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Display von empathischen Reaktionen in der Phone-In-Radiosendung Domian

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 27 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1. Interaktionale Linguistik und Konversationsanalyse
2.2. Makrostrukurelle Beschreibung von Phone-in-Radiosendungen und Implikationen für metakommunikatives Wissen der Redebeteiligten
2.3. Empathische Reaktion, Affekt und Emotion in konversationsanalytischen Untersuchungen

3. Datenerhebung und Datenaufbereitung
3.1. Korpus
3.2. Verfahren zur Transkription

4. Analyse

5. Zusammenfassung und Schlussbetrachtung

6. Literatur

Anhang: GAT 2-Transkriptionskonventionen

1.Einleitung

Diese Modularbeit befasst sich mit der Darstellung und dem Display von empathischen Reaktionen im institutionellen Kontext der Phone-in-Radio-sendungDomian.Anhand von transkribierten Aufnahmen soll untersucht werden, wie der Moderator Domian auf die von den Anrufenden persönlichen und belastendenden Schilderungen und Erlebnissen eingeht.

Wann werden diese empathischen Reaktionen interaktiv relevant (gemacht) und wie werden sie sprachlich-verbal realisiert? Welche Arten von empathischen Reaktionen lassen sich beobachten und wie unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer epistemischen Wertigkeit und ihrer Struktur?

Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass die Beschreibung des Displays dieser empathischen Reaktionen des Moderators im Verlauf der Unterhaltung zwischen jenem und dem Anrufendem im Vordergrund steht und es nicht darum gehen soll, den tatsächlichen psychologischen Verfassungsgrad oder Affekt und dessen sprachlichen Ausdruck zu ergründen. (Ruusuvuori 2005: 206, Selting 1994: 376)

„Beschrieben werden kann nur, was auf der interaktionalen Oberfläche als affektiv relevant gemacht wird, d.h. was durch Rede über emotionale Dinge oder Benennung von Emotionen unabhängig vom ‚tatsächlichen‘ inneren Erleben thematisiert (d.h. lexikalisch explizit gemacht) und/oder durch emotionale Rede kontextualisiert (d.h. implizit durch prosodisch-syntaktische Mittel dargestellt) wird“ (Reber 2009:194).

Im ersten Teil werden die methodologischen Vorgehensweisen der Konversationsanalyse und der interaktionalen Linguistik betrachtet und daran anschließend Begrifflichkeiten aus der konversationsanalytischen Affektforschung, im Hinblick auf den nicht-institutionellen alltäglichen und den institutionellen Bereich dargestellt. Dabei soll auch auf besondere außenstrukturelle kommunikative, mediale sowie soziologische Rahmenbedingungen von Phone-in-Radiosendungen mit Beratungsangebot eingegangen und die dadurch hervorgebrachten gattungsspezifischen Merkmale als weitere wichtige theoretische Grundlage festgehalten werden. Im zweiten Teil steht nach der methodologischen Heransgehensweise zur Korpuserhebung und der Datenauswahl die Analyse im Zentrum. Schließlich sollen die Untersuchungsergebnisse diskutiert, zusammengefasst und ein Ausblick gegeben werden.

2.Theoretischer Hintergrund

2.1.Interaktionale Linguistik und Konversationsanalyse

DieKonversationsanalysehat ihren Ursprung in einem soziologischen Forschungsansatz und hat als Prämisse, dass „sich soziale Wirklichkeit kontinuierlich in kommunikativen Akten aufbaut“ (Bergmann 2001: 919). Sprachliche und nicht-sprachliche Handlungen im Verlauf dieser Akte beinflussen und formen sequentiell, das heißt fortwährend den kommunikativen Kontext, der eine weitere Interpretation erst zulässt.

