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Theory of Mind

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 19 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Vorläufer der Theory of Mind-Forschung

3. Evolution der ToM-Fähigkeiten bei Kindern

4. Erläuterung der false belief tasks
4.1 unexpected transfer false belief task
4.2. unexpected contents false belief task

5. Die Relationen von Sprache und Theory of Mind

6. Theory of Mind und Autismus

7. Schlussbetrachtung

8. Bibliographie:

1. Einleitung

Psychologen interessieren sich bekanntlich für die Psyche des Menschen, für seine mentale Verfassung und für seinen seelischen Zustand. Siewollen die Entwicklung, das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit von Menschen als Einzelpersonen, in Gruppen, Organisationen und in der Gesellschaft fördern.“[1]Man könnte vermuten, dass sie es primär tun weil es ihre Berufung so will. In Wirklichkeit sind es jedoch nicht nur sie, die sich für ihre Mitmenschen interessieren. Jedes einzelne menschliche Individuum weiß es für gewöhnlich zu schätzen, die Gedanken anderer Mitlebender richtig einzuordnen. Wie als Laienpsychologen arbeitend sehnen wir uns häufiger denn je nach einem ganzheitlichen Verstehen des Gegenüber. Betrachtet man schon selbst ein zufälliges banales Aufeinandertreffen von zwei Menschen von unterschiedlichem Geschlecht in einem sozialen Kontext, so konstatiert man ein beiläufiges und konstant aufrecht erhaltenes Moment des mentalen Abtastens, des Einschätzens und des Überprüfens des psychologischen Status des Anderen. An was glaubt sie oder er und was denkt sie oder er über mich?

Sie könnte denken: „Hat er sich überhaupt gemerkt, was ich ihm das letzte Mal zu seinem unhöflichen und taktlosen Verhalten gesagt habe? Ich hoffe stark, dass so etwas nicht wiederholt vorkommt und ich erwarte dieses eine Mal eine angemessene Entschuldigung von ihm.“ Gleichzeitig würde er sich womöglich folgende Gedanken machen: „Weshalb schaut sie mich so erbost an? Nun gut, ich weiß, dass ich das letzte Mal nicht besonders freundlich im Umgang mit ihr war. Aber ich habe mich doch schon entschuldigt. Glaubt sie wirklich, ich sollte mich ein zweites Mal bei ihr entschuldigen? Wenn ich ihr so in die Augen blicke, bekomme ich den Eindruck, dass ich vielleicht mehr zu Bruch gebracht habe, das ich nun nicht mehr reparieren kann. Ich weiß nicht mehr weiter.“ Noch vor der ersten sprachlich-verbalen Äußerung, werfen sich beide Gesprächspartner Blicke zu und verfolgen aufmerksam jede einzelne motorische Regung und die Gestik des Anderen um, wie oben hypothetisch dargestellt, auf potentiell auftretende aber noch nicht umgesetzte und ausstehende Handlungen, die aus den Intentionen des Gegenüber hervorgehen, vorbereitet zu sein und um in der Konsequenz auf diese reagieren zu können. Der Name dieser kognitiven Fähigkeit, die uns Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet und alltäglich in Form einer „everyday psychology“[2]in Erscheinung tritt, heißtTheory of Mind.Die Theory of Mind, kurz ToM soll im Nachfolgenden im Zentrum stehen. Es soll zunächst eine Definition der ToM gegeben werden und ihre Bedeutung kurz geklärt werden. Danach wird auf das erste Auftauchen, auf die Entstehung und die Prägung des Begriffes Theory of Mind im Stile eines interdisziplinär angelegten und geschichtlich-nachzeichnenden Modus hingewiesen und die Vorläufer der heutigen ToM-Forschung in den Fokus gerückt. Im Anschluss wird der Frage nachgegangen, in welchen kindlichen Entwicklungsstadien sich welche ToM-Fähigkeiten ausbilden. Es werden Antwortmöglichkeiten gegeben, die von sich konvergierenden Wissenschaftsdisziplinen, darunter die Entwicklungspsychologie, die Philosophie und die Linguistik, stammen. Danach soll eine Erläuterung der in der ToM-Forschung berühmtenfalse belief tasksstattfinden und auf die Beziehungen von Sprache und ToM eingegangen werden.Schließlich wird ein Blick auf die gestörte Entwicklung einer ToM bei Kindern mit Autismus geworfen und die Folgen dieser diskutiert.

