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Fußball als Religionsersatz. Ist der Fußballkult zu einer Ersatzreligion geworden?

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen
2.1 Religion
2.2 Ritual

3. Äußere Parallelen zwischen Religionsausübung und Fußballkult
3.1 Institutionelle Verbindungen
3.2 Ähnlichkeiten beider Institutionen
3.3 Kirchenraum und Stadion

4. Religiöse Handlungen auf dem Rasen und auf den Rängen
4.1 Aufstehen und Gesang
4.2 Heiligenkult
4.3 Gemeinschaftssinn und Identifikation
4.4 Identitätsfindungen
4.5 Erlösungserlebnis – Verdammniserfahrung
Exkurs: Gibt es einen Fußballgott?

5. Das Phänomen des Fußballkultes

6. Schlussfolgerung

7. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das ganze Land in Schwarz-Rot-Gold getaucht, das Thema Fußball in aller Munde, die Menschen in einem allgemeinen Freudentaumel. Dieses Bild bot sich dieses Jahr, wie schon vier Jahre zuvor in allen deutschen Städten, Anlass war das aktuelle Fußballgroßereignis, die Weltmeisterschaft 2010. Doch auch in der Bundesliga oder bei dem heimischen Regionalverein ist die Fußballbegeisterung ungebrochen. Nahezu pilgernd strömen die Menschen an die öffentlichen Orte des Zelebrierens, hoffen, jubeln und trauern gemeinsam. Fanhymnen werden angestimmt in derHoffnungauf den Sieg. Nicht wenige werden ein Stoßgebet gen Himmel gesandt haben, dass doch endlich daserlösende Torfallen möge, dort auf demheiligen Rasen. Doch, welcher Gott wird angebetet und zu welchem Zweck geschieht das?

Clifford Greetz sagte einmal. „Unser täglich dringender werdendes Problem ist nicht, Religion zu definieren, sondern Religion zu erkennen.“[1]Wann handelt es sich um Religion? Wann ist es lediglich ein kulturelles Phänomen? Diese Arbeit wird sich der Frage widmen:Istder Fußballkult zu einer Ersatzreligion geworden?Die Kirche wirkt weltfremd in dieser säkularen Gesellschaft, beinahe anachronistisch. Dennoch hat jeder Mensch ein Bedürfnis nach religiösen Erfahrungen und möchte dieses ausleben.[2]

Um einer Antwort auf die Frage „Ist der Fußballkult zu einer Ersatzreligion geworden?“ näher zu kommen, werden zunächst einige notwendige Definitionen geklärt. Anschließend werden die beiden Institutionen - Kirche und Fußball - vergleichend betrachtet. Die Rituale im Fußballstadion werden dann parallel mit denen in der Kirche beschrieben und hinterfragt. Was unterscheidet die Rituale im Fußballstadion von kirchlichen Ritualen? Welche Handlungen gleichen denen der Kirche und was drücken sie aus? Einige Rituale in den Stadien erwecken den Eindruck, als würden sich Menschen in sie Flüchten, weil es keine Religion mehr gibt, die sie auffängt. Religion ist in der heutigen deutschen Gesellschaft unterpräsent geworden. Sehen Menschen im Fußball eine Ersatzreligion, die diese Lücke ausfüllen kann? Denn „es gibt keinen Menschen, der nicht ein religiöses Bedürfnis hätte, einem Bedürfnis nach einem Rahmen der Orientierung und nach einem Objekt der Hingabe“.[3]Was ist das Geheimnis desPhänomensFußball?

Ausgehend von der Religionsdefinition wird im Anschluss geklärt werden, in wie weit Fußballkult und Religion sich ähneln, und ob man beim Fußballkult von Religion sprechen kann. Im Ausblick wird ein kleiner Blick auf die Kirche gerichtet in wie weit sie das Phänomen Fußball für sich nutzen könnte.

2. Begriffsklärungen

Die folgenden Ausführungen erfordern einige Begriffsbestimmungen. Diese werden nun für den Rahmen dieser Arbeit erläutert und definiert.

