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Hospitationsbeobachtungen von Unterrichtsstörungen, Lob und Kritik

Mit Unterrichtsentwurf zum Thema Begrenztheit der Wahrnehmung am Beispiel Blinder

Praktikumsbericht / -arbeit 2012 35 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Schulbeschreibung

2. Allgemeine Hinweise zum Praktikum
2.1 Betreuende LehrerInnen
2.2 Klassen

3. Hospitationsbeobachtungen
3.1 Fachdidaktischer Aspekt: Unterrichtsstörungen
3.1.1 Definition
3.1.2 Ursachen der Unterrichtsstörungen
3.1.3 Ziele der Unterrichtsstörungen
3.1.4 Intervention von Unterrichtsstörungen
3.2 Fallanalyse
3.2.1 Beispiel
3.2.2 Analyse
3.3 Soziale/psychologische Aspekte: Lob und Kritik
3.3.1 Beobachtungen
3.3.2 Analyse
3.3.3 Allgemeine Betrachtungen

4. Der eigene Unterricht
4.1 Sachanalyse
4.2 Didaktische Analyse
4.3 Einordnung der Unterrichtsstunde
4.4 Wahl der Methoden und Medien
4.5 Einfügung des Themas in die Unterrichtseinheit
4.6 Durchführung
4.7 Auswertung

5. Quellenverzeichnis

6. Anhang

1. Schulbeschreibung

Das von mir in meinem Praktikum besuchte Gymnasium befindet sich in Musterstadt. Das grundlegende Unterrichtsziel der Musterschule ist die Wissensvermittlung und das eigenverantwortliche Lernen. Dabei ist es sehr wichtig, dass eine gute Lernatmosphäre geschaffen wird, welche nur durch einen wertschätzenden Umgang miteinander erreicht werden kann. Die Schüler sollen zu weltoffenen, selbstständigen und toleranten Menschen erzogen werden, dabei soll jedoch auch auf ihre persönlichen Fähigkeiten und Berufswünsche eingegangen werden. Um diesen breit gefächerten Anlagen gerecht zu werden, bietet die Schule ein vielfältiges Fremdsprachenangebot, so wie viele außerschulische Projektarbeiten an. Für hochbegabte Schüler gibt es überdies ein besonderes Förderungsprogramm, in welchem die Schüler speziell abgestimmte Förderpläne und Beratungen erhalten. Zu diesem Zwecke arbeitet die Schule eng mit kompetenten außerschulischen Institutionen zusammen.

Das im Jahre 2008 herausgegebene Schulprogramm bietet weitere Einblicke in die vielfältigen Möglichen, die sich den SuS bieten. Darunter gibt es zum Beispiel einen Kurs zum Thema „Lernen lernen in Klasse 5“, Projekttage zu „soziales Lernen“ und Experimentalunterricht in geteilten Gruppen.

Weiterhin wird in dem Programm deutlich, welche Bandbreite von Interessen durch die AGs abgedeckt werden. Hier gibt es die Schülerzeitung, die Schulband, Theater, Mathezirkel, Naturwissenschaft und vieles mehr. Das Schullandheim in Xxxxx bietet weitere Fördermöglichkeiten. In die Klassenstufen 5 bis 9 ist ein jährlicher Aufenthalt von 5 Tagen integriert, die Oberstufenkurse nutzen diesen Ort für Arbeits- und Studienwochenenden. Somit ermöglicht das Landheim außerschulisches Lernen, das Durchführen von besonderen Projektarbeiten und sportliche Aktivitäten. Weiterhin kann hier der Gemeinschaftssinn und die soziale Kompetenz der Schüler gefördert werden.

Durch diese Angebote wird deutlich, was die Schule auch in ihrem Leitbild verspricht: Es geht zwar einerseits um den Erwerb von Fachwissen, doch andererseits auch um soziales Lernen, Kompetenzentwicklung und eigenständigem, überlegtem Denken und Beurteilen. Auch das Unterrichtsangebot ist dementsprechend vielfältig, bereits in der 5. Klasse wird eine zweite Fremdsprache gewählt. Weiterhin ist es möglich, statt Englisch als erster Fremdsprache Spanisch zu wählen. Dennoch legt die Musterschule auch viel Wert auf den mathematisch-naturwissenschaftlichen, den musikalisch-bildnerischen und den gesellschaftswissenschaftlichen Anteil. Somit bietet sie mit ihrem Programm eine Fülle von Ausbildungsmöglichkeiten, welche jedem Kind gerecht werden können.

