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Die Collegia pietatis bei Philipp Jakob Spener als Vorläufer heutiger Bibelkreise

Kirchengeschichtliche und theologische Hintergründe

Hausarbeit 2013 31 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Heutige Bibelkreise als Ausgangspunkt der Arbeit

2 Kurze Vorstellung der historischen Situation und des Theologen Philipp Jakob Spener
2.1 Christliche Erbauungsliteratur zur Zeit Speners
2.2 Speners Studienzeit und Jean de Labadie

3 Speners Zeit in Frankfurt a.M. 1666-1686
3.1 Die Situation der Evang.-Luth. Kirche auf Gemeindeebene
3.2 Die Einrichtung des Collegii pietatis in Frankfurt a.M.
3.3 Ablauf des Collegium pietatis unter Spener
3.4 Wandel des Collegii pietatis in Gestalt und Bedeutung
3.5 Wirkungen des Spenerschen Hauskreises
3.5.1 Speners Reformprogramm - die Pia Desideria
3.5.2 Exkurs zu dem Begriff der Erbauung bei Spener
3.5.3 Zuspruch und Widerstände gegenüber den Reformgedanken
3.6 Die Separation von Schütz und Freunden von der Kirche

4 Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Heutige Bibelkreise als Ausgangspunkt der Arbeit

Nur selten gibt es Veranstaltungen, die die unterschiedlichsten Menschen erreichen und zudem auf deren Bedürfnisse differenziert eingehen können. Eine solche findet man aber gerade in Gemeindebriefen, zusätzlichen kirchlichen Studienangeboten und auf Kirchentagen. Praktizierende Christen aller Konfessionen treffen sich meistens einmal in der Woche am Abend in ihrer Gemeinde, im Ordenshaus, zu Hause oder im Studienseminar, um gemeinsam in der Bibel zu lesen.

Bei einem sogenannten Bibelkreis beginnt man des öfteren mit einem Gebet, das die Teilnehmer auf die bevorstehende Bibelbetrachtung einstimmen soll. Daraufhin wird eine Perikope, also ein kleinerer Erzählabschnitt innerhalb eines biblischen Buches, ausgewählt und gemeinsam laut reihum vorgelesen. Danach geht jeder für sich allein den Text noch einmal durch und sucht die ihn besonders bewegenden Stellen heraus, um diese zunächst kommentarlos in die Stille der Runde zu sprechen. Sobald dies jeder getan hat, wobei hier auf die Freiwilligkeit der Teilnehmer Rücksicht genommen wird, kann man zu seiner selbst genannten Bibelstelle oder zu der eines anderen Stellung nehmen und schließlich ins Gespräch über Inhalt und Bedeutung kommen. Diskussionen sind hier nicht ausgeschlossen, sondern erwünscht, solange sie sich in einer moderaten, respektvollen Gesprächskultur bewegen. Je nach Schwerpunkt des einzelnen Kreises kann hier über die Hintergründe der Erzählung, den Bezug des Gelesenen zum eigenen Glauben oder über persönliche Erfahrungen der Teilnehmer, die im Zusammenhang mit der Geschichte stehen, offen gesprochen werden. Da dies alles freiwillig geschieht, ist es offensichtlich, dass ein derartiges Treffen nur im kleinen Kreis von maximal acht Personen durchgeführt werden kann. Ein Amtsträger der Kirche muss heutzutage hierfür nicht obligatorisch anwesend sein.

Nach dem Austausch beschließen die Mitglieder der auch Hauskreis genannten Zusammenkunft diese entweder mit einem Gebet oder Lied. Laien wie Theologen spricht diese Form der Glaubenskommunikation bis heute an, weshalb sich neben dieser klassischen eben beschriebenen Bibelstunde viele weitere Formen entwickeln konnten, wie der Bibliolog oder Mischformen, die vor allem in der Gemeindearbeit entstanden sind, um die Bibelbetrachtung noch ansprechender zu gestalten.