2. Vorläufer der Theory of Mind-Forschung

Unter ToM wird heute ein Forschungsfeld bezeichnet, das die kognitive Fähigkeit zur Analyse von alltagspsychologischen Phänomenen zum Gegenstand hat. Dazu gehören die Zuschreibung oder die Annahme von geistigen Zuständen bei anderen und bei sich selbst: Was wir wissen, fühlen oder wollen. Das Theory-Mind-Konzept hat als eine anthropologische Grundprämisse, dass sich der Mensch als soziales Wesen im alltäglichen Leben die Emotionen anderer und deren Intentionen beziehungsweise deren Handlungen eigens erfahrbar und erklärbar macht. Ein automatischer Prozess des mentalen Abtastens des Gegenüber geht einher mit dem typischen Sich-hinein-Versetzen in dasselbige und, infolgedessen, mit dem Ziehen von Schlussfolgerungen auf die vorgehenden oder noch anstehenden Aktionsmuster.[3]Die Theory of Mind ist gar „die Grundlage des sozialen, sittlichen Verhaltens. Das Interesse am anderen, das Gefühl für dessen Interessen und das differenzierte Verständnis seiner Perspektiven sind für die Entwicklung von Mitgefühl, Rücksicht und Respekt wesentlich.“[4]

Primack und Woodruff prägten als Erste im Jahre 1978 den Begriff „Theory of Mind“. In ihrer Arbeit mit dem provokanten Titel„Does the Chimpanzee have a theory of mind?“zeigten sie einer Schimpansin, die sie Sarah nannten, eine Reihe von Filmen, in denen jeweils ein Mensch gerade dabei war ein Problem zu lösen. Sarah sollte anschließend aus einem Pool von Momentaufnahmen der gezeigten Filme ein Foto aussuchen. Nur auf einem dieser Fotos war die richtige Lösung nachgestellt und zu erkennen. Nach mehrmaligem Vorspielen der Filme, zeigte die Schimpansin eine signifikant hohe Anzahl an richtigen Antworten bei ihrer Auswahl der Problemlösungs-Fotos. Offenbar, so schlussfolgerten Premack und Woodruff, war Sarah in der Lage, die Intentionen der in den Filmen und auf den Fotos abgebildeten Personen richtig zu deuten und zu verstehen. Man ging davon aus, dass sie eine Fähigkeit besitzt, welche die Forscher fortan als Theory of Mind bezeichneten. Die Autoren betonten, dass ihre vorläufigen Erkenntnisse und Überlegungen als eine Theorie verstanden werden sollten, da solche Zuschreibungen von mentalen Zuständen – im Experiment das Nachvollziehen eines Problemlösungsweges – nicht unmittelbar beobachtbar wären. Jedoch müssten die Ergebnisse zwangsweise das Etikett einer Theorie erhalten, die als theoretische Grundannahmen unabdingbar seien um den Anforderungen einer Handhabe im wissenschaftlichen Diskurs-Modus gerecht zu werden. Der zweite Grund für eine Fixierung auf den Begriff „Theory of Mind“ war, dass sich mithilfe dieser bessere Vorhersagen auf andere Verhaltensweisen des Menschen machen ließen als ohne sie (Perner 1999:2). Die wiederholte Analyse und die kritische Hinterfragung der Ergebnisse der Untersuchung von 1978 vollzog Premack 1988. Diese hatte eine Einschränkung beziehungsweise eine Beschränkung der kognitiven Fähigkeiten von Sarah ergeben: Nur rudimentäre und primitive ToM-Fähigkeiten wurden der Schimpansin attestiert wiesehen, wollenunderwarten(Premack 1988). Nach Premack steht dem Menschen eine uneingeschränkte Nutzung dieser Fähigkeit (ToM) zur Verfügung: „species whose attributions are unlimited in any respect perhaps for number of embeddings (e.g. John thought that Mary that Bill thought that...) presumably the case for humans (by the time they are 4 years old)... .“