Die Musterschule hat in allen Jahrgangsstufen Ethik als Ersatzfach für Religion eingeführt. Gemäß der Verordnung über den Ethikunterricht vom 14. Juni 1995 sind alle Schüler (sofern sie nicht der jüdischen Religion angehören) verpflichtet, am Religions- bzw. Ethikunterricht teilzunehmen.

2. Allgemeine Hinweise zum Praktikum

2.1 Betreuende LehrerInnen

Während des Praktikums wurde der Unterricht von Herrn X und Frau Y besucht. Weiterhin gab es einzelne Kontakte zu anderen Kolleginnen und Kollegen. Der Kontakt zu den betreuenden Personen war sehr gut und offen, nach dem Unterricht war meistens noch etwas Zeit um über den Verlauf des beobachteten Unterrichts zu sprechen und positive, sowie negative Ereignisse aufzugreifen. Auch wurde hin und wieder meine Meinung eingeholt im Bezug auf weitere Fragestellungen und Arbeitsaufträge. Während der Stunden war es mir jederzeit gestattet mich einzumischen und selbst Fragen zum Thema zu stellen. Auch eigene Unterrichtsversuche wurden in der Vorbereitung begleitet und unterstützt, weiterhin erfolgte im Nachhinein eine kurze Nachbesprechung, bei der der Verlauf der Stunde gemeinsam analysiert wurde.

2.2 Klassen

Im Folgenden soll kurz auf die regelmäßig besuchten Klassen eingegangen werden. Ein Kurs der Klasse 7 fand am Donnerstag in der 3. und 4. Stunde statt. Die Klasse umfasste zunächst 17 Schülerinnen und Schüler (im Folgenden nur noch als Schüler bezeichnet), im Verlauf des Praktikums kam eine Schülerin aus einer anderen Schule hinzu. In der Klasse sind größtenteils Kinder mit Migrationshintergrund. Weiterhin ist noch zu sagen, dass diese Klasse sehr unruhig und schwer zu händeln ist. Weiterhin wurde eine E1 besucht, welche 23 Schüler umfasst (Unterricht am Dienstag in der 5. und 6. Stunde) und eine 5. Klasse mit 23 Schülern, deren Unterricht am Freitag in der 3. und 4. Stunde stattfindet. Alle Klassen nutzten als Material vor allem Kopien.

3. Hospitationsbeobachtungen

3.1 Fachdidaktischer Aspekt: Unterrichtsstörungen

3.1.1 Definition

Nach Keller[1] sind Unterrichtsstörungen „unterschiedliche Formen abweichenden Verhaltens, die das Lehren und Lernen mehr oder weniger stark beeinträchtigen“. Demnach ist nicht festgelegt, was eine Unterrichtsstörung genau ist, sondern es handelt sich dabei um eine subjektive Beurteilung des Lehrers bzw. der Gruppe. Es kann nicht von außen festgelegt werden, was normabweichendes Verhalten ist, auch nicht von einem Lehrer oder einer Schülergruppe[2]. Unterrichtsstörungen werden immer subjektiv erfasst.

Keller unterscheidet jedoch zwischen fünf unterschiedlichen Erscheinungsformen der Unterrichtsstörungen:

Als erstes akustische Störungen (Reden, Handygeräusche), zweitens motorische Störungen (Wippen mit dem Stuhl, Herumlaufen), aggressives Verhalten (verbale und körperliche Angriffe, Zerstörung von Mobiliar), geistige Abwesenheit und Verweigerung (Zuspätkommen, keine aktive Mitarbeit in der Stunde), weiterhin können externe Einflüsse (Baulärm, Nebenklassen) das Unterrichtsgeschehen stören[3].

Es gibt nach Dreikurs zwei unterschiedliche kindliche Verhaltensweisen, die jeweils zu Unterrichtsstörungen führen können: das konstruktive und das destruktive Verhalten. Diese Unterscheidung wird von der Stellung in sozialen Gemeinschaften geprägt. Die destruktiv handelnden Schüler entwickeln im Gegensatz zu konstruktiv handelnden eine ablehnende Haltung, was sich in frechem Verhalten, Faulheit, Wutausbrüchen oder Unordnung äußern kann. Doch auch konstruktives Verhalten kann zu Störungen des Unterrichts führen, beispielsweise durch Schmeicheln oder Eitelkeit[4].

