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Einführung des Passivs (Deutsch 6. Klasse Gymnasium)

Unterrichtsentwurf 2016 21 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sachanalyse
2.1 Fachwissenschaftliche Darstellung
2.1.1 Das Vorgangspassiv
2.1.2 Das Zustandspassiv
2.1.3 Das Rezipientenpassiv
2.1.4 Die Funktionen des Passivs
2.1.5 Die Veränderung der syntaktischen Funktionen
2.2 Unterschied zwischen Schulgrammatik und Linguistik

3. Didaktische Reduktion
3.1 Vorgaben des Bildungsplans
3.2 Qualitative Reduktion
3.3 Quantitative Reduktion
3.4 Bedeutung der Unterrichtsinhalte für die Schülerinnen und Schüler
3.5 Vorausgesetzte Kenntnisse

4. Didaktische Rekonstruktion und Analyse
4.1 Einstieg
4.2 Hinführung
4.3 Erarbeitungsphase I
4.4 Sicherung I
4.5 Erarbeitungsphase II
4.6 Sicherung II
4.7 Schlussbemerkung
4.8 Tabellarischer Ablauf der Unterrichtsstunde

5. Abschließende Bemerkung

6. Materialien

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man auf die Schnelle die aktive und passive Form eines Satzes, könnte man ihre Koexistenz durchaus für redundant halten. Dabei steckt hinter dem Passiv so viel mehr als nur eine leichte Umänderung des Satzes:

,,Durch die Wahl einer aktivischen oder passivischen Formulierung können Sprecherschreiber bei der sprachlichen Erfassung identischer Ereignisse Akzente setzen, die weit über stilistische Variationen hinausreichen.ˮ1

Diese hier erwähnten Fähigkeiten sollten die Schülerinnen und Schüler badenwürttembergischer Gymnasien in der 6. Klasse erlernen. Der korrekte Gebrauch sowie die Analyse der passivischen Form wird aber bis in die Oberstufe gefordert sein.

Um nun einen Unterrichtsentwurf entwickeln zu können, muss zunächst in der Sachanalyse die fachwissenschaftliche Darstellung des grammatikalischen Phänomens beschrieben werden. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf dem Vorgangspassiv, da dies in der vorliegenden Unterrichtsstunde behandelt wird. Außerdem wird auf die Unterschiede zwischen Schulgrammatik und Linguistik eingegangen. Im dritten Punkt wird unter Berücksichtigung des vorangegangenen Gliederungspunktes und des Bildungsplanes eine qualitative und quantitative Reduktion durchgeführt. Anschließend wird die Unterrichtsstunde zur Einführung des Passivs schrittweise vorgestellt. Im Anhang befinden sich die Materialien, die in der Stunde verwendet werden.

Das Ziel dieser Unterrichtsstunde ist, dass die Schülerinnen und Schüler erkennen, wie die passive Form gebildet und verwendet wird. Dazu werden die inhaltlichen Unterschiede zwischen Passiv und Aktiv besprochen. Um die Sechstklässler nicht zu überfordern, werden in der ersten Stunde die verwendeten Zeiten sowie die Modi jedoch zunächst hintenangestellt. Diese müssen allerdings in einer darauffolgenden Stunde erarbeitet werden. Die Erkenntnis der Thematik wird vor allem induktiv erfolgen. Somit ist der Erkenntnisweg der Schülerinnen und Schüler transparent.2

2. Sachanalyse

2.1. Fachwissenschaftliche Darstellung

Ein Verb in einem Satz wird im Deutschen nicht nur in einem bestimmten Tempus verwendet, je nach Verhaltensrichtung kann es auch im Aktiv oder Passiv stehen. Das Genus verbi (,,Art des Verbesˮ) stellt den Überbegriff für das Aktiv, die unmarkierte Form eines Verbes, und das Passiv, die markierte Verbform dar.3 Wichtig ist außerdem zu erwähnen, dass das Passiv keine eigene Flexionsform im Deutschen ist, sondern mit der Verbform Partizip II und meist von einer Form von ,,werdenˮ (siehe unten) gebildet wird.4

Das Passiv lässt sich darüber hinaus noch in Vorgangspassiv, Zustandspassiv und Rezipientenpassiv gliedern.5

2.1.1 Das Vorgangspassiv

Enthält der aktive Satz ein Subjekt und ein Akkusativobjekt, wird das Akkusativobjekt des Aktivsatzes zum Subjekt des Passivsatzes. Das Subjekt des Aktivsatzes kann im Passivsatz entweder weggelassen oder wird mithilfe einer von-Phrase realisiert. Das Vorgangspassiv wird mit dem Hilfsverb ,,werdenˮ und dem Partizip II eines Vollverbes gebildet. Die Wortstellung dabei ist frei.

(1) a. Ein Freund kaufte das Pferd.

b. Das Pferd wurde (von einem Freund) gekauft.

