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Transnationale Migration als konstitutives Moment von Vergesellschaftung?

Konzepte von Raum und Grenzen sowie deren Bedeutung im Migrationsprozess

Bachelorarbeit 2016 46 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sozialwissenschaftliche Raumtheorien
2.1 Émile Durkheim
2.2 Georg Simmel

3 Die Raumthematik in der Geschichte der Migrationsforschung

4 Reflexion des Raumbegriffes in der neueren Migrationsforschung
4.1 Transnationalität und soziale Praktiken
4.1.1 Fallbeispiel A („Carlos“)
4.1.2 Fallbeispiel B („Athina“)
4.1.3 Fallbeispiel C („Vural“)
4.1.4 Resümee der Fallbeispiele
4.2 Transnationalisierung in historischer Perspektive
4.3 Transnationale Sozialräume
4.4 Diskussion

5 Fazit

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

7 Anhang
7.1 Transkription Interview Carlos Q
7.2 Vural Öger-Interview (Hinze 2014)
7.3 Vural Öger-Interview (Langenau 2004)

1 Einleitung

however, some things can only occur at borders 1

Wanderung von Menschen ist ein uraltes Phänomen und ein zentrales Element der conditio humana - also der Grundbedingung der menschlichen Existenz. Ohne dieses Ausschreiten des Menschen über physische oder gedachte Grenzen hinaus - ob aus Neugier, Mut oder Verzweiflung - würden wir vermutlich noch heute schmatzend und uns gegenseitig lau- send an der Feuerstelle kauern - irgendwo in Zentralafrika. Nahrungsmangel oder Naturka- tastrophen haben die Menschen seit Beginn ihrer Existenz dazu bewegt, sich im geographi- schen Raum nach neuen, besseren Lebensorten umzusehen und sich dort niederzulassen.

Auch heute gibt es die unterschiedlichsten Push- und Pull-Faktoren für Menschen, sich auf den Weg zu machen und sich über Grenzen hinaus in neue Räume zu bewegen - nie ohne Grund. Grundsätzlich entsteht Wanderungsdruck immer dann, wenn relevante Unterschie- de in den Lebensverhältnissen zwischen geographischen Räumen herrschen, wenn der kul- turelle, soziale, politische oder ökonomische Problemdruck in den Herkunftsregionen groß ist (push) und/oder die entsprechende Anziehungskraft der Zielregionen hoch ist (pull).

In der Ländern der „westlichen Welt“, auf die sich diese Analyse bezieht, wurde Migration allerdings eher als Ausnahmefall eines „normalerweise“ fest lokalisierten Lebens betrach- tet und dargestellt. Unerwünschte oder gar illegale Grenzüberschreitungen wurden und werden daher in der Zielregion auch tendenziell als bedrohlich für die staatliche und sozia- le Ordnung betrachtet - und nicht als historischer Normalfall, sondern als möglichst zu be- seitigendes Problemereignis, das meist auch nur als in der Zielgesellschaft wirksam be- trachtet wird. Dies führt dann im medialen Diskurs oft zu einer verengten Debatte unter den Überschriften „Leitkultur“ oder „Multikulti“ und der Forderung nach geeigneten Inte- grations- oder Assimilationskonzepten.

Räume und Grenzen werden dabei bislang eher statisch-geographisch gedacht - größten- teils eng an die bestehenden Nationalstaatsräume und -grenzen angepasst. Doch wird seit den 1990er Jahren der bislang weitgehend unbefragte Isomorphismus von Territorialität, Identität und Kultur zunehmend infrage gestellt. Globalisierung und transnationale Ver- flechtungen bewirken im sozialwissenschaftlichen Diskurs, dass Gesellschaft und Nationalstaat nicht mehr zwangsläufig „ deckungsgleich gedacht, organisiert, gelebt “ werden kann (Beck 1997, S. 115), dass das herkömmliche nationalstaatliche Container-Raumkon- zept als Matrix-Raum erweitert gedacht wird (vgl. Läpple 1991, S. 195f.) oder gar das Ende des Nationalstaates postuliert wird (vgl. Albrow 1998).

