Lade Inhalt...

Biblische Psalmentradition bei Brecht und Huchel. „Gesang vom Sommer“ und „Winterpsalm“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 33 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Bertolt Brechts „Gesang vom Sommer. 14. Psalm“
2.1 Gesamtaussage und Überblick
2.2 Brechts formaler Rückgriff auf die biblische Psalmentradition
2.3 Inhaltliche Auseinandersetzung
2.3.1 Der Gedichttitel als Hinweis auf die Voraussetzung einer Jahreszeit für das Erleben im Psalm
2.3.2 Zur Himmel-Erde-Vertikale als raumstrukturierendes Element
2.3.3 Einforderung von sozialer Gerechtigkeit
2.3.4 Darstellung der Erde als keine problemlos zu bewohnende Immanenz
2.3.5 Die Bejahung des Kreatürlichen
2.3.6 Eine Möglichkeit der Distanzierung: Brechts Auflehnung gegen die unreflektierte Übernahme christlicher Dogmatik
2.4 Die Kraft der reinen Adressierung
2.5 Brecht und das Christentum

III. Peter Huchels „Winterpsalm“
3.1 Gesamtaussage und Überblick
3.2 Zum formalen Aufbau des Psalms: der Rhythmus als strukturierendes Element
3.3 Inhaltliche Auseinandersetzung
3.3.1 Titel und Widmung
3.3.2 Die Bedeutung des Vertikalen im „Winterpsalm“
3.3.3 Resignation des lyrischen Ichs
3.3.4 Die Öffnung hin zu einer anderen Welt
3.3.5 Was bleibt, ist die Hoffnung
3.4 Die lyrische Sprechweise in „Winterpsalm“
3.5 Zur Transzendenz bei Huchel

IV. Schluss

LITERATURVERZEICHNIS

I. Einleitung

Beschäftigt man sich mit dem Bezug des Menschen zur Religion in der Moderne, so stößt man häufig auf das Postulat eines angeblich gebrochenen Verhältnisses des Menschen zur christlichen Tradition bzw. zu anderen metaphysischen Orientierungen. Die großen wissenschaftlichen Fortschritte insbesondere des 20. Jahrhunderts, die den Menschen doch nahezu alle Zusammenhänge durchschauen lassen, die Errungenschaften auf dem Gebiet der Technik, aber auch historische Ereignisse wie die Erschütterungen angesichts zweier Weltkriege hätten den Menschen – so die gängige Meinung – dazu veranlasst, sich an das Rationale zu halten und alles Heilige unter Tabu zu stellen.[1]

Eine solche Auffassung des Traditionsbezugs, der zufolge die Religion in der Moderne ihrer Bedeutung verlustig geworden sei, muss jedoch sowohl mit dem Blick auf die Literatur, auf die es hier ankommt, als auch auf die Musik-, Film- und sonstige Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts relativiert werden. Gemeint ist damit Folgendes: Anhand der Tatsache, dass innerhalb der Literatur der Moderne eine intensive Auseinandersetzung mit den religiösen Texten der Bibel erfolgt, ja indem die Religion in den modernen Texten hochgradig präsent ist, wird der Bezug zur Tradition aufrechterhalten. Für die moderne Lyrik trifft dies ganz besonders zu, gilt doch die Lyrik als diejenige Gattung, in der erhabenes, d. h. ursprünglich göttlich inspiriertes Sprechen seinen Platz hat. Die These des Traditionsbezugs soll im Rahmen dieser Seminararbeit dadurch exemplifiziert werden, indem der jeweils differenzierte Umgang mit Psalmen seitens zweier herausragender deutschsprachiger Lyriker des 20. Jahrhunderts, Bertolt Brecht sowie Peter Huchel, untersucht wird. Der Analyse unterzogen werden hierfür auf der einen Seite Brechts Gedicht „Gesang vom Sommer. 14. Psalm“, auf der anderen Seite Huchels „Winterpsalm“. Die Auswahl der Texte begründet sich zunächst durch den spannungsreichen rezeptionsästhetischen Gegensatz der beiden Gedichte; denn so unterschiedliche Assoziationen, Gefühle und Empfindungen mit den Jahreszeiten Sommer und Winter einhergehen, so differenziert erscheint auch die von den beiden Gedichten ausgehende Wirkung auf den Leser. Vor allem aber erfolgte die Auswahl der Texte in Hinblick auf den biblischen Psalter. Analog zu den dort überlieferten 150 Psalmen, bei denen als wichtigste Klassifikationsmöglichkeit meist die Einteilung in die vier Großgattungen der Bitt- und Danklieder einerseits, der Klage- und Loblieder andererseits erfolgt, tendiert Brechts „Gesang vom Sommer“ zur Gattung des Lobpsalms, während sich das Gedicht von Huchel der Kategorie der Klagepsalmen zuordnen lässt. Die Arbeit konzentriert sich dabei insbesondere auf die Beantwortung zweier Fragestellungen. Zum einen soll im Rahmen einer genauen Textanalyse untersucht werden,wiesich die beiden Autoren auf die biblische Tradition rückbeziehen, zum anderen soll der Frage nachgegangen werden,warumBrecht bzw. Huchel für ihren dichterischen Ausdruck die biblischen Psalmen als Prätext heranziehen. Folglich wird hier versucht, einen spezifischen Blickwinkel auf zwei moderne Psalmen zu richten, dem in der bisherigen Forschung relativ wenig Raum geschenkt worden ist. Am Ende dieser einleitenden Worte sei noch ein kurzer Hinweis zur Vorgehensweise gegeben. Um den differenzierten Umgang mit Psalmen bei Brecht und Huchel herausarbeiten zu können, wurden für die Gedichte drei Tertia Comparationis gewählt. Diese sind der Reihe nach die Form, der Inhalt und die Sprache. Der erste große Abschnitt der Arbeit ist dabei Bertolt Brecht, der zweite Peter Huchel gewidmet.

