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David Bowie ist tot. Visuelle Expressionen von Trauer in sozialen Netzwerken

Hausarbeit 2016 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing, Social Media

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung..

3. Private vs. öffentliche Ausdrücke von Trauer

4. Die visuelle Kultur öffentlicher Trauer in der Gegenwart
4.1 Umgang mit dem Tod von Berühmtheiten.

5. Reaktionen auf David Bowies Tod in den sozialen Netzwerken.
5.1 Trauer um Bowie und die „Grief Police“..

6. Wie beeinflussen die sozialen Medien visuelles Gedenken?..

7. Schlussfolgerungen.
7.1 David Bowie - in memoriam

8. Literatur- und Abbildungsverzeichnis.19

2. Einleitung

Am 10. Januar 2016 verstarb überraschend der britische Sänger David Bowie, eine der einflussreichsten Figuren unserer Zeit und der Populärkultur insbesondere. Ich habe die traurige Nachricht am Morgen des darauffolgenden Tages vernommen - als ich, wie es offenbar heutzutage üblich ist, gleich nach dem Aufstehen die Facebook-App auf meinem Smartphone nach Neuigkeiten durchsuchen wollte. Der Newsfeed kannte nur ein Thema: David Bowie. Jedes (Online)-Magazin, jede Seite, die ich mit einem ‚Gefällt mir‘ markiert habe, verkündete Bowies überraschenden Tod - Foto, Schlagzeile, geschockter Text. Und die Kommentare und Likes sprudelten. Die Netzgemeinde überschlug sich. In meinem digitalen Freundeskreis konnte ich beobachten, wie jeder individuell Anteilnahme zeigen wollte - ob mit einem Foto, einem Musikvideo oder einem Zitat des persönlichen Lieblingssongs.

Facebook war Bowie. So, wie Facebook zuletzt Paris war. Oder Germanwings. Bewegende Ereignisse vereinen die Menschen auch im Digitalen. Sie posten Sprüche und Zitate, die Anteilnahme suggerieren; sie ändern ihre Profilbilder entsprechend der aktuellen Geschehnisse; sie teilen Fotos, Videos und aktuelle Berichterstattung zum jeweiligen Thema oder, wie im Falle Bowies, kommentieren und kommunizieren direkt auf der Facebook-Seite der betreffenden Person, um ihrer Betroffenheit Ausdruck zu verschaffen. Dies stößt besonders im Falle der Trauer um Berühmtheiten, die die große Mehrheit persönlich ja gar nicht kannte, oft auf Kritik - wie kann ich schließlich um jemanden trauern, dem ich nie begegnet bin, mit dem ich nie ein Wort gewechselt habe? Dabei sind es doch gerade die Musiker, deren Songs bestimmte Abschnitte und Ereignisse in unserem Leben geprägt haben, deren Melodien unserem visuellen Gedächtnis auf die Sprünge helfen können, mit denen wir schöne oder auch traurige Momente verbinden. Oder die Schauspieler und anderen Künstler der Populärkultur, mit denen wir uns zu einem bestimmten Zeitpunkt identifizieren konnten und deren plötzlicher Tod in gewisser Weise ein Loch in uns reisst, da die liebgewonnene öffentliche Person nun nicht mehr ‚präsent‘ ist.

Diese Hausarbeit nimmt David Bowies Tod zum Anlass der Untersuchung, wie Menschen die sozialen Netzwerken wie beispielsweise Facebook, Twitter oder Instagram nutzen, um ihre Betroffenheit auszudrücken und sich als Teil einer trauernden Gemeinde zu fühlen. Die sozialen Netzwerke stellen dabei die visuelle Technologie

bereit, die visuellen Elemente, die der Sichtbarmachung des persönlichen Empfindens dienen, wie Fotografien und anderes Bildmaterial.1 Da beispielhaft die Trauer um einen Popstar im Blickpunkt steht, stützt diese Arbeit sich auch auf gedankliche Konstrukte der verhältnismäßig jungen Studien zum Thema ‚Celebrities‘ - welche sich mit „der Herstellung, der Vermarktung und dem Handel“2 mit berühmten Persönlichkeiten befassen.