Die geschichtliche Entstehung solcher Bibelkreise ist den meisten aber weitgehend unbekannt, weshalb die vorliegende Arbeit diese dem Leser vorstellen möchte. Dafür wird die Abhandlung auf die Anfänge der pietistischen Bewegung und den oft als Vater des deutschen Pietismus betitelten Philipp Jakob Spener eingehen sowie auf äußere Einflüsse, die die Einrichtung und Gestaltung der Hauskreise, damals meistens Konventikel oder Collegia pietatis genannt, stark geprägt haben.

2 Kurze Vorstellung der historischen Situation und des Theologen Philipp Jakob Spener

Philipp Jakob Spener wird 1635 in eine Zeit hinein geboren, die gerade in den Wirren und Grausamkeiten des Dreißigjährigen Krieges steckt. Der Friede von Prag, ein zweiter Versuch nach dem Frieden von Lübeck (1629) dem Krieg ein Ende zu bereiten, sollte in diesem Jahr ebenfalls scheitern. So währte der Krieg die gesamte Kindheit Speners, der durch den Zweiten Prager Fenstersturz (1618) ausgelöst worden war, wobei protestantische Vertreter der Stände den katholischen königlichen Statthalter sowie den Kanzleisekretär aus dem Fenster des Königspalastes zu springen zwangen, da die Regierung die den Protestanten zustehende Religionsfreiheit missachtet hätten.

Die religiösen Motive des Krieges und der dadurch genährte, weiter um sich greifende Atheismus bereiteten den kirchlichen und den staatlichen Obrigkeiten während des Wiederaufbaus nach dem Krieg einige Schwierigkeiten, da die Macht wie zuvor wieder auf der Religion gründen sollte, um von dort aus von der Gesellschaft unangreifbar einen fürstlichen Absolutismus festigen zu können. Damit dies sichergestellt werden konnte, wurde das gesamte gesellschaftliche und kirchliche Leben Zwängen unterworfen, die bei nicht-Befolgung unter Strafe standen. Darunter fiel auch die Sonntagsheiligung, zu der jeder Christ - katholisch oder evangelisch - verpflichtet und das Fernbleiben vom Gottesdienst nur in dringenden Ausnahmefällen genehmigt wurde. Die lutherische Orthodoxie unterstütze dieses Vorgehen jedoch, da ihr die strikte Befolgung von Kirchenordnungen und -verfassungen am Herzen lag, aber auch deshalb, weil die Predigt durch die Reformation bedingt einen sehr hohen Stellenwert in der Glaubensförderung einnahm. Durch Kirchenzucht erhoffte man sich dieselben Wirkungen wie die staatliche Obrigkeit, nämlich den konfessionellen Glauben und damit den Einfluss der Institution der Evangelisch-Lutherischen Kirche zu sichern, die zudem durch die Gegenreformation in arge Bedrängnis geraten war. Dieses Modell der sogenannten Sozialdisziplinierung war eher wenig erfolgreich, wie der Leser in den folgenden Kapitel erfahren wird.

2.1 Christliche Erbauungsliteratur zur Zeit Speners

Als der Krieg nun vorbei ist, nimmt der im elsässischen geborene Spener im Alter von gerade einmal 13 Jahren an der Universität von Straßburg sein Studium auf, wo er sich der Theologie widmet, wie es seine Eltern für ihn vorgesehen hatten. Seine Ambitionen für die Geschichtswissenschaften lässt er dennoch nicht fallen, wodurch er sich vor allem als wissenschaftlicher Begründer der Heraldik einen Namen machen kann. Die Disziplin der Theologie soll sein Leben jedoch weitaus mehr prägen und begleiten, weshalb ihn später die Historiker in eine Reihe mit Luther und anderen bedeutenden protestantischen Kirchenvätern stellen werden.

Während der Studienzeit kann Spener Erfahrungen sammeln, die ihn später mehr oder weniger beeinflussen werden. An dieser Stelle seien neben verschiedenen Schriften auch seine Professoren und der Pietist Jean de Labadie genannt.