II. Bertolt Brechts „Gesang vom Sommer. 14. Psalm“

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind sämtliche Psalmgedichte Bertolt Brechts in den Sommermonaten des Jahres 1920 entstanden, so dass man von einem zeitlich begrenzten Experiment des damals Zweiundzwanzigjährigen sprechen kann. Da Brecht seine Psalmen zur Zeit ihrer Entstehung und noch lange danach nicht veröffentlicht, bleiben sie im Gegensatz zu anderen Gedichten des Frühwerks lange unbekannt; zusammenhängend liegen die Psalmen sogar erst mit dem 1988 herausgegebenen elften Band der „Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe“ vor. Der „Gesang vom Sommer“ gehört dabei der sog. ersten, mit 19 Texten umfangreicheren Gruppe von Psalmen an.[2]

2.1 Gesamtaussage und Überblick

Brechts „Gesang vom Sommer“ charakterisiert sich zunächst insbesondere durch seine Eigenschaft, dem Leser anhand der jeweiligen Sprecheinheiten auf den ersten Blick isoliert erscheinende Einzelaussagen zu präsentieren, die erst unter einem entfernteren thematischen Aspekt zu einer Gesamtaussage gefügt werden müssen.[3]Eingebettet in ein Bild vom ländlichen Sommer spricht Brecht innerhalb seiner lyrischen Einzelaussagen jene Themen an, die den Menschen wirklich betreffen, die für ihn zentral sind und die sich schließlich – parallel zur Natur – in einen Kreislauf fügen: Geborenwerden, Leben, Lieben, Arbeiten und Sterben. Wie im weiteren Verlauf der Arbeit anhand einer genauen Textanalyse belegt werden soll, zeigt es sich, dass Brecht für diese Bereiche des irdischen Lebens die Realisierung des Reiches Gottes auf Erden einfordert; somit geht es auch hier, wie Franz Norbert Mennemeier in Bezug auf die Gedichte der „Hauspostille“ betont, „um die Herausbildung komplexer Gehalte, für die eine schlichte, alternative Denkweise nach dem Schema einer Transzendenz-Immanenz-Opposition durchaus nicht typisch ist.“[4]Die Verse des Psalms lauten:

GESANG VOM SOMMER. 14. PSALM

I

Unter einer gelben Ockersonne, die um vier Uhr aufsteht, unter einem Haufen Wind, den man nicht für sieben Millionen auf- 5 kaufen kann, entfalten die Wiesen von Kempten bis Passau ihre Propaganda für Lebensfreude.

2

Von Stadt zu Stadt rollen die Eisenbahnzüge, voll von Milch und Passagieren, die Getreidefelder teilen sich wie das gelbe 10 Meer vor ihnen. Um die donnernden Züge, zwischen den gro- ßen Versteinerungen steht die Zeit still, der Mittag über den unbewegten Feldern.