3. Private vs. öffentliche Ausdrücke von Trauer

Online zu trauern ist nicht so abwegig, wie es zunächst den Eindruck vermitteln mag. In der jüngeren Vergangenheit wurde durchaus häufig öffentlich um Personen getrauert, sei es beispielsweise Prinzessin Diana oder Popstars wie Michael Jackson, deren Gedenkveranstaltungen im Fernsehen und anderen medialen Kanälen übertragen wurden. Die Art und Weise, wie wir mit bestimmten Themen umgehen, sie verarbeiten, hat sich im Laufe der Zeit radikal verändert.

Eine der größten Konsequenzen der fortwährenden Technologisierung der Gesellschaft ist laut McLuhan und Fiore, dass die neuen Medien eine Möglichkeit des Dialogs auf globaler Ebene erzeugen und dadurch die Sorgen aller anderen Menschen sofort und kontinuierlich auf uns einwirken können.3 Die moderne Welt wird beschrieben als „a world of total involvement in which everybody is so profoundly involved with everybody else”4. Jeder weiß über jeden Bescheid, auch wenn man sich im Grunde völlig fremd ist. Durch die Vernetzung in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram können wir Anderen Informationen aus unserem Leben online zur Verfügung stellen, sowie die Handlungen unserer digitalen Freunde verfolgen.

“Too many people know too much about each other.”5 McLuhan sah bereits vor der Existenz von Computer oder sozialen Netzwerken voraus, dass die neuen technischen Möglichkeiten unseren Umgang mit anderen Menschen verändern würden, und somit eben auch den Umgang mit dem Tod anderer Menschen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass die Ansicht der unangebrachten ‚öffentlichen‘ Trauer zurückzuführen ist auf frühere Zeiten, in denen Trauer etwas sehr privates war und nur im engsten Familienkreis gezeigt wurde.

4. Die visuelle Kultur öffentlicher Trauer in der Gegenwart

Persönliche Trauerfälle oder die Konfrontation mit einem toten Freund oder Verwandten ereilen einen nicht selten erst im Erwachsenenalter. Gleichzeitig ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass die Mehrheit von uns bereits Hunderte oder mehr ‚künstliche‘ Todesfälle durch mediale Technologien vermittelt bekommen hat.6 In der Abwesenheit eines direkten, sie persönlich betreffenden Todesfalls, verlassen Menschen sich auf Medien, welche ihnen unter anderem Information, Ansichten, Glauben und Gefühle über den Tod und seine Bedeutung vermitteln.7 Oft sind es national oder international bekannte öffentliche Persönlichkeiten, deren Tod durch mediale Verbreitungstechnologien an uns herangetragen wird.

Bilder von Toten oder von dramatischen Events werden in heutiger Zeit durch visuelle Kommunikationsmedien gestreut und von einer riesigen Anzahl an Individuen rund um den Globus konsumiert. Durch Technologien wie Smartphone-Kameras kann jeder Aufnahmen von beispielsweise einer Naturkatastrophe aufnehmen und verbreiten. Im Internet existiert eine Vielzahl an virtuellen Friedhöfen, Memorials, Trauer- Chatrooms, -Blogs und Kondolenzbüchern. Beispielhaft lässt sich hier das Projekt „Virtual Wall“8 nennen, eine digitale Version des Vietnam Veterans Memorial in Washington DC - ein visueller Ort, den Menschen zum Gedenken aufsuchen und an dem sie sich aktiv beteiligen können (es besteht z.B. die Möglichkeit, Fotos hochzuladen). Neben eher traditionellen oder förmlichen Dokumenten und Artefakten des Gedenkens (wie Geburts- und Sterbe-Annoncen in Tageszeitungen) haben Technologien wie soziale Netzwerke im Internet heutzutage eine neue Art des Genkens und der Erinnerung geschaffen. „In technologically dependent societies, news about death is almost without exception relayed via communication / information technologies.“9