Alle Redebeiträge und Äußerungen von Gesprächsteilnehmenden erschaffen kontextsensitive Kommunikationsrahmen, die davon abhängig weitere Folgeäußerungen relevant machen. Jeder Teilnehmende orientiert sich an den vorherigen Redebeiträgen anderer, analysiert, ordnet, und interpretiert diese kontextabhängig ein und produziert daraufhin weitere Beiträge (Bergmann 2001: 921). „‘[C]ontext‘ is treated as both the project and the product of the participants’ own actions and therefore as inherently locally produced and transformable at any moment” (Heritage u. Greatbatch 1991: 94ff.).

Man kann demnach sagen, dass die kommunikativen Akte zur Herstellung einer sozialen Wirklichkeit nicht willkürlich entstehen oder gar in keiner relationalen Abhängigkeit zueinander stehen. Ganz im Gegenteil kommt ihnen für die Analyse durch ihr nachweisbar geordnetes und teils hochgradig strukturiertes Auftreten eine wichtige Bedeutung zu. (Sacks 1992: 22f.) Diese dürfen Konversationsanalysten beispielweise aus der Soziologie und der Linguistik als Forschungsgrundsatz für ihre Analysen nicht außer Acht lassen (Bergmann 2001: 923).

DieInteraktionale Linguistikals eine (im deutschsprachigen Raum) relativ neue Forschungsrichtung ist inspiriert von den theoretischen und methodologischen Vorüberlegungen der Konversationsanalyse. Sie ist interdisziplinär ausgerichtet und hat als Ziel gesprochene Sprache in natürlich-alltäglichen und institutionellen Umgebungen empirisch fundiert zu erforschen. Die „Beschreibung linguistischer Strukturen als Ressourcen der Organisation natürlicher Interaktion“ (Selting u. Couper-Kuhlen 2000: 76) ist eines der Leitprinzipien derInteraktionalen Linguistik.

Das Hauptforschungsinteresse liegt also auf der Beobachtung und der (linguistischen) Beschreibung von sprachlichen und nicht-sprachlichen kommunikativen Akten und wie diese sich sequentiell im Gesprächsverlauf wiederum kontextabhängig konstituieren (Selting u. Couper-Kuhlen 2001: 267). Hierzu folgende grundsätzliche Forschungsfragen derInteraktionalen Linguistik, die bei allen Untersuchungen bei Konversationsanalysen prioritär sind :

„[A]n interactional linguist asks two sorts of questions which implicate language: (i) what linguistic resources are used to articulate particular conversational structures and fulfill interactional functions? and (ii) what interactional function or conversational structure is furthered by particular linguistic forms and ways of using them? (Selting u. Couper-Kuhlen 2001: 3).

Zusätzlich gilt es bei diesem Ansatz fünf Leitprinzipien (Selting u. Couper-Kuhlen 2001: 276 280) zu beachten, um die Analysen der Daten im Licht der oben gestellten Fragen möglichst unverfälscht und natürlich zu halten. An erster Stelle steht die gesprochene Sprache in einer natürlichen Interaktion als Gegenstand der Untersuchung, die für weitere Forschungsinteressen aufgezeichnet wird. Zweitens „müssen sprachliche Strukturen auf verschiedene Kontexte bzw. Kontextebenen bezogen werden, die allerdings alle für lokale Interaktionsprozesse relevant sein können“ (Selting u. Couper-Kuhlen 2001: 277). Als drittes Leitprinzip wird postuliert, dass die kommunikativen Akte aller Redebeteiltigen in ihrem Produkt einem strukturierten Aufbau folgen und ihrerseits intuitiv, während des Gesprächs, als Konversationsleitfaden zur Orientierung für das fortlaufende Gespräch zur Verfügung stehen. Dieses Wissen über die Konstruktion von kommunikativen Akten und das Wissen wie diese zu interpretieren und zu verstehen sind, gilt es durch interaktionallinguistische Analysen aufzudecken und zu rekonstruieren:

„[P]articipants in interactions do have a tacit, intuitive knowledge about the usability of linguistic details for the construction and interpretation of meanings that the interactional linguistic analysis needs to reconstruct” (Selting 2008: 225).