Nun ist es natürlich aber auch möglich, dass ein aktives Verb überhaupt kein Akkusativobjekt fordert:

(1.1) a. Bei mir daheim hat man oft gespielt.

Doch auch in diesem Beispiel ist die Bildung des Passivs möglich, dem passiven Satz fehlt allerdings ein Subjekt, man spricht vom unpersönlichen Passiv:

(1.1) b. Bei mir daheim wurde oft gespielt.6

Verwendet wird das Vorgangspassiv besonders dann, wenn ein Perspektivenwechsel vom Sprecher beabsichtigt ist. Der passive Satz wird aus der Geschehensperspektive betrachtet, der aktive hingegen aus der Handlungsperspektive:

(1.2) a. Max ruft die Polizei.

b. Die Polizei wird (von Max) gerufen.

Wenn man die Beispiele in einem Film darstellen müsste, wird der Unterschied deutlich: in Satz 4a würde Max beim Telefonieren gefilmt werden, in Satz 4b würde man die Polizei sehen.7

2.1.2 Das Zustandspassiv

Das Zustandspassiv besteht aus dem Verb ,,seinˮ und dem Partizip II. Es beschreibt einen Zustand, der aus einem Vorgang resultiert. Auch bei dieser Passivform wird das Akkusativobjekt des Aktivsatzes beim Zustandspassiv zum Subjekt. Anders als beim Vorgangspassiv tritt das Subjekt des Aktivsatzes in der Regel nicht mit Hilfe einer von-Phrase im passiven Satz auf.

(2) a. Sie verschließt die Tür.

b. Die Tür ist (*von ihr) verschlossen.

2.1.3 Das Rezipientenpassiv

Das Rezipientenpassiv wird mithilfe der Hilfsverben bekommen, erhalten oder kriegen sowie dem Partizip II eines Vollverbes gebildet. Bei dieser Form des Passivs wird das Subjekt des Aktivsatzes als von-Phrase im passiven Satz realisiert, das Dativobjekt des aktiven Satzes wird als Subjekt des Passivsatzes verwendet.

(3) a. Sie las ihm das Buch vor.

b. Er bekam das Buch (von ihr) vorgelesen.8

2.1.4 Die Funktionen des Passivs

Das Passiv kann in verschiedenen Situationen verwendet werden. Will man eine Tätigkeit, nicht aber den Handelnden in den Vordergrund stellen, wird das Passiv eingesetzt. Außerdem kann man die passive Form aus einem Informationsmangel oder Informationsriegel gebrauchen.9

Natürlich kann das Passiv auch in unterschiedlichen Zeitformen ausgedrückt werden, wie die folgende Tabelle zeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten10 11

2.1.5 Die Veränderung der syntaktischen Funktionen

Wird ein aktiver Satz ins Passive umgewandelt, ändert sich seine Argumentstruktur nicht. Eine Veränderung gibt es aber bezüglich der thematischen Rollen: Sie werden nun mit anderen syntaktischen Funktionen verbunden:

(5) a. Aktiv: Max (Agens - Subjekt) hat Lisa (Rezipient - Dativobjekt) die Tür (Patiens - Akkusativobjekt) geöffnet.

b. Vorgangspassiv: Die Tür (Patiens - Subjekt) wurde Lisa (Rezipient - Dativobjekt) von Max (Agens - von-Phrase) geöffnet.

c. Zustandspassiv: Die Tür (Patiens - Subjekt) war Lisa (Rezipient - Dativobjekt) geöffnet.

d. Rezipientenpassiv: Lisa (Rezipient - Subjekt) bekam die Tür (Patiens - Akkusativobjekt) von Max (Agens - von-Phrase) geöffnet.

Hierbei wird deutlich, dass in den passiven Sätzen das Agens unrealisiert bleiben kann bzw. muss. Somit gibt es im passiven Satz im Gegensatz zum Aktiven eine Valenzreduktion:

(6) a. Moritz hat die Bonbons geklaut.

b. Die Bonbons sind (von Moritz) geklaut worden.12

2.2. Unterschied zwischen Schulgrammatik und Linguistik

In Schulgrammatiken werden häufig Fachtermini anders als in der Linguistik verwendet. So wurde den Verben einige Zeit lang in Schulbüchern ein Geschlecht zugeordnet; aktiv galt als männlich, passiv hingegen als weiblich.13

