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Frauen als Bedrohung? Frauengestalten in Franz Kafkas Romanfragment "Der Verschollene"

Analyse unter Berücksichtigung von Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter"

Bachelorarbeit 2015 42 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Amerikas Frauen – Die Oberköchin, Klara und Brunelda im Blick
2.1. Klara Pollunder
2.2. Oberköchin Grete Mitzelbach
2.3. Brunelda

3. Die weiblichen ‚Tücken‘ in Amerika

4. Frauen und die Jahrhundertwende

5. Otto Weiningers Frauenbild in Geschlecht und Charakter im Vergleich mit Amerikas Frauenbild

6. Fazit und Ausblick

7. Literaturverzeichnis
7.1 Primärquellen
7.2. Forschungsliteratur

1. Einleitung

Während Franz Kafka zu Lebzeiten keinen besonders großen Einfluss auf die Literaturszene nahm, gehört er heute zu den kanonischen Autoren weltweit.[1] Der Autor Franz Kafka und auch seine private Person scheinen den Literaturwissenschaftlern immer wieder neue Rätsel aufzugeben, welches den unaufhörlichen Strom an wissenschaftlichen Arbeiten zu Franz Kafka vielleicht zu erklären vermag. Dabei ist jedoch auffällig, dass die Darstellung der Frauenfiguren erst verhältnismäßig wenig Aufsehen erregt hat.

Eines seiner zahlreichen, doppelbödigen Werke ist das Romanfragment Amerika/Der Verschollene, an dem Kafka im Oktober 1912 zu schreiben begann.[2] Schon der Titel des Romans ist umstritten. Während Max Brod, ein langjähriger, „enger Freund“[3] Kafkas, behauptete, dieser habe ihm gegenüber geäußert, der Roman solle Amerika heißen, finden sich Tagebucheintragungen Kafkas, in denen Der Verschollene als Titel erwähnt wird.[4] In der folgenden Analyse soll der Titel Amerika Verwendung finden, aus dem einfachen Grund, dass die vorliegende Primärquelle so benannt ist. Der Roman beschreibt den sozialen Abstieg des sechzehnjährigen Karl Roßmann.[5] Während er zunächst noch unter dem Schutz seines reichen Onkels steht, wird Karl Roßmann „schrittweise“[6] „hinab in den Schmutz eines asozialen Milieus“[7] verwiesen. Kafka zeigt Amerika dabei als „Inbegriff des modernen Industriestaates“, dessen „mechanisiertes Sozialsystem“[8] den ehrlichen und naiven Karl nivelliert und stattdessen „seelen- und gefühlslose Kreatur[en]“[9] hervorbringt, denen der junge Mann nun nahezu hilflos ausgeliefert ist.Die vorherrschenden Machstrukturen, denen Karl immer wieder zum Opfer fällt, sind dabei eng verknüpft mit Sexualität.[10] Deshalb istdie Rolle der Frauen im Roman besonders interessant. So markieren die Damen des Geschehens immer wieder „soziale Spannungen“[11] und sind stets verwickelt in die verhängnisvolle Entwicklung des jungen Karls. Dieses giltbesonders für sexuell dominante Frauen, die offensiv gegen Roßmann in den „Geschlechterkampf“[12] ziehen. Aber auch mütterliche Frauenfiguren, welche zunächst Schutz versprechen, entpuppen sich schließlich als Bedrohung für den kindlichen Protagonisten.[13] Diese Funktionsweise des Weiblichen zieht sich wie ein roter Faden durch Amerika und bietet sich daher für eine weitere Untersuchung an.

Besonders in Bezug auf die Frauendarstellungen Kafkas wird häufig auf dessen Biographie zurückgegriffen, um die antagonistischen Figuren zu erklären. Eine solche Interpretationsweise erscheint naheliegend, ist aber auch stark vereinfacht. So führt z.B.Literaturwissenschaftler Reiner Stach aus, dass alle bisherigen Versuche einen Zusammenhang zwischen „bürgerlicher Existenz, psychischem Innenleben und dem künstlerischen Werk“ zu deuten, „divergent“ seien und dem mehrdimensionalen Schreiben Kafkasnicht gerecht würden.[14] Es seidaher keineswegs ausreichend Kafkas literarische Präsentationen auf seine „privaten Erfahrungen“ zu beziehen.[15] Biographische Fakten wären zwardurchaus bemerkenswert, sollten allerdings nicht „aus einem sich selbst genügenden Forschungskontext gelöst“ und als endgültige Erklärung derWerke Kafkas verstanden werden.[16] Daher sollte im Blick behalten werden, dass Kafkas Frauenfigurennicht nur Abbild seiner privaten Konflikte sind.[17]