Neben dem Isomorphismus wird auch die Fiktion der inneren Homogenität der bislang noch meist national gedachten und konstituierten Gesellschafts-Räume selbst immer fragwürdiger. Ethnisch und kulturell einseitig nationalräumlich orientierte Konzepte werden der realen gesellschaftlichen Konstitution nicht (mehr) gerecht. Oft wird sogar der Raumbegriff meist gar nicht erst analysiert, obwohl „ allem Reden und VerstÄndnis des Sozialen eine Raum-Vorstellung inhÄrent ist “ (Pries 1997, S. 18), die - ob bewusst oder unbewusst – Folgen für gesellschaftliches Handeln induziert.

In der Auseinandersetzung mit den klassischen migrationssoziologischen Konzepten von Integration und Assimilation entwickelte sich seit dem Ende der 1990er Jahre ein neues Forschungskonzept der „transnationalen“ sozialen Räume und der „transnationalen“ Mi- gration (vgl. Han 2005, S. 69ff.). Die Transnationalisierungsforschung behauptet einen qualitativen Wandel der Migration - weg vom unidirektionalen und einmaligen Wohnort- wechsel in eine neue Form der transnationalen Migration, „bei der sich Lebenspraxis und die Lebensprojekte der Transmigranten, also ihre sozialen Räume, zwischen verschiedenen Wohnorten und geographischen Räumen aufspannen“ (Pries 1999, S. 16).

In dieser Arbeit soll die Relevanz und Tragfähigkeit dieses Modells der „ Transnationalen Migration “ untersucht werden und dabei fokussiert geprüft werden, inwieweit diese trans- nationalen Wanderungsprozesse konstitutives Moment für die heutige Vergesellschaftung sind. Methodisch wurde dazu die Literatur zu den Themenfeldern „Transnationalität“, „Mi- gration“ und „Raum und Grenzen“ gesichtet und befragt. Neben diesem eher deskripiven Vorgehen wurden auch Interviews mit Migranten - sowohl persönlich geführte als auch der Literatur entnommene - benutzt, um einer Antwort auf die gestellte Frage näherzukom- men.

Zunächst werden im Folgenden die klassischen sozialwissenschaftlichen Raumtheorien am Beispiel von Durkheim und Simmel als historische Konzepte von Raum und Grenzen eingeführt. Danach wird der Bogen zur Migration geschlagen mit der Prüfung, wie die Raumthematik von der klassischen Migrationsforschung aufgenommen wurde.

Mit drei kommentierten interviewbasierten Fallbespielen, die die Migrationsbiographie un- terschiedlicher transnational agierender Personen verdeutlichen, wird zu Beginn des nächsten Kapitels in das der Fragestellung dieser Arbeit zugrunde liegende Konzept der „Transnationalität“ eingeführt. Es wird gefragt, welcher Raumbegriff der neueren Migrationsforschung zugrunde liegt und welche Spannungsbögen sich in historischer Perspektive zwischen dem Konzept der „Transnationalisierung“ bzw. „Transnationaler Migration“ und dem klassischen Nationalstaatskonstukt als geographisch abgegrenztem Sozialraum auftun. Abschließend wird der transnationale Ansatz für die Migrationsforschung auf Basis der Analyse diskutiert und geprüft, inwieweit „Transnationale Migration“ als konstitutives Moment von Vergesellschaftung legitimiert werden kann.

2 Sozialwissenschaftliche Raumtheorien

Der Raum als Dimension menschlichen Handelns wurde in der Soziologie lange Zeit ver- nachlässigt, während die Zeitlichkeitsdimension vor allem in den letzten zwanzig Jahren in der sozialwissenschaftlichen Diskussion eine erfolgreiche Karriere verzeichnete (Pries 2008, S. 78f., Läpple 1991, S. 163, Dangschat 1994, S. 336). Warum aber war mit diesem Aufstieg nicht auch eine stärkere Betonung der geographisch-räumlichen Dimension von Vergesellschaftung verbunden? Der Soziologe Ludger Pries erkennt die Tendenz, dass ins- besondere in den letzten fünfzig Jahren viele Wissenschaftler von einer zunehmenden „Enträumlichung“ des Sozialen ausgingen: Gesellschaftsentwicklungen würden sich künf- tig vor allem zeitlich vollziehen und geographisch-räumliche Bezüge würden immer weni- ger Strukturierungskraft auf Gesellschaften haben (Pries 2008, S. 79).

