Lade Inhalt...

Die deutsch-amerikanischen Sicherheitsbeziehungen im Zeitraum von 9/11 bis zum Irakkrieg. Eine konstruktivistische Analyse

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Globalisierung, pol. Ökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die strukturellen Veränderungen des Internationalen System nach 1989/1990

3. Der Sozialkonstruktivismus nach Wendt (struktureller Ansatz)
3.1. Prämissen des Sozialkonstrukitvismus
I. Staaten sind die Hauptakteur
II. Identitäten und Interessen entstehen durch Interaktion
III. Interaktionen münden in Institutionen
IV. Die Struktur des internationalen System besteht aus intersubjektiv geteiltem Wissen
V. Das internationale System unterliegt ständigen Tranformationsprozessen
3.2. Akteur-Struktur-Problem

4. Der rollentheoretische Ansatz (akteursbezogene Ansatz)
4.1. Definition der Rollentheorie
4.2. Zivilmacht als Rollenkonzept
4.3. Rollenkonzeption Deutschlands

5. Implikationen für die deutsch-amerikanischen Beziehungen

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Das Thema dieser Seminararbeit sind die deutsch-amerikanischen Sicherheitsbeziehungen ab den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 bis zum Beginn des Irakkrieges. Die, durch die zahlreichen Konflikte und Umwälzungen im Internationalen System entstandene Interaktionsnotwendigkeit zwischen den Akteuren des Internationalen Systems, vor allem zwischen Deutschland und den USA, lassen konstruktivistische Ansätze hier am geeignetsten erscheinen. Neben der dem strukturellen Ansatz von Wendt soll vor allem in Bezug auf die Eigenwahrnehmung Deutschlands ein rollentheoretischer, akteursbezogener Ansatz nach Kirste und Maull angewendet werden. Dies scheint geeignet um sowohl die systemrelevanten als auch die akteursrelevanten Aspekte des Konstruktivismus zu umfassen und zu berücksichtigen. Um dem in dieser Arbeit zugrundeliegenden Konstruktivismusverständnis gerecht zu werden und die Konstituierung von Akteur und Struktur sinnvoll zu ergänzen ist es daher wichtig beide Ebenen, die des Akteurs und die der Struktur, zu beschreiben.

Die Frage die in dieser Seminararbeit beantwortet werden soll, ist wieso sich das Verhältnis zwischen diesen beiden Staaten innerhalb einer Zeitspanne von knapp 2 Jahren so dramatisch verändert hat. Wie ist die Abkühlung des Verhältnisses zu erklären?

Auf beiden Seiten des Atlantiks wurde eingesehen, dass die Beziehungen zwischen beiden Staaten so kühl sind wie sie lange nicht mehr waren. „The winter of 2002/2003 was the coldest ever experienced in the most successful transatlantic relationship since the days of the Mayflower“ (Künhardt 2004:1). Auf beiden Seiten wurde rhetorisch nicht mit Superlative (im negativen Sinne) gespart. Es wurde von einem Ende der transatlantischen Partnerschaft gesprochen oder gar vom Ende der deutsch-amerikanischen Beziehungen (Schwarz 2003:22, Schöllgen 2005:6).

Dem Grund solcher verbalen Entgleisungen und den daraus folgenden Reaktionen soll diese Arbeit nun nachgehen.

Im ersten Teil soll eine Analyse der Veränderung des Internationalen Systems nach 1989/1990 dargelegt werden, die wichtig für das Verständnis des systemischen Ansatzes von Wendt und den rollentheoretischen Ansatz von Kirste und Maull ist.

Danach soll eine Einführung in die beiden konstruktivistischen Ansätze gegeben werden. Hier werden die Prämissen und die Grundannahmen des Sozialkonstruktivismus nach Wendt und die der Rollentheorie nach Kirste und Maul erläutert.

Im letzten Teil werden die beiden Theorieansätze auf das deutsch-amerikanische Verhältnis unter Berücksichtigung des Strukturwandels angewandt Das abschließende Fazit legt eine mögliche Antwort auf die Frage nach den Gründen für das deutsch-amerikanische Verhältnis dar.

2. Die strukturellen Veränderungen des Internationalen System nach 1989/1990

Nach dem Zerfall der Sowjetunion veränderte sich das Internationale System grundlegend. Aus einem bipolaren System aus zwei militärischen und kulturellen Blöcken entstand (der „Westen“ und der „Osten), zumindest in vielen Bereichen, ein multipolares System. Die USA behielten ihre militärische Stärke und sind auf diesem Gebiet auch heute noch der absolute Primus, jedoch zeichnete sich nicht erst seit dem Untergang der Sowjetunion ein relativer Machtverlust der USA ab. Neben den aufstrebenden Staaten wie China, Indien und einigen anderen entstand auch in Europa ein neues, vor allem wirtschaftliches Machtzentrum. Staaten wie Frankreich und Deutschland wurden zu den wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Führungsstaaten innerhalb der EU.