3.1.2 Ursachen der Unterrichtsstörungen

In Bezug auf diese Typologien von Verhalten spricht Krause (2006) von „Sozialen Konflikten“ als „„inkompatible, unvereinbare Handlungen oder Handlungstendenzen“. Sie entstehen, wenn sich Parteien darüber bewusst werden, dass Unvereinbarkeiten entstanden sind. Krause nennt drei verschiedene Bereiche, in die er alle Aspekte der Konfliktursache einordnet: Die beteiligten Personen können ihrerseits starke Einzelinteressen oder mangelnde Anpassungsfähigkeiten aufweisen und Vorurteile, Misstrauen oder Machthunger entwickeln. Der nächste Bereich ist die soziale Beziehung zwischen Einzelpersonen. Hier wird sowohl auf fehlende emotionale Unterstützung oder Anerkennung der Leistung, als auch auf Über- oder Unterforderung verwiesen.

Eine weitere große Rolle, um Unterrichtsstörungen oder soziale Konflikte entstehen zu lassen, spielen das Umfeld, bzw. die organisatorischen Strukturen. Impliziert werden an dieser Stelle divergierende Ziele, ein zu geringer Entscheidungsspielraum und eine unausgewogene Zeitverteilung[5].

Eine weitere Ursache ist laut Heckt die Kommunikationsstörung, welche daraus entstehe, dass Schüler und Lehrer aneinander vorbei reden und nicht zu gemeinsamen Ergebnissen kommen. So kommen Missverständnisse zustande und der Kommunikationsprozess wird sehr mühsam[6].

Eine weitere Ergänzung zu den bisher dargebotenen Ursachen findet man bei Keller. Danach können beispielsweise auch Entwicklungsstörungen aufgrund von seelischen Traumata zu den Ursachen zählen. Die betroffenen Schüler und Schülerinnen haben ein Problem, sich mit den Bezugspersonen zu identifizieren, bzw. löst es in ihnen eine Erinnerung an problematische Autoritätspersonen aus. Dadurch werden die Kommunikation und die Beziehung sehr problematisch. Weitere Ursachen findet Keller in Entwicklungskrisen (z.B. Pubertät) oder Ablehnung von Fremdbestimmung. Das kann dazu führen, dass der Verhaltens- und Normkodex kritisch hinterfragt wird. Unter dem Einfluss ihrer Cliquen testen die Schülerinnen und Schüler das Überschreiten von Grenzen und führen so Unterrichtsstörungen herbei. Auch manche neurobiologischen Störungen können solche Störungen hervorbringen, zum Beispiel das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), ADHS oder Hyperaktivität. Ein weiterer Auslöser können familiäre Probleme sein. Sie lösen starke psychische Spannungen aus und widerstreben dem Harmoniebedürfnis der Kinder. Zwangsläufig wirkt sich dann die Überforderung der Eltern auf die Zunahme von problematischen schulischen Verhaltensweisen aus. Familiäre Erziehungsfehler spielen hier ebenso eine große Rolle. Es kommt schnell zu einem auffälligen Verhalten der Kinder, wenn Eltern sich inkonsequent verhalten und ihrem Kind keine festen Grenzen setzen[7].

Allerdings darf die Ursache der Probleme nicht nur bei den Schülern und ihren Familien gesucht werden, sondern auch bei den entsprechenden Lehrpersonen. Ein Lehrer kann durch langweiligen Unterricht, Methodenmangel oder zu geringer Organisation selbst zu Unterrichtsstörungen führen. Dies bestätigt auch eine Untersuchung von Helmke und Renkl, die vier Jahre lang an verschiedenen Grundschulklassen durchgeführt wurde. Sie zeigte, dass Unterschiede des kognitiven Eingangsniveaus, der Geschlechterverteilung, der Klassengröße usw. keine bis kaum eine Rolle spielten bezüglich des Schülerverhaltens. Dagegen zeigten sich große Unterschiede bei unterschiedlichen Lehrkräften[8].

