diese. Eine schnelle und genaue Übermittlung von Nachrichten funktioniert nur, wenn die Synapse in Übung ist, das heißt, wenn sie ständig benutzt und gefordert wird. Überflüssige, weil nicht benutzte, Kontaktstellen werden vom Gehirn sogar abgebaut.[12] Durch mangelnde Reizsituationenleidet sowohl die Qualität als auch die Quantität der Kontakte zwischen den Nervenzellen und das Gehirn verliert an Leistungsfähigkeit. Die existierenden Nervenzellen können nun weniger effektiv arbeiten, da der Informationsaustausch nicht mehr optimal funktionieren kann.[13] Zusammenfassend können sensorische Reize (hervorgerufen durch Bewegung) als Nahrung für das Gehirn bezeichnet werden. Durch Bewegung werden verstärkt Botenstoffe produziert, die die Bildung neuer Synapsen begünstigen. Hierbei handelt es sich um sogenannte Neurotrophine, die vorhandene Nervenzellen zum Wachstum anregen, neue Zellen entstehen lassen und somit Lern- und Verstehensprozesse ermöglichen und verbessern.[14]

2.3 Der gesellschaftliche Wandel

In den letzten 50 Jahren haben sich die Umweltbedingungen fürSuS in zunehmendem Maße stark verändert.Die Reize, die heutzutage auf das Gehirn von Kindern und Jugendlichen einströmen, sind vergleichsweise nicht nur extrem angestiegen, sondern werden auch immer komplexer. So unterliegen beispielsweise Ernährung, das soziale Gefüge und die Freizeitbeschäftigungen heutiger Jugendlicher einem enormen Wandel. Früher haben Kinder ihre Freizeit aktiv spielend, lesend, oder helfend in Haus und Hof verbracht. Der Alltag war geprägt von viel Bewegung. „Heute sind Kinder stundenlang der Reizüberflutung des Fernsehens ausgesetzt und verbringen oft ganze Nachmittage am Computer.“[15] Diese Jugendlichen entdecken ihre Welt kaum noch durch eigene Aktivitäten. Einerseits verlangen die neuen Medien den Kindern ein Höchstmaß an Konzentration ab, jedoch sprechen diese häufig nur den Hör- und den Sehsinn an. Laut Ursula Oppolzer[16] provoziere dieser Mangel an körperlich-sinnlichen Erfahrungen vermehrt Störungen in der Wahrnehmungsverarbeitung und verursache darüber hinaus Krankheiten wie Übergewicht, Rückenprobleme und Herz- Kreislaufbeeinträchtigungen.

Sie beschreibt, dass allein das stundenlange Sitzen in der Schule und zu Hause sich negativ auf die Leistungsfähigkeit in der Schule auswirke. Zu langes Sitzen provoziere Unaufmerksamkeit, Unterrichtsstörungen und verminderte Leistungsfähigkeit.

Die heutige Lebenswelt von Schülern provoziert darüber hinaus eine ständigeAnhebung der Reizschwelle, die nötig ist, um das eigenständige Handeln und Denken zu begünstigen. Verbunden mit mangelnder Bewegung, sowie Entspannung, ergeben sich Konzentrations- und Lernschwierigkeiten. Das Gehirn verlangt in Folge dessen nach immer größeren Reizen um in Aktion zu treten, wobei die maximale Konzentrationsspanne gleichzeitig immer kürzer wird.[17]

Auch für den Unterricht bedeutet das, dass die SuS häufiger unkonzentriert und abgelenkt sind. Diese Problematik bringt allerdings noch weitere Folgen mit sich. Das menschliche Gehirn ist der Sitz des Verstandes, der Emotionen und Gefühle. Unser Gehirn steuert nicht nur Bewegungen, sondern die Ausschüttung und Regulierung unserer Hormone. So wird deutlich, dass die geistigen Funktionen des Menschen eng mit den körperlichen und seelischen in Beziehung stehen. Aus diesem Grund ist es notwendig, den Lernenden ganzheitlich anzusprechen und zu schulen.Durch gezielte Bewegungseinheiten kann das Gehirn immer wieder aktiviert werden und bleibt somit leistungsfähig.[18]

