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Nord-Ost Bayern und der Wegfall der innerdeutschen Grenze. Mikroanalyse des Transformationsprozesses der Stadt Hof von 1989 bis 1993

Bachelorarbeit 2015 84 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellen-, Abbildungs- und Diagrammverzeichnis

1. Vom Zonenrandgebiet in die Mitte Deutschlands

2. Die Stadt Hof: 1988 und 1989

3. Auswirkungen auf Bevölkerung, Gaststätten & Fremdendverkehr
3.1. Bevölkerungsentwicklung
3.2. Wohnungsmarkt
3.3. Tourismus und Gaststätten

4. Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

5. Auswirkungen auf die Wirtschaft
5.1. Zonenrandförderung
5.2. Mittelstand und Einzelhandel
5.3. Wirtschaftsförderung

6. Auswirkungen auf die Verkehrsinfrastruktur
6.1. Öffentlicher Personennahverkehr: Busverbindungen
6.2. Regionalverkehr: Bahnverbindungen
6.3. Verkehrsnetz Region Hof
6.4. Verkehrsnetz Stadt Hof
6.5. Regionalflughafen Hof-Plauen

7. Sächsisch-Bayerisches Städtenetz

8. Region Oberfranken-Ost: Vom Grenzland zum Durchgangsland

Anhang I: Gespräch mit Hans Büchler

Anhang II: Gespräch mit Dieter Döhla

Anhang III: Gespräch mit Walter Friedl

Anhang IV: Gespräch mit Reinhold Rott

Anhang V: Städtepartnerschaft Hof-Plauen

Anhang VI: Sondersitzung des Stadtrates Hof

Quellen und Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Tabellen-, Abbildungs- und Diagrammverzeichnis

Bild auf dem Titelblatt: Denkmal zur Grenzöffnung in der Stadt Hof

Tabelle 1: Grenzübergänge mit Datum der Öffnung 20

Abbildung 1: Lage baureifer Grundstücke in der Stadt Hof 16

Abbildung 2: Streckennetz (Busverbindungen) ab 1990 51

Abbildung 3: Verkehrsanbindung der Stadt Hof, 1990 56

Abbildung 4: Autobahnnetz um Hof 59

Abbildung 5: Parkplatzsituation in der Stadt Hof (Innenstadt) 63

Diagramm 1: Bevölkerungsentwicklung der Stadt Hof 10

Diagramm 2: Einwohnerzahl der Stadt Hof 1985 bis 1995 11

Diagramm 3: Bevölkerungsentwicklung der Stadt Hof in Prozent 12

Diagramm 4: Grundstückspreisentwicklung der Stadt Hof 14

Diagramm 5: Grundstückspreisentwicklung in Wohngebieten 15

Diagramm 6: Wohnungssituation in der Stadt Hof 17

Diagramm 7: Besucher und Kfz aus der DDR in der Stadt Hof 22

Diagramm 8: Hotelankunft von Gästen in der Stadt Hof 23

Diagramm 9: Neu eröffnete Gaststätten von 1989 bis 1993 24

Diagramm10: Arbeitslosenstatistik 1987 bis 1994 29

Diagramm 11: Arbeitslosenstatistik 1989 bis 1993 30

Diagramm 12: Arbeitslosenstatistik Oktober 1989 bis Dezember 1990 31

Diagramm 13: Berufspendler nach Hof 32

Diagramm 14: Anzahl der Gewerbebetriebe 35

Diagramm 15: An- und Abmeldung von Gewerbebetrieben 36

Diagramm 16: Gewerbesteuereinnahmen der Stadt Hof 40

Diagramm 17: Der Einzelhandel in der Stadt Hof 41

Diagramm 18: Anzahl der Betriebe im produzierenden Gewerbe 41

Diagramm 19: Anzahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe 42

Diagramm 20: Firma Faber: Anzahl der Mitarbeiter 1988 bis 1993 44

Diagramm 21: Firma Faber: Jahresumsatz 1988 bis 1993 45

Diagramm 22: Firma Faber: Anteil neue Bundesländer am Jahresumsatz 45

Diagramm 23: Züge im Nah- und Fernverkehr der Stadt Hof 52

Diagramm 24: Zugelassene Fahrzeuge in der Stadt Hof 57

Diagramm 25: Ausgaben für den Neubau von Straßen 62

Diagramm 26: Ausgaben für den Neubau von Parkplätzen 64

Diagramm 27: Passagierzahlen Flughafen Hof-Pirk 1988-1993 65

1. Vom Zonenrandgebiet in die Mitte Deutschlands

A ls die innerdeutsche Grenze am 09. November 1989 geöffnet wurde,[1] endete die 45 Jahre lang andauernde Abriegelung zwischen zwei deutschen Staaten, sowie zwei ungleichen politischen, militärischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systemen abrupt. Die nahe der Grenze gelegene Stadt Hof wurde damit über Nacht von einer Stadt im Zonenrandgebiet zu einer Stadt in der Mitte Deutschlands.[2]