Um die Jahrhundertwende leitet die Moderne ein „verändertes Sozialklima“[18] ein, wodurch das Weibliche immer häufiger negativ stigmatisiert wurde.[19] Ein Spiegel dieser gesellschaftlichen Haltung ist Otto Weiningers Dissertation Geschlecht und Charakter[20], welche den damaligenDiskurs zur Geschlechterfrage im deutschsprachigen Raum nachhaltig beeinflusste.[21] Weininger, welcher „kulturelles und soziales Erfahrungsmaterial“ mit Kafka teilt,[22] rechnet in dieser Arbeit radikal mit dem Weiblichen ab und versuchtdie Geschlechterfrage durch Auslöschung der Frau transzendent zu klären.[23]

Die folgende Analyse wird zunächst den Versuch unternehmen, das vorherrschende Frauenbild in Amerika genauer zu bestimmen. Im Anschluss sollen mögliche Ähnlichkeiten mit dem Frauenbild in Weiningers Geschlecht und Charakter herausgestellt werden.Dazu werden die Figuren Brunelda, OberköchinGrete Mitzelbach und Klara näher betrachtet, um anschließend ihre Darstellung mit einigenVorstellungen Weiningers, welche in Geschlecht und Charakter zum Ausdruck kommen, abzugleichen.

Ziel der Arbeit ist es, sich der bedrohlichen Funktion der Frauenfiguren in Amerika unter besonderer Berücksichtigungvon Otto Weiningers Geschlecht und Charakter anzunähern.

2. Amerikas Frauen – Die Oberköchin, Klara und Brunelda im Blick

Die Aufmerksamkeit, die bislang den Frauenfiguren und deren Präsentation von Weiblichkeit zu Teil wurde, steht in einem so auffälligen Mißverhältnis zur Präsenz im Werk, daß man geradezu von einem blinden Fleck der Kafka Rezeption sprechen muß.[24]

Dieses von Reiner Stach beschriebene „Mißverhältnis“, findet sich auch im Romanfragment Amerika. Immer wieder wird der Protagonist mit Frauenfiguren konfrontiert. Alleine ihre große Zahl, verrate die Wichtigkeit des Weiblichen.[25] Nicht ohne gewisse Irritationen verfolgt die Rezeption, wie Karl das Patronat des wohlhabenden Onkels verlässt, um der Figur der Klara zu begegnen, welche Karl zunächst sehr ansprechend erscheint, ihn aber schon bald an seine körperlichen Grenzen bringen wird. Nachdem er erfährt, dass er aufgrund dieses Ausflugs vom Onkel verstoßen wird,schließt Karl sich zwei Landstreichern an. Dieses führt ihn geradewegs ins Hotel Occidental und somit in die Arme der mütterlichen Oberköchin, welche letztendlich jedoch Karls Widersacher die Hand reicht und somit den Verweis des jungen Protagonisten aus dem Hotel besiegelt. Karl schließt sich nun erneut den Landstreichern an und wird direkt zur massigen, triebgesteuerten Brunelda gebracht, dieihn bereits als ihren Diener erwartet.

Bei der Betrachtung der Frauen muss beachtet werden, aus welchem Blickwinkel diese dem Leser vorgeführt werden. Die Erzählperspektive ist dabei relevant, denn in Amerika liegt sie selten auktorial und meistens personal vor.[26] Das heißt, dass die Damen überwiegend aus Karls Sicht beschrieben werden und über seine Betrachtungsweise hinaus kaum Informationen vorliegen: „Wie die Nebenfiguren eigentlich sind, ist schwer zu sagen", denn in Amerika herrscht „die Perspektive eines Knaben vor, der nicht zum Mann werden will."[27] Lässt man sich allerdings auf den asexuellen, naiven Blick Karls ein, dem jegliche sexuelle Attraktion fremd zu sein scheint[28], dann erhält man eine interessante Beschreibung des Weiblichen.

Der Anordnung im Romanfragment folgend, wird im Anschluss zunächst die Figur der Klara, darauffolgend die Figur der Oberköchin und schließlich Brunelda vorgestellt.

