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Zwischen Emotion und Ratio? Kriemhilds Kommunikationsverhalten im ersten Teil des Nibelungenlieds

Seminararbeit 2016 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aventiure 5: Liebe:Wie Sifrit Krimhilt erst gesach
2.1. Vorbereitungen auf die Begegnungen Inszenierung des Bildes Kriemhild
2.2. Die erste Begegnung oder Bild wird Person
2.3. Die zweite Begegnung eine Wiederholung?
2.4. Vergleich und Deutung der Begegnung

3. Aventiure 14: Zorn:Wie die chvniginnen an ander schvlten
3.1. Eine Provokation
3.2. Verteidigung der Ehre
3.3. Eine Interpretation des Königinnenstreits Sieg oder Niederlage?

4. Aventiure 17: Trauer und Rache:Wie Sifrit bechlaget vñbegraben wart
4.1. Fund der Leiche und Beginn der Totenklage
4.2. Einführung des Rachemotivs
4.3. Ausdehnung der Klage vom Individuum auf das Kollektiv
4.4. Die Beerdigung

5. Konklusion

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Die Arbeiten zur Figur der Kriemhild im Nibelungenlied sind zahlreich und doch existieren immer noch viele unerforschte Aspekte und Nuancen dieser Figurenkonzeption, die es herauszufiltern und darzulegen gilt, woraus die Motivation für diese Arbeit resultiert. Denn Kriemhilds Bedeutung und zentrale Position im Nibelungenlied und für die mediavistische Literaturwissenschaft allgemein ist zweifellos. Als alternatives Konzept einer weiblichen Figur in der Heldenepik beziehungsweise an der Grenze zwischen höfischem Roman und Heldenepik, ermöglicht uns diese Figur einen tiefen Einblick in die literarische Darstellung mittelalterlicher Rollenbilder und lässt Rückschlüsse auf die Beschaffenheit jener Aspekte in der mittelalterlichen Gesellschaft zu, wobei jedoch äußerste Vorsicht geboten ist, da die literarische Darstellung der Realität nicht entsprechen muss.

Das besondere Interesse der Mediavistik an der Figur Kriemhild, kommt vor allem daher, dass sie einerseits eine vehemente Charakterwandlung im Verlauf der Erzählung durchmacht, wodurch sie im Verlauf der Erzählung immer mehr zur treibenden Kraft für die Handlung der Erzählung wird, was für eine weibliche Figur in diesem medialen Kontext außergewöhnlich ist. Am Beginn stellt Kriemhild das typische Bild der höfischen Dame, dar.1 Durch die Entwicklungen im Laufe der Geschichte, vor allem durch Siegfrieds Tod und den Hortraub, wandelt sie sich aber zu „Valandine“, zur Teufelin, die am Ende Hagen eigenhändig köpft ein schwerer Verstoß gegen die Geschlechterkonventionen und das Waffenrecht der Zeit, die mit dem Tod geahndet werden muss. Die Entwicklung der Figur Kriemhild stellt eine Abkehr vom höfischen Ideal des Weiblichen dar, weist immer mehr männliche Züge auf und muss deshalb scheitern.2

In Anbetracht dessen stellt sich mir die Frage, wie sich diese Wandlung in der Art ihrer Kommunikation und in ihrer Bedienung der kommunikativen Ebenen widerspiegelt beziehungsweise, inwiefern jene Züge der „Valandine“ bereits von Beginn an angelegt sind. Diese Arbeit befasst sich daher damit, auf welcher Ebene Kriemhild im ersten Teil des Nibelungenlieds emotionale und rationale Inhalte kommuniziert und welche Rückschlüsse diese Einteilung auf die Konzeption der Figur zulässt. Die betrachteten Ebenen der Kommunikation umschließen die verbale, die gestische sowie eine narrative Ebene, auf der Kommunikationsinhalte und -weisen indirekt durch die Erzählinstanz wiedergegeben werden.

Im Vorfeld wird dabei die These aufgestellt, dass Kriemhild auf der verbalen Ebene rationale und auf der gestischen sowie auf der narrativen Erzählebene emotionale Inhalte kommuniziert beziehungswiese kommuniziert werden. Als Geste oder Gebärde wird dabei die Summe aller optischen und akustischen Zeichen des Ausdrucks bezeichnet, die nicht als Wörter einer Sprache identifiziert werde können4.

