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Die Finanzmarktregulierung. Systemrelevanz in Versicherungsunternehmen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 28 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ursachen von Systemrelevanz in Versicherungsunternehmen
2.1 Institutsgröße (Size)
2.2 Marktmacht
2.3 Nicht-traditionelles und Nicht-Versicherungsgeschäft (NTNI)
2.4 Ersetzbarkeit (Substitutability)
2.5 Vernetzung mit anderen Finanzinstituten (Interconnectedness)
2.6 Vernetzung zwischen Versicherungen und Rückversicherungen
2.7 Globale Aktivitäten (Global Activity)
2.8 Zeitliche Abläufe im Versicherungsgeschäft
2.9 Komplexität
2.10 Zwischenfazit

3 Finanzmarktregulierung
3.1 Supranationale Regulierung
3.1.1 Global Systemically Important Insurers
3.1.2 Gemeinsames Rahmenwerk für die Versicherungsaufsicht für international tätige Versicherungskonzerne (IAIS)
3.1.3 Internationaler Kapitalstandard für Versicherungen (ICS)
3.2 Europäische Regulierung
3.2.1 Solvency II
3.2.2 Auswirkungen von SII für die Versicherungen und Rückversicherungen
3.2.3 Restriktionen von Leerverkäufen und Handel mit Credit Default Swaps..

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Bis zur Finanzkrise, die im Sommer 2007 als US-Immobilienkrise begann und sich schnell auf den gesamten Finanzmarkt ausweitete, wurde in der Politik weitgehend davon ausgegangen, dass die Stabilität des Finanzsystems sicher sei, wenn die Solvenz jeder einzelnen Bank gesichert ist. Die Bedeutung systemischer Risiken, für die die Finanzkrise ein klassisches Beispiel darstellt, wurde hingegen unterschätzt. Die Krise startete in einem Sektor des Finanzsystems, in diesem Fall dem amerikanischen Wohngebäudefinanzierungsmarkt, und breitete sich binnen kürzester Zeit in andere Bereiche aus, letztendlich wurde auch die Realwirtschaft schwer belastet. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise brach die amerikanische Lehman Brothers Bank zusammen. Eingeleitet wurde die Hochphase der Krise allerdings durch die drohende Insolvenz des U.S. Versicherers American International Group (AIG), die nur durch staatliche Unterstützung, vor der Pleite bewahrt werden konnte.[1]

Seit der Finanzkrise haben die politischen Entscheidungsträger viel Zeit investiert, um systemisch relevante Finanzinstitute (SIFIs) zu bestimmen. Als „systemrelevant“ werden Institute bezeichnet, von denen ein systemisches Risiko für das Finanzsystem ausgeht. Der Ausfall eines oder mehrere dieser Institute kann durch Rückkopplungs- und Ansteckungseffekte zu erheblichen negativen Konsequenzen für das gesamte Finanzsystem führen und schließlich über Kreditmärkte und Zahlungssysteme auch die Realwirtschaft- und so auch private Haushalte und kleinere und mittelständische Firmen beeinflussen.[2]

Vor dem drohenden Zusammenbruch der AIG hatte sich die Forschung der Systemrelevanz von Finanzinstituten vorrangig auf die Bedeutung von Banken auf das Systemrisiko konzentriert. Durch die AIG wurde jedoch auch die Relevanz von Versicherungsunternehmen für das Finanzsystem in den Fokus gerückt und Wirtschaftsforscher begannen sich weitreichender mit dem Einfluss von Versicherungen für das Finanzsystem auseinanderzusetzen.[3]

Bis heute gibt es in der Literatur unterschiedliche Meinungen darüber, ob Versicherungsunternehmen ein systemisches Risiko darstellen können, da sie im Vergleich zu Banken u.a. nicht von „Insurance-Runs“[4] von Anlegern und dadurch nicht von plötzlichen Liquiditätsengpässen betroffen sind. Zudem gibt es die Meinung, dass das traditionelle Versicherungsgeschäft ein stabilisierender Faktor im Finanzsystem sein könnten, da sie durch im Vorhinein bezahlte Prämien finanziert werden, langfristige Geschäfte eingehen und kontrollierte Abflüsse haben.[5] Auch unter den Forschern, die von einer Systemrelevanz von Versicherungsunternehmen ausgehen, gibt es Uneinigkeit über die Ursachen der Relevanz.