Aus der wirtschaftlichen Stärke und einer immer weiter schreitenden Institutionalisierung in vielen Bereichen (Wirtschaft, Recht usw.) entwickelte Europa ein neues Selbstbewusstsein. Auch gegenüber der USA. Nach jahrzehntelanger gemeinsamer, vor allem sicherheitsorientierter Politik, zwischen Europa und der USA brachte die neue Ordnung große Veränderungen. Durch die neuen entstandenen Machtzentren verloren die USA in vielen Gebieten der Welt an Einfluss. Auch der Einfluss in Europa, insbesondere in Deutschland, begann zu schwinden und führte dazu, dass die Europäer nach und nach eine eigene Identität entwickelten. Während in den Jahrzenten vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Sicherheitsaspekt um die Bedrohung des Kommunismus als zentraler Punkt für die gemeinschaftliche Politik und Entwicklung der transatlantischen Beziehungen galt, verschwand dieser zentrale Punkt beinahe über Nacht. Es zeigte sich zwar, dass aufgrund der über Jahre aufgebauten Interaktionsmuster und klaren gemeinsamen Feindbestimmung (Der „Osten“ als Feind) einer gewissen Kontinuität und kollektive Identität entwickelt wurde, dieses aber als alleiniges Fundament nicht auszureichen schien um die Beziehungen in der gleichen Qualität weiterführen zu können. Besonders die NATO und der Warschauer Pakt galten als Ausdruck intersubjektiv weitgehend geteilter Bedrohungswahrnehmungen auf beiden Seiten.

Der stabilisierende Faktor der klar geregelten Feinbestimmung verschwand nun; die moralische Monopolstellung der USA geriet auch aufgrund ihrer zahlreichen Militärinterventionen langsam ins Wanken; die Amerikaner verloren an relativer Macht und Europa und China entwickelten sich zu den neuen Machtzentren des Internationalen Systems. All diese Faktoren zeigten, dass sich das Internationale System wandelte. Die daraus folgenden Auswirkungen sollen in den nächsten Abschnitten näher beleuchtet werden und vor allem ihre Wirkung auf die Identitätsbildung der einzelnen Akteure, insbesondere der USA und Deutschland berücksichtigt werde.

3. Der Sozialkonstruktivismus nach Wendt (struktureller Ansatz)

Die Ontologie, das „So-Sein“ der Beschaffenheit der Internationalen Beziehungen wird von konstruktivistischen Ansätzen als ein soziales Konstrukt gesehen. Konstruktivisten glauben, dass es keinen objektiven Zugang zu unserer sozialen Welt gibt und weder Wissenschaftler, Staatsmänner noch andere Akteure es schaffen objektive, von Kultur und Person unabhängige Aussagen über die Realität treffen können. Die Sozialkonstruktivisten bemessen vor allem Normen, Ideen Identitäten oder diskursiven Lernprozessen einen großen Stellenwert zu Erklärung von Phänomenen im Internationalen System zu.

Epistemologisch kann man konstruktivistische Ansätze als eine post-positivistische, als verstehende Ansätze bezeichnen. Soziale Phänomene werden nach der Meinung der konstruktivistischen Autoren vor allem durch subjektive Wahrnehmung und Sinnzuschreibung bestimmt. Daraus folgt, dass Forscher nicht in der Lage sind politische und gesellschaftliche Zusammenhänge von außen als ein Objekt betrachten zu können, da sie immer auch Teil dieser Zusammenhänge sind und deshalb bestimmte Phänomene als Teil Akteur dieser Phänomene betrachten. Sie können nur interpretieren und keine szientistische Erkenntnisse und Aussagen über gesellschaftliche und politische Ereignisse treffen (Spindler/Schieder 2010:24ff).

Sozialkonstruktivisten zu denen auch Wendt gehört, sehen diese Art von Erkenntnisgewinn nicht ganz so radikal. Wendts Sozialkonstruktivismus gilt als eine Brücke zwischen den posivistischen und post-posivistischen Ansätzen (als via Media). Er versucht die Methoden der Positivisten nicht vollkommen abzulehnen, sondern sie zu erweitern.