Die Betrachtung der mannigfaltigen Auswirkungen dieser „Friedlichen Revolution“[3] auf die alten Bundesländer im Allgemeinen und die Zonenrandgebiete im Speziellen wird in der Wissenschaft häufig vernachlässigt, da sich diese hauptsächlich auf die Entwicklungen in den neuen Bundesländern konzentriert. Die Stadt Hof ist jedoch in beispielhafter Weise bis heute von den Nachwirkungen dieses tiefgreifenden historischen Ereignisses gekennzeichnet. Der Umstand, dass Zonenrandgebiete und die Folgen der Grenzöffnung bisher nicht ausreichend betrachtet wurden, soll Gegenstand dieser Arbeit sein. Dazu soll der Transformationsprozess in der Stadt Hof, ausgelöst durch den Wegfall der deutsch-deutschen Grenze[4], analysiert werden. Die unmittelbaren Folgen dieser historischen Zäsur, die sich bis ins Jahr 1993 hineinzogen, sollen im Folgenden untersucht werden.

Diese Arbeit konzentriert sich im Wesentlichen auf die kreisfreie Stadt Hof, die Auswirkungen der Grenzöffnung auf ihre wirtschaftliche Situation, die angeschlossene Infrastruktur sowie die lokal relevanten politischen Entscheidungsprozesse. Der Landkreis Hof und die darin liegenden Städte und Gemeinden werden, soweit es für das Gesamtverständnis notwendig ist, mit einbezogen.

Beginnend mit einer Schilderung des Status Quo im Jahr 1988 werden zunächst die Auswirkungen auf die Bevölkerungsentwicklung, die Wohnungssituation, sowie den Tourismus beleuchtet. Im Anschluss werden die Auswirkungen der Grenzöffnung auf die Arbeitsmarktlage sowie den Wirtschaftsstandort Hof näher betrachtet. Abschließend sollen Veränderungen bezüglich der Infrastruktur analysiert und deren Folgen aufgezeigt werden.

Mit den Auswirkungen der Grenzöffnung auf Oberfranken beschäftigen sich die Ausarbeitungen von Peter Jurczek[5] ; Zeitpunkt der Abgabe dieser Arbeit liegen des Weiteren lediglich zwei schriftliche Arbeiten vor, die im Zusammenhang mit der Stadt Hof und der Grenzöffnung von 1989 stehen. Thomas Brecht schrieb 1994 mit „Auswirkungen der Grenzöffnung auf die Kreisfreie Stadt Hof“ ein Überblickswerk, in dem er eine Zusammenfassung über die Ereignisse bis 1993 gibt, ohne jedoch näher auf deren Implikationen einzugehen.[6] Die im Jahr 1997 von Patricia Escalup vorgelegte Arbeit „Sozio-Ökonomische Entwicklungen der Stadt Hof seit der Grenzöffnung“ hingegen beschreibt die Situation um die Zeit der Grenzöffnung in der Stadt Hof detailliert und umfassend. Alle weiteren Ausarbeitungen[7] zum Themenkomplex Hof und Grenzöffnung beziehen sich schwerpunktmäßig auf den Zeitraum von 1989 bis 1990. Darin werden die Prozesse um den Mauerfall selbst meist chronologisch beschrieben. Eine Analyse der Auswirkungen auf die Stadt Hof findet dabei nicht statt.

Die Zeitspanne von November 1989 bis zur Wiedervereinigung am 03. Oktober 1990 kann als Ausgangspunkt betrachtet werden, von dem der Transformationsprozess eingeleitet wurde. Daraus begründet sich der Betrachtungszeitraum dieser Arbeit von 1989 bis 1993. In den ersten beiden Jahren 1991 und 1992 war die Stadt Hof von den unmittelbaren Folgen der 1989 bzw. 1990 getroffenen Entscheidungen beeinflusst. Ab 1993 wird eine klare Zuordnung, inwiefern ein Kriterium eine unmittelbare Folge auf die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ereignisse im Rahmen der Grenzöffnung darstellt immer schwerer möglich. Dementsprechend endet hier der Untersuchungszeitraum dieser Ausarbeitung. Um die Auswirkungen der Handlungen und Entscheidungen von 1989 bis 1993 besser einordnen und nachvollziehen zu können soll einleitend ein Überblick über die Situation der Stadt Hof ab 1988 bis November 1989 gegeben werden.