In dieser Arbeit werden jene möglichen Ursachen für die Systemrelevanz von Versicherungsunternehmen dargestellt, die bisher von in wissenschaftlichen Arbeiten herausgearbeitet worden sind. Anschließend wird diskutiert, inwiefern diese in der Realität anwendbar sind und ob sie geeignet sind, ein systemisches Risiko in der Versicherungswirtschaft zu begründen. Zudem wird aufgezeigt, ob es in der Praxis bereits Fälle gegeben hat, in denen ein Versicherungsunternehmen aus einem dieser Gründe systemrelevant geworden ist. Anschließend werden die Regulierungsmaßnahmen thematisiert, die seit der Wirtschaftskrise auf supranationaler und europäischer Ebene eingeführt wurden, um das mögliche systemische Risiko von Versicherungen einzugrenzen. Abschließend werden die Effekte dieser Regulierungsmaßnahmen auf die betroffenen Versicherer und Rückversicherer aufgezeigt.

2 Ursachen von Systemrelevanz in Versicherungsunternehmen

Im 2013 hat die International Association of Insurance Supervisors (IAIS) unter der Leitung des Financial Stability Boards (FSB) eine Methodik zur Identifizierung von G-SIIs veröffentlicht.[6] Die ursprünglichen, von der IAIS identifizierten Ursachen umfassen: die Größe der Versicherung, die globale Diversifikation, den Verflechtungsgrad zu anderen Finanzinstituten, das nicht-traditionelle und nicht-Versicherungsgeschäft und die Ersetzbarkeit der Dienstleistungen.[7] Eine Einschätzung der IAIS zur Gewichtung des Einflusses der jeweiligen Ursache ist im Anhang I zu finden. In diesem Kapitel werden neben den Methodiken des FSB zusätzlich zeitliche Abläufe im Versicherungsgeschäft und die Komplexität der Versicherungen als mögliche Ursachen von Systemrelevanz betrachtet.

Die einzelnen Ursachen werden in der Literatur kritisch behandelt. Es bestehen kontroverse Meinungen, inwiefern sie in der Realität Systemrelevanz in Versicherungsunternehmen begründen können und welche der Ursachen den größten Einfluss auf das Systemrisiko der Versicherungsunternehmen hat. In diesem Kapitel werden die verschiedenen Meinungen gegenüber gestellt und der Unterschied bzw. die Gemeinsamkeiten zwischen Banken und Versicherungen in den einzelnen Fällen werden aufgezeigt.

2.1 Institutsgröße (Size)

Bei der Betrachtung des Systemrisikos von Banken wird davon ausgegangen, dass größere Banken auch ein größeres systemisches Risiko darstellen, ohne individuell einem höheren Risiko unterworfen zu sein, da sie sich als Resultat ihrer Größe auf Skaleneffekte verlassen, die im Fall eines Kollapses nicht einfach von kleineren Banken übernommen werden können. So würde es bei einem Zusammenbruch einer großen Bank eher zu Liquidationsengpässen und zu einer größeren Störung des Finanzsystems kommen, als vergleichsweise bei dem Zusammenbruch einer vergleichsweise kleinen Bank.[8]

Bei der Analyse des Systemrisikos, das Versicherungen darstellen können, wird der Einfluss von Größe auf das systemische Risiko jedoch kritischer betrachtet. Große Versicherungsunternehmen sind in der Regel diversifizierter, als Banken es typischerweise sind, und können ihre Risiken geographisch und über verschiedene Geschäftssparten streuen.[9]

Vor Veröffentlichung des Berichtes der IAIS wurde in 2010 die Institutionsgröße als Indikator für Systemrelevanz in Versicherungen bereits von Cummins und Weiss thematisiert.[10] Die Autoren gehen davon aus, dass Größe nicht zwingend zu einer Systemrelevanz führt, da die Verbindlichkeiten im traditionellen Versicherungsgeschäft einer Versicherung im Vergleich zu Banken oder Schattenbanken langfristig sind und es so nicht zu kurzfristigen Liquidationsengpässen durch einen plötzlichem Anstieg an Auszahlungen kommen kann, wie es bei Banken möglich ist („Bank Run“). Sie berücksichtigen zudem, dass die Insolvenz eines Versicherungsunternehmens i.d.R. geregelt über einen vergleichsweise langen Zeitraum abläuft und es somit nicht zu einer Situation kommt, in der Aktivposten schnell liquidiert werden müssen.[11]

Auch die Geneva Association (2010) argumentiert gegen einen starken Einfluss von der Größe einer Versicherung auf ihre Systemrelevanz. Sie gehen davon aus, dass große Versicherer, die ihre Risiken erfolgreich gestreut haben, trotz ihrer Größe kein besonderes systemisches Risiko darstellen. Probleme entstünden stattdessen durch Größe in Kombination mit fehlender Diversifikation.[12] Dies konnte während der Finanzkrise beobachtet werden, als verschiedene Anleiheversicherer (Monoliners) wie u.a. die amerikanische Financial Security Assurance, die vor der Finanzkrise der viertgrößte Monoliner der Welt war und sich ausschließlich auf Anleiheversicherung spezialisiert hatte, in finanzielle Not gerieten.[13]