3.1.3 Ziele der Unterrichtsstörungen

Dreikurs erklärt, dass es bei Unterrichtsstörungen meistens um das Erlangen von Aufmerksamkeit geht, da die Kinder diese selten auf andere Weise erlangen können. Ein weiteres Ziel kann sein, die Überlegenheit über den Lehrer zu zeigen. Dabei kommt es meist zu einem Machtkampf zwischen Lehrer und Schüler, in dem der erstere durch seine moralischen Pflichten eingeschränkt wird. Das macht es dem Schüler noch leichter, seine Überlegenheit zu verdeutlichen. Rache kann für Schüler und Schülerinnen auch eine Motivation zu Unterrichtsstörungen sein. Es kommt vor, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen und dieses Verhalten auf ihre Weise vergelten wollen. Natürlich kann es auch sein, dass Kinder einfach ihre Ruhe haben wollen, um sich nicht vor den Mitschülern zu blamieren, das führt dazu, dass sie sich einfach weigern, irgendetwas von sich zu geben[9].

Zusätzlich kann das Argument von Winkel angeführt werden. Er sagt, dass Kinder durch Unterrichtsstörungen Liebe erhalten wollen. Das tritt oft zusammen mit speziellen Verhaltensmustern auf, wie das Betteln um ein Lob oder starke Anhänglichkeit an den Lehrer[10].

3.1.4 Intervention von Unterrichtsstörungen

Sollten Unterrichtsstörungen auftreten, ist eine Konflikthandlung unumgänglich. Die Konflikthandlung beschreibt „die Art des Umgangs mit Konflikten (...), also die Gestaltung oder Steuerung von Konfliktverläufen“[11]. Keller beschreibt nach Lohmann die Konflikthandlung als Intervention, mit dem Ziel „die Störung schnellstmöglich zu unterbinden, um umgehend zum Unterricht zurückzukehren[12].

Um Spannungen abbauen zu können, muss dies möglichst bewusst und zielgerichtet ablaufen. Es gibt drei Strategien mit Unterrichtsstörungen umzugehen, in die sich die Konflikthandlungen einteilen lassen: Zunächst gibt es die Gewinn-Verlust-Strategie, bei der nur eine Partei gewinnen kann, die andere verliert zwangsläufig. Bei der Verlust-Verlust-Strategie müssen sowohl Lehrer als auch Schüler von ihrem Standpunkt abrücken und zu einem Kompromiss kommen. Laut Krause kann es aber auch vorkommen, dass beide Parteien gewinnen (Gewinn-Gewinn-Strategie), nämlich dann, wenn die Lösung für beide Seiten zufriedenstellend ist.

Lehrer können auf viele Weisen auf Störungen reagieren. Keller unterscheidet hierbei zwischen Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen. Unter Erziehungsmaßnahmen versteht er Umsetzen, Ermahnungen, Schüler- oder Elterngespräche und Verweisungen aus dem Klassenzimmer. Schulrechtliche Ordnungsmaßnahmen sind zum Beispiel schriftliche Verweise, Ausschluss vom Unterricht oder Schulverweis. Diese sind im Gegensatz zu den Erziehungsmaßnahmen gesetzlich festgelegt[13].

Winkel gibt einige konkrete Möglichkeiten, mit Unterrichtsstörungen umzugehen, die sich von den bisherigen Möglichkeiten unterscheiden. Man kann Störungen zum Beispiel ignorieren, dadurch erledigen sie sich von selbst und dem Schüler wird keine intensivere Beachtung geschenkt. Geringe Störungen können auch durch einfache Gesten und Mimik unter Kontrolle gebracht werden, zum Beispiel durch Augenbrauen hochziehen oder einem langen Blick zu dem entsprechenden Schüler. Es kann auch genügen, dem Schüler ein wenig Zuwendung in Form eines Lächelns oder einer liebevollen Geste entgegenzubringen. Diese Form der Handhabung besitzt die Funktion des Tröstens. Auch Humor kann die Störungen beseitigen, weil er die Situation auflockert und dadurch neue Lösungswege eröffnet.

Bei stärkeren Störungen kann es nötig werden, ein Gespräch mit dem entsprechenden Schüler zu führen. Das kann entweder direkt nach dem Unterricht oder zu einem später verabredeten Zeitpunkt mit etwas mehr Zeit durchgeführt werden. In diesem Gespräch sollte der Lehrer darauf eingehen, was ihm an dem Verhalten nicht gefallen hat und nach den Gründen dafür fragen, jedoch auch die positiven Seiten des Schülers betonen, um ein Abblocken zu verhindern[14].

