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Leseprobe

Teil I

Die Bedeutung des Glücks für den Menschen begründet sich darin, dass es zu den wesentlichen Faktoren unserer Grundverfassung gehört. Denn obwohl wir intelligent handelnde Wesen sind, die sich denkend ihren Weg durch eine komplexe Welt bahnen, sind wir doch Handelnde mit beschränktem Wissen, die ihre Entscheidungen im Lichte unvollständiger Informationen treffen müssen und auch treffen. Aus diesem Grund sind wir dem Glück im Sinne des Zufalls auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Ich werde versuchen, einen Einblick zu geben, was sich hinter dem Begriff des Glücks verbirgt. Die Grundthese lautet, dass Glück, ob uns dies nun gefällt oder nicht, ein nicht zu eliminierender Bestandteil der conditio humana ist. Wir können nicht existieren als die Wesen, die wir sind, wenn das bloße, blinde Glück nicht ein bedeutsamer Faktor zu unserem Vor- und Nachteil in unserem Leben wäre.

Das Wort Glück ist eine philosophische Herausforderung. Es wirft zahlreiche Fragen auf, z.B.:

Was ist Glück?

Worin unterscheidet es sich vom Schicksal und seiner Gunst?

Können wir erwarten, unser Glück zu beherrschen und die Kontrolle darüber zu erlangen?

Sind die Menschen für ihr Glück oder Unglück verantwortlich zu machen?

Kann es einen Ausgleich für das Unglück geben?

Kann das Glück aus unserem Leben verbannt werden?

Warum gehört das Glück zu den Grundgegebenheiten des Lebens? Was bedeutet es für die conditio humana ?

Warum ist das Leben so ungerecht?

Wie geht der Moralist mit dem Ungleichgewicht um, das Glück zwischen Verdienst und Schicksal stiftet?

Ich werde versuchen, einige dieser Fragen mit zu klären.

Im weiteren Verlauf wird jede Nennung des Wortes Glück stets im Sinne des Zufallsglück bzw. des englischen „luck" (vom mittelhochdeutschen „gelücke") zu verstehen sein.

Ich werde nicht auf den Begriff von Glück im Sinne von Lebensfreude, Wohlbefinden oder des englischen „happiness" zu sprechen kommen. Ich entschied mich für den Versuch über das Glück im Sinn von Zufall, da diese Form des Glücks ebenso großen Anteil hat für das Glück im Sinne von Lebensfreude, daher ist es nicht zu missachten und einer Hinterfragung wert.

Dabei sei gleich ein Hinweis an die deutsche Sprache genannt, die für zwei völlig unterschiedliche Sinnweisen (Lebensglück und Zufallsglück) ein und dasselbe Wort benutzt, was zwangsweise bei Verwendung des Wortes in der alltäglichen Sprache zu Missverständnissen führen muss. Ein eigenständiges Wort für je einen der Sinninhalte, wie im Englischen oder Griechischen, wäre äußerst angebracht. Andererseits hat das Englische kein Wort für unser „Pech", nur „a piece of bad luck". Bezeichnend ist aber auch, dass keine europäische Sprache das, was man als „piece of good luck" benennt, mit einem einzigen Wort auszudrücken vermag.

Teil 2

Es besteht im Leben immer die Möglichkeit unvorhersehbarer Entwicklungen, durch die wir zu Gewinnern oder Verlierern werden. Der Zufall spielt im menschlichen Leben die Rolle, dass wir auf die Gunst des Glücks angewiesen sind. Das Glück ist ein Schelm, der verhindert, dass das menschliche Leben auf eine rationale Verwaltungstätigkeit reduziert ist. Durch die Macht von Zufall, Chaos und Entscheidung hat es auf der Welt Fuß gefasst. Das Glück und das Schicksal machen es schwer, das Leben mittels Planung und Entwurf erfolgreich zu meistern. Bei den alten Griechen war es ein Gemeinplatz, dass vor seinem Tod niemand glücklich zu preisen sei.

Wo es um den Vorteil von Dingen geht, gibt es für intelligente Lebewesen zwei Möglichkeiten zu verlieren: nämlich tatsächlich Verluste erleiden oder Gewinne machen.

Dadurch können unsere Erwartungen in zweierlei Richtungen fehlgehen:

1. wir erwarten etwas Schlechtes, es geschieht aber etwas Gutes (positive Überraschung); und
2. wir erwarten etwas Gutes, es geschieht aber etwas Schlechtes (Enttäuschung).

Das Glück operiert auf beiden Seiten. Da Enttäuschungen für Physis und Psyche gefährlich sind, positive Überraschungen aber unproblematisch, werden Prozesse evolutionärer Auslese sich in der Weise vollziehen, dass sie eine Vernünftigkeit unterstützen, die wesentlich mehr günstige Fehleinschätzungen als ungünstige hervorbringt. Unter dieser Voraussetzung scheint es gar nicht anders sein zu können, als dass das Glück das Unglück überwiegt.

Die Tatsache, dass es ein breites Spektrum menschlicher Güter gibt und darunter viele, die wichtiger sind als Reichtum - z.B. Gesundheit und das Schicksal geliebter Menschen -, bedeutet, dass die Armen dem Unglück genauso ausgesetzt sind wie die Reichen. Und eben weil das Glück seine Gunst allen Menschen gewährt, hat das Glück etwas Demokratisches. Es trifft die großen wie die kleinen Leute dieser Welt in gleichem Maße. Jede Lebensform lässt positive und negative Entwicklungen zu, und das Zufällige der Welt schafft Raum für den Einfluss, den sie auf uns alle haben.