2.1. Klara Pollunder

Die Begegnung mit dem „Fräulein Klara“[29] wird von dem Bankier Pollunder, einem Geschäftspartner des Onkels, eingeleitet. Dieser scheint bereits bei dem ersten Zusammentreffen von Karl eingenommen und lädt den Jungen zu sich auf das Landgut ein.[30] Als Herr Pollunder am nächsten Tag unerwartet auftaucht, um Karl abzuholen, schiebt der Onkel verschiedene Ausflüchte vor, damit Karl die Reise nicht antritt. Herr Pollunder lässt sich jedoch nicht abschütteln und verweist mit Erfolg auf die Tochter, welche den Besuch des jungen Deutschen bereits heute Abend erwarte.[31] Das Argument der wartenden jungen Frau scheint alle weiteren Einwände zu entkräften.

Während der Autofahrt zum Anwesen des Herrn Pollunders will Karl „vieles über das Fräulein Klara hören, als sei er ungeduldig über die lange Fahrt […]“[32] Aus der Distanz scheint Karl also sehr interessiert an der jungen Frau. Klara erwartet die Ankunft der beiden Männer bereits und nimmt Karl umgehend in Beschlag, in dem sie ihm ihre Pläne für die kurze gemeinsame Zeit unterbreitet: „Nach dem Nachtmahl […] werden wir, wenn es Ihnen recht ist, gleich in meine Zimmer gehen […]. Und Sie werden dann so freundlich sein, mir Klavier vorzuspielen […].“[33] Mit diesem Übereifer scheint Karl zunächst einverstanden, auch, wenn der personale Erzähler anmerkt, dass er gerne Herrn Pollunder dabei gehabt hätte. Als Klara eröffnet, dass Herr Green für eine geschäftliche Besprechung mit dem Vater unerwartet aufgetaucht sei, sind sich die drei vorerst einig, dass sie diesen Besuch als Störung empfinden.[34]

Beim folgenden Essen mit Herrn Green scheint Karl Klara gegenüber ein erstes Misstrauen zu empfinden. Beispielsweise lächelt sie ihn an, nachdem er sich für seine Umstände entschuldigt, doch nimmt Karl dieses Lächeln nicht als „teilnehmendes“ wahr, sondern als „eines, dass ihn irgendwie beeinflussen sollte“[35] Klara bekommt an dieser Stelle also unterschwellig-manipulative Züge zugesprochen. Darüber hinaus scheint sie während des gemeinsamen Nachtmahls eine seltsame Zwischenposition zu besetzen: als Karl aufstehen will, greifen sie und Herr Pollunder gleichzeitig nach Karls Händen, um ihn aufzuhalten, aber Klara flüstert ihm gleich verschwörerisch zu, dass sie bald mit ihm verschwinden werde.[36] Dennoch wendet sie sich auch Herrn Green zu, der ihr Komplimente für ihre „Kunst in der Führung des Hauswesens“ macht, welches „ihr sichtlich schmeichelt.“[37] Als Herr Green Karl mahnt, er würde Klara durch sein „Nichtessen“ beleidigen, lässt diese sich bereitwillige von dem „alte[n], ausgepichte[n] New Yorker Junggesellen, mit deutlicher Absicht“[38] am Kinn berühren: „Sie ließ es geschehen und schloß die Augen.“[39] Woraufhin sie vom offensichtlich begeisterten Green mit „Du Dingschen“[40] bezeichnet wird. Klara lässt sich also sogar körperlich auf die Avancen des alten, unsympathischen, aber mächtigen Greens ein, indem sie nicht nur dessen Lob freudig annimmt, sondern sogar seine Berührung zu genießen scheint. Der anfangs von ihr belagerte Karl wird damit ins Abseits der Runde gedrängt und verwundert muss sich dieser fragen, wie die anfängliche Abneigung gegenüber Green so schnell verfliegen konnte.[41] Karl erkennt den Opportunismus der beiden Figuren und wendet sich enttäuscht ab. Er stellt einen „schwachen Charakter Herrn Pollunders“ sowie sein Missfallen gegenüber Klara fest: „Auch das amerikanische Mädchen gefiel ihm nicht.“[42] Obwohl er ihre äußerliche Schönheit durchaus wahrnimmt. Das Zuwenden Greens scheint diese noch stärker hervorgebracht zu haben: „Seit sich Herr Green mit ihr abgegeben hatte, war er sogar überrascht von der Schönheit, deren ihr Gesicht fähig war […].“[43] Weiter beschreibt Karl ihre körperlichen Reize, ohne, dass sie eine sexuelle Begierde in ihm auszulösen scheinen:

Einen Rock, der so fest wie der ihre den Körper umschlossen hätte, hatte er noch niemals gesehen, kleine Falten in dem gelblichen, zarten und festen Stoff zeigten die Stärke der Spannung. Und doch lag Karl gar nichts an ihr […][44]