Im Kontrast dazu veröffentlichten Weiß und Mühlnickel (2010) eine Studie, in der sie z u belegen versuchen, dass ihren Ergebnissen zufolge systemisches Risiko in Versicherungen vorwiegend durch Größe entsteht. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass es die großen Versicherungsunternehmen wie AIG waren, die während der Finanzkrise einem systemischen Risiko ausgesetzt waren.[14] Demzufolge gäbe es auch bei Versicherungen die Gefahr, dass sie „too-big-to-fail“ werden können, wie es bereits bei Banken kritisiert wird. So könnten zu große Versicherungsunternehmen riskanter agieren, da sie bei drohender Insolvenz nach Fehlentscheidungen durch einen Bail-Out gerettet werden würden.[15] Auch die Rettung der AIG 2008 wird mitunter damit begründet, dass die Versicherung „too-big-to-fail“ war.[16]

2.2 Marktmacht

Bei der Betrachtung von Ursachen für das Systemrisiko von Versicherungen haben Mühlnickel und Weiß (2013) den Einfluss von Fusionen auf das systemische Risiko untersucht. Sie gehen davon aus, dass Fusionen zweier Versicherer zum einem zu einem niedrigeren Systemrisiko führen könnte, da sich durch den Zusammenschluss der Pool der Versicherten vergrößert und so das Versicherungsrisiko gesenkt werden und potentiell mehr Gewinn generiert werden kann.[17] Zum anderen könnten die Integrationsprobleme jedoch den Effizienzgewinn durch den vergrößerten Pool an Versicherungsnehmer überwiegen und somit ein höheres Systemrisiko für das kaufende Versicherungsunternehmen auslösen.[18]

Sie schlussfolgern nach einer Untersuchung von 409 Fusionen auf nationaler, internationaler und globaler Ebene, dass Fusionen im Versicherungssektor durchaus einen destabilisierenden Einfluss auf das Finanzsystem haben können. Die Fusionen führen zwar nicht zu einem direkten Ausfalls des Systems, aber es zeige sich eine Korrelation zwischen den Zeitpunkten einzelner Fusionen und einem erhöhten Potential für systemweite Ausfälle. Zudem stellen die Autoren fest, dass die Größe und Diversifikation der fusionierenden Versicherer das Potential für Systemrisiko erhöht, während grenzüberschreitende Fusionen das Systemrisiko abschwächen.[19]

2.3 Nicht-traditionelles und Nicht-Versicherungsgeschäft (NTNI)

Eine der Ursachen, die von der IAIS in ihrer Untersuchung als besonders relevant betrachtet wurde, behandelt das nicht-traditionelle und nicht-Versicherungsgeschäft (NTNI).

Das traditionelle Versicherungsgeschäft wird i.d.R. nicht als Auslöser für Systemrelevanz betrachtet. Die traditionellen Aktivitäten beinhalten u.a. das Underwriting-Geschäft in der Lebens- und Sachversicherung oder den Transfer von Risiken über Rückversicherungen.[20] Auch die Geneva Association (2010) geht in ihrem Bericht davon aus, dass das traditionale Versicherungsgeschäft ein Stabilisator für das Versicherungsgeschäft ist und dass durch traditionelle Geschäfte kein Systemrisiko entsteht. Sie sehen die Probleme stattdessen bei Aktivitäten, durch die sich Versicherungen zu sehr wie Banken verhalten.[21]

Diese Ansicht wird in der analysierten Literatur geteilt, so sieht die IAIS das nicht-traditionelle Geschäft als einer der größten Treiber von Systemfehlern.[22] Auch Weiß, Bierth et al. (2013) argumentieren am Beispiel der AIG, dass Versicherer systemrelevant werden können, wenn sie sich zu weit außerhalb des traditionellen Geschäfts betätigen.[23]

Zu den Aktivitäten außerhalb des traditionellen Versicherungsgeschäftes, die als risikoerhöhend einschätzt werden, gehören unter anderem Kapitalanlageversicherung und der Handel mit Derivaten, da diese Aktivitäten das Versicherungsunternehmen angreifbarer für Kapitalmarktschwankungen machen.[24],[25] Eine Einschätzung des Einflusses der traditionellen und nicht-traditionellen Aktivitäten der Versicherungsunternehmen auf das systemische Risiko nach Eiling und Pankoke (2012) ist im Anhang II zu finden. Auch sie schätzen jeweils den nicht-traditionellen Teil des Underwriting und Investmentgeschäfts als maßgeblich für das systemische Risiko ein.[26]

