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Der Liebesbegriffs im 21. Jahrhundert. Pragmatische Liebe als logische Konsequenz der Evolution der Liebessemantik?

Eine Analyse in Anlehnung an Niklas Luhmanns "Liebe als Passion"

Hausarbeit 2015 14 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretische Grundlagen

III. Pragmatische Liebe als logische Konsequenz der Evolution der Liebessemantik?!

IV. Zusammenfassung/ Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

ÄWeiche Knie“, ÄSchmetterlinge im Bauch“ oder der beschleunigte Herzschlag gelten im öffentlichen Diskurs als Symptome der Liebe. Doch was ist Liebe überhaupt, insbesondere aus soziologischer Sicht? Mit dieser Frage beschäftigt sich Niklas Luhmann in seinem Buch ÄLiebe als Passion“. Der Systemtheoretiker befasste sich durch die Analyse von Schriften, Briefen, Tagebüchern und Romanen mit der Liebessemantik im Wandel der Zeit, beginnend im 17. Jahrhundert bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Die Analyse seines Buches sowie dessen Erläuterung soll Bestandteil im ersten Teil meiner Arbeit werden. Doch wie sieht das mit der Liebe heute aus? Diese Frage soll im zweiten Teil hinsichtlich empirischer Daten, ausgewählter Studien und Konzepten erläutert werden. Im Zentrum dieser Betrachtung steht die These: ÄPragmatische Liebe als logische Konsequenz der Evolution der Liebessemantik?!“

II. Theoretische Grundlagen

Niklas Luhmann (1927-1998) war Professor an der Universität Bielefeld und einer der bedeutendsten deutschen Soziologen und Gesellschaftstheoretiker im 20. Jahrhundert. Mit seiner umfassenden Systemtheorie leistete er einen entscheidenden Beitrag für das heutige Verständnis von der Gesellschaft. Im Rahmen seiner Studienreihe ÄGesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft.“ erscheint 1982 auch das Buch ÄLiebe als Passion. Zur Codierung von Intimität.“

Das besondere an diesem Werk ist, dass er Liebe entgegen unserem Alltagsverständnis nicht als Gefühl begreift. Liebe ist aus Luhmanns systemtheoretischer SichtÄein symbolischer Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, trotzdem erfolgreich kommunizieren kann. Der Code ermutigt, entsprechende Gefühle zu bilden.“ (Luhmann 1994, S.9)

Dieser nüchternen Annahme liegt seine Theorie sozialer Systeme zugrunde. (vgl. Luhmann 1991, S. 113-136). Aus dem Zusammenhang zwischen Systemtheorie und Kommunikationstheorie lässt sich Liebe als Äsymbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“ fassen. Liebe wird dabei zu einem Erfolgsmedium, da es die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation in Wahrscheinlichkeit überführt. Soll heißen, dass durch das Medium der Kommunikation gesichert wird, Ädaß Alters Selektion von Ego akzeptiert wird“. (Baraldi 2011, S.189) Erst so entsteht sinnvolle Kommunikation.

Kommunikationsmedien Äverbinden Selektionsund Motivationsmechanismen; sie motivieren durch die Art und Weise ihrer Selektion zur Annahme des so ausgewählten Sinnes.“ (Luhmann 2008, S.13-14)

