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Subversion der heteronormativen Geschlechterordnung im Film "Boys don't cry"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 15 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Heteronormativität und Institution
2.1 Die Entdeckung der Unterdrückung

3. Analyse
3.1 Die Problematik der Uneindeutigkeit
3.2 Der Verweis auf die gesellschaftliche Anrufung
3.3 Brisanz der letzten gemeinsamen Nacht von Brandon und Lana

Reflexion

1. Einleitung

Sind wir eigentlich alle Schauspieler? Performen wir Tag für Tag eine gesellschaftliche Erwartung – ohne, dass wir uns darüber bewusst sind? Das sind Fragen, die ich mir stelle, nachdem ich mich eine Zeitlang mit verschiedenen Gender-Theorien auseinandergesetzt habe.

Zum Beispiel weist die Doing-Gender - Theorie darauf hin, dass mit der Bezeichnung Gender ein sozial konstruiertes Geschlecht gemeint ist. Des Weiteren ist nach dieser Theorie davon auszugehen, dass das „Geschlecht keineswegs etwas ist, was Menschen haben, sondern etwas, was sie alltäglich aufführen und darstellen.“[1] Im Grunde genommen, sind wir es also selbst, die für die Wahrnehmung unseres Geschlechts verantwortlich sind, diese Wahrnehmung ist keineswegs biologisch vorgegeben. Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, da oft die Meinung vertreten wird, dass mit dem biologischem Geschlecht zwangsläufig bestimmte Verhaltensweisen und Merkmale einhergehen. Der Sex, die körperliche Geschlechtlichkeit, wird dabei immer wieder zur Grundlage von Diskriminierung. Abhängig von diesem biologischen Geschlecht werden die Menschen meist streng binär eingeteilt: „Beim Zugang zu Berufen, im Umgang mit Behörden […] nicht zuletzt vor der Toilette wird eine Entscheidung abverlangt.“[2] Allerdings wird auch vermehrt mit dieser Problematik der Geschlechtsidentität gespielt: Merkmale, wie die Haarlänge, das Make Up oder die Kleidung, anhand derer vor rund 50 Jahren noch eindeutig eine Geschlechtszuweisung stattfinden konnte, „werden nun hinsichtlich ihrer Zuschreibungsfunktion in Frage gestellt“, indem sie nicht mehr nur parodiert oder imitiert, sondern „teilweise oder vollständig“ übernommen werden[3] . Vermehrt wird die eigene Geschlechtszugehörigkeit oder generell die normative Einteilung der Menschheit in zwei verschiedene Geschlechter in Frage gestellt. Die öffentliche Wahrnehmung von Cross Dressing oder Trangendering bestätigt aber andereseits das vorherrschende binäre Gesellschaftssystem.

Einer der ersten filmischen Versuche das Thema Transgender aufzugreifen ist Boys don't cry. [4] Dieser Film enstand 1999 unter Regie von Kimberly Pierce. Die Handlung, sowie die handelnden Personen, beruhen auf realen Geschehnissen aus dem Jahr 1994 in Nebraska.[5] Brandon Teena, der Protagonist des Films, weist den Körper einer Frau auf, versteht sich selbst allerdings als heterosexueller Mann und inszeniert sich als Cowboy. Brandon verliebt sich in Lana, die einer sozial schwachen Schicht angehört. Arbeitslosigkeit, Gewalt und Drogen gehören für das Mädchen und ihrem Umfeld zum Alltag. Sie durchschaut die Inszenierung Brandons, scheint seine männliche Identität jedoch bedingungslos zu akzeptieren. Der verliebte Brandon bemerkt zu spät, welche Gefahr von seiner Umgebung und seinen beiden gewaltbereiten, neugewonnen männlichen Freunden Tom und John ausgeht. Als diese herausfinden, dass Brandons Männlichkeit nicht über seinen Körper festgelegt ist, vergewaltigen und erschießen sie ihn.

Der Film verdeutlicht, welche starken Unterdrückungsmechanismen innerhalb einer Gesellschaft vorherrschen, um die heterosexuelle Matrix zu erhalten. Dass es sich dabei nicht um Strafmaßnahmen handelt, welche lediglich von Einzelpersonen ausgehen, sondern sich ein institutioneller Charakter dahinter verbirgt, soll durch meine Hausarbeit hervorgehoben werden. Dazu wird sich zunächst mit dem Phänomen der Heteronormativität und ihren Ursachen beschäftigt. Im Anschluss daran erfolgt die Analyse einiger ausgewählter Szenen des Films Boys don't cry unter Berücksichtigung heteronormer Strukturen. Abschließend wird ein Versuch unternommen, den Film hinsichtlich seines subversiven Charakters zu bewerten.