Während der Finanzkrise führte der Handel mit Credit Default Swaps (CDS), der auch dem nicht-traditionellen Underwriting-Geschäft zuzuordnen sind, beinahe zur Zahlungsunfähigkeit der amerikanischen AIG. Die AIG war bis 2008 als größtes Versicherungsunternehmen weltweit eingestuft worden und wäre doch im September 2008 fast insolvent geworden, wenn sie nicht einen Bail-Out von 85 Mrd. USD für 80% des Eigenkapitals der Firma erhalten hätte.[27] Die Probleme der AIG begannen, als die Sparte AIGFP (Financial Products), die in großen Mengen mit CDS in Form von gebündelten Hypotheken gehandelt hatte, plötzlich durch eine inflationäre Zahl von Zwangsvollstreckungen Verluste in Höhe von etwa 25 Mrd. USD erwirtschaftete und als Resultat der gesamten AIG die Insolvenz drohte. Bis dato wurden CDS-Geschäft als wenig riskant und daher als attraktiv betrachtet.[28]

2.4 Ersetzbarkeit (Substitutability)

Der IAIS zufolge kann ein Service oder Produkt einer Versicherung durch seine Einzigartigkeit zu einer Gefahr für das Finanzsystem werden, da sehr spezielle Services („Specialty Insurance“) im Insolvenzfall des Anbieters nicht unbedingt von einem anderen Versicherer aufgegriffen werden können. Beispiele für „Specialty Insurances“ im Sachgeschäft sind u.a. Luft- oder Schifffahrtversicherungen.[29]

Damit die mangelnde Ersetzbarkeit eines Produktes jedoch zu einem systemischen Risiko werden kann, muss sie eine kritische Bedeutung für die Funktionsfähigkeit anderer Institute oder das Finanzsystems haben. Dies wäre z.B. der Fall, wenn ein Finanzinstitut auf ein Produkt oder Service angewiesen ist, um funktionsfähig zu bleiben. Ein Beispiel hierfür ist das Zahlungs- und Abwicklungssystem, das Teil des Bankengeschäfts ist. Ein Ausfall des Systems, das zur Durchführung von Transaktionen gebraucht wird, würde die Finanzwelt zum Stillstand bringen.[30]

Ob dieses Risiko, wie von der IAIS beschreiben, auch auf Versicherungen zutreffen kann, ist umstritten. Cummins und Weiss (2010) gehen davon aus, dass Versicherer weniger von mangelnder Ersetzbarkeit betroffen sind als beispielsweise Banken. Sie argumentieren, dass es durchaus möglich sei, dass individuelle Sachversicherungen im Insolvenzfall des Versicherungsgebers nicht weiter geführt werden können. Allerdings hätten diese Ereignisse keinen großen Einfluss auf die Finanzwirtschaft im Ganzen, da einzelne Vorfälle dieser Art nicht genug Tragweite hätten, um das gesamte System anzugreifen. Des Weiteren sind die Autoren der Meinung, dass im Falle der Insolvenz einer oder mehrerer Versicherer und Rückversicherer die Kunden von anderen Versicherern übernommen werden können, ohne dass große Verwerfungen für das System anfallen.[31] Da bei Versicherungsverträgen Beiträge der Versicherungsnehmer im Voraus für mögliche zukünftige Leistungen des Versicherungsunternehmens gezahlt werden und nicht wie bei Banken Einlage und Leistung Hand in Hand gehen, ist eine Übernahme des Geschäfts durch einen anderen Versicherer bzw. Rückversicherer auch mit zeitlicher Verzögerung möglich.[32]

Auch die Geneva Association (2010) argumentiert gegen Ersetzbarkeit als mögliche Ursache für das Systemrisiko, da sie der Meinung sind, dass Versicherungskapazitäten von einem anderen Unternehmen ersetzt werden könnten. Sie argumentieren, dass in der Versicherungsbranche die Kapazitäten der Rückversicherer ausschlaggebend für das Funktionieren des Marktes sind. Des Weiteren gehen sie davon aus, dass nach einem einschneidenden Ereignis wie z.B. einer Naturkatastrophe das Rückversicherungsgeschäft zeitweilig zurück gehen würde und die Preise für Rückversicherung ansteigen würden, bis die Rückversicherer ihre Kapitalrücklagen erneut aufgefüllt hätten und sich der Markt wieder normalisiert.[33]