2.4 Gezielte Bewegungen durch Brain-Gym

Brain-Gymbedeutet wörtlich übersetzt „Gehirngymnastik“. Es ist der Name für eine Reihe einfacher Bewegungsübungen und Aktivitäten, welche die Lernfähigkeit fördern sollen. Brain-Gym-Übungen unterliegen keiner Altersbegrenzung und sind demnach für alle Altersstufen geeignet. Sie erleichtern das Lernen und eigenen sich deshalb besonders für den Einsatz anschulischen Institutionen. Die Brain-Gym-Übungen stellen den wesentlichen Kern der Educational Kinesiology (eingedeutscht: Edu-Kinestetik) da. Das englische Wort education stammt vom lateinischen educare und bedeutet „herausholen oder herausziehen“. Kinesiology leitet sich hingegen vom griechischen Wort kinesis ab und bedeutet „Bewegung“.[19] Die Edu-Kinesthetik ist eine von Paul Dennison entwickelte Methode, welche den Lernenden dazu verhelfen soll, ihr gesamtes Lernpotenzial abzurufen. Bestimmte Körperbewegungen und gezielte Berührungen sollen dabei helfen. Laut Paul Dennison sind manche Teile unseres Gehirns oftmals blockiert und demnach nicht in der Lage, neue Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Gerade wenn wir uns zu sehr bemühen einen neuen Sachverhalt zu verstehen, kann es in Folge dessen zu solchen Blockaden kommen. Brain-Gym soll das Lernen mit dem ganzen Gehirn ermöglichen. Durch gezielte Bewegungen soll eine Neustrukturierung des Gehirns geschaffen werden, wodurch diejenigen Teile des Gehirns zugänglich gemacht werden, die vorher blockiert waren.

Brain-Gym-Übungen sind einfache und unkomplizierte Bewegungsübungen, die je nach Übung entweder liegend, sitzend oder stehend ausgeführt werden können. Insgesamt gibt es 26 Brain-Gym-Übungen, welche in Bezug auf ihre Auswirkungen in drei Untergruppen zugeordnet sind. „Diese Zuordnung basiert auf der Grundannahme, dass das menschliche Gehirn als ein dreidimensional Ganzes, mit seinen unterschiedlichen Teilen wechselseitig in Verbindung steht.“[20] Die drei Dimensionen des Gehirns beschreibt Dennison mit der Lateralität, der Zentrierung und der Fokussierung.

1. Übungen zur Mittellinienbewegung (Übungen zur links-rechts-Dimension)

Der Mittellinienübungsbereich steht für die Lateralität (Seitigkeit) des Menschen. Lateralität ist die Voraussetzung für unsere informationsverarbeitende Intelligenz. „Die Lateralität ist die Dimension für die Aufnahme und Weitergabe von Wissen.“[21] Wie gut unser Zugang zur Lateralität ist, erkennen wir an unserer Fähigkeit zu schreiben, zu denken, zu lesen, zu sprechen und zuzuhören. Mittellinienbewegungen können diese Fähigkeiten verbessern, indem sie Fertigkeiten trainieren, bei denen die vertikale Körpermittellinie gekreuzt wird.Im Mittelpunkt der Fokussierung steht das gelungene Zusammenspiel der rechten und der linken Gehirnhälfte, dadie linke Körperhälfte von der rechten Hirnhälfte und die rechte Körperhälfte von der linken Hirnhälfte gesteuert wird.[22] So geht es beispielsweise um eine harmonische Zusammenarbeit von Augen und Ohren. „Die unterschiedlichen Fähigkeiten der beiden Gehirnhälften, das bildhafte (rechte Gehirnhälfte) und analytische Denken (linke Gehirnhälfte), werden hier als Einheit verfügbar, wenn beide als Team optimal zusammenarbeiten.“[23] Die Überkreuzbewegung ist die ideale Bewegung, um die Integration beider Seiten zu erfahren, „denn sie setzt die Koordination beider Gehirnhälften und beider Arme und Beine voraus, die abwechselnd rhythmisch bewegt werden.“[24] Nach Dennison[25] tragen regelmäßige Überkreuzbewegungen schon nach einigen Tagen dazu bei, die Kernelemente der menschlichen Bewegung zu verbessern und zu stärken.