Interessant ist an der Textstelle, dass der Rock als sexuelles „Signal“ eingeführt, mit Karls ablehnender Haltung kontrastiert und somit seines „Signalcharakters beraubt“ wird.[45] Dieser Kontrast äußert sich auch in der beinahe hyperrealistisch anmutenden Schilderung der Beschaffenheit des Rocks, welche das darunter verborgene, sexuelle Potential Klaras in den Hintergrund drängt. Karl gibt sich stattdessen Visionen über eine mögliche, vorzeitige Rückkehr zum Onkel hin, bis Klara erneut die Richtung vorgibt und ihn aus dem Saal führt. Der junge Protagonist lässt sich von ihr „fast schleppen“[46] bis sie schließlich den Raum verlassen haben.

Unverhofft kippt die Stimmung zwischen den beiden jungen Menschen: Als Klara Karl nicht sein Zimmer anschauen lassen möchte, sondern „ungeduldig und fast schreiend“[47] darauf besteht, dass er ihr zunächst in das ihrige folgen soll, entsteht ein Gerangel zwischen den beiden. Karl kann sich losreißen und betritt das ihm zugedachte Zimmer. „Sichtlich böse“[48] wird er von Klara verfolgt, welche ihren Zorn nun auch gestisch durch ein Klatschen auf ihren Rock zum Ausdruck bringt.[49] Doch damit nicht genug: Sie „stieß ihn mit Absicht oder bloß in der Erregung derart in die Brust, daß er aus dem Fenster gestürzt wäre, hätte er nicht noch im letzten Augenblick […] mit den Füßen den Zimmerboden berührt.“[50] Klaras Zorn scheint an dieser Stelle sogar schon lebensbedrohlich für den Protagonisten. Damit aber ist der urplötzlich aufkommenden Gewalttätigkeit der jungen Frau noch nicht genüge getan und sie ergreift Karl, um ihn „mit ihrem vom Sport gestählten Körper“ einige Schritte durch den Raum zu tragen.[51] Dieses kommt einer absoluten Machtdemonstration gleich, die jedoch gleich wieder durchbrochen wird, als Karl Klara ebenfalls umfasst. Klara scheint die dabei entstehende Nähe zu erregen, denn sie „seufzt“ und verspricht Karl etwas „Schönes“, „das erhitzte Gesicht eng an seinem“.[52] Karl, welcher jedoch keine Anstalten macht auf ihr Angebot einzugehen, weckt erneut ihren Zorn. Sie zwingt den sechzehnjährigen schließlich auf ein Kanapee nieder, worauf er sie als „Katze, tolle Katze“[53] beschimpft. Es kommt also zu einer letzten Darstellung „erotischer Passivität“, wie sie Klara ähnlich bereits bei Greens Berührung gezeigt hatte, bevor sich der Kampf in „ordinärer Prügel“ entlädt.[54] Die Bezeichnung „Katze“ könnte ein Verweis auf Klaras Unberechenbarkeit sein: wie eine Katze verwandelt sie sich vom verschmusten, am Kinn gekraulten Kätzchen, in ein echtes „Raubtier“[55], welches es genießt mit seinem Opfer zu spielen.Als Antwort auf diese Zuweisung wird er von Klara so stark gewürgt, „daß Karl ganz unfähig war, etwas anderes zu tun als Luft zu schnappen.“[56] Spöttisch prangert sie sein Verhalten „gegenüber einer Dame“ an und droht verbal, ihm eine körperliche „Lehre“ mittels einiger starker Ohrfeigen zu erteilen[57], welches unwillkürlich ihr wenig damenhaftes Verhalten vorführt. Sie ergeht sich in der Vorstellung Karl mit einer solchen körperlichen Strafe zu entehren, soweit, dass dieser sich „aus der Welt schaffen“ wolle. Als Grund für den völlig überzogenen Wunsch nach einer Auslöschung seiner Existenz, nennt sie seine sexuelle Ablehnung:

Aber warum bist du auch so gegen mich gewesen? Gefalle ich dir vielleicht nicht? Lohnt es sich nicht auf mein Zimmer zu kommen? Achtung! Jetzt hätte ich dir schon fast unversehens die Ohrfeige aufgepelzt. Wenn du heute also noch so loskommen solltest, benimm dich nächstens feiner. Ich bin nicht dein Onkel, dem du trotzen kannst […] Was wohl Mack sagen wird, wenn ich ihm das alles erzähle?[58]

Die Handgreiflichkeiten scheinen also nötig geworden zu sein, da Karl sich der erotischen Wirkung Klaras nicht ergeben hat. Da er ihren Reizen nicht erliegt, scheint eine andere Demonstration von Macht gefragt zu sein.