Der erste Zugang waren höchstwahrscheinlich die Bücher, die dem jungen Spener in seinem Elternhaus zur Verfügung standen. Dazu gehörten auch Schriften der puritanischen angelsächsischen Erbauungsliteratur wie Lewis Baylys Praxis Pietatis (1613), Emanuel Sonthoms (Thomsons) Güldenes Kleinod der Kinder Gottes und Daniel Dykes Nosce te ipsum oder Das Geheimnis des Selbstbetrugs. Der Puritanismus „propagierte nicht nur eine individuelle Verinnerlichung der Frömmigkeit und eine asketische Ethik, sondern auch eine ausgegrenzte Gemeinschaftsbildung der Frommen innerhalb bzw. außerhalb der Staatskirche“1. Folglich ist diese Literatur inhaltlich bestimmt von einer Jenseitsfrömmigkeit, weshalb sich dort oft Anleitungen zur innerweltlichen Askese finden, die - wie in der Praxis Pietatis von Bayly - bis zur Aufforderung reichen können, sich schließlich selbst zu verleugnen. In anderen wiederum wird der Leser zur Selbstbeobachtung und -prüfung angehalten, die zu einem „rechten christlichen Leben“2 führen soll. Als Hilfestellung wird dem Christen, der wirklich gewillt ist, in der Nachfolge Jesu zu leben, weiterhin die Erforschung seines Gewissens empfohlen, da dieses - im Falle eines Selbstbetrugs im Glauben - diesen aufdecken und als Folge daraus nach einer Änderung des eigenen Lebens verlangen würde. Außerdem steht die Heiligung des Sonntags im Vordergrund, wodurch dem Christen bei Einhaltung der jeweils angegebenen Regeln Erbauung in seinem Glauben widerfahren soll. All diese Übungen und Überlegungen sollen den (christlichen) Leser schließlich zu einer bewussten Umkehr und Buße bewegen.

Auch wenn diese Literatur Spener prägte, distanziert er sich im Alter davon, vor allem was die Thematik der einseitigen Jenseitsfrömmigkeit betrifft, die zu seinem eher moderat vertretenen Chiliasmus3 nicht passte. Er sieht sich eher als Schüler Johann Arndts, einem bedeutenden Theologen, der zu den erfolgreichsten deutschen Autoren christlicher Erbauungsliteratur dieser Zeit zählt.

Wie ihre angelsächsischen Kollegen riefen auch die deutschsprachigen Autoren der damals modernen Erbauungsliteratur zur Buße auf und setzten sich für eine neue Frömmigkeit ein, die ein lebendiges, tätiges und individuelles Christsein sowie ein Streben nach Heiligung des Lebens befördern sollte.4 Von seinem Hofprediger Joachim Stoll in Rappoltsweiler wird Spener deshalb auf die Vier geistreiche[n] Bücher vom wahren Christenthum (1605-1610) von Johann Arndt aufmerksam gemacht. Es ist das klassische Erbauungsbuch, das insbesondere vom älteren Luthertum vor dem Dreißigjährigen Krieg rezipiert wird. Neben der Bibel gilt Arndts Werk als das am weitest verbreiteste Buch des 17. Jahrhunderts. Es wurde als „Buch des Gewissens“, „Buch des Lebens Jesu Christi“ oder sogar als „Buch der Heiligen Schrift“ klassifiziert.5 Im Gegensatz aber zur puritanischen Literatur dieser Zeit erfährt die Orientierung an einer Jenseitsfrömmigkeit bei Arndt eine Korrektur zur Zuwendung „zu einer Gott in der eigenen Seele suchenden Herzensfrömmigkeit“6. Dies beinhaltet folglich gleichzeitig Kritik an einer evangelischen Kirche, die durch die lutherische Orthodoxie eine kognitiv bestimmte Frömmigkeit stärker betonte als die Emotionalität - keine Sentimentaltität wie es Spener später Kritikern des Pietismus immer wieder verdeutlicht. Anhand der ersten drei Bücher merkt der Leser die Einflüsse von Naturphilosophie und christlicher Mystik. Der Schwerpunkt nämlich liegt auf der Seele des Menschen, die nach Arndt auf einem Weg, der dem Dreischritt in der Mystik gleicht, zur Heiligung geführt werden soll. Durch Reinigung des inneren Menschen (purgatio) werde das Ebenbild Gottes in der menschlichen Seele wieder hergestellt, woraufhin eine Erleuchtung eintreten soll (illuminatio), die schließlich die Vereinigung der Seele mit Gott initiiere (unio mystica). Dadurch komme es zur vollen Aneignung des dem Christen in Taufe und Rechtfertigung bereits zugeeigneten Heils. Arndt hebt bei seinen Ausführungen also die Heiligung des Lebens vor der ansonsten im Mittelpunkt stehenden Rechtfertigung hervor. Diese Anleitung aber muss individuell umgesetzt werden und ist als eine Empfehlung nicht verallgemeinerbar, da jeder Christ selbst seinen eigenen Zugang zu einem wahren, lebendigen Glauben finden muss. Allerdings fehlt auch bei Arndt nicht die Verbindung von der wahren Nachfolge Christi mit der eigenen Selbstverleugnung, weshalb die Herzensbuße unbedingt erforderlich sei. Dies zielt auch auf das Problem, das den Protestantismus bis heute beschäftigt: den Missbrauch der Rechtfertigungslehre dergestalt, als dass der Gläubige sich in einer falschen Heilssicherheit anstatt in einer Heilsgewissheit wähnt, wie es von Luther eigentlich intendiert gewesen war. Jahre nachdem Spener dieses wichtige Werk gelesen hatte, gibt er 1674 das Buch selbst „mit 120 Anmerkungen heraus, die Arndts Rechtgläubigkeit untermauern sollen“7. Dieses Engagement zeigt, wie sehr ihn diese Schrift befruchtet hat, sodass er später sein pietistisches Wirken insbesondere auf seinen Lehrer Johann Arndt zurückführt.