2.5 Vernetzung mit anderen Finanzinstituten (Interconnectedness)

Interconnectedness ist neben dem NTNI die die Ursache, die von der IAIS neben dem NTNI als maßgeblich für Systemrisiko in Versicherungsunternehmen genannt wird.[34] Im Finanzsystem können interne und externe Verflechtung zwischen Finanzinstituten dazu führen, dass einzelne Institute systemrelevant werden. Das Scheitern eines vernetzten Instituts kann über seine Verbindungen Rückwirkungen auf eine Reihe anderer Institute und somit das gesamte Finanzsystem haben und zu Ausfällen führen.[35]

Eine der größten Unterschiede zwischen Banken und Versicherungen ist, dass Banken in einem System arbeiten. Banken sind untereinander durch direkt durch gesicherte und ungesicherte Interbankenkredite verbunden. Zwischen einzelnen Erstversicherern gibt es solche direkten Verbringungen allerdings nicht. Stattdessen sind Erstversicherer z.B. direkt mit Rückversicherern und über den Finanzmarkt mit anderen Finanzinstituten verbunden.[36]

Versicherungen und Banken sind unter anderem durch Kapitalanlagen verbunden, so waren Mitte 2013 etwa ein Drittel der Kapitalanlagen der deutschen Versicherer Investments bei Banken.[37] Natansky (2014) argumentiert daher, dass Versicherer durch diesen Verflechtungskanal systemrelevant werden könnten. In seiner Arbeit beschreibt er ein Szenario, in dem ein plötzlicher Anstieg der Stornoquoten in der Lebensversicherung zur Liquidierung von Eigenkapital führt. Durch die Vernetzung wären Banken von den Nettoverkäufen betroffen und könnten Finanzierungsschwierigkeiten bekommen, von denen letztendlich auch die Realwirtschaft betroffen wäre. Allerdings ist er auch der Meinung, dass der Einfluss von Versicherungen durch ihre Vernetzung im Vergleich zu Banken in diesem Aspekt geringer ist.[38]

2.6 Vernetzung zwischen Versicherungen und Rückversicherungen

Aufbauend auf der Diskussion, ob Vernetzungen einzelne Versicherungen systemrelevant werden lassen können, gibt es Überlegungen, ob Erst-und Rückversicherer durch ihre Vernetzungen ein Banken-ähnliches System entwickelt haben, das sie dementsprechend systemrelevant werden lassen könnte. So gehen zum Beispiel Das et al (2010) davon aus, dass der Konkurs zu einem Ausfall von mehreren Erstversicherungen führen könnte und so zu einer Verwerfung im Finanzsystem führen könnte.[39] Allerdings haben Erst- und Rückversicherer im Vergleich wesentlich kleinere Verbindungen als Banken untereinander, da Versicherer nur einen Teil ihres Risikos an die Rückversicherer weiter geben.[40]

Bereits 2003 ließ die Swiss Re untersuchen, in welchem Maße Rückversicherer ein Risiko für die mit ihnen verbundenen Instituten darstellen. In ihrer Studie betrachteten sie zwei Hauptursachen, durch die Rückversicherer systemisches Risiko verursachen könnten- zum einen durch die Abwesenheit von Rückversicherungsschutz und zum anderen durch Insolvenz von Banken oder Erstversicherungen durch Rückversicherungsausfall. In beiden Fällen kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Rückversicherer kein großes Risiko darstellen.[41]

Erstversicherer streuen ihre Risiken über verschiedene Rückversicherungen, so würde bei einem zeitweiligen Ausfall eines einzelnen Rückversicherers kein systemisches Risiko entstehen. Erstversicherer können im ersten Schritt auch mit partiell fehlendem Rückversicherungsschutz arbeite und dieser Schutz kann relativ schnell von anderen Rückversicherern übernommen werden.[42] Auch der komplette Ausfall eines einzelnen Rückversicherers, was derzeit einem Wegfall von maximal 20% des gesamten Rückversicherungsmarktes entsprechen würde, würde höchstwahrscheinlich nicht zu Insolvenzen vieler Erstversicherer führen und hätte minimale Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Allerdings wird in der Studie auch deutlich, dass Rückversicherer und Banken durch den Handel mit Derivaten verbunden sind, was 2008 bereits der AIG zum Verhängnis wurden.[43]

2.7 Globale Aktivität (Global Activity)

Im Bankwesen wird davon ausgegangen, dass Banken, die nur auf ihrem Heimatmarkt tätig sind, weniger Einfluss auf die Systemstabilität haben als Banken die international tätig sind, da global aktivere Banken u.a. mehr von international Kapitalmarktschwankungen betroffen sind.[44] Diese Einschätzung wurde von der IAIS zur Bestimmung des Systemrisikos, das Versicherungen darstellen, übernommen, allerdings schätzt sie den Einfluss mit 5% auf das Gesamtrisiko eher gering ein.[45]

