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Gentechnologie - ein soziales Problem?

Hausarbeit 2002 28 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Was ist Gentechnik?
1.1. Allgemeine Definition von Gentechnik, Abgrenzung des Begriffs
1.2. Historischer Überblick über die Entwicklung der Gentechnik

2. Anwendungsbereiche der Gentechnik:
2.1. Genmanipulation – Schaffung transgener Organismen
2.1.1. Industrielle Nutzung transgener Bakterien
2.1.2. Gentechnisch modifizierte Pflanzensorten
2.1.3. Transgene Tiere
2.2. Gentherapie am Menschen
2.3. Genom-Analyse

3. Was ist ein soziales Problem? Definitionsansätze:
3.1. Robert King Merton: der strukturfunktionalistische Ansatz
3.1.1. Diskrepanz zwischen sozialen Standards und sozialer Wirklichkeit
3.1.2. Die Rolle der Definitoren für die Wahrnehmung des Problems
3.1.3. Latente und manifeste soziale Probleme
3.2. Herbert Blumer: der konstruktionistische Ansatz
3.2.1. Resultat eines kollektiven Definitionsprozesses
3.2.2. Die Karriere eines sozialen Problems nach Blumer
3.2.3. Weiterentwicklung des Ansatzes durch Kitsuse und Spector
3.3. Welche Theorie erklärt das ‚soziale Problem’ Gentechnik?

4. Die öffentliche Diskussion:
4.1. Das Muster der öffentlichen Diskussion in Deutschland
4.2. Die Akteure der öffentlichen Diskussion
4.3. Die Legitimation des Problems und die Generierung öffentlicher Wahrnehmung
4.4. Reform, Behandlung oder Verschiebung des Problems?

5. Tatsächliche und befürchtete Folgen der Gentechnik:
5.1. Fortsetzung bestehender gesellschaftlicher Trends und Tendenzen
5.2. Spezifisch neue Probleme im Umgang mit den Biotechnologien

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Gentechnik und der gesellschaftlichen Diskussion um dieselbe. Hierbei soll der Hauptaugenmerk darauf gerichtet sein inwieweit es sich bei der Thematik um ein ‚soziales Problem’ handelt.

Die Kontroverse, die sich an der Gentechnologie und anderen Biotechnologien entzündet hat, ist schwer zu übersehen. Seit Jahren werden Aspekte der Thematik immer wieder von den Medien aufgegriffen. Trotzdem zeigen Umfragen, dass die wenigsten wissen, was genau man unter Gentechnologie zu verstehen hat. „Wie groß die Verwirrung tatsächlich ist, zeigen Umfrageergebnisse, wonach 70 % der Deutschen gegen Gentechnik, 70 % aber für somatische Gentherapie sind. Wenn man bedenkt, dass Gentherapie Gentechnik in Reinskultur ist, dann können die Irrungen und Wirrungen der öffentlichen Diskussion eigentlich nicht verwundern.“ (Winnacker, 1996, S.128) Von allen Akteuren der gesellschaftlichen Diskussion wird behauptet ihre Interpretation des Sachverhaltes entspräche der Wahrheit, sei die Beschreibung der Wirklichkeit. „Inwieweit diese ‚Wirklichkeit’ der Realität entspricht, ist eine schwierige empirische Frage. Dass hier nicht einfach die nackte Realität zur Sprache kommt, zeigt sich schon darin, dass wir über viele Tatbestände, die als ‚soziale Probleme’ in Erscheinung treten gar nicht genau informiert sind.“ (Sidler, 1989, S.30)

Unter Punkt 1. der Hausarbeit ‚Was ist Gentechnik’ soll deshalb zu erst ein Abgrenzung des Begriffs der Gentechnologie vorgenommen werden und so dann kurz das ganze Spektrum der Gentechnik, von der Geschichte der Genetik zu den molekularbiologischen Arbeitstechniken, angerissen werden. Unter Punkt 2. sollen die wichtigsten Anwendungsgebiete der Gentechnik in der medizinischen und industriellen Nutzung vorgestellt werden.

Punkt 3. beschäftigt sich mit der Fragestellung: ‚Was ist ein soziales Problem’, zur Beantwortung der Frage wird unter 3.1. und 3.2. auf die beiden gängigsten Theorien sozialer Probleme, den strukturfunktionalistischen und den konstruktionistischen Ansatz, eingegangen. Unter 3.3. soll so dann untersucht werden welche der beiden Theorien besser für die Beantwortung der Frage geeignet ist, ob die Gentechnik ein soziales Problem darstellt oder nicht.