2.1 Religion

Nach Paul Tillich ist Religion das, „was uns unbedingt angeht“.[4]Aber um herauszufinden, in wie weit der Fußballkult ein religiöses Phänomen ist, reicht diese Definition nicht aus, sie ist zu individuell angelegt. Deswegen wird für die Untersuchung des Phänomens die Definition des Religionsethnologen Clifford Geertz herangezogen. Er beschrieb zentrale Aspekte, die eine Religion definieren.

"Eine Religion ist ein Symbolsystem, das darauf zielt starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen in den Menschen zu schaffen, indem es Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert und diese Vorstellungen mit einer solchen Aura von Faktizität umgibt, daß die Stimmungen und Motivationen völlig der Wirklichkeit zu entsprechen scheinen."[5]

Daraus ergeben sich folgende Merkmale einer Religion: sie ist ein Symbolsystem, zu dem unter Anderem rituelle Praktiken und der Kultus gehören. In ihr werde Ehrfurcht und Faszination sowie ein Gemeinschaftsgefühl in den Menschen erzeugt. Des Weiteren beschreibt Religion laut dieser Definition die Vorstellungen der menschlichen Wirklichkeit mit Ge- und Verboten und die letztgültigen Dinge, sie wird in ihrer Ausstrahlung als tatsächlich wahr genommen und unhinterfragt angenommen.

Mit Hilfe dieser Definition wird zu prüfen sein, wie sehr der Fußballkult als Religion wahrgenommen werden kann. Denn diese Aspekte ermöglichen eine Untersuchung des religiösen Charakters eines religionsähnlichen Phänomens, im Rahmen dieser Arbeit des Fußballkultes.

2.2 Ritual

Ein Ritual ist ein System von wiederkehrenden Handlungen in einer bestimmten Situation, bei der die Gruppenmitglieder ihre Identität gewährleisten. Es findet nur einem sozial abgeschlossenen Kreis von Menschen zugänglich. Gleichzeitig nimmt es den Interakteuren die Entscheidungen der Handlung ab, weil es in einer festgelegten Art und Weise geschieht.[6]Ein Ritual ist ein alltägliches Phänomen, doch in der Religion nehmen sie eine besondere Rolle ein. Religiöse Rituale sind Inszenierungen der symbolischen Gotteserfahrung. Durch Rituale wird Gott und der Umgang mit ihm symbolisiert. Sie sind durchgehend vorgeplant. In ihnen gibt es keine Abweichungen oder Risiken. Sie haben immer den Selben Erfolg - die Erlösung des Menschen.[7]

Rituale bedürfen nach Tillich einer Interpretation. Religiöse Symbole weisen über sich hinaus auf etwas Größeres. Weil sich Gott nicht mit dem einfachen Verstand erfassen lässt, muss seine Wirklichkeit durch Symbole oder Rituale ausgedrückt werden.[8]

3. Äußere Parallelen zwischen Religionsausübung und Fußballkult

Es existieren im Fußball und in der Religion zahlreiche Ähnlichkeiten dieser beiden Institutionen, die einen Vergleich erlauben. Legt man dem Fußball und der Religion die formalen Kriterien zu Grunde, die Schümer für die Kultur herausstellt, dann ist sowohl der Fußball, als auch die Religion etwas, was einen zentralen Platz in der alltäglichen Gedanken- und Handlungswelt der Menschen gefunden hat.[9]So verbinden die beiden Institutionen Kirche und Fußball doch mehr, als zunächst erkennbar ist.

3.1 Institutionelle Verbindungen

In der Arena auf Schalke gab es deutschlandweit die erste ökumenische Kapelle in einem Stadion, dies könnte als eine erste Form der Annäherung der beiden Institutionen angesehen werden. Diese Kapelle soll ein Ort der Besinnung und Reflexion sein. Leißer begründet diese Tatsache in der Geschichte sakraler Räume. Früher wurden Transzendente Erfahrungen an Orten gemacht, an denen sich die Menschen besonders für das über sie Hinausweisende öffnen konnten. Das Stadion wird demnach heute als „Ort menschlichen Lebens [durch die Kirche, Manuela Klagge] ernst genommen, als Ort existentieller Erfahrungen“. In diesen Kapellen gibt es keine feste Gemeinde, sie wechselt jeden Spieltag. Leißer merkt an, dass somit auch nichtkirchliche Menschen das Gefühl einer christlichen Gemeinschaft erleben können.[10]