2. Heteronormativität und Institution

Heteronormativität bezeichnet eine Sichtweise, die das heterosexuelle Paar als die „Chiffre für Menschsein an sich“[6] versteht. Heterosexualität in den Kategorien Mann/Frau wird als Norm gesetzt und als natürlich verstanden. Der Wahrheitsgehalt dieser Betrachtungsweise wird von den meisten Menschen nicht in Frage gestellt oder auf ihre „kulturelle, soziologische oder historische Bedingtheit“[7] hin untersucht. Als „rechtlich abgesicherte, psychoanalytisch sekundierte und gentechnisch naturalisierte Legitimation“[8] dient die Tatsache, dass zur Reproduktion eine weibliche Eizelle und eine männliche Samenzelle benötigt werden. Heteronormativität kann damit eine Norm bilden, die sich selbst nicht benennt, da sie im Regelfall fraglose Gültigkeit beansprucht. Schon das Kind entscheidet anhand von „Gesten, Sprache, Tätigkeiten und nach […] Kleidung“[9], welchem Geschlecht das Gegenüber angehört. Dabei werden Uneindeutigkeiten oft ausgeblendet und andere Lebensformen werden als unnatürliche Abweichung deklariert. Wegweisend für den Diskurs ist zudem die Sex/Gender-Problematik nach Judith Butler. Diese stellt fest, dass Sex, also das biologische Geschlecht, in unserer Gesellschaft immer dem Gender, dem sozial-konstruiertem Geschlecht, entsprechen müsse.[10] Butler geht es insbesondere um die Erkenntnis, dass Phänomene unterschiedlich wahrgenommen werden können. „Dies gilt sowohl für bestimmtes geschlechtsspezifisches Rollenverhalten als auch für anatomische Aspekte oder gar die Auffassung davon, wie viele Geschlechter es eigentlich gibt.“[11] Wichtig ist allerdings auch die Rolle des Gegenübers:

[Die] Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit geschieht durch einen wechselseitigen Prozess von Geschlechtsdarstellung und -Attribution, das heißt das Dekodieren des Geschlechts des Gegenübers.[12]

Das bedeutet, dass das gesellschaftliche Subjekt mit einer normativen Genderpräsentation lin erster Linie einer Erwartungshaltung der anderen Mitglieder des Systems nachkommt

2.1 Die Entdeckung der Unterdrückung

Gudrun Perko stellt in ihrem Aufsatz Wissenstheoretische Grundlagen zu Queer Theory als Hintergrundfolie von Queer Reading [13] insbesondere die Ausgrenzungsmechanismen und –Strukturen, welche mit Heteronormativität einhergehen, heraus. Perko nimmt an, dass es sich bei der Heteronormativität um einen „gesellschaftlichen Code“[14] handle, der eine Privilegierung der Einen und eine Diskriminierung der Anderen nach sich ziehe. Dieser gesellschaftliche Code werde durch Medien und Institutionen untermauert und setze eine nicht gegebene „Eindimensionalität“ der menschlichen Lebensweisen voraus.[15] Die menschliche Vielfalt und das ebenso vielfältige Begehren werden dabei außer Acht gelassen und eine festgeschriebene heteronormative Identität unterstellt.

[...]


[1] Lünenborg, Margreth; Maier, Tanja: Gender Media Studies. Eine Einführung. Konstanz/München: UVK Verlagsgesellschaft 2013. S.21.

[2] Voß, Heinz: Wie für dich gemacht: die gesellschaftliche Herstellung biologischen Geschlechts. In: queer leben? Queer labeln. (Wissenschafts-)kritische Kopfmassagen. Hg. v. Judith Coffey, V. D. Emde u.a.. Freiburg: fupf 2008. S. 153-167. S. 155.

[3] Losert, Kerstin: Überschreitung der Geschlechtergrenzen?. Zum Motiv der Frau in Männerkleidern im Dolopathos des Johannes de Alta Silva und anderen literarischen Texten des Mittelalters. Bern: Internationaler Verlag der Wissenschaften 2008. S.17.

[4] Mädler, Kathrin: Broken Men. Sentimentale Melodramen der Männlichkeit – Krisen von Gender und Genre im zeitgenössischen Hollywoodfilm. Marburg: Schüren 2008. S. 258.

[5] Ebd. S.259.

[6] Haller, Dieter: Die Entdeckung des Selbstverständlichen. Heteronormativität im Blick. In: kea (2004) H. 14. S.1.

[7] Ebd. S. 3.

[8] Ebd. S.1.

[9] Voß, Heinz: Wie für dich gemacht: die gesellschaftliche Herstellung biologischen Geschlechts. In: queer leben? Queer labeln. (Wissenschafts-)kritische Kopfmassagen. Hg. v. Judith Coffey, V. D. Emde u.a.. Freiburg: fupf 2008. S. 154.

[10] Losert, Kerstin: Überschreitung der Geschlechtergrenzen?. Zum Motiv der Frau in Männerkleidern im Dolopathos des Johannes de Alta Silva und anderen literarischen Texten des Mittelalters. Bern: Internationaler Verlag der Wissenschaften 2008. S.21.

[11] Ebd. S.22.

[12] Kilian, Eveline: Transgender im Film: Boys don't cry. In: Gender/Queer Studies. Eine Einführung. Hg. v. Nina Degele, Christian Dies, Dominique Schirmer. Paderborn: Wilhelm Finke 2008. S. 228.

[13] Perko, Gudrun: Wissenschaftstheoretische Grundlagen zu Queer Theory als Hintergrundfolie für Queer Reading. In: Queer reading in den Philogien: Modelle und Anwendungen. Hg. v. Anna Babka, Meri Disoski. Göttingen: V & R Unipress 2008.

[14] Ebd. S. 77.

[15] Ebd. S. 77.

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668300484
ISBN (Buch)
9783668300491
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340370
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,3
Schlagworte
Boys don't cry Kimberly Peirce Heteronormativität Gender Transsexual

Autor

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