Zur Betrachtung des Ausmaßes der globalen Aktivitäten einer Versicherung hat die IAIS vorgeschlagen, die Anzahl der Länder, in denen das Unternehmen tätig ist und beziehungsweise oder die Anzahl der Tochterfirmen im Ausland als Kenngrößen zu betrachten. Sie gehet davon aus, dass bei richtiger Einschätzung des daraus entstehenden Risikos Aspekte des Finanzsystems identifiziert werden können, die bei Versagen negative Effekte auf einer globalen Ebene auslösen könnten.[46],[47]

Auch in anderen Studien wird das Risiko eher als gering eingeschätzt. So finden z.B. Weiß und Mühlnickel (2013) in ihrer Analyse keine Beweise für einen starken Zusammenhang zwischen der globalen Diversifikation von Versicherungsunternehmen und einem ansteigenden Systemrisikos.[48] Stattdessen gehen sie davon aus, dass eine Zunahme der globalen Aktivitäten eines Versicherungsunternehmens durch beispielsweise eine Fusion tendenziell eher zu einer Eingrenzung des Systemrisikos führt, da die versicherten Risiken weiter gestreut werden können. Aus diesem Grund gehen die Autoren davon aus, dass die Einschätzung der IAIS nicht angemessen ist und keine Restriktionen zur Einschränkung von globalen Aktivitäten in Versicherungen geschaffen werden sollte, die die Unternehmen bestrafen würde.[49]

2.8 Zeitliche Abläufe im Versicherungsgeschäft

Das Timing als Maßstab des systemischen Risikos von Versicherungsunternehmen ist eine Kenngröße, die nicht in der ursprünglichen Ausarbeitung des FSB aus 2010 vorgesehen war und später von der IAIS vorgeschlagen wurde. Bei dieser Kenngröße wird betrachtet, welchen Einfluss die Abwicklungsgeschwindigkeit darauf hat, dass eine Transaktion oder ein Ereignis im Finanzsystem verarbeitet werden kann. Diese Kenngröße wurde durch die Geneva Association (2010) analysiert.[50]

Die Geneva Association legt in ihrem Bericht dar, dass die Abwicklungen im Versicherungsgeschäft i.d.R. wesentlich langsamer vonstattengehen als beispielsweise im Bankgeschäft. So waren z.B. zwei Jahre nach dem Einsturz des World Trade Center erst weniger als die Hälfte der Forderungen an die Versicherungen bearbeitet. Sie schlussfolgern daraus, dass die langen Abwicklungszeiträume einen negativen Einfluss auf die Systemrelevanz der Versicherungen haben, da bei Insolvenz eines Versicherers die Geschäfte über Zeit aufgelöst und übernommen werden könnten. Im Gegensatz dazu hätte das Versagen einer Bank durch die sehr schnellen Bearbeitungszeiträume einen fast sofortigen Einfluss auf das Finanzsystem.[51]

2.9 Komplexität

Komplexität als Risikoindikator wurde nicht in der Betrachtung des FSB und der IAIS berücksichtigt. In anderen Arbeiten wird allerdings argumentiert, dass die Komplexität eines Finanzinstitutes oder seiner Anlagen oder Verbindlichkeiten durchaus Einfluss auf das systematische Risiko des Institutes haben könnte, da sehr komplexe Unternehmen schwerer zu überschauen und daher tendenziell fehleranfälliger sind.[52]

Laut Cummins und Weiss (2010) gibt es gibt es drei Hauptdimensionen von Komplexität in Versicherungen. Die erste Dimension betrachtet die institutionelle Komplexität, so sind z.B. Unternehmen, die verschiedene Finanzdienstleitungen wie Bank-, Versicherungs- und Investmentgeschäft zeitgleich anbieten, komplexer als Institute, die auf einen Service spezialisiert sind. Grenzüberschreitende Aktivitäten machen Versicherungen ebenfalls komplexer und auch Produktkomplexität hat einen Einfluss auf das Unternehmen. So sind Versicherer, die sehr neue und komplexe Produkte anbieten, eher Systemschocks ausgesetzt. Die Autoren bringen den Fall der AIG als Beispiel an, da der Versicherer sehr groß, auf vielen Märkten tätig und über den CDS-Handel auch an sehr neuen und schwer einschätzbaren Produkten beteiligt war. Sie argumentieren, dass diese Komplexität der AIG dazu geführt haben könnte, dass die Gefahren des Handels mit CDS durch einen „regulatorischen toten Winkel“[53] nicht aufgefallen sind.[54]

Zudem sind im Pleitefall sehr komplexe Versicherungsunternehmen wesentlich schwieriger abzuwickeln und könnten dadurch systemrelevant werden. Daher wird bisweilen ein international geregeltes Abwicklungssystem für SIFIs gefordert, sodass der Ausfall eines Institutes nicht länger schwere Verwerfungen auf dem Finanzsystem auslösen würde.[55]