Als einen anderen Vorläufer der heutigen ToM-Forschung wird dierepräsentationale Theorie des Geistesangesehen (Fodor 1975). In ihr finden sich für den heutigen ToM-Begriff richtungsweisende Überlegungen wie eine Sprache des Geistes („language of thought“). Mithilfe deren Kodierungs- und Entkodierungsmechanismen arbeitet der Geist mentale Repräsentationen der Außenwelt aus, die in einer mentalen Syntax zunächst zu Gedankenbausteinen und diese später im weiteren Verarbeitungsprozess zu hierarchisch höher liegenden Strukturen in dieser Syntax, den Gedanken, synthetisiert werden. Die Sprache, welcher solche Schritte bedürfen, nennt er„mentalese“, Mentalesisch. Die aus forschungsgeschichtlicher Sicht der ToM-Forschung relevanten und frequent durchgeführten Experimente wie zum Beispiel derfalse belief task, sollen im übernächsten Abschnitt ausführlich diskutiert werden. Im nun folgenden Abschnitt werden zunächst die Evolutionsstufen der ToM-Fähigkeiten bei Kindern aus einem entwicklungspsychologischen Blickwinkel betrachtet (Perner 1999) und auf die jeweiligen Eigenheiten der vorgenommenen Altersklasseneinteilung eingegangen.

3. Evolution der ToM-Fähigkeiten bei Kindern

Die Untersuchungen zur Bestimmung der ToM-Fähigkeit im Altersabschnitt der frühen Kindheit bis neun Monate, haben zum Ziel, herauszufinden, wann Kinder ein Bewusstsein entwickeln um zu verstehen, dass die Handlungen einer Person X abhängig sind von dessen Intentionen Y um ein Ziel Z zu erreichen. Später im Alter von neun bis zwölf Monaten sind Kinder in der Lage einfache physikalische Gesetzesmäßigkeiten inferentiell zu erkennen. Sie besitzen beispielsweise die Fähigkeit, den Aufprall einer schnell rollenden Kugel auf ein in ihrem Weg befindliches Hindernis vorauszusagen und in dieser Hinsicht einfache teleologische Ursache-Wirkungs-Ketten wahrzunehmen (Gegerly et al 1995).