Aktuell scheint sich die Tendenz der „Raumblindheit“ jedoch aufzuheben. „ Die große Ob- session des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich die Geschichte gewesen (...). Hingegen wÄre die aktuelle Epoche eher die Epoche des Raumes. Wir sind in der Epoche des ( … ) Nahen und des Fernen , des Nebeneinander, des Auseinander “, diagnostiziert Michel Foucault bereits 1967 in einem Vortrag in Paris (Foucault 1991, S. 66). Diese Prognose Foucaults lässt sich inzwischen verifizieren. Nachdem verschiedene Sozialwissenschaftler in den letzten Jahren wiederholt auf die unzureichende Berücksichtigung der Raumdimension und deren besondere Relevanz für die Untersuchung von Gegenwartsphänomenen und -proble- men hingewiesen haben (Pries 2008, S. 79), ist eine Vielzahl an Publikationen erschienen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Thema Raum zu nähern versuchen. Neben den neueren raumtheoretischen Ansätzen2 werden gegenwärtig aber auch ältere Ansätze wiederentdeckt und in die aktuelle wissenschaftliche Diskussion mit einbezogen. Nicht selten werden daraus einzelne raumtheoretische Aspekte aufgegriffen und für die neuere Bearbeitung migrationsspezifischer Fragestellungen herangezogen.

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts, im Zuge der zunehmenden Ausdifferenzierung der Hu- manwissenschaften, stellte man sich die Frage nach der Beziehung von sozialer Ordnung und Raum. In unmittelbarer Reaktion auf Friedrich Ratzels „ Politische Geographie “ (Rat- zel 1897), in der dieser einen Kausalzusammenhang zwischen Staatsentwicklung und Ter- ritorium beschreibt, warnte der französische Soziologe Emile Durkheim davor, Raum als etwas unveränderliches physisches zu definieren und lediglich die Formen des Bodens zu erforschen. Viel mehr sei es von Bedeutung, die Formen der Gesellschaften, die sich auf dem Boden niederlassen, zu untersuchen (Durkheim 1969, S. 182). Durkheim gilt deshalb heute als Vorreiter der sozialen Raumbeschreibung, die sich zunehmend von der Geo- graphie als Grundlage der Untersuchungen zu lösen versucht (Dünne 2006, S. 289). Eben- so wie Durkheims „soziale Morphologie“ (Durkheim 1897, S. 181-182) erfahren die Arbei- ten „ Soziologie des Raumes “ von Georg Simmel (Simmel 1903), „ Produktion des Raums “ von Henri Lefebvre (Lefebvre 2006), die Arbeiten von Norbert Elias (Elias 1986) und Pi- erre Bourdieus „ Sozialer Raum, symbolischer Raum “ (Bourdieu 1998, S. 13-27) eine Re- naissance. Um deutlich zu machen, wie sehr auch die historische Entwicklung der Soziolo- gie die Sicht auf die Raumthematik geprägt hat - und somit auch eine Basis für raumtheo- retisch informierte Migrationsforschung geschaffen hat - sollen im Folgenden die klassi- schen Raumannahmen von Emile Durkheim und Georg Simmel dargestellt werden. Es soll dabei danach gefragt werden, wie „Räume“ systematisch beschrieben werden können und vor allem, in welchem Verhältnis diese zum Sozialen stehen.

2.1 Émile Durkheim

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann É mile Durkheim (1858-1917) - als Vertreter der noch sehr jungen Disziplin der Soziologie - sich dem Verhältnis von Gesellschaft und Raum zu widmen. Am Beispiel einer Stammesgesellschaft in Australien untersucht er, wie die Stammesmitglieder das Territorium ihres Dorfes sozial gliedern und versucht dabei her- auszulesen, wie sich Raum im Bewusstsein der Menschen konstituiert (Durkheim 1981). Aufgrund seiner Untersuchungen gelangt er zu der Einsicht, dass Raum gesellschaftlich ge- formt und hergestellt sei - und nicht a priori gegeben sei. Raum sei vielmehr eine „ Kate- gorie des Urteilsvermögens “ , die erst durch kollektive Zuschreibungsprozesse der Men- schen, wie zum Beispiel der Unterteilung der Welt in Nord/Süd oder Ost/West, hergestellt werde (Durkheim 1981, S. 27; Schroer 2006, S. 49). Ohne diese „Zerteilung“ würde der Raum in unserer Vorstellung keine Bedeutsamkeit haben. „ Um die Dinge im Raum vertei- len zu können, mußman sie also verschieden einreichen [sic!] können: die einen nach rechts die andern nach links, diese nach oben jene nach unten, im Norden, im Süden, im Westen, im Osten “ (Durkheim 1981, S. 30) Mit seiner Ausführung, dass „ sich die jeweilige Organisation der Gesellschaft im Raum niederschlÄgt “, widerspricht er der gängigen wis- senschaftlichen Sichtweise seiner Zeit - zum Beispiel der politischen Geographie oder An- thropogeographie, die sich vielmehr darauf konzentrierte, die Auswirkungen eines be- stimmten, gegebenen Raumes auf soziale Strukturen zu untersuchen (Scheibelhofer 2011, S. 33).