2. Die Stadt Hof: 1988 und 1989

Im Jahr 1988 befand sich die Stadt Hof, welche im Nord-Osten Bayerns und im Dreiländereck Bayern-Thüringen-Sachsen liegt, in einer wirtschaftlichen Rezession. Der seit 1970 amtierende Oberbürgermeister Dr. Hans Heun (CSU) wurde zu Gunsten von Dieter Döhla (SPD) abgewählt.[8] Zudem wählten bei der Europawahl vom 18. Juni 1989 15% der Hofer Bürger die Republikaner, womit die rechtspopulistische Partei bayernweit ihr bestes Ergebnis erzielen konnte.[9]

Ein Grund für die ungünstige wirtschaftliche Lage war der seit 1970 einsetzende Strukturwandel[10] in der Region Oberfranken-Ost, welcher den schrittweisen Niedergang der heimischen Textil- und Keramikindustrie zur Folge hatte. Problematisch wirkte sich hierbei der Umstand aus, dass der Textilstandort Hof keine ausgeglichene wirtschaftliche Ansiedlung verschiedener Unternehmen vorweisen konnte. Das wirtschaftliche Bild von Hof war von einer krisenanfälligen Monostruktur an Unternehmen mit wenig kapitalstarken Mittelstandsbetrieben geprägt.[11] Daraus ergab sich ein Rückgang der Leistungsfähigkeit der in Hof ansässigen Unternehmen bei gleichzeitigen strukturellen Problemen. So traf der Nachfragerückgang, der insbesondere mit der Produktionsverlagerung in weniger lohnintensive Länder in Zusammenhang stand, die Region Hof in besonderem Maße. Konjunkturbedingt wurden die Effekte noch verstärkt.

Die nachteilige geographische Lage im Zonenrandgebiet[12] hatte für die Stadt Hof zur Folge, dass kein Absatzgebiet im Osten vorhanden gewesen und man deshalb im Rahmen der Zonenrandförderung[13] auf Hilfen und Fördermaßnahmen angewiesen war. Diese Maßnahmen umfassten unter anderem Frachthilfebezüge, die Möglichkeit zu Sonderabschreibungen und steuerbefreiten Investitionsrücklagen. Dadurch wurden die einheimischen Unternehmen finanziell entlastet und gefördert.[14] Diese Maßnahmen halfen in den Jahren 1988 und 1989 den wirtschaftlichen Rückgang abzuschwächen, was aber nicht ausreichen konnte, um insgesamt von einer wirtschaftlich soliden Lage zu sprechen. So bleibt festzuhalten, dass sich die Stadt Hof in der Zeit unmittelbar vor der Grenzöffnung in einer wirtschaftlich angespannten Lage befand.

Es muss des Weiteren betont werden, dass man in diesen Jahren in der Region Hof nicht mit einer Öffnung der innerdeutschen Grenze rechnete. Dies kann anhand der Städtepartnerschaft Hof-Plauen beispielhaft verdeutlicht werden. Die im Jahr 1987 geschlossene Städtepartnerschaft enthält einen Anhang, in welchem man im Rahmen des „Jahresplan 1990 zur Umsetzung der Vereinbarung über die Städtepartnerschaft Hof-Plauen“ festlegte, welche gegenseitigen Maßnahmen und Aktivitäten im genannten Jahr stattfinden sollten.[15] Die Vorschläge für das Jahr 1990 wurden bis September 1989 gesammelt und von den jeweils amtierenden Oberbürgermeistern Dieter Döhla (Hof) und JanfriedDöhler (Plauen) unterzeichnet. In einem Zusatzdokument zur Partnerschaftsurkunde hielt man Maßnahmen im wirtschaftlichen vor allem aber im kulturellen Bereich schriftlich fest, welche wechselseitig in Plauen und in Hof im Jahr 1990 stattfinden sollten. Diese Aktivitäten, welche unter anderem den Besuch einer Hofer Seniorengruppe oder einen Erfahrungsaustausch zu Fragen der Ausbildung im Handwerk umfassten, zeigen, dass im Jahresverlauf 1989 keine der beiden Seiten mit dem Wegfall der innerdeutschen Grenze gerechnet hatte.[16] So ist in keinem Absatz des Partnerschaftsvertrages eine Passage enthalten, welche die Möglichkeit einer Grenzöffnung in Betracht zieht und die ausführt, inwiefern man dann gegebenenfalls die Partnerschaft weiter gestalten möchte. Der Status Quo wurde demnach akzeptiert und ein Wegfall der innerdeutschen Grenze nicht in Betracht gezogen.