2.10 Zwischenfazit

Die diskutierten Ursachen einer möglichen Systemrelevanz von Versicherungsunternehmen, die zum Großteil durch die IAIS in Zusammenarbeit mit dem FSB hergeleitet worden sind, werden in ihrer Relevanz für das systemische Risiko sehr unterschiedlich eingeschätzt. Einige der Ursachen, so zum Beispiel die Ersetzbarkeit und die globalen Aktivitäten der Versicherungsunternehmen, werden in vielen Arbeiten zu dem Thema fast vollständig als Auslöser für ein systemisches Risiko ausgeschlossen. Somit werden auch staatliche Regulierungen für Versicherungen, die auf diesen Ursachen basieren, angezweifelt.

Einigkeit herrscht allerdings bei der Annahme, dass die Aktivitäten, die zum nicht-traditionellen und nicht- Versicherungsgeschäft zählen, ein Auslöser für Systemrisiko sein können, da sie es in der Vergangenheit bereits waren. So ist die amerikanische AIG in 2008 wegen ihres CDS-Handels fast zahlungsunfähig geworden. Diese einheitliche Meinung spricht dafür, dass eine Regulierung für Teilbereiche der Versicherungswirtschaft durchaus angebracht sein kann, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu verhindern.

[...]


[1] Siehe dazu: Weiß/Mühlnickel (2013), Why do some insurers become systemically relevant. TU Dortmund, S.1

[2] Siehe dazu: Nastansky (2014), Systemisches Risiko und systemrelevante Finanzinstitute. FOM, S.2

[3] Vgl. Weiß/Mühlnickel (2015), Consolidation and systemic risk in the international insurance industry, Journal of Financial Stability (18, S.187-202), S.187

[4] Vgl. Weiß/Mühlnickel (2013), Why do some insurers become systemically relevant. TU Dortmund, S.1

[5] Vgl. Geneva Association (Hrsg.) (2010), Systemic Risk in Insurance - An Analysis of Insurance and Financial

Stability, Special Report of The Geneva Association Systemic Risk Working Group, S.5

[6] Vgl. Guiné (2014), Global Systemically Important Insurers, IMF Financial Stability Report , S. 1

[7] Siehe dazu: IAIS (Hrsg.) (2013), Global Systemically Important Insurers (G-SIIs): Final Initial Assessment Methodology, S.12

[8] Siehe dazu: Laeven/Ratnovski u. a. (2014), Bank Size and Systemic Risk, IMF Staff Discussion Notes (SDN/14/04), S.4

[9] Siehe dazu: Geneva Association (Hrsg.) (2010), Systemic Risk in Insurance - An Analysis of Insurance and Financial Stability, Special Report of The Geneva Association Systemic Risk Working Group, S.24-S.25

[10] Vgl. Cummins/Weiss (2010), Systemic Risk and the U.S. Insurance Sector. Temple University

[11] Vgl. Ebenda S.19, S.35

[12] Siehe dazu: Geneva Association (Hrsg.) (2010), Systemic Risk in Insurance - An Analysis of Insurance and Financial Stability, Special Report of The Geneva Association Systemic Risk Working Group, S.25

[13] Siehe dazu: Pellecuer (2008), Dexia, nouvelle victime de la crise bancaire, abrufbar unter: www.lefigaro.fr​/​ societes/​2008/​09/​29/​04015-20080929ARTFIG00523-dexia-victime-de-la-speculation-.php (Stand: 27.11.2015)

[14] Vgl. Weiß/Mühlnickel (2013), Why do some insurers become systemically relevant. TU Dortmund, S.24

[15] Vgl. Ebenda, S.4

[16] Siehe dazu: Gethard (2015), Falling Giant: A Case Study Of AIG, abrufbar unter: www.investopedia.com​/​ articles/​economics/​09/​american-investment-group-aig-bailout.asp (Stand: 28.11.2015)

[17] Vgl. Weiß/Mühlnickel (2015), Consolidation and systemic risk in the international insurance industry, Journal of Financial Stability (18, S.187-202), S.188

[18] Vgl. Ebenda S.188

[19] Vgl Weiß/Mühlnickel (2015), Consolidation and systemic risk in the international insurance industry, Journal

of Financial Stability (18, S.187-202), S.28

[20] Vgl. Eling/Pankoke (2012), Systemic Risk in the Insurance Sector - What Do We Know? University of St.Gallen, S.14

[21] Siehe dazu: Guiné (2014), Global Systemically Important Insurers, IMF Financial Stability Report, S.11