Schließlich lässt Klara Karls Hals los und stolziert im Zimmer herum, während Karl regungslos auf dem Kanapee liegenbleibt. Einige Male versucht sie ihm noch eine Reaktion zu entlocken, bis sie schließlich aufgibt und Anstalten macht, sich von Karl zu verabschieden, jedoch nicht, ohne ihn ein weiteres Mal zu sich ins Zimmer einzuladen und ihn an sein angeblich gemachtes Versprechen, ihr später auf dem Klavier vorspielen zu wollen, zu erinnern.[59] Reiner Stach sieht in dem diffusen Verhalten der Figur, „die Hilflosigkeit weiblicher Präsentation, der es am adäquaten Mitspieler mangelt.“[60] Indem Karl sich in keiner Weise als verführbar erweist und auf ihre Avancen gleichgültig reagiert, stört er die Erwartungshaltung Klaras und wird zum Problem, da er sie durch diese „Enterotisierung“[61] entmächtigt. Die junge Frau versucht daraufhin Karl mit andern Mittel zu unterwerfen und ihr überzogener Zorn zeugt dabei von der von Stach angesprochenen „Hilflosigkeit“. Damit scheint sich ihr sexuelles Bedürfnis jedoch nicht vollständig kompensieren zu lassen, sodass sie Karl beinahe zwanghaft erneut animiert, sie später aufzusuchen.

Abschließend verkündet Klara: „Dem Vater sage ich vorläufig von unserer Rauferei kein Wort; ich bemerke das für den Fall, daß dir das Sorge machen sollte“.“[62] Klara scheint sich also keiner Schuld bewusst, sondern gibt sich Karl gegenüber gnädig, indem sie ankündigt, dass sie zu seinen Gunsten über die „Rauferei“ Stillschweigen bewahren will. Dieser Umstand passt zu der Tatsache, dass Klara selbst, obwohl sie zuvor andeutete Karl verführen zu wollen, ihren Verlobten ins Spiel bringt. Dem Leser wird damit nebenbei offenbart, dass es sich bei diesem um den jungen, charismatischen Millionär Mack handelt, welcher ein guter Bekannter des Onkels ist und mit Karl bereits einige Male im Reitstall war.[63] Es wirkt als habe Mack seinen Anteil an den undurchschaubaren Vorgängen des Abends.

Dadurch deutet sich bereits an, dass Karl, welcher sich objektiv gesehen nichts zuschulden kommen lassen hat, in jedem Fall am Ende der Bestrafte sein wird, während Klara, deren Verhalten nicht nur promiskuitiv, sondern auch noch gewalttätig ist, sich über jede Verurteilung erhaben weiß, nicht vor ihrem Vater, sondern auch und sogar vor dem Verlobten Mack.

Für Karl steht nach diesem Zusammentreffen vorläufig fest, dass es sich bei Klara um seine „Feindin“[64] handelt, er macht sich daher auf den Weg, um Herrn Pollunder von ihrem Betragen zu berichten und eine Erlaubnis für seine unverzügliche Rückkehr zum Onkel zu erbitten. Herr Green weist Karl allerdings an, noch bis Mitternacht mit seiner Abreise zu warten, da er den Auftrag habe Karl dann einen Brief zu überreichen. Der junge Mann solle sich bis dahin von Fräulein Klara verabschieden.[65] Nicht nur Karl, sondern auch der Diener, der den Auftrag bekommt Karl zu führen „scheint es für eine Strafe zu halten“, dass Karl auf Klaras Zimmer geschickt wird. In seinen Gedanken vergleicht Karl dieses mit einer „recht gefährliche[n] Höhle“, in die er am liebsten sein „Schlageisen“ mitgenommen hätte.[66]

Dennoch ist es Karl durch Klaras Verbindungen als Pollunders Tochter und Macks Braut unmöglich „gegen Klara das geringste zu sagen[…].“[67] Er überlegt sogar, dass er sie „wegen ihrer Beziehungen offen bewundert“ hätte, hätte Klara „ja nur um eine Kleinigkeit anders sich zu ihm verhalten […].“[68] Klaras gute,männliche Kontakte haben anscheinend einen so großen Eindruck auf Karl, dass er ihr die körperlichen und verbalen Demütigungen beinahe verzeihen könnte, dennoch macht er sich zunächst auf das Schlimmste gefasst.