Punkt 4. untersucht die öffentliche Diskusssion in Deutschland zum Thema. Unter Zuhilfenahme der konstruktionistischen Theorie sozialer Probleme soll unter 4.1. der Verlauf der öffentlichen Debatte und des kollektiven Definitionsprozesses beschrieben werden. Darüber hinaus wird unter 4.2. auf die Rolle und Interessen der verschiedenen, an der Diskussion beteiligten gesellschaftlichen Akteure (der Makroebene) eingegangen. Der Punkt 4.3. beschäftigt sich mit der von den Interessengruppen betriebenen sozialen Legitimation der jeweiligen Standpunkte und den Strategien in der öffentlichen Diskussion. Abschließend soll unter Punkt 4.4. festgestellt werden inwieweit der Sachverhalt der Gen- und Biotechnologien in der öffentlichen Meinung und im politischen Alltag als soziales Problem anerkannt ist, ob also die Konstitution als soziales Problem abgeschlossen ist, und was zur Bewältigung der Problematik unternommen wurde.

Lag unter Punkt 4. ‚Die öffentliche Diskussion’ der Schwerpunkt auf dem konstruktionistischem Ansatz, so soll unter Punkt 5. ‚Tatsächliche und befürchtete Auswirkungen der Gentechnik’ die Frage nach den objektiven Problemkernen der Thematik und etwaiger Folgeprobleme gestellt werden. Hierbei wird unterschieden zwischen unmittelbar durch die Gentechnik verursachten, neuartigen sozialen Problemen (5.2.) und bereits bestehenden sozialen Problemen, die durch die Gentechnik lediglich eine Verschärfung erfahren (5.1.).

Ziel der Hausarbeit ist es zu einer realistischeren Einschätzung des Themenspektrums Gentechnik und der sozialen Diskussion um dasselbe zu gelangen.

1. Was ist Gentechnik?

1.1. Allgemeine Definition von Gentechnik, Abgrenzung des Begriffs

Was also ist Gentechnik? „Die Gentechnologie ist durch ein grundlegendes Verfahren definiert: Die gezielte Neukombination des genetischen Materials von Lebewesen. Der Mensch hat die Möglichkeit, einzelne Erbinformationen, die in lebenden Zellen vorhanden sind, (...) aus ihrer Umgebung heraus zu lösen und über die Artgrenze hinweg in andere Organismen zu übertragen.“ (Catenhusen/Neumeister, 1987, S.VII)

In dieser Definition liegt gleichzeitig die Erklärung für die Brisanz der Gentechnologie. Anders als in vielen Informationsbroschüren dargestellt, ist die Gentechnik nicht Teil einer Jahrtausende alten Tradition der Veränderung der Umwelt durch den Menschen. Das revolutionär Neue an der Gentechnik ist die nie zuvor gekannten Qualität der Eingriffstiefe. Mit der Möglichkeit der Gentechnik zum Gentransfer über die Artgrenze hinweg „stellt sie urplötzlich das ganze Leben auf diesem Globus zur Disposition.“ (Winnacker, 1996, S.125) Mit dem Ausspruch „Inzwischen fragen wir uns: Was erzeugt eigentlich die Unterschiede zwischen Würmern und Menschen?“ (Halder, 1998, in: Der Spiegel, Nr.10, S.189) bringt der Evolutionsgenetiker G. Halder polemisierend die Fragestellung auf den Punkt, die sich unweigerlich aufdrängt, wenn von Karpfen oder Schweinen mit Menschen-Genen die Rede ist.

Häufig werden in einem Atemzug mit der Gentechnik andere Technologien genannt, die ebenfalls in den Bereich der ‚Life Sciences’ gehören, aber von der Gentechnik explizit zu unterscheiden sind. Hierzu gehört der Bereich der Reproduktionstechniken, wie sie die künstliche Befruchtung oder das Klonen von Lebewesen darstellen, und andere Forschungsgebiete der Biotechnologie, wie beispielsweise die Forschung an embryonalen Stammzellen. Wie die Gentechnik hat auch die Reproduktionstechnologie ihre Wurzeln in der Genetik. Durch die Erkenntnisse der Invitrofertilisation (künstlichen Befruchtung), wurde der Gentechnik ein Arbeiten mit Zellen im Reagenzglas (in vitro) erst ermöglicht.