Die Fähigkeit Handlungsabsichten von Mitmenschen vorzeitig zu erkennen, zeigt sich auch im folgenden Beispiel. Eine Person richtet seinen Blick ausschließlich nur auf eines von zwei vor ihm platzierten Objekten. Kinder sind in der Lage, bereits aus dieser Beobachtung zu schließen, dass die Person das anvisierte Objekt in die Hände nehmen wird, weil sie sich dafür interessiert. Sie scheinen die intendierte Handlung im Voraus auf Grundlage der bloßen augenblicklichen Fokussierung der Testperson auf eines der beiden Objekte prozessieren zu können (Perner:9, Spelke, Philips, Woodward 1995). Im weiteren Verlauf der Ontogenese von Kindern, im Alter von 18 Monaten, wird die Fertigkeit Intentionen wahrzunehmen und zu bestimmen ausgebaut. Es vollzieht sich ein einschneidender ToM-Evolutionssprung im kindlichen Verständnis von den Wünschen und den Zielen anderer Personen. In einer Untersuchung (Repacholi, Gopnik 1997) wurden 18 Monate alte Kinder die Auswahl zwischen einem Keks und einem Stück Brokkoli gegeben. Entgegen den allgemeinen kindlichen Erwartungen den Keks zu wählen, äußert eine erwachsene Person sowohl durch auffallende Gestik und Mimik und eine einprägsame Aussprache seine Vorliebe für das Stück Brokkoli: „Ihh, dieser Keks ist ja widerlich! Hmm, dieser Brokkoli schmeckt lecker!“ Nach diesen Instruktionen werden die Kinder aufgefordert, der Person etwas zu essen zu geben. Der jüngere Teil der 18 Monate alten Kinder gibt der erwachsenen Person Kekse. So wie sie es selbst getätigt hätten, wären sie in diesem Moment hungrig gewesen. Die andere Hälfte, der ältere Teil der 18 Monate alten Kinder jedoch gibt ihr den Brokkoli. Die Kinder, so schlussfolgert man, können demnach mit zunehmenden Alter ab 18 Monaten einen Perspektivenwechsel vollziehen. Sie unterscheiden im Experiment ihr eigenes Verlangensverhalten nach Keksen vom Verlangensverhalten nach Keksen der erwachsenen Person und verstehen, dass dieses Co-Subjekt, entgegen ihren eigenen Vorlieben für süße Nahrungsmittel, keine Kekse mag und sich Brokkoli wünscht.[5]Bis zum dritten Lebensjahr wird bei sich normal entwickelnden Kindern die Befähigung, Folgen von vorgetäuschten Handlungen zu nennen zunehmend ausgeprägt.[6]Eine Person täuscht beispielsweise vor, in seinem Glas Wasser zu haben und simuliert den Vorgang des Ausleerens dieses Glases über einem trockenen Blatt Papier. Kinder in diesem Altersabschnitt sind fähig anzunehmen, dass dieses Blatt Papier nass sein muss (Leslie 1994, Harris, Kavanaugh 1993). Ein Kleinkind entfaltet in dieser Zeit auch ein Gespür dafür die Wünsche seiner Mitmenschen und die emotionalen Veränderungen im Wesenszustand dieser, die mit der Erfüllung jener Wünsche einhergehen, nachzuvollziehen beziehungsweise im Voraus zu bestimmen. Sie stellen fest, dass eine Person sich glücklich fühlt, sofern sie das erreicht hat was sie beabsichtigte zu tun oder wollte. Zum Beispiel einen Fußball in ein Tor anstatt daran vorbei zu schießen. Sprachlich markiert ist diese Teilentwicklung in den ToM-Evolutionstufen, bei dem frequenten Gebrauch von Wörtern und den Derivaten jener wie „vortäuschen“, „wollen“ und „fühlen“. Auffallend ist, dass die Verwendung des Wortes „denken“ bis zum Erreichen des dritten Lebensjahres relativ selten auftritt (Bartsch, Wellman 1995). Zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr prägen Kinder ein Verständnis aus, dass beispielsweise Handlungen unter gewissen Umständen anders wahrgenommen werden können als sie tatsächlich sind. Sie lernen zwischen dem angeblichen Schein und der wahren Realität zu unterscheiden. Das erkennt man anhand sozio-pragmatisch motivierter Sprechhandlungen wie „täuschen“, also dem absichtlichen Irreführen des Gesprächspartners oder ein möglichst von der Realität bewusst abweichendes Handlungsmuster wie dem Anlügen.

[...]


[1] http://www.bdp-verband.org/beruf/index.shtml [Stand: 10.07.2011, 20:50 Uhr].

[2] Vgl. Doherty, Martin J.: Theory of Mind. How children understand others' thoughts and feelings, Psychology Press, Taylor and Francis Group, Hove and New York, 2009, Seite 2.

[3] Malle, Folk theory of mind, Dornhackel, M WS 2008/09, S.4.

[4] Ebenda, Seite 4.

[5] Vgl. Doherty 2009, S.57-59.

[6] Vgl. Doherty 2009, S. 91-104.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668294707
ISBN (Buch)
9783668294714
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339460
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Philosophische Fakultät Sprachwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Theory of Mind false belief task Autismus ToM bei Kindern

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