3

Die Gestalten in den Feldern, braun in weißen Hemden, laster- 15 hafte Gesichter, reißen mit blanken Schaufeln die Flanken der geduldigen Erde auf und gießen Tierjauche in die Wunden. Die Braunbrüstigen und ihr Vieh arbeiten wie besessen in langsa- men Bewegungen für die Bleichgesichter in den Versteinerun- gen, wie es auf dem Papier vorgesehen ist.

20 4a

Scharlachene Winde erregen die Ebenen. Die Gerüche werden anfangs Mai maßlos. Ungeheure Gesichte zähnefletschender nackter Männer wandern in großen Höhen südwärts.

4b

25 Das rote Blut der Menschen gebiert Schreie zum ersten Mal, die dem Schreien von Affen vor dem Verenden gleichen. Rasselnde Heuschreckenschwärme bedecken grün die Gehirne und wir werden aufgeblasen im Kopf und bekommen siebenmal soviel Glieder.

30 4

Gott hat die Erde geschaffen, daß sie Brot bringe, und uns Steine gegeben für die Häuser und Arme für die Arbeit, daß die Mägen voll würden, und Mägen, die Speisen zu verdauen. Aber für was ist der Wind da, herrlich in den Laubwipfeln?

35 5

Der Wind schiebt die Wolken, daß es Regen gibt für die Äcker, daß die Äcker Brot geben. Laßt uns jetzt Kinder erzeugen in mannigfachen Lüsten, für das Brot und für den Fall, daß wir sterben!

40 6

Der Sommer ist die schönste Jahreszeit (außer Frühling, Winter und Herbst! Während er ist, liebe ich ihn am meisten!)[5]

2.2 Brechts formaler Rückgriff auf die biblische Psalmentradition

Ihre bereits in den frühen 1970er Jahren formulierte Auffassung vom Text als „Absorption und Transformation eines anderen Textes“[6]hat Julia Kristeva vor wenigen Monaten in einem Interview mit folgenden Worten zusammengefasst: „Intertextualität heißt, dass Texte nicht aus dem Nichts heraus entstehen, sondern den Einfluss all dessen widerspiegeln, was der Autor gelesen hat und was den ihn umgebenden Diskurs bestimmt […].“[7]So sind auch Brechts Psalmen nicht aus dem Nichts heraus entstanden, sondern spiegeln durch den Gebrauch einer kirchlichen Form als Vorlage den Einfluss des religiösen Diskurses auf den Autor wieder. Kristevas Bestimmung eines Textes macht darüber hinaus deutlich, dass für die Interpretation der modernen Psalmen die Art und Weise ihrer Beziehung zu den biblischen Vorbildern wichtig ist. Um zu einer ersten Beurteilung des Brechtschen Rückgriffs auf die Tradition zu gelangen, soll anhand einer Analyse von Satzbau, Reim und Rhythmus zunächst der Frage nachgegangen werden, wie und weshalb Brecht mit seinem Gedicht an die Form biblischer Psalmen anknüpft.

Wie das Schriftbild rasch zu erkennen gibt, ist Brechts 14. Psalm nicht strophisch aufgebaut, sondern entfaltet sich aufgrund einer inkonsequenten Zählung – Brecht stellt dem vierten Abschnitt zwei mit4abzw.4bnummerierte Abschnitte voran – über insgesamt acht Sinneinheiten. Obwohl die Nummerierung einzelner Strophen bei Brecht an sich nichts Ungewöhnliches ist, kann man davon ausgehen, dass sich Brecht hier bewusst an die biblische Nummerierung der Psalmverse anlehnt. Der „Gesang vom Sommer“ weicht insofern vom überwiegenden Teil der Brechtschen Psalmenproduktion ab, als die jeweiligen Abschnitte – mit Ausnahme der Schlusseinheit – etwas umfangreicher gehalten sind, so dass anstelle einer knappen Aussage einzelne Gedanken oder Eindrücke ein wenig ausführlicher beschrieben werden können. Dieser Feststellung entsprechend verhält sich auch die Syntax des Gedichts. Indem Brecht hier auf die konsequente Übernahme der parataktischen Satzordnung der Bibeldichtung verzichtet, weist der Satzbau vermehrt hypotaktische Konstruktionen auf und erlaubt einen häufigeren Einsatz von Adjektiven.[8]Eine Variation der Satzkonstruktionen wie die Gegenüberstellung von Hypotaxe im zweiten Abschnitt und Parataxe in4aaber erzeugt einen spannungsreichen Gegensatz, der jeder Monotonie beim Lesen entgegenwirkt.