In „Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme“ stellt Dreikurs seinen Ansatz dar, die Ziele der Schüler und Schülerinnen zu verändern und zu korrigieren. So soll den Unterrichtsstörungen konstruktiv begegnet werden. Diese Herangehensweise zielt auf Kooperation und einer gleichwertigen Schüler-Lehrerbeziehung durch Ermutigung[15].

3.2 Fallanalyse

3.2.1 Beispiel

Nach einer kurzen Begrüßung überprüft der Lehrer einer 7. Klasse die Anwesenheit seiner Schüler und fasst daraufhin mit kurzen Worten zusammen, was in der letzten Stunde thematisch behandelt wurde. Dann fordert er zwei Schüler auf, nun ihr Referat zu halten. Die beiden kommen nach vorne und präsentieren sehr interaktiv mithilfe von Overhead und einem Plakat ihre Ausarbeitungen. Am Ende des Referates verteilen sie eine Zusammenfassung, der auch ein Fragenkatalog angeheftet wurde. Diesen Katalog sollen alle bis zur nächsten Stunde beantworten, wobei sich nur an das Referat erinnert werden soll. Die beiden Schüler versprechen, demjenigen, der die besten Antworten hat, eine Belohnung mitzubringen.

Nachdem die beiden wieder sitzen, teilt der Lehrer die Klasse in Gruppen auf und gibt jeder Gruppe einen Text, den sie zusammenfassen soll. Am Ende der Bearbeitung soll diese Zusammenfassung dem Rest der Klasse vorgestellt werden. Während der Bearbeitung fangen zwei Schülerinnen an, sich mit dem Fragenkatalog zu beschäftigen und werden deshalb vom Lehrer ermahnt. Sie schieben ihn jedoch nur unter die zu bearbeitenden Texte und warten, bis der Lehrer sich mit anderen Gruppen beschäftigt, die einige Fragen haben, dann holen sie ihn wieder hervor und beantworten weiter die Fragen. Als der Lehrer dies bemerkt wird er deutlicher und verlangt, dass die Schüler die Fragenkataloge wegpacken. Als die Schülerinnen die Fragen wieder unter ihre Texte schieben wollen reagiert der Lehrer sehr gereizt und wartet, bis die beiden unter Maulen die Fragen in ihre Rucksäcke gesteckt haben. Die weitere Textbearbeitung verläuft ohne größere Zwischenfälle.

Nachdem alle fertig sind, beginnt die erste Gruppe mit dem Vorstellen ihres Textes. Dazu kommt sie nach vorne, der Lehrer begibt sich zu einem seitlichen Stuhl und setzt sich. Dabei sitzt er so, dass er nur noch den vorderen Teil der Klasse im Blick hat, er ist auf die vortragende Gruppe fixiert. Das nutzen die beiden Schülerinnen, um ihre Fragenkataloge erneut hervor zu holen. Sie achten nicht mehr auf den Gruppenvortrag sondern beschäftigen sich mit der Beantwortung der Fragen, wobei sie sich halblaut unterhalten. Der Lehrer bemerkt die störenden Stimmen, dreht sich halb um und sieht die Schülerinnen solange an, bis sie es bemerken und das Reden einstellen. Den Fragenkatalog hat der Lehrer jedoch übersehen, was die Schüler, die in der Reihe vor den beiden Schülerinnen sitzen, stört. Sie beginnen sich halblaut über den Zustand zu beschweren, was wiederum die Aufmerksamkeit des Lehrers weckt. Er unterbricht die vortragende Gruppe, was zu einigen beleidigten Blicken führt, und wendet sich den maulenden Schülern zu. Die Schülerinnen streiten ab, sich mit den Fragen beschäftigt zu haben, nachdem sich jedoch auch andere Schüler beschweren nimmt der Lehrer den Schülerinnen ihre Fragenkataloge ab, was zu einer kurzen Diskussion führt, die der Lehrer aus Zeitgründen abbricht. Nach diesem Vorfall ist die eine der beiden Schülerinnen sehr gereizt und lässt ihre Aggression an dem vor ihr sitzenden Schüler aus, der sich über sie beschwert hat, indem sie regelmäßig gegen seinen Stuhl tritt. Die umsitzenden Schüler sind durch das Geräusch abgelenkt und konzentrieren sich eindeutig nicht mehr auf die weiteren Vorträge. Der Lehrer mischt sich jedoch die restliche Stunde nicht mehr ein.

