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Medizinischer Pluralismus mit Erläuterungen anhand der indischen Heilkunst: Ayurveda

Ausarbeitung 2016 3 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Medizinethnologie

Medizinischer Pluralismus mit Erläuterungen anhand der indischen Heilkunst: Ayurveda Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart wurde und wird die Medizinethnologie auf verschiedenste Art und Weise in den unterschiedlichen Kontexten definiert und abgegrenzt. Die Medizinethnologie gilt folglich als kulturwissenschaftliche Erforschung von Medizin, Krankheitsbildern und deren Gesundheitsstörungen in Verknüpfung mit ihrer kulturellen Umgebung.

Generell lassen sich Medizinsysteme in große und kleine Systeme unterteilen , die grob dem Umfang der jeweils zurechenbaren Traditionsgemeinschaften entsprechen (Leslie 1976:2). Der Grund für die große Zahl an Medizinsystemen auf der Welt liegt im Prozess der Sozialisierung eines jeden Volkes bzw. einer Gesellschaft begründet: „a social mechanism that transforms generalized inputs (manpower, mandate, knowledge, money) into spezialized outputs in the form of medical services aimed at the health problems of society“ (ebd.:85). Leslie unterscheidet die praktizierenden Medizinsysteme auf der einen Seite in großen Traditionsbereichen als great-tradition medicine und auf der anderen Seite die kleinen Medizinsysteme als little-tradition medicine (ebd.:2). Die großen Medizinsysteme[1] umfassen die Räume China, Südasien und die mediterranen Zivilisationen, wobei sie als individuelle Systeme anerkannt werden und bestehen bleiben und trotzdem in Wechselwirkungen zueinander stehen (ebd.). Obwohl sie als individuelle System praktiziert werden, werden sie unter dem Oberbegriff der great-tradition medicine aus folgenden Gründen zusammengefasst: Alle drei Bereiche haben eine gemeinsame bzw. gleiche Zukunftsversion der sozialen Strukturen ihrer Gesellschafft und können als Gegensatz zur „kosmopolitischen“ Medizin (Biomedizin) bezeichnet werden. Überdies sind sie weit verbreitet, über Jahrhunderte weiterentwickelt und über Grenzen hinaus übermittelt (ebd.). Des Weiteren haben die drei großen Teilbereiche trotz ihrer relativen Unabhängigkeit eine äußerst simultane Entwicklung vollzogen (Leslie 1976:3). Und zwar wurden sie Mitte der 50er Jahre als professionell anerkannt und in die Lehre der Gesellschaft aufgenommen (ebd.). Das heißt, dass ein umfangreicher schriftlicher Wissenskorpus über diese Medizinsysteme besteht und die Ärzte nach dem abgeschlossenen Bildungsweg zur Klasse der Professionellen zählen.

Ein weiteres Definitionsmerkmal für große Medizinsysteme ist, dass diese die Grundlage von Krankheit und Heilung in den Körpersäften, Geweben und Ausscheidungsprodukten des Menschen sehen (ebd.). In mediterranen Bereichen sind es vier Körpersäfte (yellow bile, black bile, phlegm and bloods. Wobei man in Südasien von drei Körpersäften: kapha, pitta, vayu, übersetzt als phlegm, bile und wind, spricht und in China sechs Kategorien existieren, die auf das chii zurückzuführen sind (Leslie 1976: 3). Alle Körpersäfte stehen im Gegensatz zueinander und Gesundheit ist nur im Gleichgewicht dieser gewährleistet. Dementsprechend bedeutet ein Ungleichgewicht dieser die Grundlage für eine Krankheit (ebd.). Demzufolge werden physische Symptome in der great-tradition medicine in Kontext mit der Umwelt gebracht und ihre Sache auf Ursache und Behandlung erforscht (ebd.:4).

So steht zum Beispiel in der ayurvedischen Heilkunst alles in Wechselwirkung zueinander, was eine Verbundenheit aller Dinge und allen Seins ausdrückt. Das heißt, dass sich das Ayurveda nicht auf körperliche und psychische Aspekte des Menschen beschränkt, sondern auch sein soziales und räumliches Umfeld, die Natur, Tages-, Jahres- und kosmische Einflüsse von Galaxien und Planeten mit einbezieht (Schrott/Schachinger 2012: 16). Dabei spielen die drei Naturprinzipien, beruhend auf der Humoraltheorie, eine zentrale Rolle: Die sogenannten Tri-Doshas[2]: Vata, Pitta und Kapha (ebd.). Die Hauptausgangspunkte der drei Doshas sind in unterschiedlichen Bereichen des Körpers lokalisiert (ebd.:22). So ist es beim Vata der Unterbauch bzw. der untere Körperbereich, beim Pitta die Mitte des Körpers im Bereich der Verdauungs- und Stoffwechselorgane und beim Kapha hauptsächlich in den schleimbildenden Regionen des Magens, Kopfes, Nackens und den Gelenken (ebd.). Ein Gleichgewicht aller Kategorien impliziert dabei vollkommene Gesundheit. Bei einem Ungleichgewicht fühle der Mensch sich unwohl oder krank (ebd.:17). Wichtig hierbei ist, dass die drei Doshas in einem Wechselspiel zueinander stehen. So impliziert zu viel des einen, zu wenig des anderen (ebd.:23). Allgemein lässt sich sagen, dass Ayurveda als ganzheitliches großes Medizinsystem zu betrachten ist, da es den Zusammenhang zwischen Körper, geist und Seele sowie insbesondere des sozialen Umfelds auffängt, in seine Behandlungs- und Denkweisen einbezieht und sich nach dem Gleichgewicht aller Kräfte richtet. Es ist als professionelles und gleichzeitig traditionelles System anzuerkennen, welches sich im laufe der Zeit weiterentwickelt und einen institutionellen Rahmen geschaffen hat, um sein Wissen zu verbreiten und zu sichern.

Abgrenzend dazu sind kleine Medizinsysteme hauptsächlich in lokalen Gebieten vorzufinden. D.h. sie sind auf kleine Traditionsgemeinschaften beschränkt und die Überlieferung von Wissen und Praktiken nur auf mündliche oder praktische Weise erfolgt. Im Vordergrund steht hier der rituelle Heiler, der als Initiator zwischen Irdischem und Spirituellem fungiert. Als Beispiel kann hier der Schamanismus genannt werden.

[...]


[1] Ayurveda (Indien); Unani (isalmische Welt); Chinesische Medizin; „kosmopolitische“ Medizin (Biomedizin)

[2] Übersetzt bedeutet Dosha: „Fehler“ oder „Abweichung“ bzw. „Das, was Falsch ist“, gemeint ist demnach das Herausstechen aus der eigentlichen Ordnung (Schrott/Schachinger 2012:16)

Details

Seiten
3
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668294844
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339505
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Ethnologie
Note
1,3
Schlagworte
Medizinethnologie medizinischer Pluralismus KuSa Kulturanthropologie Ethnologie Volkskunde Völkerkunde Ayurveda Indien indische Heilkunst kleine Medizinsysteme große Medizinsysteme Münster Arbeitsaufgabe Bibliographieraufgabe Vorlesung Ausarbeitung WWU medical Pluralism Medizinsystem

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