Daraus lässt sich ableiten, dass die Grenzöffnung im November 1989 die Region und ihre handelnden Akteure überrascht hat und es folglich keine Pläne gab, wie man mit einer möglichen Wiedervereinigung umgehen sollte. Somit entstand ab der Grenzöffnung eine Situation, in welcher man Entscheidungen auf der Grundlage von kurzfristigen Notwendigkeiten treffen musste. Inwiefern dies zu einer Verbesserung oder Verschlechterung der Situation aus Sicht der Stadt Hof geführt hat, soll im Folgenden näher betrachtet werden.

3. Auswirkungen auf Bevölkerung, Gaststätten & Fremdenverkehr

3.1. Die Bevölkerungsentwicklung

Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland hatte die Stadt Hof einen Rückgang ihrer Bevölkerung zu verzeichnen. Dieser führte dazu, dass im Jahr 1985 lediglich rund 50.000 Bürger in der Stadt Hof lebten. Dies entspricht 10.000 Einwohner weniger im Vergleich zu 1949, als Hof noch beinahe 60.000 Einwohner zählte. Die Gründe sind vor allem im Niedergang der Textilindustrie zu finden. Hinzu kamen die natürlichen Schwankungen der Geburten- und Sterbezahlen. Diagramm 1 zeigt die Bevölkerungsentwicklung der Stadt Hof. Der beschriebene Rückgang erreichte um 1985 eine Talsohle, ehe zum Ende des Jahrzehnts die Bevölkerungszahlen deutlich zunahmen. In den 90er Jahren setzte sich der langfristige Trend des stetigen Rückgangs der Einwohnerzahl jedoch weiter fort. Inwiefern die Grenzöffnung im Zusammenhang mit der Bevölkerungsentwicklung um 1989 bis 1993 steht soll im Folgenden erörtert werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 1: Bevölkerungsentwicklung der Stadt Hof.

Quelle: Bürgeramt Hof

Irene Raehlmann[17] stellte im Jahr 2008 fest, dass die Anzahl der Einwohner in der Stadt Hof von 1989 bis 1993 leicht angestiegen sei. Die vorliegenden Zahlen des Bürgeramtes Hof bestätigen diese Angaben nicht. Vielmehr fand der Anstieg von 1985 bis 1990 statt. Den deutlichsten Zuwachs an Einwohnern (1.200 Personen) konnte die Stadt Hof dabei im Jahr 1989 verzeichnen (siehe Diagramm 2). Im darauffolgenden Jahrzehnt stellte sich eine Abnahme der Bevölkerungszahl ein, welche sich bis 1996 fortsetzte. Die vorliegenden Zahlen bestätigen die Tendenz von Raehlmann, wobei man nicht von einem Anstieg der Einwohnerzahlen während 1989 bis 1993 sprechen kann. Wie Diagramm 2 verdeutlicht, lebten im Jahr 1991 bereits 453 Einwohner weniger in der Stadt als im Vorjahr. Der erneute Zuwachs im Jahr 1992 von 120 Einwohnern ist statistisch zu vernachlässigen, da er zu gering ist um einen markanten Ausschlag darzustellen. Der stetige Bevölkerungsrückgang der Stadt Hof mit Ausnahme der Zeit der Grenzöffnung um 1989/1990 ist aber sowohl bei Raehlmann als auch in den Zahlen des Bürgeramtes Hof ersichtlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 2: Einwohnerzahl der Stadt Hof. 1985-1995.

Quelle: Bürgeramt Hof

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 3: Bevölkerungsentwicklung der Stadt Hof in Prozent, 1985-1995.

Quelle: Bürgeramt Hof

Die rückläufige Bevölkerungsentwicklung wurde durch die Grenzöffnung kurzzeitig unterbrochen. Diagramm 3 illustriert, dass in den Jahren 1989 und 1990 jeweils ein Bevölkerungszuwachs von mehr als 1% zu verzeichnen war. Der kurzzeitige Zuwachs und anschließende Rückgang der Bevölkerungszahlen lässt sich durch die grenznahe Lage der Stadt Hof erklären. Unmittelbar nach der Grenzöffnung fand eine Besiedlung der Region Oberfranken-Ost[18] und damit auch der Stadt Hof durch DDR-Bürger statt, ehe sich in den folgenden Jahren eine immer weiträumigere Verteilung einstellte. Dies hatte für die Stadt Hof zur Folge, dass die anfänglichen Bevölkerungszugewinne nicht dauerhaft gehalten werden konnten. Folglich kann festgehalten werden, dass die langfristige Tendenz des Bevölkerungsrückganges der Stadt Hof auch durch die Grenzöffnung nicht unterbrochen wurde. Inwiefern die kurzfristige Zunahme der Bevölkerungszahl Auswirkungen auf die Wohnungssituation in der Stadt Hof hatte, soll im nächsten Abschnitt festgestellt werden.