2. Die Energieübungen (Übungen zur oben-unten-Dimension)

„Der Energieübungsbereich steht für Zentrierung, die Verbindung zwischen oberen und unteren Gehirnbereichen sowie oben und unten auf Körperebene.“[26] „Die Fähigkeit zur Zentrierung ist die Quelle unserer emotionalen Intelligenz.“[27] Energieübungen zielen darauf ab, die positive Einstellung des Lernenden zu stärken. Die Dimension der Zentrierung beruht auf der Verbindung zwischen dem emotional limbischen System (im unteren Teil des Gehirns), das alle eingehenden sensorischen Informationen verarbeitet und dem rationalen cerebralen Kortex (an der Oberseite des Gehirns). Die Zentrierung schafft eine Verbindung zwischen den instinktiven und manchmal irrationalen Bedürfnissen der unteren Teile des Gehirns und den eher logischen Fähigkeiten des Kortex.[28] „Eine mangelnde Zentrierung in diesem Bereich kann einerseits zu irrationalen Kampf-Flucht-Reaktionen führen, oder zu massiven Schwierigkeiten Emotionen auszudrücken.“[29] Die emotionale Zentriertheit äußert sich durch ein emotionales Gleichgewicht und Wachheit unseres physischen, psychischen und mentalen Systems.[30] Energieübungen verursachen eine positive Einstellung zum Leben und Lernen.

3.Die Längungsbewegungen (Übungen zur vorne-hinten-Dimension)

Übungen zu den Längungsbewegungensollen die Fokussierung fördern. Unter Fokussierung versteht Dennison[31] die Intelligenz, die sich in unserer bewussten Aufmerksamkeit zeigt. Die Fähigkeit unsere Beteiligungsmittellinie (senkrechte Linie durch die seitliche Ansicht des Körpers) zu kreuzen, ist für ihn der Schlüssel zur Konzentration und zum Verständnis. Die Dimension der Fokussierung beruht auf der Verbindung zwischen dem Hirnstamm, in dem die einfachen Überlebensinstinkte sitzen und dem Stirnlappen, der für die emotionslose Vision unseres Ziels verantwortlich ist.[32] Es geht darum neue Informationen mit dem bereits gespeicherten Vorwissen zu verknüpfen. Schüler, denen es schwer fällt sich zu fokussieren, werden oftmals als unaufmerksam, hyperaktiv oder sprachlich zurückgeblieben etikettiert. Zudem fällt es ihnen schwer, zuvor Gelesenes mit eigenen Worten wiederzugeben. Arbeiten Hirnstamm und Hirnlappen nicht reibungslos miteinander, können einfache Stresssituationen wie Leistungskontrollen zu Black-Out-Situationen führen, da der Gehirnstamm diese Situation als bloße Überlebenssituation erkennt und somit fasch einstuft.[33] Durch Stresssituationen und Fehlhaltungen (zu langes Sitzen) können Verspannungen entstehen, denen durch Längungsbewegungen entgegengewirkt werden kann.

„Lernen mit dem ganzen Gehirn – was noch zur Zeit unserer Großeltern viel leichter war – ist dann möglich, wenn mit diesen drei Elementen der Kontext dafür geschaffen wird, und zwar in Form von Ganzkörper-Bewegungen.“[34] Gelingt es uns, die Dimension Zentrierung durch die Dimension Fokussierung und Lateralität auszubalancieren, so sind wir in der Gegenwart stärker präsent. Wir sind emotional stabil und unser Selbstbewusstsein ist gestärkt. Somit sind wir optimal organisiert und in der Lage effektiv zu handeln und zu lernen. Wir sind uns unserer Aufgaben bewusst und gelangen mühelos in Richtung unserer Zielvorstellung, indem wir entspannt sind und rational arbeiten können. „Die vollständige Integration dieser drei Aspekte ermöglicht den Einsatz des gesamten Gehirns und die Integration von Körper und Herz.“[35] „So ist die Balance auf diesen drei Ebenen eine Grundvoraussetzung für das schulische Lernen.“[36]

[...]


[1] Ralf Laging, Mathias Michel und Aline Becker: Bewegt den ganzen Tag. Bewegungskonzepte in der ganztägigen Schule. Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmansweiler 2007/2008

[2] ebd.