Darüber hinaus wird das Passiv teilweise als ,,täterabgewandtˮ charakterisiert, da man den Auslöser des Geschehenen auch weglassen kann. Trotzdem kann man nicht automatisch das Aktiv nun als ,,täterzugewandtˮ bezeichnen. Schließlich wäre es etwas merkwürdig, wenn man in dem Satz ,,Max mag Moritzˮ Max als ,,Täterˮ bezeichnen würde. Ebenso wenig wäre es angemessen, ,,Moritzˮ den ,,Erleidendenˮ (Patiens) zu nennen. Desweiteren ist es in aktiven Sätzen möglich, den ,,Täterˮ oder das ,,Agensˮ, wie der Auslöser eines Geschehens bezeichnet wird, nicht zu nennen. Dazu werden sprachliche Mittel wie ,,gehörenˮ und Partizip II oder das unpersönliche ,,manˮ als Subjekt gebraucht.14

3. Didaktische Reduktion

3.1 Vorgaben des Bildungsplans

In der sechsten Klasse sollten die Schülerinnen und Schüler in der Lage sein, ,,aktiv und passiv [zu] unterscheidenˮ.15 Hierbei wird nicht verlangt, dass die Unterscheidung zwischen Vorgangspassiv, Zustandspassiv und Rezipientenpassiv beherrscht wird. Die Lernenden sollten die passive Form anwenden können, ,,um Sachverhalte unterschiedlich auszudrückenˮ16. Somit müssen die Schülerinnen und Schüler auch die Gründe erkennen können, weshalb das Passiv benutzt wird.

Im Bildungsplan werden darüber hinaus ,,handlungs- und produktionsorientierte Verfahrenˮ17 großgeschrieben. Somit eignet sich die in dieser Arbeit vor allem verwendete Induktivität besonders gut, um grammatikalisches Wissen zu vermitteln. Den Schülerinnen und Schüler wird Grammatik nicht mehr durch zähe ,,Frage-Antwort Spieleˮ beigebracht, wie es im traditionellen Grammatikunterricht der Fall war,18 sondern die Lernenden sollen sich durch induktiv-entdeckendes Erkennen, grammatikalische Kenntnisse aneignen.

Darüber hinaus werden einige Kompetenzen mit der Unterrichtseinheit zum Passiv geschult. Dazu gehört die Sprachkompetenz. Die Schülerinnen und Schüler lernen, ,,sach-, situations- und adressatengerecht sprachlich zu handelnˮ. Auch ihre kommunikative Kompetenz wird abgedeckt, da die Lernenden sich mit ,,komplexeren sprachlichen Äußerungenˮ

[...]


1 http://hypermedia.ids-mannheim.de/call/public/sysgram.ansicht?v_typ=d&v_id=1199 [Stand: 1. August 2016].

2 Vgl. BREDEL, Ursula: Sprachbetrachtung und Grammatikunterricht. Paderborn 2013, S. 157.

3 Vgl. EISENBERG, Peter: Der Satz. Grundriss der deutschen Grammatik. Stuttgart 2014, S. 118.

4 Vgl. GRANZOW-EMDEN, Matthias: Deutsche Grammatik verstehen und unterrichten. Tübingen 2014, S. 163.

5 In der Einteilung des Passivs unterscheiden sich die Meinungen in der Fachliteratur. Während Pittner und Berman zwischen Vorgangs-, Zustands- und Rezipientenpassiv unterscheiden, sieht Hans Jürgen Heringer einen Unterschied zwischen werden-Passiv, sein-Passiv und dem bekommen-Passiv. Das sein-Passiv gliedert er nochmals in Vorgangs- und Zustandspassiv, vgl. HERINGER, Hans Jürgen: Deutsche Grammatik und Wortbildung in 125 Fragen und Antworten. Tübingen 2014, S. 110f.

6 Vgl. PITTNER, Karin/BERMAN, Judith: Deutsche Syntax. Ein Arbeitsbuch, Tübingen 2013, S. 70.

7 Vgl. PITTNER/BERMANN: Deutsche Syntax, S. 69f.

8 Vgl. Ebd., S. 68ff.

9 Vgl. http://www.fachdidaktik-einecke.de/3_Sprachdidaktik/passiv_funktionen.htm [Stand: 17. Mai 2016].

10 Vgl. EISENBERG: Der Satz, S. 118.

11 Vgl. GRANZOW-EMDEN: Deutsche Grammatik, S. 182ff.

12 Vgl. EISENBERG: Der Satz , S. 76.

13 Vgl. GRANZOW-EMDEN: Deutsche Grammatik, S. 163.

14 Vgl. Ebd., S. 164.

15 http://www.bildung-staerkt-menschen.de/service/downloads/Bildungsstandards/Gym/Gym_D_bs.pdf [Stand: 29. Februar 2016], S. 81.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Vgl. HOCHSTADT Christine/KRAFFT, Andreas/ OLSEN, Ralph: Deutschdidaktik. Konzeptionen für die Praxis. Tübingen, Basel 2015, S. 230ff.

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668331341
ISBN (Buch)
9783668331358
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v340359
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Grammatische Phänomene in der Unter- und Mittelstufe
Note
Schlagworte
einführung passivs deutsch klasse gymnasium

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