4.1 Umgang mit dem Tod von Berühmtheiten

Das Ausmaß der Berühmtheit einer öffentlichen Person, eines Stars, lässt sich maßgeblich an der medialen Auseinandersetzung mit ihrem Tod messen.10 Häufig erfahren sie dann mehr mediale Aufmerksamkeit als zu ihren Lebzeiten.11 Wenn der Tod eines Stars Bestandteil einer Nachrichtensendung wird, so ist anzunehmen, dass die betreffende Person weltweite Geltung besaß. Stars und ihre weitreichenden Einflüsse sind zumeist über Landesgrenzen hinaus bekannt und erzeugen, im Gegensatz zu lokalen Konflikten und Problemen transnationale Identifikations- und Erinerungsmöglichkeiten.12 Ein Beispiel ist der Tod von Prinzessin Diana - die mediale Aufmerksamkeit erreichte in den Stunden und Tagen nach ihrem dramatischen Tod einen seltenen Höhe-, wenn nicht gar Sättigungspunkt.13 Bis heute analysieren Forscher, wie ihr Tod einen so nachhaltigen Einfluss auf Millionen von Menschen nehmen konnte, obwohl diese Diana nur aus medialen Geschichten und Bildern kannten. Auch wenn die Wenigsten Diana persönlich kannten, hat sie doch in gewisser Weise Bedeutung für das Leben von Vielen.

While the generation now in their forties and fifties may be somewhat bemused by the media frenzy around the deaths of Michael Hutchence or Kurt Cobain, they are just as likely to have strong personal memories of the deaths of Buddy Holly or Marilyn Monroe or Elvis Presley or Janis Joplin or John Lennon. It has been clear for many years that our everyday lives can be indelibly marked by celebrity events - deaths, births, marriages, disasters, accidents. The power of a globalised media to saturate all media forms and outlets with the top international story, and the relatively recent but now fundamental importance of the everyday celebrity story for contemporary media producers and consumers, have dramatically enhanced that emotional potential in recent years.14

Turners oben zitierte Ausführungen lassen erkennen, dass hinter dem Tod von Berühmtheiten ein enormes emotionales Potential steckt. Ob wir nun Filme oder Musik mit der betroffenen Person verbinden, ein Teil der Person hat unser Leben an einem bestimmten Punkt beeinflusst. Wir erinnern uns möglicherweise an das erste Konzert, oder an einen einzelnen Song, der im metaphorischen Sinne der Soundtrack eines für uns wichtigen persönlichen Ereignisses war und ist. Wir reden über Stars, wir erfahren aus den Medien über ihren Alltag und ihre Beziehungen. In gewisser Hinsicht verweben sich hier unsere eigenen Biographien mit denen der berühmten Personen. Wenn diese stirbt, erlischt die Verknüpfung zwischen gemeinsamen Mythen, Geheimnissen und Idealen und deren Verkörperung in Menschen aus Fleisch und Blut.15 Dies lässt auch die Schlussfolgerung zu, weshalb Menschen so impulsiv auf Tode von Berühmtheiten reagieren: was als so fantastisch, so spannungsgeladen, so jenseits der alltäglichen Existenz erschien, erwies sich plötzlich doch als sterblich. In diesem Sinne wird nicht lediglich die verstorbene Person betrauert, sondern vor allem auch die von ihr öffentlich gelebte Idealwelt. Wenn beispielsweise eine berühmte Person aus der Kindheitserinnerung eines Menschen verstirbt, so stirbt auch ein Teil dieser Kindheit - und die Vergangenheit erscheint womöglich als geschlossen und abgetrennt von der Gegenwart und Zukunft.

Das Internet hat den Menschen eine neue Möglichkeit gegeben, visuelles Material des Gedenkens zu teilen und zu verbreiten: Kommunikationsnetzwerke. „The internet is one of the new contemporary sites of mourning and memorialisation.“16 Eines der besonderen Merkmale von Netzwerken wie Facebook (derzeit etwa 1,5 Milliarden aktive User ) oder Twitter ist, dass sie sehr persönliche, intime Kommunikation ermöglichen. So finden Menschen möglicherweise auch dann einen Zuhörer, wenn im „realen“ Freundeskreis gerade niemand anwesend ist.18 Gerade im Falle des Todes einer Berühmtheit lässt sich mutmaßen, dass die Zahl der virtuellen Personen, die sich durch den Tod betroffen fühlen und darüber kommunizieren möchten größer ist, als im direkten privaten Umfeld.