[3] im weiteren Verlauf mit SuS abgekürzt

[4] Brain-Gym© ist ein eingetragenes Warenzeichen.

[5] Robert Sylvester: A Biological Brain In a CulturallClassroom: Applyingbiologicalresearchtoclassroommanagement, Corvin Press, 2000, aus: Hannaford, Carla: Bewegung – das Tor zum Lernen, VAK Verlags GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 1996

[6] Vgl.: Beweg dich, Schule! Eine „Prise Bewegung“ im täglichen Unterricht der Klassen 1 bis 10. Sol Argent Media AG, Basel 2005, S. 16

[7] ebd.

[8] Vgl.: Carla Hannaford: Bewegung – Das Tor zum Lernen. VAK Verlags GmbH, Kirchzarten 2008, S. 132 ff.

[9] Vgl.: Renate Zimmer: Handbuch der Bewegungserziehung. Verlag Herder im Breisgau 2004, S. 43 ff.

[10] ebd.

[11] Renate Zimmer: Handbuch der Bewegungserziehung. Verlag Herder im Breisgau 2004, S. 43

[12] Vgl.: A. John Eyres: Bausteine der kindlichen Entwicklung. Berlin: Springer Verlag 2002, S. 65

[13] Vgl.: Renate Zimmer: Handbuch der Bewegungserziehung. Verlag Herder im Breisgau 2004, S. 43 ff.

[14] Vgl.: Carla Hannaford: Bewegung – Das Tor zum Lernen. VAK Verlags GmbH, Kirchzarten 2008, S. 135

[15] Ursula Oppolzer: Bewegte Schüler lernen leichter. Ein Bewegungskonzept für Primarstufe und Sekundarstufe. Verlag modernes Lernen, Borgmann KG, Dortmund, 2004, S. 14 ff.

[16] ebd.

[17] Vgl.: Ursula Oppolzer: Bewegte Schüler lernen leichter. Ein Bewegungskonzept für Primarstufe und Sekundarstufe. Verlag modernes Lernen, Borgmann KG, Dortmund, 2004, S. 17 ff.

[18] ebd.

[19] Vgl.: Paul E. Dennison, Gail E. Dennison: BRAIN-GYM, VAK Verlags GmbH, Kirchzarten 2004, S. 8

[20] www.monikadrinda.de/resources/Artikel2_Comed.pdf

[21] Paul E. Dennison: Brain-Gym – Mein Weg. Lernen mit Lust und Leichtigkeit. VAK Verlag GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2006, S. 97

[22] Vgl.: Paul E. Dennison: Brain-Gym – Mein Weg. Lernen mit Lust und Leichtigkeit. VAK Verlag GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2006, S. 95 ff.

[23] www.monikadrinda.de/resources/Artikel2_Comed.pdf

[24] Paul E. Dennison: Brain-Gym – Mein Weg. Lernen mit Lust und Leichtigkeit. VAK Verlag GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2006, S. 97

[25] ebd.

[26] www.monikadrinda.de/resources/Artikel2_Comed.pdf

[27] Paul E. Dennison: Brain-Gym – Mein Weg. Lernen mit Lust und Leichtigkeit. VAK Verlag GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2006, S. 117

[28] ebd.

[29] www.monikadrinda.de/resources/Artikel2_Comed.pdf

[30] Vgl.: www.monikadrinda.de/resources/Artikel2_Comed.pdf

[31] Paul E. Dennison: Brain-Gym – Mein Weg. Lernen mit Lust und Leichtigkeit. VAK Verlag GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2006, S. 118

[32] ebd.

[33] www.monikadrinda.de/resources/Artikel2_Comed.pdf

[34] Paul E. Dennison: Brain-Gym – Mein Weg. Lernen mit Lust und Leichtigkeit. VAK Verlag GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2006, S. 120

[35] ebd.

[36] www.monikadrinda.de/resources/Artikel2_Comed.pdf

Details

Seiten
40
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668331884
ISBN (Buch)
9783668331891
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340409
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
2.0
Schlagworte
Mathematik gezielte Bewegungsformen Leistungsfähigkeit kognitive Leistung Unterricht

Autor

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Titel: Lernen durch Bewegung. Einfluss gezielter Bewegungsformen auf den Mathematikunterricht