Aufgrund der gesellschaftlichen Umbrüche in Frankreich von einer ständisch determinier- ten feudalen Gesellschaftsordnung hin zu einer komplexeren Raumkonstruktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt das Interesse Durkheims auch der Frage, wie sich im Zuge fort- schreitender Differenzierungs- bzw. Modernisierungsprozesse - in deren Folge Lebenskon- zepte zunehmend individueller wurden - das Verhältnis von Raum und Sozialem weiterent- wickelt (Scheibelhofer 2011, S. 33). Er kommt zu dem Schluss, dass „einfache Gesell- schaftsformen“, die relativ klein und homogen sind (z. B. Horden, Familien, Clans) und untereinander wenig Austausch pflegen, geprägt seien durch qualitativ größere Unterschie- de als komplexe hochentwickelte Gesellschaften, denn „ alle Völker, die die Klanphaseüberschritten haben, setzen sich ( … ) aus territorialen Distrikten zusammen (MÄrkten, Ge- meinden usw.), die sich, genauso wie die römische » gens « Teil der Kurien wurde, mit an- deren Distrikten gleicher oder gr öß erer Art verschachteln ( … ) und die ihrerseits wieder von noch umfangreicheren umfasst werden (Grafschaft, Provinz, d é partements), deren Zu- sammenschluss die Gesellschaft bildet “ (Durkheim 1992, 241f.). Je höher also die gesell- schaftliche Entwicklung, desto ausgeprägter sei demnach auch die räumliche Organisati- onsform. Damit einher gehe auch eine immer dichtere Verbindung gemeinsamer Kommu- nikations- und Verkehrswege. Mit zunehmendem Entwicklungsgrad der Gesellschaften würden so die zwischenliegenden Räume immer kleiner und leichter zu überwinden sein, sodass selbst der Bewohner einer Kleinstadt „ von nun an weniger ausschließlich das Le- ben der kleinen, ihn unmittelbar umgebenden Gruppe “ lebt. „ Er knüpft auch mit entfern- ten Ortschaften umso zahlreichere Beziehungen, je weiter die Konzentrationsbewegung fortgeschritten ist. ( … ) Das Zentrum seines Lebens und seiner BeschÄftigungen befindet sich nicht mehr ausschließlich an seinem Wohnort. Er interessiert sich also weniger für seine Nachbarn, weil sie einen geringen Platz seiner Existenz einnehmen. Überdies hat die kleine Stadt auch deshalb einen geringen Einflußauf ihn, weil sein Leben diesen engen Rahmenüberschreitet, weil seine Interessen und seine Gefühlsbindungen weitüber sie hin- ausreichen (Durkheim 1992, S. 363).3

Es ist deutlich zu erkennen, dass Durkheim soziale Räume nicht mehr einfach als unverän- derliche physische Räume betrachtet, sondern den geographischen Raum vom sozialen Raum unterscheidet. Auch der im folgenden Kapitel betrachtete Soziologe Georg Simmel setzte zu Anfang des 20. Jahrhunderts das Konzept fort, den Raum nicht mehr als einfa- chen Behälter zu betrachen, der lediglich mit physischen Artefakten und Menschen ange- füllt ist.