3.2.2 Analyse

Im angegebenen Fall handelt es sich um eine, wie Keller sagt, abweichende Form von Verhalten, die das Lehren und Lernen mehr oder weniger stark beeinflusst. Zunächst wird dadurch der Ablauf der Stunde nicht gestört, mit fortlaufender Zeit nimmt die Störung allerdings immer größere Ausmaße an, bis zuletzt das ganze Unterrichtsgeschehen unterbrochen werden muss und sich die anderen Schüler massiv gestört fühlen.

In diesem Fall treten unterschiedliche Formen von Unterrichtsstörungen auf, die in der wissenschaftlichen Erarbeitung schon aufgeführt wurden (Keller). In dieser Unterrichtsstörung ist eine Verweigerung, eine akustische Störung und ein aggressives Verhalten zu beobachten. Während der Gruppenarbeit sind zwei der Schülerinnen nicht auf ihr Arbeitsmaterial, sondern auf die zuvor gegebenen Hausaufgaben konzentriert. Dieses Verhalten fällt laut Keller unter den Begriff der Verweigerung, die Schülerinnen beteiligen sich nicht am momentanen Unterrichtsgeschehen. Das ist auch nicht durch mehrmaliges Ermahnen in den Griff zu bekommen. Nachdem der Lehrer durch das Vortragen einer Gruppe die Klasse nicht mehr im Blick hat, beginnen die Schülerinnen sich halblaut über die Fragen der Hausaufgabe zu unterhalten, es kommt zu einer akustischen Störung des Unterrichts, die jedoch recht schnell vom Lehrer unterbunden wird. Weiterhin tritt bei einer Schülerin ein aggressives Verhalten auf, nachdem sie von einigen Klassenkameraden, die sich von ihr stark gestört fühlten, an den Lehrer verraten wird. Sie beginnt einen der Schüler zu beschimpfen und ihm von hinten gegen den Stuhl zu treten, was dazu führt, dass noch weitere Schüler vom Unterricht abgelenkt werden.

In diesem Fall gibt es mehrere Motive, durch die sich das aufgetretene Verhalten erklären lässt. Krause nennt in seinen Ausführungen beispielsweise Einzelinteresse und soziale Beziehungen als Grundlage für Unterrichtsstörungen. Beide könnten Ursache der Störung sein, die Schülerinnen wollen am Nachmittag mehr freie Zeit haben oder denken vielleicht, dass sie dadurch, dass sie sich kurz nach dem Vortrag besser an die Dinge erinnern können, schneller mit den Aufgaben fertig sind, als wenn sie sich nachmittags daran erinnern müssen. Eine weitere, einfache Möglichkeit ist, dass ihnen einfach langweilig war, da der Unterricht keine Abwechslungen bietet. Diese Faktoren könnte man dem Einzelinteresse zuordnen. Unter den Oberbegriff soziale Beziehungen fällt auch fehlende Anerkennung von Leistungen, vielleicht wollten die beiden Schülerinnen gerne die Belohnung für die besten Antworten bekommen, weil ihre Leistungen in Ethik sonst nicht so gut sind und dachten, dass sie kurz nach dem Vortrag noch am meisten wissen, beziehungsweise, dass sie bessere Chancen haben, wenn sie sich gemeinsam an die Dinge erinnern und sich nicht nachmittags alleine mit den Fragen konfrontieren. Das würde dann auch sicher dem Lehrer positiv auffallen und sie würden eventuell noch von ihm für ihre Leistungen gelobt werden. Diese Suche nach Lob und Gewinnen von Liebe ist nach Winkel auch ein Grund für das Stören von Unterricht.

Die später auftretende Aggression der einen Schülerin ist allerdings auf andere Gründe zurückzuführen. Hier dürfte ein Problem sein, dass sie sich nicht vom Lehrer fremdbestimmen lassen will (Keller), sie möchte selbst entscheiden, wann sie ihre Hausaufgaben macht und wann sie dem Unterricht folgt, weiterhin möchte sie sich nicht sagen lassen, wann sie etwas einpacken soll und wann nicht. Dadurch, dass ihr der Lehrer keine Entscheidungsfreiheit gibt fühlt sie sich eingeschränkt, eventuell in die Ecke gedrängt, was dazu führt, dass sie sich nur noch durch Aggressionen zu helfen weiß. Das weitere große Problem ist, dass sie sich von den anderen Schülern verraten fühlt, der „Kodex“, der besagt, dass die Schüler gegen den Lehrer zusammenhalten, wird durchbrochen, die anderen Schüler „petzen“. Dadurch führen auch sie eine Störung herbei, die sich durch ihr Einzelinteresse erklären lässt. Die anderen Schüler wollen eine Gleichberechtigung, eine Chancengleichheit, was die Beantwortung der Fragen angeht.