Aber dieses Mal scheint ihm eine völlig andere Klara entgegenzutreten: statt die aggressiv-sportliche, strenge Klara anzutreffen, findet er sie „zerstreut“ in einem zerknitterten „losen, Nachthemd“ vor, mit glühendem Gesicht und einem fortwährenden Lächeln.[69] Sowohl ihre Gemütslage als auch ihr Äußeres unterscheiden sich damit vollkommen von ihrem vorherigen Auftreten. Auch Karl erkennt diesen Wandel und schließt daraus, dass Klara friedlich gestimmt zu sein scheint. Als diese glückselige Klara ihn bittet, ihr noch etwas vorzuspielen, bedauert Karl sogar seine Eile: „Er hätte ihr gern gefällig sein wollen, denn sie war ganz anders als vorher, so als wäre sie irgendwie aufgestiegen in die Kreise Pollunders und weiterhin Macks.“[70] Diese neue Wirkung Klaras ist so groß, dass Karl sie nun sogar zu sich nach New York einlädt und sie als „gütig“ und „lieb“ beschreibt[71], während er vor kurzem noch darüber nachdachte sie mit einem Schlagring zu verprügeln. Schließlich setzt er sich an ein Klavier, welches in einem Nebenraum vom Zimmer Klaras untergebracht ist, und gibt einige Stücke zum Besten.

Die neue, wunderliche Erhabenheit Klaras sowie ihre ganz Wandelung, scheinen ihre Erklärung in Mack zu finden, welchen Karl schließlich in Klaras Bett entdeckt.[72] Unwillkürlich wird dem jungen Protagonisten klar, dass die beiden „offenbar schon miteinander schliefen.“[73] Während Karl also durch die Gänge des Landguts irrte, hat sich Klara „offenbar“ mit Mack vergnügt. Es wirkt als hätten ihre Aggressionen und aufgestauten Energien in diesem sexuellen Akt ein Ventil gefunden, welches Karl ihr verwehrte. Es scheint ebenso gleichgültig mit wem Klara den Geschlechtsakt eingeht, wie es für ihre Verfassung notwendig ist, dass sie ihn eingeht.[74]

Die nun Befriedigte scheint ihren Meister gefunden zu haben: „Klara lehnte sich an den Bettpfosten und hatte nur noch Augen für Mack.“[75] Dieses äußere Zeichen der Anlehnung wird durch die Offenbarung Macks, dass KlaraKarl in seinem Auftrag in die Villa gelockt habe, inhaltlich weiter manifestiert. Davon abgesehen, dass die Handlung an dieser Stelle eine schwer nachvollziehbare Wendung nimmt, ist auch die damit aufgedeckte Rolle Klaras als Machtinstrument interessant. Die Frau fungierte also als Lockmittel und indem Karl dem Ruf der Dame folgt, verliert er den Schutz durch den reichen Onkel, welches sich unaufhaltsam darin beweist, dass der von Green um Mitternacht überreichte Brief des Onkels den verschriftlichten Rauswurf des Protagonisten enthält.

Die Figur der Klara initiiert mit ihren Launen also den Verstoß durch den reichen Verwandten und den damit einhergehenden sozialen Abstieg Karls [76], da dieser durch die Verführerin die Autorität der neuen Vaterfigur verletzt.[77] Klara muss sich hingegen im schwelenden Konflikt nicht einmal genau positionieren. Stattdessen scheint es, als würde sich die junge Frau „auf allen Seiten“[78] bewegen und unangreifbar über dem Geschehen stehen. So ist ihre Treulosigkeit keiner Rede wert und, obwohl sie Karl verprügelt, ist er es, der dafür gerade stehen soll. „Umgeben von reichen Männern“[79] und damit eingebettet in ein männliches Beziehungsgeflecht, wirkt auch sie privilegiert. Während Karl nach dem Zusammentreffen mit ihr nicht mehr „in die Gemeinschaft der Männer“ zurückfindet.[80]

2.2. Oberköchin Grete Mitzelbach

Karl, welcher sich noch in der Nacht vom Anwesen des Herrn Pollunder verabschiedet, erreicht nach kurzem Marsch ein Wirtshaus, indem er auf die beiden Landstreicher Robinson und Delamarche trifft.[81] Er lässt sich von den beiden überreden mit ihnen weiterzuziehen und nach einigen Tagen landen sie vor dem Hotel Occidental. Karl wird hineingeschickt um etwas Essbares aufzutreiben und lernt dabei die Oberköchin kennen.