2.2 Georg Simmel

In seinem Werk Soziologie: Untersuchungenüber die Formen der Vergesellschaftung be- schäftigt sich auch Georg Simmel (1885-1918) - vor allem in dem Kapitel zur rÄumlichen Ordnung der Gesellschaft - mit Raum als zentrales gesellschaftsstrukturierendes Element (Simmel 1992, S. 688). Simmel geht dabei von fünf „Grundqualitäten“ des Raumes aus. In seinen formulierten Raumqualitäten findet sich neben der Ausschließlichkeit des Raumes, der Begrenzungsfunktion, der Fixierung von Inhalten, der Möglichkeit zu sinnlicher NÄhe oder Distanz schließlich noch die Möglichkeit zur MobilitÄt (Simmel 1992, 690f.).

Simmels erste Grundqualität besteht in der Ausschließlichkeit des Raumes: In einem „einzi- gen allgemeinen Raum“ gäbe es Simmel zufolge zwar viele „einzelne Räume“; diese wür- den sich allerdings gegeneinander ausschließen, sodass keiner mit einem anderen zusamen- fallen könne (Simmel 1992, S. 693). Simmel führt aus, dass zum Beispiel ein gesellschaftli- ches Gebilde mit einem physischen Territorium verbunden sei, auf dem dann gleichzeitig kein zweiter Staat errichtet werden könne. Er relativiert diesen flächenräumlichen Aus- schließlichkeitsanspruch allerdings, denn es gäbe „gewisse Verbindungstypen“ (wie z. B. die Kirche oder Zünfte), die im Raum neben- und übereinander bestehen könnten (Simmel 1992, S. 693).

Eine zweite Raumqualität sieht Simmel in dessen Begrenzungsfunktion: „ So ist eine Ge- sellschaft dadurch, dass ihr Existenzraum von scharf bewussten Grenzen eingefasst ist, als eine auch innerlich zusammengehörige charakterisiert, und umgekehrt: Die wechselwir- kende Einheit, die funktionelle Beziehung jedes Elementes zu jedem gewinnt ihren rÄumli- chen Ausdruck in der einrahmenden Grenze “ (Simmel 1992, S. 694). Die einrahmende Grenze habe für eine soziale Gruppe eine ähnliche Bedeutung wie ein Rahmen für ein Kunstwerk: Zum Einen würde die Gruppe als eine innerlich zusammengehörige erkannt und zum anderen gewännen die Beziehungen ihrer Mitglieder dadurch einen räumlichen Ausdruck (Scheibelhofer 2011, S. 37). Die Wirkung solcher Grenzen lässt sich am Beispiel des Staates verdeutlichen: Die Wirkung einer Staatsgrenze wird schnell erfahrbar, wenn man diese passieren will, denn die unterschiedliche Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörig- keit entscheidet darüber, ob die Grenze für die jeweilige Person unüberwindbar ist oder re- lativ unproblematisch passiert werden kann. Die Staatsgrenze sei dabei nach Simmel aber „ keine rÄumliche Tatsache mit soziologischen Wurzeln, sondern eine soziologische Tatsa- che, die sich rÄumlich formt “ (Simmel 1903, S. 27). „ Nicht die LÄnder, nicht die Grund- stücke, nicht der Stadtbezirk und der Landbezirk begrenzen einander; sondern die Einwoh- ner und Eigentümerüben die gegenseitige Wirkung aus “ (Simmel 1903, S. 28).

Einrahmende Grenzen seien auch deshalb für soziale Gestaltungen bedeutsam, weil sie - als dritte Raumqualität - ihren Inhalten Fixierung ermöglichten: „ Ob eine Gruppe oder einzelne Elemente ( … ) wesentliche GegenstÄnde ihres Interesses völlig fixiert oder dem Raum nach unbestimmbar sind, das muss ersichtlich ihre Struktur beeinflussen “ , stellt Simmel fest (Simmel 1992, S. 705). Die Möglichkeit zu sinnlicher NÄhe oder Distanz im Raum, die zwischen Personen steht, arbeitet Simmel als vierte Qualität von Räumlichkeit heraus. Der Charakter sozialer Gebilde verändere sich, wenn ihre Teilnehmer sich räumlich berühren oder voneinander getrennt seien. Grundsätzlich geht Simmel davon aus, dass so- ziale Distanz mit flächenräumlicher Nähe abnehme und mit Entfernung zunehme, wobei er allerdings zwischen sozialen Beziehungen in „primitiven“ Gesellschaften, die der Koprä- senz bedürfen und „intellektuellen“, die physische Nähe nicht zwangsläufig erfordern, un- terscheidet (Simmel 1992, S. 720).4