3.2. Wohnungsmarkt

Aufgrund der rückläufigen Bevölkerungszahl waren in der Stadt Hof bis 1992 keine Neubaugebiete ausgewiesen worden. Ob die Ausweisung des Wohngebietes „Barrierefrei wohnen unterm Wartturm“[19] am Pinzigweg im Zusammenhang mit der Grenzöffnung und den mit ihr einher gegangenen gestiegenen Einwohnerzahlen von 1989 und 1990 steht, soll mit den folgenden Diagrammen und Daten geklärt werden. Betrachtet man zunächst die Grundstückspreisentwicklung von 1988 bis 1992 anhand der Richtwertkarte der Stadt Hof, so fällt, wie in Diagramm 4 ersichtlich ist, auf, dass die Preise pro Quadratmeter in diesem Zeitraum durchweg gestiegen sind. Dies gilt einerseits für die Preise in Wohngebieten und andererseits für die innerstädtischen Lagen. Die Preise für Wohnraum in der Innenstadt sind dabei ab 1990 überproportional hoch angestiegen. Die Ursache für den Preissprung für urbanen Wohnraum liegt in der Tatsache begründet, dass aufgrund des zunehmenden Tourismus die Innenstadt in Hof eine massive Aufwertung erfahren hatte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 4: Grundstückspreisentwicklung in der Stadt Hof.

Quelle: Bauamt Stadt Hof, Richtwertverzeichnis

Wie Diagramm 5 in Bezug auf die Grundstückspreisentwicklung in Wohnsiedlungen noch deutlicher zeigt, sind die Preise in diesen Gebieten der Stadt Hof um jeweils ca. 25% pro m² gestiegen.[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 5: Grundstückspreisentwicklung in Wohngebieten der Stadt Hof

Quelle: Bauamt Stadt Hof, Richtwertverzeichnis

Wie bereits das Kapitel der Bevölkerungsveränderung zeigte, ist die Anzahl der Bewohner in der Stadt Hof um 1990 kurzzeitig stark angestiegen, konnte das hohe Niveau aber nicht über mehrere Jahre aufrechterhalten. Aufgrund der Vielzahl der vorhandenen baureifen Wohnungsgrundstücke und der Wohnmöglichkeiten hatte es in der Stadt Hof nur einen bedingt erhöhten Bedarf an neugebauten Wohnungen unmittelbar nach der Grenzöffnung gegeben. In der Stadtkarte aus Abbildung 1 wird ersichtlich, dass bis 1993 sechs baureife Grundstücke zur Verfügung (Nummern 1 bis 6) standen sowie fünf weitere in Planung waren (Nummern 7 bis 11).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Lage baureifer Wohngrundstücke in der Stadt Hof

Stadt Hof. Amt für Öffentlichkeitsarbeit: Wohnung in der Stadt Hof

Quelle: Bauamt Hof

Diese am Rand von Hof gelegenen Wohngrundstücke waren der Grund, dass keine Ausschreibung von Grundstücken nach der Grenzöffnung notwendig waren. Zudem verabschiedete die Stadt Hof bereits im November 1989 ein Maßnahmenprogramm, welches die Erweiterung des Wohnraumes um knapp 80 Wohnungen in der Stadt Hof vorsah.[21] Die Anzahl der Gebäude und Wohnungen veränderte sich anschließend seit 1990 nur moderat und der geforderte Bedarf an Wohnraum konnte damit ausreichend gedeckt werden (siehe Diagramm 6). Schlussendlich fand eine Preissteigerung bei den Grundstückspreisen bei gleichzeitig zunehmendem Wohnsangebot statt. Die Ausweisung des Baugebietes am Pinzigweg im Jahr 1992 kann somit nicht als direkte Reaktion auf die sich veränderte Situation gesehen werden, da in der Stadt Hof ausreichend Wohnraum vorhanden war.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 6: Wohnungssituation in Hof

Quelle: Escalup, S.63

Insgesamt betrachtet fällt auf, dass trotz rückläufiger Bevölkerungszahlen die Anzahl der Gebäude und Wohnungen sowie die Grundstückspreise gestiegen waren. Vermutlich ist dieser Umstand darauf zurückzuführen, dass die Anbieter von Wohnraum von der Situation um 1989 und 1990 profitieren wollten, als DDR-Bürger verstärkt nach Hof zogen. Da viele dieser Bürger aber die Stadt Hof nur als Durchgangsstation nutzten und anschließend in andere Regionen Bayerns oder Deutschlands weiterzogen, konnten die Anbieter von Wohnraum mit ihren erhöhten Preisen demnach kaum die erwarteten Mehrgewinne erzielen. Der Rückgang der Einwohnerzahlen führte schlussendlich dazu, dass in der Stadt Hof mehr Wohnraum zur Verfügung stand als nachgefragt wurde. Die langfristige Tendenz, dass die Stadt Hof weiterhin jedes Jahr Bürger verlor rechtfertigte demnach auch die hohen Preise bei ausreichend zur Verfügung stehendem Wohnraum nicht.[22]