Für einen lutherischen Theologen wie Spener mag es seltsam anmuten, dass er sich erst ziemlich spät (1669/70) mit den lutherischen Schriften beschäftigt. Manche Wissenschaftler wie Johannes Wallmann führen das auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück, in der viele Ausgaben vergriffen gewesen wären und direkt nach Kriegsende auch nicht produziert worden seien. Allerdings eignet Spener sich dieses Wissen zügig an, als er die Redaktion eines Bibelkommentars übernahm, der auf Luthers Schriften beruhte.8 Dabei ist er insbesondere von dem jungen Luther angetan, von welchem er die Vorrede zum Römerbrief (1522) und die Deutsche Messe (1526) stark rezipierte. Spener nimmt folglich die Rechtfertigungslehre nach Luther auf, nach der der Sünder allein aus Glauben gerecht ist, sowie „die Sorge um das Seelenheil der ihm Anvertrauten“9.

Spener hält fest: Luther sei der Reformator der christlichen Lehre gewesen, Arndt hingegen der Reformator des christlichen Lebens. Von beiden sei er, wie er später immer wieder herausstellt, in seiner Theologie weder abgewichen noch habe er sie erweitert. Speners theologische Leistung bestehe nach Martin Friedrich genau darin, dass er beide Pole denkerisch zusammenhalten konnte.10

2.2 Speners Studienzeit und Jean de Labadie

An der Universität in Straßburg lehrt Johann Schmidt, ein Theologieprofessor Speners, seine Studenten, wie man Frömmigkeit auch praxisbezogen vermitteln und (aus)üben kann. Bei seinem Dozenten Sebastian Schmidt lernt der junge Spener die exegetische Arbeit an einem Biblischen Text kennen, wobei Schmidt sehr viel Wert darauf legt, dem Bibeltext ohne dogmatischem Vorurteil zu begegnen und zu versuchen, diesen allein aus seinem inneren Zusammenhang heraus zu verstehen11. Zudem erläutert Schmidt den Studierenden eindringlich seinen Grundsatz, wie überaus wichtig die biblischen Sprachen, Hebräisch und Griechisch, neben einer genauen Exegese für das Studium der Theologie seien, wichtiger nämlich als Philosophie und Dogmatik.12 Letztere unterrichtet Johann Conrad Dannhauer, bei dem sich Spener ein profundes Verständnis der lutherischen Orthodoxie erwirbt. Um sich tiefer mit der Hebräischen Sprache auseinandersetzen zu können, geht er nach Basel zu Johann Buxtorf d.J. Dort erkennt Spener die Richtigkeit der Aussage seines Professors Schmidt und versucht seine Theologie ausschließlich aus dem biblischen Text und nicht aus Luthers Lehren zu entfalten, wie es in dieser Zeit durchaus üblich war. Dieser Schritt wurde allerdings von dem orthodoxen akademischen Kreis in Straßburg kritisch beäugt, da man von der Schweiz von den separatistischen Tendenzen um den Reformierten Jean de Labadie und seinen Anhängern gehört hatte. Dadurch sah man den jungen Spener anscheinend in seiner vielversprechenden Laufbahn gefährdet, sollte er unter den Einfluss Ladadies geraten.