Nichtsdestoweniger ist der „Gesang vom Sommer“ ein Beispiel dafür, dass es zunächst einmal die Form der biblischen Psalmen ist, die Brecht an dieser Gattung fasziniert: „Ich muß noch einmal Psalmen schreiben. Das Reimen hält zu sehr auf. Man muß nicht alles zur Gitarre singen können!“ lautet ein Tagebucheintrag vom 31. August 1920.[9]Innerhalb seines lyrischen Werks kommt Brechts Psalmen denn auch eine formale Sonderstellung zu, als sie in einer Phase des Experimentierens Brechts erste und vorerst einzige Versuche einer metrisch unregelmäßigen und reimlosen Lyrik sind. Damit markieren die Psalmen einen Wendepunkt in Brechts Schaffen, der für die Entwicklung seiner Gedichte hin zu einer freien lyrischen Formgebung von Bedeutung ist.[10]Auch Brechts 14. Psalm zeugt davon, dass die Psalmen der Bibel seiner Vorstellung von einer Lyrik ohne Reim und ohne geregeltes Metrum entgegenkommen. Dies erlaubt Brecht, innerhalb des Gedichts auf einen weiteren Kunstgriff zurückzugreifen. Denn der Verzicht auf ein vorbestimmtes und reimendes Zeilenmaß eröffnet ihm die Möglichkeit, die Zeilen bisweilen willkürlich zu brechen, um auf diese Weise den Satzrhythmus durch überraschende Enjambements gezielt zu stören. Was Brecht mit einer reimlosen und metrisch freien Lyrik rückblickend intendierte, notiert er 1939 anlässlich seiner „Deutschen Satiren“:

Es handelte sich, wie man aus den Texten sehen kann, nicht nur um ein „Gegen-den-Strom-Schwimmen“ in formaler Hinsicht, einen Protest gegen die Glätte und Harmonie des konventionellen Verses, sondern immer doch schon um den Versuch, die Vorgänge zwischen den Menschen als widerspruchsvolle, kampfdurchbohrte, gewalttätige zu zeigen. […]

Der Reim schien mir nicht angebracht, da er dem Gedicht leicht etwas In-sich-Geschlossenes, am Ohr Vorübergehendes verleiht. Regelmäßige Rhythmen mit ihrem gleichmäßigen Fall hacken sich ebenfalls nicht genügend ein und verlangen Umschreibungen: viele aktuelle Ausdrücke gehen nicht hinein: der Tonfall der direkten, momentanen Rede war nötig. Reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen schien mir geeignet.[11]

Das Interesse an der Form stellt damit eine erste Begründung auf die Frage dar, weshalb Brecht auf die Psalmen der Bibel zurückgreift. Zu einer Zeit, in der sich der junge Schriftsteller noch auf der Suche nach passenden Ausdrucksformen befindet, sieht Brecht in den Psalmen eine Möglichkeit, sich von den traditionellen Lyrikformen des 18. und 19. Jahrhunderts und den modern-expressionistischen Strömungen der eigenen Zeit zugleich abzugrenzen. Auf einen weiteren wichtigen Aspekt – dieser klingt im ersten Teil des gerade aufgeführten Brecht-Zitats an – macht Inka Bach mit ihrer Feststellung aufmerksam, dass die biblische Prosadichtung in ihrer bewusst ungeglätteten Form dem „Verismus ihrer Aussage“[12]entspreche. Damit aber berühren wir bereits einen Punkt innerhalb der Argumentation, der nicht ohne den eigentlichen Inhalt des „Gesangs vom Sommer“ auskommt.

2.3 Inhaltliche Auseinandersetzung

Die obigen Ausführungen haben gezeigt, dass Brecht im „Gesang vom Sommer“ durch die Benutzung der Form biblischer Psalmen den Bezug zur Tradition aufrechterhält. Nun soll auch anhand einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Gedicht die These vertreten werden, dass es sich bei Brechts Psalmen um keine parodistischen Verabschiedungen Gottes handelt. Eine solche These vom „transzendierenden“ Brecht kann dabei helfen, ein vulgärmarxistisches bzw. vulgärnietzscheanisches Brecht-Verständnis zu korrigieren.