Karl schafft es, sich bis in den überfüllten Speisesaal des Hotels durchzukämpfen, jedoch ist es ihm dort unmöglich an die Speisen zu gelangen. Als er sich hilfesuchend umblickt, trifft sein Blick „eine ältere, offenbar zum Hotelpersonal gehörige Frau“.[82] Diese Dame, welche sich später als Oberköchin erweisen wird, erweckt sein Vertrauen und so bewegt er sich auf sie zu, bis sie schließlich auf ihn aufmerksam wird. Umgehend nimmt sie sich seiner an und mit der Aufforderung „Kommen Sie mit mir, Kleiner“, nimmt die ältere Frau Karl an die Hand, um ihn direkt in die Vorratskammer zu führen und ihn nach seinen Wünschen zu bedienen.[83]

[...]


[1] Jahraus, Oliver: Kafka. Leben, Schreiben, Machtapparate. Stuttgart: Reclam 2006. S.9.

[2] Unseld, Joachim: Franz Kafka, ein Schriftstellerleben: Die Geschichte seiner Veröffentlichungen; mit einer Bibliographie sämtlicher Drucke und Ausgaben der Dichtungen Franz Kafkas 1908-1924. S.81.

[3] Stölzel, Christoph: Prag. In: Kafka-Handbuch. Der Mensch und seine Zeit. Hg. v. Hartmut Binder. Bd.1. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1979 (=Kafka Handbuch). S. 58.

[4] Schlingmann, Carsten: Literaturwissen. Franz Kafka. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1995. S.29.

[5] Stach, Reiner: Kafka. Die Jahre der Entscheidung. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2002. S.193.

[6] Stach: Die Jahre der Entscheidung. S. 192.

[7] Stach. Die Jahre der Entscheidung. S.193.

[8] Steiner, Carl: Kafkas Amerika. Illusion oder Wirklichkeit?. In: Franz Kafka. Eine Aufsatzsammlung nach einem Symposium in Philadelphia. Hg. v. Maria Luise Caputo-Mayr. Berlin: Agora Verlag 1978 (= 29. Band der Schriftenreihe Agora). S. 50.

[9] Steiner, Carl: Kafkas Amerika. S.54.

[10] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.22.

[11] Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hg. v. Manfred Engel, Bernd Auerochs. Stuttgart: Metzler 2010. S. 477.

[12] Kafka Handbuch. S.478.

[13].Kafka Handbuch. S.478.

[14] Stach, Reiner: Kafka. Die Jahre der Entscheidung. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2002. S.204.

[15] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. Eine ästhetische Konstruktion des Weiblichen. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1987. S.15.

[16] Stach, Reiner: Kafka. Die Jahre der Entscheidung. S.207.

[17] Es sei an dieser Stelle dennoch kurz erwähnt, dass insbesondere Kafkas Beziehung zu seiner Mutter, Julie Kafka, diesbezüglich in einigen wissenschaftlichen Arbeiten fokussiert wurde, so wird die Mutter zum Beispiel als „Muse“ des Schriftstellers interpretiert [Vgl.: Stadler, Ulrich: Kafkas Mutter – Kafkas Muse?. In: Mutter und Mütterlichkeit. Wandel und Wirksamkeit einer Phantasie in der deutschen Literatur. Hg. v. Irmgard Roebling und Wolfram Mauser. Würzburg: Königshausen & Neumann 1996. S.285-296.]. Durch die Berufstätigkeit Julie Kafkas und aufgrund ihrer eigenen schweren Kindheit,[Vgl.: Murray, Nicholas: Kafka und die Frauen. Biographie. Aus dem Englischen übersetzt von Angelika Beck. Düsseldorf: Patmos Verlag 2007. S.14f] soll diese dem Kind keine ausreichende Mutterliebe zukommen lassen haben [Vgl.: Binder, Hartmut: Leben und Persönlichkeit Franz Kafkas. In: Kafka-Handbuch. Der Mensch und seine Zeit. Hg. v. Hartmut Binder. Bd.1. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1979 (=Kafka Handbuch). S. 130.]. Im Zusammenhang mit dem Romanfragment Amerika ist die aufkeimende Beziehung Kafkas zu seiner späteren Verlobten Felice Bauer untersucht wordenEinige Literaturwissenschaftler verstehen die beängstigenden Frauenfiguren des Fragments als Spiegelung von Kafkas angeblicher „Sexualangst“, welche sich aufgrund der bevorstehenden Ehe bemerkbar machen würde.[Vgl.: Kafka-Handbuch. Der Mensch und seine Zeit.S.129.].