Labadie war zunächst Jesuit. Aufgrund mystischer Visionen zog er zehn Jahre lang als Wanderprediger umher, um daraufhin im Jahre 1650 aus Überzeugung zum reformierten Glauben überzutreten. Bald darauf wurde er als Prediger angestellt und von seinen Schweizer Anhängern als ein zweiter Calvin gefeiert. Spener lernte Labadie in dieser Zeit in Genf kennen und ist anfangs fasziniert von dessen Frömmigkeitseifer und soll deshalb ein paar Mal an dessen Konventikeln teilgenommen haben. Dies waren Zusammenkünfte , die nach dem Vorbild des Urchristentums gebildet waren und neben dem öffentlichen Gottesdienst stattfanden. Eine Veranstaltung also außerhalb der Kirche, in denen Labadie predigte. Obwohl er sich innerhalb der reformierten Kirche schnell großer Beliebtheit erfreute, schließt diese Labadie 1669 endgültig aus jeglicher Tätigkeit und der Kirche selbst aus, da sein Konzept der wahren Kirche, das vorwiegend durch einen radikalen Chiliasmus und seinem eigenen prophetischen Anspruch gekennzeichnet war, zu stark von der reformierten Orthodoxie abwich. Eine Schrift Labadies, in der es um die Beschreibung biblischer Übungen geht, trägt auch den diesbezüglich bezeichnenden Titel L ‘ Exercice proph é tique.

Weiterhin lernt Spener in seiner Studienzeit einen niederländischen Kommilitonen kennen, der damals schon von einer Privatübung berichtet, die der lutherische Pfarrer Fischer in Amsterdam abgehalten haben soll und an der er teilgenommen hätte. Spener erfährt hierbei zum ersten Mal, wie eine Frömmigkeitsübung einen Menschen derart zum Glauben führen kann, dass dieser, um ein Theologiestudium aufzunehmen, sogar seinen damaligen Beruf aufgegeben hatte. Dieses Phänomen wird Spener auf andere Weise auch bei einem Advokaten in seiner späteren Gemeinde in Frankfurt begegnen, was ihn gleichsam positiv überraschen und beeinflussen wird.

Zunächst fällt ihm jedoch mit 28 Jahren das Buch Die Wächterstimme aus dem verwüsteten Zion (1661) von Theophil Großgebauer in die Hände. Wie es am Titel bereits abzulesen ist, kritisiert auch er wie Arndt den Zustand der evangelischen Kirche. Der Grund für die Verwüstung, wie er es nennt, liege in der einseitigen Gewichtung der Predigt und daran, dass zu viele Pfarrer zu große Parochien zu verwalten hätten, wodurch die Seelsorge und Kirchenzucht nicht ausreichend gewährleistet wäre. Hier sieht er die Obrigkeiten in der Pflicht, ihrer landeskirchlichen Aufgabe nachzukommen und eine Aufstockung der Pfarrstellen zu veranlassen. Spener beteuert im Laufe seines Lebens immer wieder, dass ihm „der Verfall und die Reformbedürftigkeit der lutherischen Kirche [erst durch Großgebauer so recht] aufgegangen“13 sei, wobei er allerdings nicht wie Großgebauer und andere, orthodoxe Reformprogramme auf eine Verbesserung der Situation durch das landesherrliche Kirchenregiment hofft, sondern auf eine Erneuerung der Kirche von unten, nämlich ausgehend von den einzelnen Gemeindegliedern und Pfarrern, setzt, was seine Prägung durch die Erbauungsliteratur beweist.