1.2. Historischer Überblick über die Entwicklung der Gentechnik

Begründet wurde die klassische Genetik von Gregor Mendel, der die Vererbung von Merkmalen der Eltern an die Nachkommen am Beispiel von Erbsen wissenschaftlich untersuchte. Mit der Veröffentlichung seiner Studien 1865 lag erstmals eine konkrete Theorie der Vererbung vor. Mendels Überlegungen führten zur Annahme von Erbfaktoren oder Genen, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden und deren Eigenschaften bestimmten.

Ein großer Fortschritt in der Genetik war die Entdeckung der Chromosomen im Zellkern durch den Biologen Theodor Boveri, der die Chromosomen 1887 unter dem Mikroskop beobachtete und in ihnen die Träger der von Mendel postulierten Erbfaktoren sah. Da in jeder Zelle einer Art die gleiche Anzahl von Chromosomen vorkam und sich der diploide Chromosomensatz bei der Bildung von Samenzellen halbierte.

Die große Frage, die blieb, war wie sich derart viele vererbbare Eigenschaften auf den winzigen Chromosomen speichern ließen. So suchte man nach einer Substanz, deren vermeintlich komplizierte Struktur in der Lage wäre Erbinformation zu enthalten.

Der Erfolg kam 1944, als der Wissenschaftler Oswald Avery bewies, dass die in allen Zellen vorkommende und bereits früher nachgewiesene Desoxyribonukleinsäure, kurz DNS, der gesuchte Stoff sein musste.

Die Entdeckung der DNS war der Beginn der Molekulargenetik, doch blieb das Problem ungelöst, wie sich die DNS verdoppeln sollte und wie diese einfache Säure genetische Informationen enthalten konnte. 1953 traten Francis Crick und James Watson mit ihrer Theorie an die Öffentlichkeit, die als Struktur des DNS-Moleküls einen in sich gewundenen Doppelstrang vorschlug (Doppelhelix), welcher die Fragen beantwortete. Crick war es auch der formulierte, dass die DNS den Bauplan für die Proteine liefert und nicht etwa umgekehrt. Dies war die Geburtsstunde der Gentechnologie.

1965/66 erkannte man, dass immer jeweils drei Bausteine der DNS (Basen) einen genetischen Buchstaben darstellen, so war man der Entschlüsselung des „Gen-Codes“ erneut nähergekommen. Zeitgleich entdeckte die Forschung eine große Anzahl Enzyme, die die Prozesse innerhalb der Zelle steuerten. 1958 fand A. Kornberg ein Enzym, das bei der Verdoppelung der DNS eine wichtige Rolle spielt (die DNS-Polymerase). 1962 folgte der Biochemiker W. Arber mit der Entdeckung sog. Restriktionsenzyme, die DNS an ganz bestimmten Stellen zerschneiden. 1972 stieß man auf ein Enzym, welches DNS-Fragmente wieder verknüpft (DNS-Ligase).

Unter diesen Vorraussetzungen gelang es 1973 Wissenschaftlern der University of California Stücke vom Erbgut eines Frosches in Bakterien einzubringen und so den ersten ‚gezielt‘ gentechnisch modifizierten Organismus zu erzeugen. Damit bestand zum ersten Mal in der Geschichte die Möglichkeit einen Organismus weit über die Methoden der Züchtung hinaus in seinen Eigenschaften zu verändern.

1977 wurde die erste Firma gegründet, die gentechnische Verfahrensweisen zur kommerziellen Produktion von Medikamenten einsetzte. Bereits 1982 setzte der Mensch die Gentechnik zur Veränderung höherer Lebewesen ein, so wurde dem Genom einer Maus ein Gen beigefügt, das für die Produktion des Wachstumshormons bei Ratten verantwortlich ist.

Dem folgte 1988 die Patentierung einer Maus, die aufgrund gentechnischer Veränderung eine Krebs auslösende Gensequenz im Erbgut hatte. Mittlerweile gibt es Nager, die wegen eines Quallen-Gens im Erbgut in UV-Licht fluoreszieren.

Der erste Freisetzungsversuch genmanipulierter Pflanzen erfolgte Mitte der 80er Jahre in Belgien. 1991 gab es den ersten Freisetzungsversuch in Deutschland.