[22] Siehe dazu: IAIS (Hrsg.) (2013), Global Systemically Important Insurers (G-SIIs): Final Initial Assessment Methodology, S.12

[23] Vgl. Weiss/Bierth u. a. (2015), Systemic Risk of Insurers Around the Globe, Journal of Banking & Finance (Volume 55, S.232) S.2

[24] Vgl. Weiß/Mühlnickel (2015), Consolidation and systemic risk in the international insurance industry, Journal of Financial Stability (18, S.187), S.2

[25] Siehe dazu: Guiné (2014), Global Systemically Important Insurers, IMF Financial Stability Report, S.3

[26] Vgl. Eling/Pankoke (2012), Systemic Risk in the Insurance Sector - What Do We Know? Universtiy of St.Gallen, S.15

[27] Siehe dazu: Gethard (2015), Falling Giant: A Case Study Of AIG, abrufbar unter: www.investopedia.com​/​ articles/​economics/​09/​american-investment-group-aig-bailout.asp (Stand: 28.11.2015)

[28] Siehe dazu: Ebenda

[29] Vgl. Weiß/Mühlnickel (2013), Why do some insurers become systemically relevant. TU Dortmund S.15

[30] Siehe dazu: Cummins/Weiss (2010), Systemic Risk and the U.S. Insurance Sector. Temple University, S.13

[31] Vgl. Cummins/Weiss (2010), Systemic Risk and the U.S. Insurance Sector. Temple University, S.36

[32] Vgl. Ebenda, S.37

[33] Siehe dazu: Geneva Association (Hrsg.) (2010), Systemic Risk in Insurance - An Analysis of Insurance and

Financial Stability, Special Report of The Geneva Association Systemic Risk Working Group, S.26-27

[34] Siehe dazu: Guiné (2014), Global Systemically Important Insurers, IMF Financial Stability Report S.5

[35] Vgl. IAIS (Hrsg.) (2013), Global Systemically Important Insurers (G-SIIs): Final Initial Assessment Methodology

[36] Vgl. Thiemann (2014), How Insurers Differ from Banks: A Primer on Systemic Regulation. London School of Economics & Science, S.9

[37] Siehe dazu: Nastansky (2014), Systemisches Risiko und systemrelevante Finanzinstitute. FOM, S.5

[38] Vgl. Ebenda, S.5

[39] Vgl. Das/Davies u. a. (2003), Insurance and Issues in Financial Soundness, IMF Working Paper (WP/03/138)

[40] Vgl. Thiemann (2014), How Insurers Differ from Banks: A Primer on Systemic Regulation. London School of Economics & Science, S.10

[41] Siehe dazu: Cummins/Weiss (2010), Systemic Risk and the U.S. Insurance Sector. Temple University, S.3

[42] Vgl. Ebenda S.3

[43] Siehe dazu: Ebenda S.3

[44] Vgl. Weisterhoffer (2011), Identifying systemically important financial institutions (SIFIs), Deutsche Bank Research, S.12

[45] Vgl. Guiné (2014), Global Systemically Important Insurers, IMF Financial Stability Report, S.5

[46] Vgl. Weiß/Mühlnickel (2013), Why do some insurers become systemically relevant. TU Dortmund, S.14

[47] Siehe dazu: IAIS (2013), Global Systemically Important Insurers (G-SIIs): Final Initial Assessment Methodology, S.2

[48] Vgl. Weiß/Mühlnickel (2013), Why do some insurers become systemically relevant. TU Dortmund S.5

[49] Vgl. Ebenda, S.4, S.34

[50] Siehe dazu: Geneva Association (Hrsg.) (2010), Systemic Risk in Insurance - An Analysis of Insurance and Financial Stability, Special Report of The Geneva Association Systemic Risk Working Group, S.24

[51] Siehe dazu: Ebenda S.28

[52] Vgl. Cummins/Weiss (2010), Systemic Risk and the U.S. Insurance Sector. Temple University, S.16

[53] Siehe dazu: Cummins/Weiss (2010), Systemic Risk and the U.S. Insurance Sector. Temple University, S.7

[54] Vgl. Ebenda, S.16

[55] Vgl. Nastansky (2014), Systemisches Risiko und systemrelevante Finanzinstitute. FOM, S.26-S.27

Details

Seiten
28
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668294219
ISBN (Buch)
9783668294226
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339718
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Systemrelevanz Versicherungswirtschaft Regulierung Solvency II SIFIs Systemic Relevance Finanzkrise AIG Credit Default Swaps NTNI IAIS Internationaler Kapitalstandard Financial Stability Board International Associatioin of Insurance Supervision G-SII

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Titel: Die Finanzmarktregulierung. Systemrelevanz in Versicherungsunternehmen