Als fünfte sozial relevante Raumqualität hebt Simmel, im Gegensatz zu einem „ruhenden Nebeneinander“ der Menschen, die Möglichkeit zur MobilitÄt hervor. Er interessiert sich in seinem Exkursüber den Fremden für die Unterschiede der Vergesellschaftung bei wan- dernden und räumlich fixierten Gruppen und dabei insbesondere für die Frage, welche Un- terschiede sich ergeben, wenn lediglich ein Teil einer Gruppe wandert (Simmel 1992, S. 721). Der „Fremde“, der das Pendant zum räumlich fixierten „Einheimischen“ bildet, sei gekennzeichnet durch seine Beweglichkeit, Freiheit und Objektivität. Er sei derjenige, der „ heute kommt und morgen bleibt “ und im Vergleich zum Sesshaften die „ Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganzüberwunden hat “ (Simmel 1992, S. 764). Simmel erach- tet allerdings im Zuge der Entwicklung moderner Gesellschaften mit „ sachlichen Gleich- m äß igkeiten5 den Akt der Wanderung als zusehends überflüssig (Simmel 1903, S. 240).

Fasst man die Simmel'sche Raumsoziologie zusammen, so fällt auf, dass sie ebenso wie Durkheims Ansatz Raum als etwas gesellschaftlich Hergestelltes und Geformtes und nicht als etwas a priori Gegebenes betrachtet. In modernen Gesellschaften sehen beide die Staatsgrenzen als Behälter, in denen sich die Formen der sozialen Vergesellschaftung orga- nisieren. Simmel setzt zwar nicht zwangsläufig voraus, dass die Ausdehnung eines geo- graphischen Raumes ausschließlich nur mit der einer sozialen Gruppen koinzidieren muss6. So könnten auf einem Flächenraum - je nach „Verbindungstyp“ - auch mehrere soziale Gruppen „permeabel“ neben- und übereinander existieren, doch was die Gesellschaft als Ganzes beträfe, so sei „ ein gesellschaftliches Gebilde mit einer bestimmten Bodenausdeh- nung verschmolzen oder sozusagen solidarisch “ (Simmel 1992, S. 691). Simmel zufolge seien Flächen- und Sozialraum demnach zumeist nationalstaatlich verfasst - also stets in- einander verschachtelt.

Auch Durkheims Beschreibung der Ausweitung sozialer Beziehungen im Zuge fortschrei- tender Differenzierungs- bzw. Modernisierungsprozesse beschränkt sich lediglich auf den ende, sondern sich in Wellenzügen über das ganze Land erstrecke (Simmel 1992, S. 721).

Nationalstaat - sowohl Emile Durkheim als auch Georg Simmel war es noch nicht möglich, Gesellschaften jenseits von Nationalstaaten zu denken (Scheibelhofer 2011, S. 44).

Dieses Verständnis von einer „ doppelt exklusiven VerschrÄnkung von FlÄchenraum (Nationalstaat) und Sozialraum (Nationalgesellschaft) “ durchzieht die gesamte frühe Sozialwissenschaft (Pries 2008, S. 102f.). Andreas Wimmer und Nina Glick Schiller führen dies in ihrem Aufsatz darauf zurück, dass die Nation als eine Bevölkerung auf einem bestimmten geographischen Raum von der Sozialwissenschaft lange Zeit nicht kritisch hinterfragt worden sei, da diese sich im Zeitraum der Institutionalisierung der modernen Nationalstaaten entwickelt habe und deshalb selbst durch die „politische Rekonzeptualisierung des Nationalstaates“ geformt worden sei (Wimmer/Glick-Schiller 2002, S. 314).

Und so atme auch „ die Migrationsforschung ( … ) wie kaum eine andere Subdisziplin in den Sozialwissenschaften bis in die Gegenwart den Entstehungsgeist der Soziologie und der Sozialwissenschaft (...), sie referiert das staatliche Ordnungsproblem als Zusammenhalt, 'Integration' und die Gefahr des inneren Zerfalls durch 'Differenzierung' und 'Un gleichheit' “ wie Michael Bommes betont (Bommes 2011, S. 39).