Einem weiteren Prinzip, dem beim methodologischen Vorgehen im Zuge der Datenauswertung Rechnung getragen werden muss, ist die Erschaffung der Auswertungskategorien nach den erhobenenen Datenkorpora. Letztere sind die Grundlage für die Kategorienentwicklung, die je nach Erkenntnisinteresse unterschiedlich ausfallen kann. Das letzte Prinzip hat die Verifizierung der Analyse der natürlichen Daten zum Gegenstand. Vor allem durch das Auftreten von eigentlich divergenten Redebeitragshandlungen der Partizipanten – im vorausgesetzten Fall eines geordneten und kooperativen Gesprächsverlauf – und durch das Bemerken dieser Divergenz durch die Partizipanten, können interaktionallinguistisch Forschende Muster voraussagen, die die Annahmen beispielsweise zu konvergentem und kooperativen Konversationsverhalten bestätigen (Selting u. Couper-Kuhlen 2001: 279).

2.2.Makrostrukurelle Beschreibung von Phone-in-Radiosendungen und Implikationen für metakommunikatives Wissen der Redebeteiligten

Auf einer makrostrukturellen Beschreibungsebene sind Radiosendungen, ob mit oder ohne Zuhörerbeteiligung, als Teil der Massenmedien zuzuordnen. Die Konversationsanalyse in diesem Bereich beschreibt also sprachliche Strukturen anhand von aufgezeichneten Daten, die von vornherein, durch den Charakter des institutionellen Enstehungsrahmens von Sendungen, sich zumindest teilweise grundlegend von natürlichen Datenaufzeichungen unterscheiden und dabei je nach Ausprägung des Medienformats distinktive Merkmale aufweisen. Phone-InRadiosendungen, die eine Zuhörerbeteiligung einschließen, als eine kommunikative Gattung der massenmedialen Kommunikation, sollen im Folgenden zunächst medientheoretisch und soziologisch beschrieben und anschließend die sich daraus ergebenden Implikationen für das metakommunikative Wissen der Redebeteiligten dargestellt werden.

Das Hören, der auditive Kanal ist die Hauptressource auf den Produzenten und Rezipienten bei Radiosendungen zurückgreifen können. Der visuelle Eindruck fehlt. Die Kommunikation im Hörfunk kann als „one-to-many Kommunikation“ (Ayaß 2004:13) beschrieben werden. Der Moderator und der Anrufende sind nicht die einzigen Gesprächsbeteiligten in der Sendung:

„Das Personal der Radio-Phone-In Beratungssendungen zu privaten Themen kann in drei Gruppen eingeteilt werden: erstens die Programmverantwortlichen, zweitens die Anrufer und drittens die Hörer. Die Programmverantwortlichen sind unmittelbar an der Produktion einer Sendung beteiligte Personen: Mitarbeiter des Telefondienstes, Verantwortliche aus Regie und Technik sowie Gastgeber und Gast im Studio“ (Willmann 1998: 27).

Als massenmediales Produkt wird das zuhörende Publikum bei diesen Sendungen auch als „overhearing audience“, beschrieben (Ayaß 2004: 18). Dies hat zur Folge, dass der Moderator das von den Anrufenden Geäußerte für die breite Hörerschaft zusammenfasst und reformuliert, und gewissermaßen sprachlich aufbereitet, damit diese dem Gespräch als mediales Ereignis besser folgen können. Tabelle 1 zeigt prototypische Charakteristika institutioneller Gespräche (nach Heritage 2004: 116) angewandt auf die Phone-In-RadiosendungDomian.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Charakteristika von institutionellen Gesprächen in Phone-In-Radiosendungen

Am Anfang jeder Sendung führt der Moderator in das Thema (z.B. ‘Verlust eines Menschen‘) ein. Daraufhin können während der Sendezeit drei bis vier Menschen anrufen, die beispielweise eine belastende Erfahrung teilen wollen und sich in vielen Fällen am Ende des Gesprächs eine weitere Vorgehensweise zur Lösung ihres psychologischen Problems oder einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage erhoffen. Nach den Gesprächen, in Abwesenheit der breiten Hörerschaft, werden Anrufende bei äußerst belastenden Erfahrung an psychologisch geschultes Personal verwiesen, die bei Gesprächen zwischen Moderator und Anrufendem oft als weitere stille Beihörer dabei sind.