Zwei Jahre später wird Spener zum Doktor der Theologie promoviert. Folglich strebte er eine akademische Laufbahn an, die aber 1666 durch seine Berufung als Senior nach Frankfurt am Main vereitelt wurde. Dort war er als erster Pfarrer der Stadt in der Barfüßerkirche als Gemeindepfarrer tätig und traf auf die Praxis, die ihn erschüttern musste.

3 Speners Zeit in Frankfurt a.M. 1666-1686

Gleich zu Anfang seiner praktischen Tätigkeit wurde Spener mit dem Amt des Seniors auch der Vorsitz des Geistlichen Ministeriums von Frankfurt übergeben. Indessen betreut er die Gemeinde der Barfüßerkirche, wobei er nun selbst unmittelbar den Zustand der Kirche und die Situation der Gläubigen erfahren kann, wovon er zuvor eher gelesen oder gehört hatte. Diese Einsichten veranlassen ihn ein sogenanntes Collegium pietatis (Hauskreis) einzurichten und vieles an Erfahrungen verarbeitet er daraufhin in seinem späteren Reformprogramm der Pia Desideria, das zu dem Programm des deutschen Pietismus wird. In den Frankfurter Jahren erscheinen weiterhin mehrere Schriften wie Natur und Gnade oder Die Klagenüber das verdorbene Christenthum Mißbrauch und rechter Gebrauch, die Speners pragmatische Überlegungen zu einer Kirchenreform artikulieren, verteidigen und begründen.

3.1 Die Situation der Evang.-Luth. Kirche auf Gemeindeebene

Zunächst wird Spener bewusst, welche Probleme das bereits oben angesprochene kirchliche Aufbauwerk, das von der Obrigkeit unterstützt wurde, mit sich bringt: Zum einen atheistische Tendenzen nicht nur allgemein in der Gesellschaft, sondern auch unter den Christen. Zum anderen und damit verbunden ein lediglich äußeres Christentum, in dem die seelsorgerliche Praxis zunehmend vernachlässigt wurde.

Den Frankfurtern hält Spener deshalb vor, dass ihr Glaube „von einer nur äußerlichen Frömmigkeit“ sei und dieses „Kirchgängerchristentum der reichen Handelsstadt [...] ein totes, nicht zur Seligkeit führendes Christentum“14. Dies führt er darüber hinaus in einer Predigt vom Sommer 1669 über Mt 5,20 aus, in der er das „äußere Gewohnheits- christentum mit der unzureichenden pharisäischen Gerechtigkeit gleichsetzt“15. Die Lebendigkeit des Glaubens liegt Spener folglich besonders am Herzen, deren Bedeutung er durch die Literatur und seine Professoren bestätigt bekommen hatte, weshalb er die Problematik auch nicht in der rechten Lehre der Lutherischen Kirche sieht, sondern in der Wirkung des Glaubens, zu dessen Entfaltung die entsprechenden Bedingungen geschaffen werden müssten. Die evangelische Kirche bleibt für ihn dennoch weiterhin die wahre, sichtbare Kirche, die zwar Mängel habe, die seiner Ansicht nach aber durch die Gläubigen - Spener bezieht hier die Laien neben den Pfarrern und ausgebildeten Theologen mit ein - beseitigt werden könnten. Das sei die Aufgabe derer, die mit Ernst Christ sein wollten.16

Im Gegensatz zu Großgebauer und den orthodoxen Reformbestrebungen seiner Zeit vertraut Spener folglich nicht auf deren Durchsetzung durch die Obrigkeit, da sich diese selbst gegen Neuerungen wehre und wie es ein Generalsuperintendent später nach seiner Amtszeit formuliert: „keine gifftigere Leute/ die dem wahren Christenthum so zuwider/ angemerckt/ als die meines Ordens gewesen.“17

Daneben nimmt Spener auch das Fehlen von Pfarrstellen wahr, wie es in mancher Kritik bereits beklagt worden war. Die Folge war einerseits eine ungenügende seelsorgerische Betreuung der Gemeindeglieder, andererseits war es damaligen Christen, die keine entsprechenden kirchlichen Ämter bekleideten, strengstens untersagt, sich gegenseitig seelsorgerliche Dienste zu erweisen. Das bedeutete, dass damals tatsächlich eine Frau in Wittenberg von dem Theologieprofessor und Generalsuperintendenten Abraham Calov eine beglaubigte schriftliche Erlaubnis einholen musste, um ihre kranke Nachbarin christlich trösten zu dürfen.18 Die Seelsorge war zudem meistens streng auf ihre Funktion in der Beichtpraxis begrenzt und geregelt.