Eine weitere Problematik ist, dass die Schülerinnen auch nach mehrmaliger Ermahnung nicht von der Beantwortung der Fragen ablassen. Eine Ursache hierfür könnte in einer inkonsequenten Erziehung durch die Eltern liegen(Keller). Wenn sie von zuhause gewohnt sind, dass sie auf eine Zurechtweisung nicht hören müssen, da die Eltern irgendwann nachgeben, übertragen sie das auch auf Situationen im Schulalltag.

Doch die Schuld darf nicht nur auf der Schüler-Seite gesucht werden, sondern auch das Verhalten des Lehrers ist kritisch zu betrachten. Zum einen fällt auf, dass die Stunde nicht besonders gut geplant ist, eine Methodenarmut fällt ins Auge. Zu Beginn der Stunde ein Vortrag, dann Ausarbeitung von Vorträgen und zum Ende der Stunde noch einige Vorträge – dieser Unterricht kann schnell Langeweile hervorrufen, was dazu führt, dass sich die Schüler mit anderen Dingen beschäftigen, in diesem Fall mit den Hausaufgaben, für die es eventuell auch noch eine Belohnung und ein Lob geben könnte. Zum anderen fällt auf, dass er auf die Störungen unterschiedlich reagiert. Am Anfang ist seine Reaktion noch sehr zielstrebig und klar, die Schülerinnen fügen sich für einige Zeit ohne Einwände seinen Anweisungen. Auch ihr Reden unterbindet er durch einen Blickkontakt, wodurch die anderen Schüler nicht gestört werden. Doch nach der letzten großen Störung, bei der die vortragende Gruppe sogar unterbrechen musste, ignoriert er, dass die Schülerin durch ihre Aggression alle um sie herum sitzenden Schüler vom Unterricht ablenkt. Vermutlich tut er das aufgrund des aufgetretenen Zeitmangels, doch gerade hier wäre ein Eingreifen vermutlich sinnvoll gewesen, da ein Schüler massiv durch die Schülerin beeinträchtigt wird. Um Zeit zu sparen hätte er die störende Schülerin beispielsweise zu einem Gespräch nach der Stunde bitten können. Weiterhin hätte er meiner Ansicht nach auch auf die Schüler eingehen müssen, die die beiden Schülerinnen verraten haben, erstens haben auch sie eine Störung verursacht und zweitens fördert er durch seine Reaktion eine feindliche Atmosphäre zwischen den Schülern.

[...]


[1] Keller: Disziplinmanagement in der Schulklasse, 2008, S.21.

[2] Winkel: Der gestörte Unterricht, 1993, S. 31.

[3] Keller: Disziplinmanagement in der Schulklasse, 2008, S.21f.

[4] Dreikurs: Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme, 2007, S.24 – 26.

[5] Krause: Kommunizieren – Kooperieren – Konflikte lösen, 2006, S.87.

[6] Heckt: Kommunizieren – Kooperieren – Konflikte lösen, 2006, S. 33.

[7] Keller: Disziplinmanagement in der Schulklasse, 2008, S. 29 – 33.

[8] Nolting: Störungen in der Schulklasse, 2002, S. 19.

[9] Dreikurs: Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme, 2007, S. 24 – 28.

[10] Winkel: Der gestörte Unterricht, 1993, S. 34.

[11] Kommunizieren – Kooperieren – Konflikte lösen, 2006, S. 87.

[12] Keller: Disziplinmanagement in der Schulklasse, 2008, S. 37.

[13] Keller: Disziplinmanagement in der Schulklasse, 2008, S. 37 – 39.

[14] Keller: Disziplinmanagement in der Schulklasse, 2008, S. 45f.

[15] Dreikurs: Lehrer und Schüler lösen Disziplinprobleme, 2007, S. 36 – 49.

Details

Seiten
35
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668333741
ISBN (Buch)
9783668333758
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340388
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
Schlagworte
hospitationsbeobachtungen unterrichtsstörungen kritik unterrichtsentwurf begrenztheit wahrnehmung beispiel blinde

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Titel: Hospitationsbeobachtungen von Unterrichtsstörungen, Lob und Kritik