So interessant es wäre die ganze Entwicklung der Figur anhand dieses Kriteriums zu betrachten, diese Arbeit konzentriert sich lediglich auf den ersten Teil des Nibelungenlieds, da eine umfassende Untersuchung den Rahmen einer Proseminararbeit sprengen würde. Dabei wird davon ausgegangen, dass im ersten Teil des Nibelungenlieds die Weichen für die Entwicklung zur Valandine gestellt werden und mehrere Schlüsselszenen den Wandel in Kriemhilds Persönlichkeit bedingen und ermöglichen. In dieser Arbeit wird das Kriterium daher exemplarisch an drei Aventiuren dargelegt, die für solche zentralen Stellen gehalten werden, Aventiure 5: Wie Sifrit Krimhilt erst gesach, Aventiure 14: Wie die chvniginnen an ander schvlten und Aventiure 17: Wie Sifrit bechlaget vñ begraben war, und anhand einschlägiger Sekundärliteratur gedeutet. Jene Szenen sind einerseits richtungsgebend für den weiteren Verlauf der Handlung, andererseits weißt deren Gegenstand emotionalen wie rationalen Gehalt auf, der durch Kommunikation transportiert wird. In jeder Szene steht eine für das Nibelungenlied zentrale Emotion im Vordergrund. So ist dies in Aventiure 5 die Liebe, in Aventiure 14 der Zorn und in Aventiure 17 die Trauer beziehungsweise deren beginnende Umwandlung in Rache. Die Emotionen Zorn und Rache werden in der mittelalterlichen Literatur üblicherweise dem Männlichen zugeordnet, während Trauer als weiblich ist5.

Um die These der Arbeit zu überprüfen, werden die einschlägigen Szenen chronologisch analysiert und gedeutet, um die Entwicklung der Dialoge und deren Ablauf dem Text getreu wiederzugeben. Die einzelnen Aventiuren werden zusätzlich in Sinneinheiten gegliedert, die verschiedene Phasen der Kommunikation in Ausdruck und Zweck abbilden sollen. Die Art und Wiese wie Kriemhild in den einschlägigen Szenen kommuniziert, wird in den Gesamtkontext der Szene gestellt und die Auswirkungen ihrer Kommunikationsart berücksichtigt. Zudem wird bei zentralen Passagen, die Kriemhild betreffen, ein Vergleich der verschiedenen Fassungen A, B und C angestellt, um Abweichungen auszuweisen. Zitierte Textpassagen des Nibelungenlieds stammen grundsätzlich aus der Fassung A7, es sei denn es ist aus bestimmten Gründen notwendig Fassung B oder C zur Rate zu ziehen, wie zum Beispiel, dass in Fassung A die einschlägige Passage nicht vorkommt, oder Fassung B7 und C7 übereinstimmen, während A abweicht.

2. Aventiure 5 Liebe: Wie Sifrit Krimhilt erst gesach

2.1.Vorbereitungen auf die Begegnungen Inszenierung des Bildes Kriemhild

In der fünften Aventiure liegt der Fokus auf den zwei Begegnungen zwischen Kriemhild und Siegfried, die auch die Höhepunkte dieser Aventiure darstellen. Ein Rahmen wird durch das Fest zur Feier des Siegs über die Sachsen beziehungsweise deren Vorbereitungen geschaffen. Diese dienen im Wesentlichen dazu das Publikum/die/der Leser/in auf die erste Begegnung zwischen Kriemhild und Siegfried vorzubereiten, einerseits vage, indem Aufwand der Vorbereitungen, Schmuck und Freude der Bevölkerung, sogar der Schwachen und Kranken geschildert wird. So wird die Erwartung geschürt, dass etwas Besonderes bevorsteht. Andererseits bekommt das Publikum/die/der Leser/in konkretere Hinweise, sodass bereits in Strophe 278 auf Siegfrieds Bewunderung für Kriemhild hingewiesen wird, obwohl dieser sie noch nie gesehen hat. Vier Strophen weiter wirbt Ortwein beim König dafür, diese Festlichkeiten Kriemhilds Debut in der Öffentlichkeit werden zu lassen, allerdings ohne Siegfrieds besondere Freude daran direkt zu erwähnen. Nachdem der König zugestimmt hat, wird das Publikum die/der Leser/in auf ihren Auftritt vorbereitet. Ihre Schönheit wird vom Erzähler gepriesen und idealisiert, hundert Mann sollen ihr als Gefolge für ihren großen Auftritt dienen. Der eigentliche Auftritt Kriemhilds wir von einem Vergleich eingeleitet, der ungewöhnlich lyrisch für diesen Text wirkt8:

Nv gie div minnecliche also der morgenrot tuot vz truoben wolchen da schiet von maniger not der si da truoch in herzen vnd lange hete getan er sach die minneclichen nv uil herlichen stan Ja luhte ir von ir wæte vil manich edel stein ir rosen rotiv varwe vil minnechlichen schin ob iemen wunsen solde der kvnde niht geiehen daz er ce dirre werlde hete iht schoeners gesehen Bis zu diesem Punkt scheint der Text die Wirkung Kriemhilds auf die Allgemeinheit auszurichten. Erst durch den, „der si da truoch in herzen“, wird angedeutet, dass Siegfried sich als Protagonist und Hauptadressat von Kriemhilds Wirkung aus der Menge der Anwesenden herauslöst. Nach diesem Vergleich wendet der Erzähler sich diesem zu und geht auch auf sein Innenleben ein, indem er die Freude über ihr Erscheinen, aber auch die Angst vor dem Verlust ihrer angesprochen wird. Für Siegfried, der ursprünglich wegen Kriemhild allein nach Worms kam, ist dies ein lang ersehnter Moment, die Erwartung hoch und die Inszenierung dieser Szene geschaffen, um die Erwartung noch einmal zu erhöhen, um Siegfried nicht vom Haken zu lassen. Die Erwartungen, die seit Beginn der Aventiure im Publikum/der/dem Leser/in geweckt werden, bereiten es/sie/ihn genau auf diese Szene vor. Der Umstand, dass von Kriemhild bis hier hin lediglich in der dritten Person die Rede war und nicht auf ihr Innenleben eingegangen wird, ebenso. Der Fokus wird vor allem auf ihr vorteilhaftes Äußeres gelenkt und den Reichtum an Schmuck, der wohl auf den Reichtum ihrer Familie hinweisen soll. Die Frau stellt hier ein Objekt dar, das zur Freude der Männer zum Fest vorgeführt werde soll. Dies kann als Reduktion des Weiblichen auf das Äußere, auf ein Objekt der Begierde des Männlichen, Siegfrieds, gesehen werden. Siegfried stellt in dieser Szene eine Art Subjekt dar, durch dessen Brille wir Kriemhilds Erscheinen beobachten und ebenso wie er wissen wir jüngst lediglich über sie, was man die Leute erzählen. Obwohl der Erzähler Kriemhild zu diesem Zeitpunkt bereits mehrmals erwähnt hat, haben wir in dieser Szene nicht eine aktive Handlung oder ein gesprochenes Wort durch sie selbst erfahren. Diese Struktur ist in den anderen Aventiuren ähnlich. Es wird erst ein Bild gezeichnet, in das die Handlung gesetzt wird. So beinhaltet die Darstellung dieses Rahmes wichtige Hinweise über die Handlung selbst. Noch stehen die beiden getrennt, durch das strenge Protokoll an Ort und Stelle gebunden, noch dürfen sich alle Anwesenden an Kriemhilds Präsenz erfreuen. Erst durch die Initiative Gernots, Kriemhilds Bruder, der König Gunther vorschlägt, Siegfried von Kriemhild begrüßen zu lassen, kann eine richtige Begegnung stattfinden. Die Ehre, die Siegfried hier zu teil werden soll, lässt Gunther durch sein Gefolge übermitteln und so ist es Siegfried erlaubt auf Kriemhild zuzugehen und sie zu begrüßen, eine komplizierte und umständliche Abfolge, die den offiziellen Charakter dieser Begegnung gut widerspiegelt.