Die Auswirkung dessen auf die Mietpreise können im Rahmen dieser Arbeit nicht beantwortet werden da das Wohnungsamt der Stadt Hof den Mietpreisspiegel von 1989-1993 aufgrund von Verjährungsfristen nicht mehr zur Verfügung stellen konnte. Ausgehend von der Tatsache, dass es mehr Wohnraum bei rückläufigen Bevölkerungszahlen gegeben hatte, dürfte der Mietpreis pro Quadratmeter im Zeitraum nach der Grenzöffnung, spätestens jedoch ab 1991, vermutlich gefallen sein. Ob dies eine zutreffende Aussage ist, oder ob es sich ähnlich wie bei den Grundstückspreisen nicht so verhalten hatte, könnte nur durch die Analyse des Mietpreisspiegels der Stadt Hof nachvollzogen werden.

3.3. Tourismus und Gaststätten

Es folgte die Grenzöffnung und mit ihr eine unbeschreibliche Reisewelle. Keine zweite Stadt in der Bundesrepublik Deutschland durfte diese Zeit und die damit verbundenen Freuden, aber auch Sorgen und Probleme, so intensiv und hautnah erleben wie die Stadt Hof.[23]

Wie das oben aufgeführte Zitat von Oberbürgermeister Dieter Döhla verdeutlicht, war die Stadt Hof nach der Grenzöffnung am 09.11.1989 unmittelbar von einem massiven Besucherzustrom aus den angrenzenden Nachbarländern Sachsen und Thüringen betroffen.[24] Welche Gründe, Dimensionen und Auswirkungen dieser Ansturm auf die Stadt Hof hatte, soll im Folgenden näher betrachtet werden.

Zunächst fällt hierbei auf, dass im Jahrbuch der Stadt Hof von 1989 bis 1990 der Posten „Betreuung von Besuchern aus der DDR und Berlin (Ost)“[25] aufgeführt wurde. Dieser weist dabei für das Jahr 1989 Ausgaben von rund 121.000 DM auf.[26] Im darauffolgenden Jahr wurden im Rahmen dieses Sonderpostens mehr als 1 Million DM für ärztliche Behandlungen oder Medikamente von der Stadt Hof aufgebracht.[27] Dieser Anstieg der Besuchsbeihilfen steht im direkten Zusammenhang mit der Öffnung immer weiterer Grenzübergänge in der Region um Hof. Aufgrund der Tatsache, dass bis zum Dezember 1989 bereits sieben von acht möglichen Grenzübergängen geöffnet wurden (Tabelle 1), erlebte die Region und insbesondere die Stadt Hof einen unerwarteten Besucheransturm aus den neuen Bundesländern. Wurden im Jahr 1989 noch drei Millionen Grenzübertritte gezählt, so waren es im Februar 1990 bereits 18 Millionen.[28] Die Grenzregion und die Stadt Hof profitierten dabei zunächst von Einkaufstouristen aus der DDR, welche vornehmlich Lebensmittel, Elektrogeräte und preisgünstige Gebrauchtwagen nachfragten.[29]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Grenzübergänge mit Datum der Öffnung in der Nähe der Stadt Hof

Quelle: Eiber, Alfred. Grenzpolizeiinspektion Hof, Sachbearbeiter „Grenze“

Die Besucher fuhren entweder mit ihrem eigenen PKW in die Stadt Hof oder reisten mit der Bahn an.[30] Am ersten Wochenende nach der Öffnung des Grenzüberganges Ullitz-Blosenberg kamen mehr als 90.000 Besucher in die Stadt Hof, was zu einem Zusammenbruch der Verkehrsinfrastruktur sowie der Organisationsstruktur der Stadt Hof führte.[31] Im weiteren Verlauf kamen durchschnittlich 40.000 Gäste pro Tag in Hof an. Am Donnerstag, den 16. November wurde die Rekordbesucherzahl von 160.000 gezählt.[32]

