Lade Inhalt...

Soziale Arbeit und Systemtheorie. Fallanalyse und Theorie von Staub-Bernasconi

Hausarbeit 2016 11 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG
1.1 Die Bedeutung von Systemen auf sozialtheoretischer Grundlage
1.2 Zur Entstehung von sozialen Problemen

2. ZUR FALLANALYSE
2.1 Ausstattungsprobleme
2.2 Austauschprobleme
2.3 Machtprobleme
2.4 Werte- und Kriterienprobleme

3. FAZIT

4. LITERATURVERZEICHNIS:

ANHANG 1: DER FALL „A. B.“

1. Einleitung

Professionelles Handeln in der sozialen Arbeit geschieht auf Grundlage von Wissen über Menschen und ihre Beziehung zu der Gesellschaft. Nach Staub-Bernasconi begibt sich die Soziale Arbeit im fachlichen Auftrag als Menschenrechtsprofession und beteiligt sich somit an der Minimierung von Menschenrechtsverletzungen auf individueller sowie auf der gesellschaftlicher Ebene.1 Zwecks Problembehebung stehen demnach soziale Probleme im Mittelpunkt, die mit Hilfe der Ressourcenerschließung den Selbstbewältigungsprozess eines Individuums aktivieren soll.2

Es ist also erforderlich vorhandene und fehlende Ressourcen zu erkennen, wenn man als professionelle Unterstützung agiert. Somit ist hier die Kernfrage der vorliegenden Arbeit wie diese Ressourcenverwaltung erfasst werden kann.

Um ein Zusammenhang zwischen der Sozialen Arbeit und der Systemtheorie nachvollziehen zu können wird zunächst auf die Frage eingegangen in welcher Beziehung der Mensch mit der Umwelt aus systemtheoretischer Sicht nach Niklas Luhmann steht. In diesem Kapitel kann ebenfalls entnommen werden was demnach als menschengerecht definiert werden kann, um anschließend feststellen zu können, welche Bedeutung soziale Probleme als Produkt von fehlerhaften Menschenbeziehungen trägt.

Danach werden anhand eines beschriebenen Falls die Ressourcen hauptsächlich nach den Theorien von Staub-Bernasconi ermittelt. Dabei werden die Äsozialen Probleme“ in unterschiedlichen Kategorien erfasst, um somit die gegebenen und nicht gegebenen Ressourcen in einzelnen Lebensbereichen ersichtlich zu machen.

1.1 Die Bedeutung von Systemen auf sozialtheoretischer Grundlage

Die Soziale Arbeit befindet sich grundsätzlich in einer Hilfsfunktion, die jedoch den Menschen nur insofern eine Unterstützung sein kann, wenn das Problem und die Situation systematisch aufgegriffen werden, um anschließend die Ressourcenarbeit auf Basis von Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen. Inwiefern eine Situation oder ein geäußertes Problem wahr oder falsch, bzw. im Recht und im Unrecht bewertet werden kann unterliegt den Systemprogrammen wie z.B. Gesetzgebungen. Sie wiederum greifen auf wissenschaftliche Theorien wie die der Sozialwissenschaften zurück, damit im Interesse der Gesellschaft eine Wahrheit oder Irrealität gemessen werden kann. Insofern bedienen sich auch die Akteure der Sozialen Arbeit an den wissenschaftlichen Theorien, um eine professionelle menschengerechte Arbeit zu erzielen. Nach Fuchs & Schneider (1995) handeln sie auf Grundlage Ädes binären Codes Fall/Nicht-Fall“3 und differenzieren so zwischen wahr oder falsch.

Wie aber kann systemtheoretisch detailliert verstanden werden, was menschengerecht ist und was nicht? Einer der renommiertesten Sozialwissenschaftler für soziologische Theorien war der deutsche Professor Niklas Luhmann. Im Gegensatz zu anderen Autoren wie beispielsweise Parson konzentriert er sich weniger auf der Ebene der Handlungen, sondern widmet der ÄKommunikation“ die Aufmerksamkeit.4 Er wirft seinen Blick auf den Menschen im Kontext von Systemen und ordnet den Mensch in aus biologischen, psychischen und sozialen Systemen bestehendes Wesen ein, welcher sich von der Umwelt zwar abgrenzen lässt, jedoch immer mit der Umwelt in Beziehung steht. Luhmann bezeichnet diese Mensch- Umwelt-Beziehung (also Kommunikationsbeziehung) als Ästrukturelle Koppelung“5, bei der der Mensch in der Umwelt involviert ist, aber es einer Beobachtung bedarf, um von System und Umwelt unterscheiden zu können.6 Da eine ständige Kommunikation herrscht, ist neben der Beobachtung ebenso die Erschaffung und Erhaltung der Umwelt, also die sogenannte Autopoiesis, von Bedeutung.7 Dadurch werden Systeme produziert oder reproduziert und begründen ihre Existenz:

Ein System kann also - wenn es überleben will - nur unter bestimmten Umständen vorhanden sein. Wenn ein Individuum sich selbst beobachtet und sich von der Umwelt unterscheidet, sei dies nach Ansicht von Weinbach Äein operativ geschlossenes System“8. Beispielsweise kann ein Mensch durch seine Beobachtungen und seine Denkprozesse im Gehirn für ihn bestehende Gefahren seiner Umwelt erkennen und sich abgrenzen, um so sein biologisches System Körper zu schützen. Dies wiederum stellt die Autopoiesis für seine Existenz dar. Er trifft somit eigene Entscheidungen für seine Systeme. Da der Mensch jedoch die Umwelt selten umgehen kann, sei er aufgrund der Strukturen des Bewusstseins permanent Ägezwungen, diese Irritationen in körpereigene Zustände zu verwandeln“9. Demnach soll der Körper mit all seinen Systemen (biologischen, psychischen, sozialen) an der materialen Umwelt strukturell gekoppelt sein.10 Betrachtet man Abbildung 1, so kann man die Koppelung nachvollziehen weswegen beispielsweise das biologische System Körper durch seine Bedürfnisse an dem Sozialen System gebunden ist.

Abb.1:11

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wilke ergänzt dazu, dass für Luhmann das System Äein Netz zusammengehöriger Operationen ist, die ein Beobachter von nicht-dazugehörigen Operationen (…) unterscheiden kann“12.

Geraten diese Operationen allerdings ins Wanken, so ist ebenso das Soziale System beteiligt. Man spricht ab einem bestimmten Grad von sozialen Problemen. Für diese wird die Soziale Arbeit beauftragt einen Ausgleich zu schaffen. Was jedoch genau sozialtheoretisch ein soziales Problem ist, soll nun im folgenden Kapitel zwecks Fallanalyse näher beleuchtet werden.

1.2 Zur Entstehung von sozialen Problemen

Wie nun erfahren werden konnte spielen die Bedürfnisse der Menschen eine große Rolle. Aufgrund der Struktur des Organismus sollen die Bedürfnisse in Abbildung 1 bei allen Menschen gemeinsam sein und sich nur von Wünschen unterscheiden.13 Wünsche werden als kulturell abhängige Favorisierungen erklärt, wobei diese sich nach den unterschiedlichen Verfügbarkeiten von Ressourcen richten und somit entwickeln sich dementsprechend unterschiedliche Bedürfnisnormen.14 Was jedoch in vielen Kulturen gleich bewertet werden kann sind legitime sowie illegitime Wünsche. Sie sind dann legitim wenn sie andere Menschen nicht behindern, bzw. wenn anderen die Ressourcen zur Bedürfnisbefriedigung nicht vorenthalten werden. Geschieht das Gegenteilige so ist es ein Problem für die Betroffenen des sozialen Systems und es handelt sich daher um illegitime Wünsche von mindestens einer Person.

Aus der Sicht der Bedürfnistheorie verläuft ein Leben menschengerecht, wenn Bedürfnisbefriedigung und Wünsche im ausgewogenen Verhältnis stehen, und zwar indem Menschen diese innerhalb von sozialen Systemen mit anderen Menschen aushandeln.15

Ob eine Bedürfnisbefriedigung hergestellt werden kann, ist einerseits von den eigenen Erkenntnis- und Handlungsfähigkeiten sowie Ressourcen und andererseits von der Leistungsfähigkeit der sozialen Systeme abhängig. Ist jedoch ein soziales System nicht in der Lage Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und legitimer Wünsche sicherzustellen, so leiden seine Mitglieder an sozialen Problemen.16

Unter Äleiden“ versteht St.-B. eine unbefriedigte Situation, wenn Bedürfnisdefizite vorhanden sind und das Individuum keine Lösungen dafür kennt und nicht über die benötigten Ressourcen verfügt.17

Wenn dieses Leiden bekannt (auffällig) wird, so begibt sich die Soziale Arbeit in ihrem Zuständigkeitsbereich als Hilfsfunktion. Allerdings versteht Luhmann unter ÄHelfen” Äzunächst einmal ein[en] Beitrag zur Befriedigung der Bedürfnisse eines anderen Menschen”18. Anhand dieser These lässt sich erkennen, dass in erster Linie nach Bedarf, also bedürfnisorientiert gehandelt wird.

Soziale Probleme sind also Produkte von defekten Systembeziehungen, die Ungleichheiten zwischen Menschen meinen. Für die Soziale Arbeit stehen diese Ungleichheiten im Fokus ihrer Tätigkeiten. Doch um Probleme strukturiert zu erfassen ist es hilfreich auf die Thesen von Staub-Bernasconi zu blicken, in denen die Autorin soziale Probleme in vier Dimensionen einordnet: Ausstattungsprobleme, Austauschprobleme, Machtprobleme sowie Werte- und Kriterienprobleme19. Diese werden nun anhand des darstellten des Falls beschrieben.