Die oben beschriebenen außenstrukturellen Merkmale der institutionellen Kommunikation haben demnach bereits vor Beginn des Gesprächs zwischen Anrufendem und Moderator unmittelbare Auswirkungen auf den späteren Gesprächsverlauf in der Sendung. Diese besondere Konstellation, im Gegensatz zur natürlich verlaufenden Alltagsgesprächen gilt es für Konversationalytiker bei der Datenerhebung und -auswertung zu beachten. Für die empathischen Reaktionen, die der Moderator zeigt um auf die meist negativ-affektgeladenen Schilderungen der Anrufenden einzugehen und wegen der Assymetrie die dem psychologischen Zugang zum Erfahrungswissen zwischen Moderator und Anrufendem im Verständigungsprozess dieser affektgeladenen Schilderungen zu Grunde liegt, leiten sich Implikationen für das metakommunikative epistemische Wissen und einige für die Gesprächsteilnehmer kommunikativ zu verhandelnde Relevanzen ab, die mithilfe des Begriffsentitlement to experience(Sacks 1995: 242 ff) beschrieben werden können.

Da der Anspruch auf Erfahrungen bei Erzählungen und anderen narrativen Schilderungen generell individuell ist, können sich der Moderator und der Anrufende beim Verständigungsprozess darüber nicht auf einer gleichen emotionalen Stufe austauschen. Daraus ergibt sich die bereits erwähnte Assymetrie beim Zugang zum epistemischen Wissen über diese narrativen Schilderungen. Die epistemische Autorität hat der Anrufende.

"There are, then, events, activities and sensations which a person is entitled to evaluate by virtue of having experienced them, and in which shared evaluation is possible and legitimate by virtue of shared experience. However, there are others to which the experiencer has primary, sole and definitive epistemic access. Because persons conceive experience as 'owned' by a subject-actor, and as owned in a singular way, a 'problem of experience' arises. In particular, when person report first-hand experiences of any great intensity (involving, for example, pleasure, pain, joy or sorrow), they obligate others to join with them in their evaluation, to affirm the nature of the experience and its meaning, and to affiliate with the stance of the experiencer toward them. These obligations are moral obligatons that, if fulfilled, will create moments of empathic communion." (Heritage 2011: 160)

Der Moderator muss sich deshalb beim Hineinversetzen in die Situation des Anrufenden unterschiedlichen sprachlichen Mitteln und Praktiken bedienen um Empathie, um ‘Verständnis für die Situation‘ zeigen zu können. Wie später im Analyseteil dieser Arbeit gezeigt wird, reicht das Repertoire der Mittel des Moderators zur Darstellung von Empathie dabei von einer klaren Addressierung des Gesprächsgegenstandes bis hin zu einer eher ablehnenden Darstellung einer empathischen Reaktion. Es gibt ein Spektrum der emotionalen Involviertheit (Heritage 2011).

Besonders der letztere Typ kann im institutionell-medialen Zusammenhang der Sendung auch als Mittel zum Gesprächsabbruch seitens des Moderators interpretiert werden, beispielsweise wenn die Zeit des Gesprächs zu Ende ist oder der Moderator an einen Punkt gelangt, wo er die Konversation, auch für dieoverhearing audience, nicht fortführen kann und den Anrufenden im Anschluss an psychologisch geschultes Personal weiterleitet.

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Details

Seiten
27
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668295308
ISBN (Buch)
9783668295315
Dateigröße
764 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339468
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Philosophische Fakultät Insitut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
display reaktionen phone-in-radiosendung domian

Autor

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