All das führt schließlich dazu, dass Spener 1687 in Natur und Gnade schriftlich festhält: „Die Kirche darf nicht so bleiben, wie sie ist. Die Irrtümer der römischen Lehre sind abgeschafft, aber das Evangelium ist nicht genugsam aufgerichtet worden. Es gilt vor allem, das Evangelium durch den Heiligen Geist in die Herzen zu bringen. Unsere Theologie muß sich wieder bemühen um die biblische Einfalt dazu sie der liebe Lutherus zu bringen suchte“19.

Zudem bemerkt Spener, dass der sich nach dem Dreißigjährigen Krieg langsam einstellende Atheismus kein rein außerkirchliches Phänomen ist, sondern die Kirche selbst betrifft. An diesem Punkt stellt er deutlich heraus, dass der Feind der evangelischen Kirche nicht die römisch-katholische Kirche sei, sondern eben dieser schleichende Atheismus. Die Schuld daran gibt er einerseits der damals streng geübten Kirchenzucht, wodurch zwar eine erzwungene, äußerliche Frömmigkeit erreicht wurde, die aber damit eher einen unreflektierten Unglauben förderte als zu einem lebendigen wahren Glauben hinzuführen. Andererseits war Spener immer mehr davon überzeugt, dass intellektuelle Argumentationen im Bereich der Metaphysik wenig hilfreich seien, um atheistisch gesinnte Menschen in den Glauben zurückzuführen.

Wie dies auf andere Weise zu erreichen sei, erfährt er in seiner Frankfurter Zeit durch ein Gemeindeglied, das seit Tholuck mit dem Juristen Johann Jakob Schütz in Verbindung gebracht wird. Dieser befasste sich unter anderem mit dem Mystiker Johannes Tauler, da die mittelalterliche Mystik in dieser Zeit aufgrund von Arndts Wahrem Christentum wieder eine Aufwertung insbesondere in den spiritualistischen Strömungen erlebte. Spener selbst fand jedoch zur Mystik, für die er durchaus Sympathie hegte, nie einen Zugang. Schütz hingegen hatte zuvor wohl versucht20, den Glauben rational zu be- greifen, was ihn anscheinend jedoch nicht weiterführte, weshalb er während der Auseinandersetzung mit Tauler oder auch mit einem 1644 herausgegebenen Vorwort zu dessen Werk Medulla animae von Christian Hoburg auf die Aussage stieß, dass „die lebendige Erfahrung als das Kriterium wahrer Theologie und Frömmigkeit“ angesehen werden müsse. Wie in der Erbauungsliteratur, die Spener gelesen hatte, steht auch hier der innere Mensch im Zentrum der Glaubenserfahrung. Von Tauler führt Schütz diese Erkenntnis zu der Bibellektüre, die er nicht mit dem Intellekt oder vor dem Hintergrund einer bestimmten Glaubenslehre vollzieht, sondern in Bezug auf seine eigenen Erfahrungen und das eigene Handeln. Dabei wird durch Schütz die Kraft der Heiligen Schrift als Erbauungsbuch wiederentdeckt, da es nur 100 Jahre nach der Reformation im Protestantismus üblich geworden war, als theologischer Laie lediglich den Katechismus oder andere Bücher zu lesen, aber nicht die Bibel selbst.

Biblische Texte auf sein Leben zu beziehen, ist in einem Hauskreis von heute selbstverständlich, damals jedoch war es eine beinahe revolutionäre Handlung. Im 17. Jahrhundert steht allerdings besonders die Beachtung der Gebote und Regeln für das eigene Leben im Fokus der Lektüre: Schütz las die Heilige Schrift, achtete auf die Reaktionen seiner Seele und versuchte, die Gebote zu befolgen. Es ging also um das Hören bzw. Lesen der Bibel, die Selbstprüfung und das dadruch hervorgerufene gehorsame Tun, das schließlich zu einem Indikator der Gotteserkenntnis wird.