Für Christen lenkt der kirchliche Jahreszyklus das Leben, bei den Fußballfans ist dieser durch die Bundesliga ersetzt. Besondere Kleidungen und Gesichtsbemalungen stimmen auf den Feiertag ein und lösen die gewohnten Tagesabläufe ab. In der Kirche wie im Stadion werden die gewöhnlichen Gebote aufgehoben. Die Menschen in einem Stadion und in der Kirche kehren dem gewöhnlichen Leben den Rücken.

„Nachdem Religionen, Weltanschauungen, Sitten in der Erlebnisgesellschaft ihre Verbindlichkeit verloren haben und die Menschen der unterschiedlichen Milieus und Gehaltsklassen in streng voneinander getrennten Lebensbereichen zu Hause sind, eint sie alle […] nurmehr der Fußball“[11], die Menschen fühlen sich einer Gemeinschaft (s. Kap. 4.3) angehörig.

Gottesdienst und Fußballspiel haben eine festgelegte Liturgie, mit einem Beginn, einem festgelegten Ablauf und einem Schluss. Das Amen in der Kirche beendet die Gottesdienstfeier genauso wie der Schlusspfiff dem Fußballfest ein Ende setzt. Diese „Feiertage“ widerholen sich immer wieder, jeden Sonntag folgt erneut der Gottesdienst und die Bundesliga beginnt am nächsten Wochenende, beziehungsweise in der nächsten Saison.[12]

Wie gesehen ist der Aufbau beider Institutionen sehr ähnlich strukturiert. Zahlreiche Parallelen lassen diese Einrichtungen näher erscheinen. Doch auch die Organisationsstrukturen ähneln sich.

3.2 Ähnlichkeiten beider Institutionen

Sowohl in der Kirche als auch im Fußball gibt es Parallelen in der Institutionalisierung. Beide besitzen ein festes Regelwerk, bei Fußballvereinen gibt es Bücher über die Geschichte des Vereins, Spielregeln oder Verträge. In der Religion ist all das in der Bibel vereint. Hier steht, wie der christliche Glaube entstanden ist, wie die Menschen leben sollen und was Gott ihnen dafür verspricht.

Beide Institutionen sind auf verschiedenen Ebenen organisiert. Der Fußballverein hat einen Vorstand, das Team und das ‚Team hinter dem Team‘ (Masseure, Therapeuten, Betreuer, etc.). Auch die Kirche ist verschieden untergliedert. Es gibt beispielsweise Bischöfe, Pastoren und auch hier gibt es ein ‚Team hinter dem Team‘ (wie Katecheten, Küster usw.).[13]

[...]


[1]Greetz, Clifford: Dichte Beschreibung, S. 15.

[2]vgl. Fromm, Erich: Analyse einiger Typen religiöser Erfahrung, S. 30

[3]Ebenda.

[4]vgl: Tillich, Paul: Systematische Theologie, S. 182.

[5]Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung, S. 48.

[6]vgl.: Josuttis, Manfred: Der Gottesdienst als Ritual, S. 43-57.

[7]vgl. Daiber, Karl-Fritz: Religion in Kirche und Gesellschaft, S. 194-199.

[8]Tillich, Paul: ,S. 238.

[9]vgl. Schümer, Gott ist Rund, S. 34: „Fußball ist der Leitstern unserer Kultur, wenn Kultur bedeutet: worüber die meisten reden, worauf die meisten fiebern, was die meisten wichtig finden, in welcher sprachlichen Währung die meisten miteinander verkehren können.“

[10]vgl. Leißer, Thorsten: Gott im Stadion?, S. 2.

[11]Schümer, Dirk: Gott ist rund, S. 35.

[12]vgl. Bausenwein, Christoph: Geheimnis Fußball, S. 173.

[13]vgl. Daiber, Karl-Fritz: Religion, S. 192.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668298781
ISBN (Buch)
9783668298798
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339962
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für ev. Theologie
Note
1,3
Schlagworte
fußball religionsersatz fußballkult ersatzreligion

Autor

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