2.3.1 Der Gedichttitel als Hinweis auf die Voraussetzung einer Jahreszeit für das Erleben im Psalm

Der Titel des Gedichts: „Gesang vom Sommer. 14. Psalm“ gibt dem Leser bereits zu erkennen, dass es sich hier um keine einfache Übertragung eines religiösen Psalms handeln kann, da die Jahreszeiten als solche selbst in den Naturpsalmen der Bibel nicht vorkommen.[13]Dennoch wird zugleich eine Anleitung für eine bestimmte Lesart gegeben, als auf den inhaltsbezogenen Titel „Gesang vom Sommer“ die nummerierte BezeichnungPsalmfolgt; denn indem ein Autor einen Gattungsbegriff in die Überschrift setzt, ruft er beim Leser spezifische Erwartungen an die jeweilige Gattung hervor, die im Verlauf der Lektüre bewusst erfüllt oder enttäuscht werden können. Brechts Gedichtüberschrift jedenfalls verweist auf die Bedeutung einer Jahreszeit für das Erleben im Psalm. So wird der Sommer zur Voraussetzung für die Freude am Dasein, für die Fülle und Fruchtbarkeit der Natur sowie für die sexuelle Liebe als wesentliche Erfahrungsebenen des Textes.

2.3.2 Zur Himmel-Erde-Vertikale als raumstrukturierendes Element

In den ersten beiden Abschnitten des Gedichts dominiert die Schilderung einer Landschaft, deren Raum klar umgrenzt ist: Sie reicht von „Kempten bis Passau“ (Z. 5) und erstreckt sich damit auf den süddeutschen Raum, den Erfahrungsbereich Brechts.[14]An zentraler Stelle, nämlich am Gedichtanfang, fixiert eine zunächst anonyme Stimme – diese gibt sich erst in der Schlusszeile als die Stimme eines Ichs zu erkennen – die Ausgangsposition durch die direkte Ortsbestimmung „unter“, die durch einen inhaltlich synonymen Parallelismus membrorum „Unter einer gelben Ockersonne […], unter einem Haufen Wind []“ (Z. 2f.) zusätzlich verstärkt wird. Indem die räumliche Struktur des Gedichts an entscheidender Stelle durch die vertikale Dimension bestimmt wird, erfolgt eine erste Verknüpfung der beiden Sphären von Himmel und Erde, ohne dass der Himmel im eigentlichen Sinne erwähnt würde. Verfolgt man die Bewegungen im Raum innerhalb des weiteren Verlauf des Textes, so wird insofern eine Dynamik von unten und oben erzeugt, als auf eine Schilderung irdischer Vorgänge die Blickrichtung stets nach oben wandert. So befindet sich der Mittag „überden unbewegten Feldern“ der Provinz (Z. 11f.); die Wolken, welche die Gestalt „zähnefletschender nackter Männer“ angenommen haben, „wandernin großen Höhensüdwärts“ (Z. 22f.); der Wind schließlich weht „herrlichin den Laubwipfeln“ (Z. 34; Hervorhebungen V. F.). Während also der horizontale Raum des Sprechenden begrenzt erscheint, wird durch die Öffnung des Raumes nach oben und dem damit verbundenen Verhältnis von Himmel und Erde ein erster Bezug zur Transzendenz erkennbar.

[...]


[1]So z. B. Schneider, Johann Nikolaus: Heilsungewißheit. Psalmgedichte von Karl Wolfskehl, Georg Trakl und Bertolt Brecht. In: Das Motiv des guten Hirten in Theologie, Literatur und Musik. Hrsg. von Michael Fischer u. Diana Rothaug. Tübingen, Basel: Francke 2002. S. 255. Vgl. auch Hildebrandt, Walter: Elemente der Transzendenz in der modernen Lyrik. Offene Annäherung an das Thema. In: Versuche gegen die Kälte. Schriften zur Literatur und Zeitgeistforschung. Hrsg. von Christoph Burgauner, Walter u. Irma Hildebrandt. München: Kastell 1987. S. 57.

[2]Innerhalb einer zweiten, in diesem Fall aus vier Texten bestehenden Gruppe von Psalmen liegt eine alternative Fassung des Gedichts vor, bei der Brecht auf einen inhaltsbezogenen Titel verzichtet und es bei der schlichten Nummerierung „2. Psalm“ belässt. Vgl. Knopf, Jan (Hrsg.): Brecht-Handbuch in fünf Bänden. Bd. 2: Gedichte. Stuttgart, Weimar: Metzler 2001. S. 85f. Die alternative Fassung des Psalms findet im weiteren Verlauf der Arbeit keine Berücksichtigung. Deren Erwähnung erscheint dennoch aus zwei Gründen wichtig: zum einen liegt hier ein Beispiel für Brechts Verständnis vom literarischen Text als grundsätzlich veränderbares und prozesshaftes Gebilde vor; zum anderen dokumentiert die Übernahme des „2. Psalms“ in der fünften und letzten von Brecht selbst besorgten Fassung der „Hauspostille“ aus dem Jahr 1956 sowohl die Bedeutung als auch das historische Interesse, welches Brecht der eigenen Psalmenproduktion beimisst.