Damit der Raumthematikdiskurs der aktuellen soziologischen Migrationsforschung nach- vollzogen werden kann, soll im Folgenden zunächst der historische Kontext seit der Natio- nalstaatsbildung skizziert werden. Die folgenden Ausführungen stützen sich insbesondere auf den viel diskutierten Artikel zum methodologischen Nationalismus von Nina Glick- Schiller und Andreas Wimmer (Wimmer/Glick-Schiller 2002) und auf Michael Bommes Aufsatz über die nationalen Paradigmen der Migrationsforschung (Bommes 2011). Im An- schluss sollen dann die dominierenden Argumentationsfiguren und theoretischen Ansätze der klassischen Migrationsforschung anhand der Arbeiten von Robert Ezra Park (Assimila- tionstheorie), Hartmut Esser (Integrationstheorie) und Nathan Glazer (ethnischer Pluralis- mus) dargestellt werden.

3 Die Raumthematik in der Geschichte der Migrations- forschung

Eine wesentliche Auswirkung der weltweiten Institutionalisierung des Nationalstaates war die Transformation der Weltbevölkerung in Staatsbevölkerungen (Bommes 2011, S. 21). Die Beziehung zwischen den modernen Nationalstaaten und dem jeweiligen Staatsvolk wurde, laut Bommes, nun wesentlich durch zwei konstitutive Dimensionen bestimmt: Grundbedingung der Reproduktion staatlicher Souveränität sei die LoyalitÄt der Staatsbür- ger, aber auch aller anderen Personen auf dem Staatsgebiet, gegenüber den politischen Ent- scheidungen des Staates. Im Austausch für diese Loyalität trete die Leistung der Staatsge- walt, soziale und politische Sicherheit bereitzustellen (Wohlfahrtsstaat). Der moderne Na- tionalstaat könne demnach durch seinen Anspruch auf Souveränität über ein Gebiet und eine Bevölkerung beschrieben werden, wobei die Bevölkerung durch die Möglichkeit der Teilnahme an den wohlfahrtsstaatlichen Leistungen in den Bereichen Gesundheit, Ökono- mie und Recht in politische Staatsbürger transformiert werde. Die Formierung von Natio- nalstaaten war demnach mit Inklusion nach Innen und Abschließungsprozessen nach Au- ßen verbunden. Dazu wurden geographische Grenzlinien vermessen und Zugehörigkeiten codiert (Bommes 2011, S. 22).

Die Etablierung von nationalen Sprachvereinheitlichungen, Bildungssystemen, Gesund- heitswesen und Bürgerrechten habe in der Bevölkerung, so Glick-Schiller und Wimmer, das Gefühl von Zusammengehörigkeit erzeugt, eine Trennung zwischen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern gestärkt und innere Homogenisierung forciert (Wimmer/Glick-Schiller 2002, S. 314). So erwuchs die Idee der nationalen Zugehörigkeit und Identität mit dem Entstehen und der institutionellen Ausformung der Nationalstaaten. Auf die Frage nach den Kriterien der Zugehörigkeit wurden national unterschiedliche Antworten gegeben. In Deutschland wurde beispielsweise 1913 eine Einbürgerungspolitik entwickelt, die dem In- dividuum eine Nationalität qua Abstammung (ius sanguinis) zusprach (Hollifield 2003, S. 39).

Im Gegensatz zu dieser Vorstellung einer ethnisch homogenen „Kulturnation Deutschland“ entstand die US-amerikanische Gesellschaft als politisches Projekt, an dem zunächst theo- retisch jeder teilhaben konnte, der den republikanischen Wertekanon mittrug und verinner- lichte. Dahingehend entwickelte die USA ein Staatsangehörigkeitsrecht nach dem Geburts- ortsprinzip (ius soli), wonach die Staatsangehörigkeit qua Geburt auf dem Territorium des Staates vergeben wird (Hollifield 2003, S. 39).