Neben Liebe gehören auch Macht, Geld, Wahrheit oder Kunst zu den Medien der Kommunikation. Entscheidend ist die Einteilung danach, ob der übertragene Sinn sich auf Erleben oder Handeln bezieht. ÄErleben ist Sinnverarbeitung, deren Selektivität der Welt selbst zugeschrieben wird. Handeln ist Sinnverarbeitung, deren Selektivität dem Handelnden selbst zugerechnet wird. (…) Diese Unterscheidungen geben dem Kommunikationsmedium Liebe eine erste, sehr wichtige Kontur. (…) Liebe färbt zunächst das Erleben, verändert damit die Welt als Horizont des Erlebens und Handelns mit der ihr eigenen Totalität.“ (Luhmann 2008, S.14-16) Ego bindet sich folglich daran, wie Alter erlebt. ÄWas zum Handeln aufruft, ist nicht ein erstrebter Nutzen, sondern die Nichtselbstverständlichkeit eines Weltentwurfs, der ganz auf die Individualität einer Person abgestimmt ist und nur so existiert“ (Luhmann 1994, S.30) Vergleicht man die Liebe als Kommunikationsmedium beispielsweise mit der Wahrheit, fällt auf, dass die Wahrheit alle Menschen betrifft, während sich die Liebe nur auf die Sich-Liebenden beschränkt. Luhmann spricht deshalb von der Codierung von Intimität. ÄWir gehen (…) davon aus, daß im Vergleich zu älteren Gesellschaftsformen die moderne Gesellschaft sich durch eine Steigerung in doppelter Hinsicht auszeichnet: durch mehr Möglichkeiten zu unpersönlichen und durch intensivere persönliche Beziehungen.“ (Luhmann 1994, S.13) Die zunehmende Individualität der Menschen führt dazu, dass sie in ihrer Weltanschauung kaum von einem anderen Menschen verstanden werden können, obwohl dies nach Luhmann nötig ist für eine hinreichende ÄSelbstidentifikation als Grundlage des eigenen Erleben und Handelns“ (Luhmann 1994, S.17) "Je ‚unpersönlicher‘ die Gesellschaft wird, desto ‚persönlicher‘ wird die Liebe, weil es umso wichtiger wird, die eigene Persönlichkeit bestätigt zu finden und sich selbst als ganzer Mensch zu erfahren. Eine solche Allround-Bejahung der eigenen Selbstdarstellung können berufliche, künstlerische oder auch sexuelle Erfolge nicht leisten, sondern nur die Liebe. Nur hier kann man das Bild, das man sich von sich selbst aufbaut, absolut bestätigt finden." (Schuldt 2005, S.66) Das Individuum muss nach Luhmann also Intimverhältnisse eingehen, um in seiner Weltansicht Bestätigung zu finden. Selbstidentifikation erfordert zum einen Differenz, wobei es sich dabei hauptsächlich um Differenzen zwischen der eigens beobachteten Persönlichkeit und der sozialen Umwelt handelt, und zum anderen eine persönliche Nahwelt. ÄLiebe vermittelt eine doppelte Sinnbestätigung.“ (Luhmann 2008, S.21) Trotz der Individualität und kontingenten Weltansicht des Einzelnen, schafft es die Liebe als Medium der Kommunikation, den Partner von dieser Weltansicht zu überzeugen und diese als Prämisse des eigenen Erlebens und Handelns zu übernehmen. Hinter dieser Paradoxie verbirgt sich das Problem der doppelten Kontingenz und gleichzeitig der ÄZauber“ der Liebe, denn sie macht das Unwahrscheinliche wahrscheinlich. Die Kommunikation wird schwieriger, je komplexer die Gesellschaft wird. Deswegen kann man die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien als ewig geltend und konstant ansehen. Sie sind Produkte gesellschaftlicher Evolution und wandeln sich im Laufe der Zeit. ÄEin soziologischer Begriff der Liebe wird seine Probe darin bestehen, diesen Wandel deuten zu können.“ (Luhmann 2008, S.25)

Neben der Kommunikationsund Systemtheorie stützt sich Luhmanns Gesellschaftstheorie noch auf eine dritte Säule: die Evolutionstheorie. (vgl. Bobsin 1994, S.16) Durch Ausdifferenzierung im Laufe der Evolution kam es dazu, dass die Komplexität der Gesellschaft immer mehr zunahm.

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Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668289871
ISBN (Buch)
9783668289888
Dateigröße
863 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339392
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Schlagworte
Liebe Liebessemantik Luhman Systemtheorie

Autor

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