Durch diese Ereignisse erlebte der Hofer Einzelhandel einen Aufschwung und auch der Tourismus im Allgemeinen profitierte. So blieben viele Besucher über Nacht[33] oder wählten Hof als Ausgangspunkt für weitere Tagestouren aus. Dass die Stadt Hof die erste Anlaufstelle für Besucher aus der DDR war liegt unter anderem in der seit 1987 geschlossenen Städtepartnerschaft zwischen Hof und Plauen begründet. Mutmaßlich wurde die Stadt Hof bis Ende Dezember 1989 von vielen Besuchern wegen ihrer durch die Grenznähe bedingten Erreichbarkeit aufgesucht. Zudem stellten einerseits das von der Bundesrepublik Deutschland sowie das vom Freistaat Bayern gewährte Begrüßungsgeld[34] einen zusätzlichen Anreiz zum Grenztourismus dar. Vor allem letzteres führte dazu, dass viele DDR-Bürger über die A9 nach Hof fuhren anstatt auf der A4 über Jena nach Hessen zu fahren, wo sie nur 100 DM Begrüßungsgeld erhalten hätten. Die zusätzlichen 40 DM des Freistaates Bayern stellten demnach einen Anreiz dar, die grenznah gelegene Stadt Hof anstelle anderer Städte aufzuschen. Aber auch in den folgenden Monaten nach Beendigung der Auszahlung des Begrüßungsgeldes am 31.12.1989 blieb das Besucheraufkommen in der Stadt Hof außerordentlich hoch.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 7: Besucher (blau) und Kfz (rot) aus der DDR in der Stadt Hof

Quelle: Nahverkehrskommision Hof, Juni 1991

Wie aus Diagramm 7 ersichtlich wird, kamen auch im Februar und März 1990 mit 70.000 bzw. 90.000 Besuchern immer noch mehr Menschen in die Stadt Hof als diese Einwohner zählte. Mit den großen Menschenmassen traten jedoch auch Probleme auf. Diese brachten das Alltagsleben in der Stadt Hof zeitweise zum Erliegen. Dazu zählten beispielsweise das erhöhte Verkehrsaufkommen sowie die massive Umweltverschmutzung in Folge von vermehrt ausgestoßenen Autoabgasen. Im Februar und März 1990 fuhren jeweils 180.000 Fahrzeuge in die Stadt Hof, was zu massiven Problemen im Straßenverkehr führte. Neben dem Zusammenbruch der Verkehrsinfrastruktur gab es aber auch positive Folgen. So erhöhten sich die Einnahmen aus der Parkraumbewirtschaftung in der Stadt Hof von 160.000 DM im Jahr 1989 auf über 370.000 DM im Jahr 1990.[35]

Mit Inkrafttreten der Währungsreform am 01.07.1990 und der damit einhergehenden erhöhten Kaufkraft der DDR-Bürger erlebte Hof nochmals einen Besucheransturm, wovon hauptsächlich der Einzelhandel in der Innenstadt profitieren konnte.[36] Im August 1990 besuchten noch täglich 40.000 Personen mit 15.000 PKW die Stadt Hof um Einkäufe zu tätigen.[37] Neben dem Einzelhandel profitierte von diesem erhöhten Besucheraufkommen vor allem das Hotelgewerbe. Im Jahr 1990 konnten die Hotels in der Stadt einen Anstieg von 60 % an Gästen verzeichnen, wie aus Diagramm 8 zu entnehmen ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 8: Hotelankunft von Gästen in der Stadt Hof

Quelle: Schaluppe, S.123

Zudem ist die Zahl der Übernachtungen vom Jahr 1989 auf das Jahr 1990 um 54% angestiegen. Wollten 1989 noch 86.000 Bürger in Hof übernachten, so waren es 1990 über 130.000.[38] Als Folge dessen wurde in der Ernst-Reuter-Straße ein weiteres Hotel gebaut.[39] Aus der Statistik in Diagramm 8 ist jedoch auch zu entnehmen, dass analog der Bevölkerungszahlen die Gästezahlen bereits im Jahr 1991 wieder rückläufig waren. Einer Zunahme im Jahr 1992 steht bereits im Jahr 1993 ein Rückgang von fast 20 % gegenüber. Folglich konnte die Hotels in der Stadt Hof nur im ersten Jahr nach der Grenzöffnung von den Besuchern profitieren konnten.

Ein weiterer Indikator für die erhöhten Tourismuszahlen in der Stadt Hof sind die Prospektanforderungen für einen „Urlaub in Hof“ von DDR-Bürgern. Während im Jahr 1988 lediglich 737 solcher Anfragen an die Stadt Hof gerichtet worden sind, wurden im darauffolgenden Jahr bereits 1.143 Prospekte angefordert, was einer Steigerung von 55 % entspricht. Im Jahr 1990 setzte die Tourismusbehörde der Stadt Hof bereits 4.688 Urlaubsprospekte ab, was eine erneute Steigerung von über 310% bedeutet.