2.2. Die erste Begegnung Bild wird Person

Hier begegnet Kriemhild Siegfried erstmals als aktiv handelnde Figur und die Struktur dieser Szene zeichnet diese Entwicklung für das Publikum oder die/den Leser/in nach. Erst in dem Moment, in dem das „Götzenbild“ für Siegfried real wird, wird es für das Publikum/die/den Leser/in in dieser Szene real. Erst ab hier gewinnen wir Einblick in diese Figur über ihr Äußeres hinaus. Das Bild wird Person. Kriemhilds erste Handlung ist eine Gebärde: das Erröten ihrer Wangen, wortwörtlich „do erzvnde sich sin varwe“. Die Gebärde stellt eine positive Emotion dar, die Freude Siegfried zu begegnen, die Verliebtheit, die sogleich präsent ist. Die Metapher des Feuers west wohl auf die Röte der Wangen sowie die Erhitzung dieser bei Aufregung hin. Der Liebesbegriff, der hier auf Kriemhild und Siegfried angewendet wird, ist stark an jenen des klassischen Minnesangs angelehnt, bis sie sich tatsächlich begegnen und eine Erwiderung stattfindet. Die Anbetung Siegfrieds wandelt sich ab da in ein Liebesverhältnis, das eher dem der christlichen Ehe entspricht. Gleich darauf spricht sie einen verbalen Gruß aus, der auf die roten Wangen hin überraschend förmlich wirkt: „sit willekomen herre Sifrit//ein edel ritter gvot“, doch auch durchaus wohlgesinnt, wie an Siegfrieds Reaktion erkennbar ist: „do wart imvon dem grvze//vil wol gehoehet der mvot “, jedoch nichts von ihren Gefühlen erahnen lässt. Diese Gegensätzlichkeit spiegelt die Diskrepanz zwischen persönlichen Gefühlen und Anstand wider, der dem strengen Protokoll geschuldet ist und eine rationale Angelegenheit darstellt. Darauf folgt eine weitere Handlung Kriemhilds: sie fasst ihn nach Fassung B und C an der Hand: „bi der hende si in vie“, Fassung A erwähnt eine solche Handlung hingegen nicht, sondern geht gleich zum Tauschen verliebter Blicke über: „mit lieben ovgen blichen//an ander sahen an“, erneut eine Geste eine heimliche. Beide Ausdrücke sind Gebärden, die ihre Zuneigung zu Siegfried ausdrücken, was auf Textebene zwar über Passagen wie „lieben ovgen“, transportiert wird, aber durch Kriemhild selbst keinen Ausdruck auf verbaler Ebene findet. Der Hinweis, dass die verliebten Blicke heimlich stattfinden, bestätigt den Eindruck, dass es hier ein Protokoll zu wahren gibt, weshalb Emotionen hier nicht verbal und nicht offen gezeigt werden und dass Kriemhild sich diesem Protokoll artig fügt. Sie erfüllt die Erwartungen, die man an ihre Personifikation der höfischen Dame stellt. Dieser Heimlichkeit ist auch geschuldet, dass der Erzähler lediglich glaubt und nicht weiß, ob Siegfried ihre Hand auch drückt. Im letzten Vers dieser Strophe unterscheidet sich Fassung A interessanterweise wesentlich von Fassung B und C. Denn während Fassung A davon spricht, dass: „zwei minne gern div herze//heten anders missetan“, sagen B und C, dass: „si het im holden willen//chvnt vil sciere getan“. Sinngemäß drücken die beiden Formulierungen ähnliches aus. Es handelt sich also in jedem Fall erneut um eine Geste, durch die Kriemhild ihre Gesinnung beziehungsweise ihre positiven Gefühle ausdrückt. Es folgt der Höhepunkt dieser ersten Begegnung: der Kuss. Dieser wird über den Erzähler transportiert, in Fassung A: „ir wart erlovbet kvssen//den wertlichen man im wart ze dirre werlde//nie so liebe getan“. Wobei Fassung B „in alder werlde“ und Fassung C „bi sinem lebene“ formuliert. Der Bezug auf die Welt erscheint hier einen örtlichen und allgemeinen Rahmen zu bilden, während der Hinweis auf sein Leben eher mit Zeit als mit Ort assoziiert ist und die persönliche Komponente verstärkt. Am Sinn der Aussage selbst, ändert sich durch diese Variation nicht viel.

[...]


1 vgl. Kraft, Eva: Versuch der Darstellung zweier starker Frauenfiguren desselben Themenbereiches -schoenheit, liebe, triuwe, klage, râche : Kriemhild im Nibelungenlied, Gudrun in der Edda. Salzburg: Universität Salzburg. 2005, S.5.

2vgl. Schulze, Ursula: Amazonen und Teufelinnen. Darstellungsmodelle für Brünhild und Kriemhild im Nibelungenlied. In: Sivia Kronberger (Hg.) Leonore = Fidelio. Anif/Salzburg: Mueller-Speiser 2004, S.105.

4vgl. Kraemer, Christiane: Die Gebärden in der mittelhochdeutschen Heldenepik. Ohio State University 1984.

5vgl.Lienert, Elisabeth: „Geschlecht und Gewalt im Nibelungenlied“. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. 132. (2003), Heft 1, S.6.

6vgl. Javor Briški, Marija: „Angst-Trauer-Zorn“. „Emotionen' im Nibelungenlied“. In: Acta Neophilologica 45 (2012), Heft 1-2, S.88.

5http://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/12Jh/Nibelungen/html.

6vgl.Fechter, Werner: Über die Vergleiche in der fünften Aventiure des Nibelungenliedes. Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. 89 (1959), Heft 2, S. 92.

Details

Seiten
22
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668294684
ISBN (Buch)
9783668294691
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339486
Institution / Hochschule
Universität Salzburg – germanistische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Nibelungenlied Kommunikationsstruktur Kriemhild Figurenkonzeption Mimik Gestik Mediävistik Heldenepik

Autor

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