[...]


1 Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Reformation und Neuzeit, Bd. 2, 2005, S. 681.

2 Hoffnung besserer Zeiten. Philipp Jakob Spener (1635-1705) und die Geschichte des Pietismus. Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen in Zusammenarbeit mit dem Interdisziplinären Zentrum für Pietismusforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg vom 29. Mai bis 23. Oktober 2005, hg. von den Frankeschen Stiftungen zu Halle, Verl. der Frankeschen Stiftungen zu Halle, Halle, 2005, S. 29.

3 Chiliasmus bezeichnet die Lehre von der Erwartung des Tausendjährigen Reiches nach der Wiederkunft Christi, die auf der Bibelstelle Offenbarung 20,4f beruht.

4 Hoffnung besserer Zeiten. Philipp Jakob Spener (1635-1705) und die Geschichte des Pietismus, hg. von den Frankeschen Stiftungen zu Halle, Verl. der Frankeschen Stiftungen zu Halle, Halle, 2005, S. 32.

5 a.a.O.

6 Protestantismus in Preußen. Vom 17. Jahrhundert bis zum Unionsaufruf 1817, hg. Beutel, Albrecht, 2009, S. 108.

7 Hoffnung besserer Zeiten. Philipp Jakob Spener (1635-1705) und die Geschichte des Pietismus, hg. von den Frankeschen Stiftungen zu Halle, Verl. der Frankeschen Stiftungen zu Halle, Halle, 2005, S. 32.

8 ebd, S. 34.

9 Philipp Jakob Spener - Leben, Werk, Bedeutung. Bilanz der Forschung nach 300 Jahren, hg. Wendebourg, Dorothea, Verl. der Frankeschen Stiftungen zu Halle im Niemeyer-Verlag, Halle, 2007, S. 4.

10 a.a.O.

11 Protestantismus in Preußen. Vom 17. Jahrhundert bis zum Unionsaufruf 1817, hg. Beutel, Albrecht, 2009, S. 110.

12 Hoffnung besserer Zeiten. Philipp Jakob Spener (1635-1705) und die Geschichte des Pietismus, hg. von den Frankeschen Stiftungen zu Halle, Verl. der Frankeschen Stiftungen zu Halle, Halle, 2005, S. 30.

13 Protestantismus in Preußen. Vom 17. Jahrhundert bis zum Unionsaufruf 1817, hg. Beutel, Albrecht, 2009, S. 111.

14 Hoffnung besserer Zeiten. Philipp Jakob Spener (1635-1705) und die Geschichte des Pietismus, hg. von den Frankeschen Stiftungen zu Halle, Verl. der Frankeschen Stiftungen zu Halle, Halle, 2005. S. 22f.

15 Schütz und die Anfänge des Pietismus, S. 93. Kursivsetzungen innerhalb der Zitate stammen von der Autorin und zeigen ein verwendetes Zitat im Zitat an.

16 Philipp Jakob Spener - Leben, Werk, Bedeutung. Bilanz der Forschung nach 300 Jahren, hg. Wendebourg, Dorothea, Verl. der Frankeschen Stiftungen zu Halle im Niemeyer-Verlag, Halle, 2007, S. 14.

17 Erbauung als Aufgabe der Seelsorge bei Philipp Jakob Spener, Haizmann, Albrecht, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, 1997, S. 282.

18 Johann Jakob Schütz und die Anfänge des Pietismus, Deppermann, Andreas, Mohs Siebieck, Tübingen, 2002, S. 93.

19 Schriften IV. Der Klagen über das verdorbene Christentum Mißbrauch und rechter Gebrauch 1685, Nachdruck der Ausgabe Frankfurt a.M. 1685, 1687, 1984, S. 86.

20 Darüber sind nach Deppermann keine Quellen vorhanden.

Details

Seiten
31
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668293953
ISBN (Buch)
9783668293960
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339753
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Evangelische Theologie
Note
1,3
Schlagworte
Pietismus Konventikel Collegia Pietatis Philipp Jakob Spener Hauskreis

Autor

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