Wenn man an alle Gefahren des Lebens denkt, kann man sagen, man hat Glück, noch am Leben zu sein. Dann ist es vollkommen angemessen zu sagen, dass unser Glück ein Ende hat, wenn unser Leben zu Ende geht. Tatsächlich ist es Teil der conditio humana, dass unser Glück in dieser Hinsicht früher oder später ein Ende hat.

Im allgemeinen hängt das, was geschieht, davon ab, was wir tun und was andere, darunter die Natur, zum Verlauf der Ereignisse beitragen. Soweit die schicksalhaften Folgen von Umständen abhängen, die unser Erkenntnis- und Kontrollvermögen übersteigen, wird der Erfolg unserer Unternehmungen Glückssache sein.

Ganz gleich, worein wir unsere Hoffnungen setzen, welches unserer Erwartungen, Ziele und Pläne sein mögen, Glück und Unglück können auftreten, um unsere Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen oder auch nicht. Auch was wir noch so sorgfältig geplant haben, kann fehlgehen - aus Gründen, die gänzlich jenseits unseres Erkenntnisvermögens uns unserer Kontrolle liegen. Systeme, die man erdacht hat, um den Spielraum des Glück im Leben einzuengen, erweitern ihn statt dessen oftmals.

Wir entgehen jeden Tag ein Dutzend Mal nur knapp dem Tod - indem wir es z.B. unterlassen, eine todbringende Mikrobe einzuatmen.

Somit ist das Glück ein ungeheurer und allgegenwärtiger Faktor im menschlichen Dasein, wie wir es kennen, ein Gefährte, der uns - ob es uns gefällt oder nicht - von der Wiege bis zum Grab begleitet.

A. A. Carnot meinte: „Das Glück ist am Werk, wenn Dinge, die uns etwas bedeuten, gleichsam durch reinen Zufall geschehen." (Oeuvres complètes, Paris 1879, S. 15).

Teil 3

Der Angelpunkt des Glücks ist die Unvorhersagbarkeit. Eine Welt, in der die Handelnden einem überall einsichtigen Plan entsprechend alles vorhersehen könnten, ließe dem Glück keinen Spielraum. (Wie z.B. beim Laplaceschen DÄmon vom Mathematiker Laplace. Dieser ist ein Gedankenexperiment, dass die Annahme eines Deter- minismus weiterführt.

Laplace meint, wenn der Determinismus wahr ist, könnte ein superintelligentes Wesen die Zukunft mit beliebiger Genauigkeit voraus berechnen, wenn es den Momentanzustand des Universums und alle Naturgesetze kennt.

Laplace beschreibt den Dämon wie folgt:

„Wir müssen also den gegenwärtigen Zustand des Weltalls als die Wirkung seines früheren und als die Ursache des folgenden Zustands betrachten. Eine Intelligenz, welche für einen gegebenen Augenblick all in der Natur wirkenden Kräfte sowie die gegenseitige Lage der sie zusammensetzenden Elemente kennte, und überdies umfassend genug wäre, um diese gegebenen Größen der Analysis zu unterwerfen, würde in derselben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper wie des leichtesten Atoms umschließen; nichts würde ihr ungewiss sein und Zukunft wie Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen.“)

Wir leben in einer ganz anderen Welt. Oft entwickeln sich die Dinge für uns gut oder nicht gut, weil Umstände es so wollen, die unserer kognitiven und manipulativen Kontrolle völlig entzogen sind. Den günstigen oder ungünstigen Ausgang der Dinge können wir weder vorhersehen noch unter Kontrolle halten.

Gerade dies aber ist der Punkt, an dem der Faktor Glück unerbittlich in das menschliche Leben eingreift. Oft ist das Leben eines Menschen eine Kette, die sich aus Gliedern von Glück und Unglück zusammensetzt.

Die ewig offene Frage, die von den Unglücklichen wie von den Glücklichen gestellt wird, lautet: Warum gerade ich, womit habe ich das verdient?

Die Ironie liegt darin, dass die angemessene und richtige Antwort lautet: mit nichts.

Es ist schlicht und einfach eine Sache des Zufalls, des sich zufällig manifestierenden Glücks oder Unglücks. Sicher sind wir, mit unserer so natürlichen menschlichen Bindung an die Vorstellung, in einer rationalen Welt zu leben, geneigt zu denken, dass es immer einen letzten Grund gibt.

Wenn uns etwas fehlschlägt, haben wir ein Gefühl von Schuld: Warum ist die Wahl auf mich gefallen?

Wenn uns etwas gelingt, fragen wir: Was muss ich jetzt tun, um mich als würdig zu erweisen?

All dies ist natürlich - aber auch völlig nutzlos. Die einzig wirklich rationale Haltung besteht darin, sich mit der Vorstellung des Zufalls abzufinden.

Tief im Innern erkennen wir sehr wohl, dass sich das Glück nicht in einer Logik der Kompensation manifestiert. Der Trost „Es ist besser, wenn ich beim nächsten Mal Glück habe" ist oft ironisch gemeint. Plautus meinte: „So spielen die Götter, wie mit einem Ball, mit uns." (Captivi, Leipzig 1865).

Es gibt keinerlei Gleichgewicht des Glücks im natürlichen Lauf der Dinge. Das Glück muss nicht unbedingt Opfer haben. Das Leben ist kein Nullsummenspiel, das so eingerichtet ist, dass das Glück der einen durch Kosten der anderen gesichert ist. Wenn eine zufällige Entwicklung eine apokalyptische Epidemie abwendet, ist das für alle ein Glück, ohne dass einige Unglückliche dafür einen Preis zu zahlen hätten.

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Details

Seiten
26
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668295544
ISBN (Buch)
9783668295551
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339617
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
Glück Zufall

Autor

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Titel: Das Glück des Zufalls