[18] Wagner, Nike: Geist und Geschlecht. Karl Kraus und die Erotik der Wiener Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1982. S. 7.

[19] So auch in Kafkas Geburtsort Prag, der „Metropole des österreichisch-ungarischen Reichs“ [Murray, Nicholas: Kafka und die Frauen. Biographie. Aus dem Englischen übersetzt von Angelika Beck. Düsseldorf: Patmos Verlag 2007. S.8.].

[20] Weininger, Otto: Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung. München: Matthes & Seitz Verlag 1997.

[21] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.61.

[22] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S. 62.

[23] Heckmann, Ursula: Das verfluchte Geschlecht. Motive der Philosophie Otto Weiningers im Werk Georg Trakls. Bd.21. Frankfurt am Main: Peter Lang 1992 (=Literarhistorische Untersuchungen). S.100f.

[24] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.11.

[25] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.11.

[26] Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. S. 477.

[27] Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. S.477.

[28] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.86.

[29] Kafka, Franz: Amerika. Roman. Köln: Anaconda Verlag 2009. S.57

[30] Kafka, Franz: Amerika. S.54.

[31] Kafka, Franz: Amerika. S.55.

[32] Kafka, Franz: Amerika. S.57.

[33] Kafka, Franz: Amerika. S.61.

[34] Kafka, Franz: Amerika. S.60.

[35] Kafka, Franz: Amerika. S.63.

[36] Kafka, Franz: Amerika. S.64.

[37] Kafka, Franz: Amerika. S.64.

[38] Kafka, Franz: Amerika. S.65.

[39] Kafka, Franz: Amerika. S.65.

[40] Kafka, Franz: Amerika. S.65.

[41] Kafka, Franz: Amerika. S.66.

[42] Kafka, Franz: Amerika. S.66.

[43] Kafka, Franz: Amerika. S.66.

[44] Kafka, Franz: Amerika. S.66.

[45] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.86f.

[46] Kafka, Franz: Amerika. S.68.

[47] Kafka, Franz: Amerika. S.69.

[48] Kafka, Franz: Amerika. S.70.

[49] Kafka, Franz: Amerika. S.70.

[50] Kafka, Franz: Amerika. S.70.

[51] Kafka, Franz: Amerika. S.70.

[52] Kafka, Franz: Amerika. S.70.

[53] Kafka, Franz: Amerika. S.71.

[54] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.87.

[55] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.87.

[56] Kafka, Franz: Amerika. S.71.

[57] Kafka, Franz: Amerika.S.71.

[58] Kafka, Franz: Amerika. S.72.

[59] Kafka, Franz: Amerika. S.73.

[60] Stach, Reiner. Kafkas erotischer Mythos. S.86.

[61] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.86.

[62] Kafka, Franz: Amerika. S.73.

[63] Kafka, Franz: Amerika. S.48f.

[64] Kafka, Franz: Amerika. S.88.

[65] Kafka, Franz: Amerika. S.88f.

[66] Kafka, Franz: Amerika. S.88.

[67] Kafka, Franz: Amerika. S.88.

[68] Kafka, Franz: Amerika. S.88.

[69] Kafka, Franz: Amerika. S.90.

[70] Kafka, Franz: Amerika. S.90.

[71] Kafka, Franz: Amerika. S.91.

[72] Kafka, Franz: Amerika. S. 93.

[73] Kafka, Franz: Amerika. S.94.

[74] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.87.

[75] Kafka, Franz: Amerika. S.93.

[76] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.12.

[77] Kafka-Handbuch. In zwei Bänden. Band 2: Das Werk und seine Wirkung. Hg. v. Hartmut Binder. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1979. S.410.

[78] Stach, Reiner: Kafkas erotischer Mythos. S.145.

[79] Kafka Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Hg. v. Manfred Engel, Bernd Auerochs. Stuttgart: Metzler 2010. S.478.

[80] Jahraus, Oliver: Kafka. Leben, Schreiben, Machtapparate. Stuttgart: Reclam 2006. S.274.

[81] Kafka, Franz: Amerika. S.100f.

[82] Kafka, Franz: Amerika. S.121.

[83] Kafka, Franz: Amerika. S.121f.

Details

Seiten
42
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668300132
ISBN (Buch)
9783668300149
Dateigröße
700 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340371
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,7
Schlagworte
Franz Kafka Der Verschollene Amerika Frauenfiguren Frauengestalten Otto Weininger Geschlecht und Charakter

Autor

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Titel: Frauen als Bedrohung? Frauengestalten in Franz Kafkas Romanfragment "Der Verschollene"