1990 erprobten amerikanische Ärzte erstmals eine somatische Gentherapie in der Praxis.

Zur Zeit ehrgeizigstes Vorhaben ist die Entschlüsselung des kompletten menschlichen Genoms (Human Genome Project „Hugo“) bis zum Jahr 2005.

(Quelle für 1.2.: Cernaj/Cernaj, 1997, S.41 ff)

2. Anwendungsbereiche der Gentechnik:

2.1. Genmanipulation – Schaffung transgener Organismen

2.1.1. Industrielle Nutzung transgener Bakterien

Genmanipulierte Bakterien waren ursprünglich lediglich ein Nebeneffekt, der

bei der Vervielfältigung von DNS-Sequenzen, zu Forschungszwecken auftrat. Man machte dabei die Erfahrung, dass das eingebrachte Gen in der Bakterienzelle genauso gelesen und in Proteine übersetzt wurde, wie zuvor in dem Spenderorganismus. Daraufhin begann man gezielt Gene in Bakterien einzuschleusen, um ein bestimmtes Eiweiß zu produzieren. Die Palette von Möglichkeiten, dieses neue Verfahren zu nutzen, erstreckt sich über die Gewinnung von Enzymen und Hormonen, bis zu Vitaminen und vielen Aroma-, Zusatz- und Süßstoffen, die wir täglich mit der Nahrung aufnehmen.

Der größte Einsatzmarkt für mit gentechnischen Verfahrensweisen hergestellten Enzymen ist seit Beginn der 80er Jahre der Waschmittelsektor. So gibt es Enzyme (Lipasen), die für den Abbau von Fetten zuständig sind, andere bleichen die Wäsche oder sollen den Weichspüler ersetzen (Zellulase). Der Umsatz des Weltmarkts für gentechnisch hergestellte Enzyme wird auf über 1,5 Mrd. DM geschätzt. (Fuchs, 1997, S.27)

Ein weiterer Sektor ist die pharmazeutische Nutzung, so produzieren beispielsweise Kolibakterien, denen ein menschliches Gen eingeschleust wurde, das Hormon Insulin, das zur Behandlung von Diabetes unentbehrlich ist. Da das gentechnisch hergestellte Insulin mit dem des Menschen identisch ist, macht dieses Verfahren seit 1982 eine problemlose Behandlung Zuckerkranker möglich, im Gegensatz zu der davor üblichen Behandlung mit tierischem Insulin. Erfolgreich war die Methode ebenfalls bei der Behandlung der Bluterkrankheit (Hämophilie), bei der der sog. Faktor VIII durch transgene Bakterien gewonnen werden konnte. Zwergwuchs wird mittlerweile durch medikamentöse Zugabe eines gentechnisch gewonnenem Wachstumshormons verhindert.

Auch bei der Herstellung von Lebensmitteln kommen gentechnisch modifizierte Bakterien zum Einsatz. Die Mikroorganismen sind unter anderem bei der Entstehung von Bier, Wein, Käse und Joghurt beteiligt. Die meisten gentechnischen Veränderungen wurden vorgenommen, um die Bakterien mit Blick auf die Beschleunigung des Produktionsprozesses und die Haltbarkeit der Endprodukte zu optimieren. Mit Hilfe der Gentechnik wurden Bierhefen so verändert, dass unerwünschte Aromakomponenten während des Brauvorgangs abgebaut werden oder Light-Biere mit weniger Alkohol entstehen. In Fertigbackmischungen werden ebenfalls Gentech-Enzyme verwendet. Das klassische Beispiel eines gentechnisch hergestellte Zusatzstoffes ist das zur Käseherstellung benötigte Labferment (oder Chymosin), welches bislang aus Kälbermägen gewonnen wurde. Seit die Nachfrage an Schlachtkälbern zurückgegangen ist, wird das Enzym von dem genmanipuliertem Bakterium Escherichia coli hergestellt.

(Quellen für 2.1.1.: Cernaj/Cernaj, 1997, S.92 ff, S.141. Fuchs, 1997, S.27 ff)

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Details

Seiten
28
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638343626
ISBN (Buch)
9783638652551
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v34035
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Gentechnologie Problem Soziologie Probleme Verhaltens

Autor

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Titel: Gentechnologie - ein soziales Problem?