Fans lack the usual channels through which people would normally use to express their sorrow and grief. […] We can't phone the celebrity's family to express our grief. We can't offer to bring meals to the house. We're generally not invited to attend the funeral services. In short, while we still care immensely and have deep emotional involvement with the person, we have none of the usual social outlets for our emotional expression. That's where social media may be playing an increasingly important role.19

Im folgenden Teil dieser Arbeit schließt sich eine nähere Betrachung der Reaktionen auf David Bowies Tod am 10. Januar 2016 an, die in der Zeit darauf durch die sozialen Netzwerke zogen. Der Fokus liegt auf dem dabei ‚geteilten‘ visuellen Material - Fotos, Videos, persönliche Gedenken an die Person Bowie, virtuelle Kollektionen an Memorabilia.

5. Reaktionen auf David Bowies Tod in den sozialen Netzwerken

David Bowie verstarb am 10. Januar 2016, etwa anderthalb Jahre nach einer Krebsdiagnose. Der Tod des Stars wurde am frühen Montagmorgen auf seiner Facebook-Seite verkündet20 und wenig später von seinem Sohn Duncan Jones auf Twitter bestätigt21. Von einer Sekunde auf die andere explodierten die sozialen Medien vor Gedenkmitteilungen, wie von Bowies Musikerfreunden und -kollegen oder beispielsweise auch dem Deutschen

Außenministerium, das sich mit dem Videoclip zu „Heroes“ für Bowies Hilfe bei

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Twitter-Post des GermanForeignOffice

der Wiedervereinigung bedankte22. Bereits um 09:00 Uhr (GMT) waren nach einem

[...]


1. Mirzoeff, Nicholas. "What is Visual Culture?" (PDF). The Visual Culture Reader (2nd ed.).

2. Marshall, D.P., 1997. Celebrity and power: fame in contemporary culture. Minneapolis and London: University of Minnesota Press.

3. McLuhan, Marshall; Fiore, Quentin: The Medium is the Massage: An Inventory of Effects. Berkeley 2001, S. 16.

4. Ebd., S. 64.

5. Ebd., S. 24.

6. Gibson, Margaret: Death and mourning in technologically mediated culture. In: Health Sociology Review (2007), H 16, S. 415.

7. Clarke, J.N.: Death under control: The portrayal of death in mass print English language magazines in Canada. In: Omega: Journal of Death and Dying (2005), H 52(2), S. 154.

8. Virtual Wall - Online-Gedenkstätte den Opfern des Vietnamkrieges. URL: http://www.virtualwall.org

9. Jones, S.: 404 not Found: The Internet and the Afterlife. In: Omega: Journal of Death and Dying (2004), H 49(1), S. 83.

10. Gibson, Margaret: Death and mourning in technologically mediated culture. In: Health Sociology Review (2007), H 16, S. 419.

11. Chamorro-Premuzic, Tomas: When death goes viral: mourning celebrities on social media. URL: http:// www.theguardian.com/media-network/media-network-blog/2014/aug/21/robin-williams-mourning-death- celebrities-social-media-viral

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Turner, G.: Fame Games. Cambridge 2000. S. 2-3.

15 Gibson, Margaret: Death and mourning in technologically mediated culture. In: Health Sociology Review (2007), H 16, S. 420.

16. Pantti, M.; Wieten, J.: Mourning Becomes the Nation: Television Coverage of the Murder of Pim Fortuyn. In: Journalism Studies (2005), H 6(3), S. 301-313.

17. 200 Amazing Facebook Statistics (January 2016). URL: http://expandedramblings.com/index.php/by- the-numbers-17-amazing-facebook-stats/

18. Gibson, Margaret: Death and mourning in technologically mediated culture. In: Health Sociology Review (2007), H 16, S. 422.

19. Neubert, Amy Patterson: Celebrity deaths have a special place in social media world. URL: http:// www.purdue.edu/newsroom/research/2012/120424T-SparksDeath.html

20. https://www.facebook.com/davidbowie/?target_post=10153176666977665&ref=story_permalink

21 https://twitter.com/ManMadeMoon/status/686441083648212992?ref_src=twsrc%5Etfw

22. https://twitter.com/GermanyDiplo/status/686498183669743616?ref_src=twsrc%5Etfw

Details

Seiten
21
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668289079
ISBN (Buch)
9783668289086
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339298
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für Medienkultur und Theater
Note
1,3
Schlagworte
david bowie visuelle expressionen trauer netzwerken

Autor

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