Anders als in Deutschland treffen wir bei den USA auf einen historischen Typus eines ge- nerischen Einwanderungslandes (Bommes 2011, S. 22). In seinem vielbeachteten Buch über die US-amerikanische Geschichte der Einwanderung stellt Oscar Handlin 1951 einge- hends fest: „ Once i thought to write a history of the immigrants in America. Then i disco- vered that the immigrants were Americans history “ (Handlin 2002, S. 3). Damit übergeht er zwar die Bevölkerungsgruppe der native americans, die ebenso „american history“ sind, doch beschreibt er damit treffend, dass Immigration ein prägender Bestandteil der amerika- nischen Gesellschaftsgeschichte ist.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Migration begann in den USA in den 1920er Jahren im Zuge der großen Einwanderungswelle aus den europäischen Ländern. Im Zentrum der Migrationsforschung stand die Frage, wie soziale Ordnung auf Grundlage des Zusammenlebens von Menschen mit heterogener ethnischer Abstammung gewährleistet werden kann (Bommes 2011, S. 34). Im Folgenden sollen nun die Grundlagen und domi- nierenden Argumentationsfiguren aufgezeigt werden, die in der aktuellen US-amerikani- schen, aber auch in der europäischen Forschung noch ihre Anwendung finden. Dazu wer- den die Arbeiten eines der ersten US-amerikanischen Theoretiker der Migrationsforschung, Robert Ezra Park (1864-1944) und von Nathan Glazer (*1923), der ebenso wie die Park zu den klassischen Gründungstheoretikern der Migrationsforschung zählt, dargestellt.

Aufbauend auf die Annahme, dass heterogene ethnische Gruppen, die an der Herkunftskul- tur festhalten, sich dem Verdacht der Illoyalität aussetzen und so die Homogenitätsfiktion des Nationalstaates störten7, bildete die zentrale Frage, die sich Robert Ezra Park stellte - die nach der Möglichkeit der Integration „fremder“ sozialer Gruppen in die US-amerikani- sche Gesellschaft. Die Zeit, in der er diese Frage untersuchte, fiel in jene Phase, die in den USA noch als die Spätzeit der Industrialisierung anzusehen war und die einem starken ge- sellschaftlichen Wandel unterworfen war. Das „ technische Jahrhundert “ förderte und for- derte insbesondere in den USA Fortschrittsglauben und Nützlichkeitsdenken - auch in der Wissenschaft (Kinder/Hilgemann 1998, S. 289).

[...]


[1] Donnan 1999, S. 4

[2] Vgl. dazu insbesondere die Arbeiten von: Kessl/Reutlinger 2010, Werlen 1997, Sturm 2000, Schoer 2006 und Löw 2001

[3] Was sichert aber den sozialen Zusammenhalt in einer differenzierten Gesellschaft, die nicht mehr durch eng miteinander verbundene Einheiten (Clans etc.) geprägt ist? Sei in frühen Stammesgesellschaften der soziale Zusammenhalt in räumlich begrenzten und kleinen Gemeinschaften durch Ähnlichkeit und Verwandtschaft hergestellt worden (Mechanische Solidarität), so würde dieser in „modernen Gesellschaften“ über funktionale Abhängigkeit (z. B. über Berufsgruppen) gewährleistet (Organische Solidarität). (Durkheim 1991, S. 31ff.; Vester 2008, S. 36).

[4] Simmel gelangt zu der Einschätzung, dass sich die soziale Organisation von Raum im Zuge der Verbrei - tung der Geldwirtschaft ablöst. Am Beispiel der modernen Großstadt beschreibt Simmel, dass aufgrund der Quantität sozialer Beziehungen und Stimuli ihre Bewohner einen eher distanzierteren Umgang miteinander pflegten und eine zunehmende Widerstandsfähigkeit/Immunität gegenüber Gefühlen entwickelten (Simmel 1992, S. 721).

[5] Zu diesen „Gleichmäßigkeiten“ zählt Simmel staatliche und kirchliche Institutionen, Gesetz, Sprache und bestimmte Lebensweisen der beobachteten Gesellschaft (Simmel 1992, S. 755).

[6] So beschreibt Simmel, dass das Bedeutungs- und Wirksamkeitsgebiet einer Stadt nicht an seinen Grenzen

[7] Ein gewisses Maß an Assimilation sei von Nöten, so Park „[to] achieve a cultural solidarity sufficient at least to sustain a national existence“ (Park 1967, S. 281).

Details

Seiten
46
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668292673
ISBN (Buch)
9783668292680
Dateigröße
733 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339595
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
transnationale migration vergesellschaftung konzepte raum grenzen migrationsprozess Transnationalismus Transmigration

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