[3]Brecht verwendet in sämtlichen Psalmen voneinander unabhängige Begründungsbausteine, um ein Thema zu umkreisen. Vgl. Marsch, Edgar: Brecht-Kommentar zum lyrischen Werk. München: Winkler 1974. S. 101. Der „Gesang vom Sommer“ aber setzt sich insofern von anderen Psalmen wie bspw. „Gesang aus dem Aquarium. 5. Psalm“, „Lied von meiner Mutter. 8. Psalm“ oder „Von He. 9. Psalm“ ab, als diese auf eine Thematik begrenzt sind.

[4]Mennemeier, Franz Norbert: Bertolt Brechts Lyrik. Aspekte Tendenzen. Düsseldorf: Bagel 1982. S. 85.

[5]Brecht, Bertolt: Gesang vom Sommer. 14. Psalm. In: Ders. Gedichte I. Sammlung 1918-1938. Hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei u. Klaus-Detlef Müller. Berlin, Weimar, Frankfurt a. M.: Aufbau-Verlag u. a. 1988. S. 27f. Das Gedicht wird im Folgenden nach dieser Ausgabe unter Angabe der entsprechenden Verszahl zitiert.

[6]Kristeva, Julia: Wort, Dialog und Roman bei Bachtin. In: Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven. Bd. 3: Zur linguistischen Basis der Literaturwissenschaft, II. Hrsg. von Jens Ihwe. Frankfurt a. M.: Athenäum 1972. S. 348.

[7]Kristeva, Julia: „Seitenweise Text abschreiben – das ist keine Intertextualität“. http://www.welt.de/die-welt/kultur/article6825629/Seitenweise-Text-abschreiben-das-ist-keine-Intertextualitaet.html (06.08.2010).

[8]Auf gleiche Weise verfährt Brecht in den Gedichten „Fracht. 3. Psalm“ sowie „Vom Schiffschaukeln. 4. Psalm“. Vgl. Gillmayr-Bucher, Susanne: „Ich muss noch einmal Psalmen schreiben“. Psalmgedichte von Bertolt Brecht. In: Zeitschrift für katholische Theologie 121 (1999) H.3. S. 277 Anm. 38.

[9]Brecht, Bertolt: Tagebücher 1920-1922. Autobiographische Aufzeichnungen 1920-1954. Hrsg. von Herta Ramthun. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1975. S. 41.

[10]Vgl. Knopf, J.: Brecht-Handbuch in fünf Bänden. Bd. 2: Gedichte. S. 96.

[11]Brecht, Bertolt: Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen. In: Ders. Schriften 2. Schriften 1933-1942. Teil 1. Hrsg. von Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei u. Klaus-Detlef Müller. Berlin, Weimar, Frankfurt a. M.: Aufbau-Verlag u. a. 1993. S. 359 u. 364. Im Vergleich etwa zum Theater zeigt sich, dass Brecht insgesamt nur wenige theoretische Schriften zur Lyrik verfasst hat.

[12]Bach, Inka u. Helmut Galle: Deutsche Psalmendichtung vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Untersuchungen zur Geschichte einer lyrischen Gattung. Berlin, New York: de Gruyter 1989. S. 343.

[13]Siehe etwa die Psalmen 8, 19, 29 und 104.

[14]Wie aus der Brecht-Chronik ersichtlich wird, verfasst Brecht seinen Psalm am 05. Juni 1920 in Kimratshofen, wo er Paula Banholzer und den gemeinsamen Sohn Frank besucht. Vgl. Hecht, Werner: Brecht Chronik. 1898-1956. 2. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998. S. 90. Dies ist ein erneuter Hinweis darauf, dass Brechts Gedichte zu einem überwiegenden Teil anlässlich äußerer Ereignisse oder Beobachtungen der Außenwelt entstanden. Vgl. Knopf, J.: Brecht-Handbuch in fünf Bänden. Bd. 2: Gedichte. S. 3.

Details

Seiten
33
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668290778
ISBN (Buch)
9783668290785
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339474
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Bertold Brecht Peter Huche Psalm 21. Jahrhunderts Theologie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Biblische Psalmentradition bei Brecht und Huchel. „Gesang vom Sommer“ und „Winterpsalm“