2. Zur Fallanalyse

2.1 Ausstattungsprobleme

Nach 20 Silvia Staub-Bernasconi sind ÄAusstattungsprobleme“ zentrale Mängel von Zugangsmöglichkeiten bezüglich menschliche Teilhabe an gesundheitsbezogenen, medizinischen, psychischen, sozialen und kulturellen Ressourcen.21 Diese Ausstattungsdefizite ordnet sie in unterschiedlichen Kategorien ein, die hauptsächlich den physisch-psychischen Gesundheitszustand und die daraus resultierende Handlungs- und Erkenntniskompetenzen zu der sozialen Umwelt beschreiben.22

In Anbetracht des beschriebenen Falles war die körperliche Unversehrtheit von A. B. bis zum Zeitpunkt des Aufenthaltes in der sozialen Einrichtung nicht gegeben. Wegen ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen und medizinischen Unterversorgung, die durch die Gewalt ihres Ex-Partners verursacht worden sind, befindet sie sich zwar in einer besseren körperlichen, aber nach wie vor in einer instabilen psychischen Verfassung. Dies macht sich in A. B.‘s Aussagen bemerkbar, in denen sie äußert, dass sie sich in der Einrichtung sicherer fühlt, dennoch Bedenken hat, weil ihr Ex-Partner in der Nähe wohnt und die enorme Angst besteht vor weiteren Begegnungen.

Zu ihrer sozioökonomischen Ausstattung wäre ihr schulischer Werdegang mit einem guten Realschulabschluss zu nennen, welcher schließlich eine wichtige Voraussetzung für den beruflichen Weg mitbringt. Außerdem bietet die Großstadt, in der sie lebt eine vielfältige Infrastruktur und möglicherweise einen schnelleren Zugang ihre (Berufs-/) Zukunftspläne umzusetzen.

Ebenso verfügt sie über eine realistische Wahrnehmung. Diese ist insofern deutlich erkennbar, weil sie erwähnt, dass ein eigenständiges unabhängiges Leben nur erreichbar wäre, wenn sie eine Erwerbstätigkeit findet. Ebenfalls relevant zu nennen ist Ihre Sorge um ihre sichtbaren Narben im Gesicht und ihre Position als junge Mutter, die bei der Jobsuche Schwierigkeiten bereiten würden.

Neben ihren realistischen Einschätzungen ist ihr zukunftsorientiertes Handeln beachtlich. A. B. verfügt über die Fähigkeit trotz der schwierigen Situation ein Bewerbungsschreiben aufzusetzen. Dies liegt jedoch auch an ihrem sicheren sozialen Netzwerk. A. B. trägt zur Leistung bei, einen langjährigen Freundschaftskontakt aufrechtzuerhalten und besitzt die Offenheit zur Lösungsfindung Hilfe in Anspruch zu nehmen.

[...]


1 Vgl. Staub-Bernasconi, S. (2007), S. 158f.

2 Vgl. Klassen, M.(2004), S. 189f.

3 Klassen, M. (2004), S.172

4 Vgl. Weinbach, C. (2009) in Gertenbach u.a., S. 141

5 Klassen, M. (2004), S. 65

6 Vgl. Weinbach, C. (2009) in Gertenbach u.a., S. 145

7 Vgl. Berghaus, M. (2004), S. 52

8 Weinbach, C. (2009) in Gertenbach u.a., S. 145

9 Weinbach, C.(2009) in Gertenbach u.a. zitiert nach Luhmann 1992, S.35

10 Vgl. Weinbach, C. (2009) in: Gertenbach u.a., S. 144

11 Vgl. Lehrveranstaltungsinhalt Klassen, M. im WS 2014/2015

12 Wilke (1991) in Geiling, W./ Hosemann, W. (2005), S.297

13 Vgl. Wilke (1991) in: Geiling, W./ Hosemann, W. (2005), S.299

14 Anmerkung/Beispiel: Während in Deutschland ein Fernseher als Normausstattung aller Haushalte gilt, gehören diese in anderen Ländern zur Kategorie Luxus, (Bildungs-)Mittel im alltäglichen Gebrauch sind Bücher oder Zeitschriften

15 Vgl. Staub-Bernasconi (1995), S.131

16 Vgl. Wilke (1991) in: Geiling, W./ Hosemann, W. (2005), S.299ff.

17 Ebd.

18 Klassen, M. (2004), zitiert nach Luhmann (1975), S. 149

19 Staub-Bernasconi, S. (1994) in Heiner u.a., S.14

20 Siehe dazu Anhang 1

21 Vgl. Staub-Bernasconi, S. (1994) in Heiner u.a., S.15

22 Vgl. Staub-Bernasconi, S. (1994) in Heiner u.a., S.15ff.

Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668328594
ISBN (Buch)
9783668328600
Dateigröße
1006 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339261
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
1,3
Schlagworte
Fallanalyse Systemische Fallbearbeitung Ressourcenarbeit Menschenrechtsprofession
Zurück

Titel: Soziale Arbeit und Systemtheorie. Fallanalyse und Theorie von Staub-Bernasconi