3.1. Prämissen des Sozialkonstrukitvismus

Um die Sicherheitsbeziehungen zwischen Deutschland und der USA aus konstruktivistischer Sicht erklären zu können, ist es notwendig neben der oben bereits erklärten Ontologie und Epistemologie des Konstruktivismus auch die von Wendt ausgearbeiteten Prämissen kurz zu erläutern. Als Grundlage dient hier sein Werk „Social Theory of International Politics“. Die folgenden Prämissen sollen der Übersicht halber nur kurz angerissen werden. Um seinem Werk als „via media“ gerecht zu werden gesteht Wendt ein, dass auch materielle Elemente, wie sie die Neorealisten ins Feld führen, eine Rolle bei dem Verständnis von Phänomen in den internationalen Beziehungen haben:

„I agree with Realists that there are strictly material elements in the structure of social systems. The actors who make up social systems are animals with biologically constituted capacities, needs, and dispositions not at all unlike their cousins lower down the food chain. These animals have various tools (``capabilities'') at their disposal, material objects with intrinsic powers, which enable them to do certain things. In emphasizing the ideational aspect of international structure, therefore, we should not forget that it supervenes on this material base, the analysis of which is a key contribution of Realism (Wendt 1999: 189).

I. Staaten sind die Hauptakteure

Für die Sozialkonstruktivisten sind Staaten die Hauptakteure im internationalen System. Wendt schreibt, dass “(…) states are real actors to which we can legitimately attribute anthropomorphic qualities like desires, beliefs, and intentionality (Wendt 1999: 197ff) und das Staaten Konstrukte sind denen man Interessen und Identitäten zuschreiben kann „(…)states are the kinds of entities to which we can attribute identities and interests”(Wendt 1999: 224). Sie agieren und interagieren miteinander. Weltbilder, Erwartungen und Wertevorstellungen sind hierbei die Basis auf der sie interagieren. Daneben werden Staaten nicht als per se rational gesehen die ihre Interessen strikt verfolgen und darüber bestimmen mit wem sie interagieren (Auth 2015: 192; eigene Auslassung, R. P.)

II. Identitäten und Interessen entstehen durch Interaktion

Durch ihre Handlungen senden Staaten Signale an andere Staaten. Diese Signale werden (wiederum) von anderen Staaten interpretiert. Die Signale und Handlungen können von Staaten als freundlich, indifferent oder feindlich interpretiert werden. Aus dieser Interpretation entwickeln Staaten dann ihre Interessen. Diese Interessen können dann dazu führen, dass Staaten ihren Fokus auf Selbstverteidigung, Kooperation oder harmonische Koexistenz legen (Auth 2015: 192). Hauptaussage ist hier, dass es keine festen Interessen gibt sondern diese durch Interaktion entstehen (Auth 2015: 192).

In the constructivist view, in contrast, actions continually produce and reproduce conceptions of Self and Other, and as such identities and interests are always in process, even if those processes are sometimes stable enough that for certain purposes we plausibly can take them as given (Wendt 1999: 36).

Wendt schreibt hier, dass Interessen obwohl sie als “fest” gegeben zu sein scheinen, immer durch Prozesse der Interaktion generiert werden.

Die konstruktivistischen Ansätze unterscheiden zwischen zwei Identitäten. Zum einen gibt es eine korporative oder individuelle Staatsidentität. Dieser Begriff steht für einen sich selbst organisierenden Staat. Definiert wird diese Identitätsvariante durch territoriale Grenzen, politisches System, Souveränität, Gewaltmonopol, staatliche Institutionen etc. Auch neorealistische Ideen wie Sicherung des eigenen Überlebens werden hier unter dem Begriff der korporativen oder individuellen Identität gefasst.

Zum anderen gibt es eine soziale Identität. Sie entsteht durch soziale Interaktion mit anderen Staaten. Genauer ist die soziale Identität eine Rollenkonzeption. Wendt schreibt dazu, dass „The daily life of international politics is an on-going process of states taking identities in relation to Others, casting them into corresponding counter-identities, and playing out the result (Wendt 1999:21).

Für die spätere Analyse der deutsch-amerikanischen Beziehungen ist Identitätskonstruktion durch role-taking und alter-casting essentiell. Durch Rollenzuschreibung und Rollenwahl entsteht gleichzeitig auch eine Erwartungshaltung. Aus dieser Erwartungshaltung wiederum wird der Gegenüber konstituiert. “By taking a particular role identity Ego is at the same time casting, Alter in a corresponding counter role that makes Egos identity meaningful“ (Wendt 1999:329). Der Begriff der Ideen spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, denn „Who Alter is (…) depends on who Ego thinks Alter is“ (Wendt 1999:335; eigene Auslassung, R. P.)

Der stark systemisch geprägte Konstruktivismus von Wendt geht also davon aus, dass „(…) fremde Rollenidentitäten die Eigen- und Fremdwahrnehmung sowie die jeweilige Situationsdefinition und letztlich das Verhalten der Staaten zueinander bestimmen“ (Schnieders 2014: 120; eigene Auslassung, R. P.)

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668291072
ISBN (Buch)
9783668291089
Dateigröße
884 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339480
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Politische Wissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Konstruktivismus Sicherheitsbeziehungen Transatlantisches Verhältnis

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die deutsch-amerikanischen Sicherheitsbeziehungen im Zeitraum von 9/11 bis zum Irakkrieg. Eine konstruktivistische Analyse