Für das Gaststättengewerbe[40] lassen sich für den Zeitraum von 1988 bis 1993 keine bedeutenden Veränderungen feststellen, die mit der Grenzöffnung in Zusammenhang gebracht werden können. So blieb die Anzahl der Gaststättenbetriebe in den Jahren 1989 bis 1992 weitestgehend stabil (Zuwachs von 2 %). Erst im Jahr 1993 eröffneten in der Stadt Hof zehn neue Gaststätten, was einer Erhöhung der Gesamtzahl von 8,7 % auf 307 Gaststätten entspricht (Diagramm 9). Demzufolge kann durch die Analyse der Zahl der neu eröffneten Gaststätten in der Stadt Hof festgehalten werden, dass deren Entwicklung im Rahmen der normalen Schwankungen liegt und nicht durch die Grenzöffnung beeinflusst wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diagramm 9: Neueröffnete Gaststätten in der Stadt Hof 1989 bis 1993

Quelle: Ordnungsamt, Stadt Hof

Es bleibt festzuhalten, dass die Stadt Hof aufgrund ihrer unmittelbaren Grenznähe eine der ersten Anlaufstellen im Westen für Besucher aus der DDR war. Dieser Ansturm führte im Hotelgewerbe kurzfristig zu einem starken Anstieg der Gästezahlen, während im Gaststättengewerbe die Anzahl der vorhandenen Gaststätten konstant blieb. Negative Begleiterscheinungen der erhöhten Besucherzahlen waren neben einer gestiegenen Kriminalitätsrate von 86%[41] die zunehmende Luftverschmutzung sowie Dauerstaus und die Verunreinigung der Stadt Hof und ihres Hauptbahnhofes.[42] Diese Faktoren führten jedoch nicht zu einem Abbruch der Reisewelle von DDR-Bürgern in die Stadt und schadeten dem Tourismus folglich nicht.[43] Einzig die Hilfsbereitschaft der Hofer Bürger begann ab 1990 zu schwinden[44].

Des Weiteren kann man für die Bereiche Bevölkerungsentwicklung und Tourismus feststellen, dass die Grenzöffnung keinen nachhaltigen Einfluss auf die Stadt Hof hatte. Als sich der Reisetourismus im Jahr 1990 abschwächte und vermehrt Zuzüge von DDR-Bürgern zu verzeichnen waren, stieg die Einwohnerzahl der Stadt Hof kurzfristig an. Doch bereits im darauffolgenden Jahr waren die Einwohnerzahlen wieder rückläufig. Trotz des Bevölkerungsrückgangs sind sowohl die Anzahl der Wohnungen als auch die Grundstückspreise gestiegen. Ebenso wie bei den Bevölkerungszahlen verhält es sich mit dem Tourismus. Einer Hochphase in der Zeit um die Grenzöffnung folgte in den darauffolgenden Jahren ein Rückgang auf das Ausgangsniveau vor 1989. Die Gründe sind in der für Besucher höheren Attraktivität der angrenzenden Naherholungsgebiete des Frankenwaldes und Fichtelgebirges zu finden.

So bleibt schlussendlich festzustellen, dass die Grenzöffnung nur kurzfristig positive Folgen auf die Stadt Hof hatte. Eine langfristige positive Entwicklung der Region und insbesondere der Stadt Hof konnten hingegen nicht ausgemacht werden. Inwiefern der Arbeitsmarkt im Zeitraum von 1989 bis 1993 von der Grenzöffnung profitieren konnte und ob auf diesem auch positive Entwicklungen für die Stadt Hof zu verzeichnen waren soll im folgenden Abschnitt analysiert werden.

4. Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Eine von Peter Jurczek 1994 veröffentlichte empirische Datensammlung über die „Auswirkungen der Öffnung der Grenze zur ehemaligen DDR auf Ober- und Mittelfranken“[45] stellt fest, dass Kommunalpolitiker, Bürgermeister und Unternehmer aus Oberfranken die Arbeitsmarktlage uneinheitlich bewerteten. Die Hälfte der Befragten sah laut der Datenerhebung die verstärkte Kooperation zwischen Betrieben aus den alten Bundesländern mit Unternehmen aus den neuen Bundesländern positiv. Dies begründeten sie damit, dass es den Unternehmen nun leichter möglich war freie Stellen adäquat zu besetzen. Andererseits wurde von den Bürgermeistern und Kommunalpolitikern die erhöhte Arbeitslosigkeit, die Verdrängung von leistungsschwachen Arbeitnehmern sowie die Zunahme der Billigarbeit negativ bewertet.[46] Inwiefern diese Einschätzungen auch auf die Stadt Hof zutreffen, soll im hier vorliegenden Abschnitt genauer beleuchtet werden. Um die Auswirkungen auf die Stadt Hof beschreiben zu können, wird zunächst die Zahl der Erwerbstätigen, die Arbeitslosenstatistik sowie das Pendlerverhalten analysiert.

[...]


[1] Die Grenzöffnung am 09.11.1989 war zunächst nur einseitig. Es war zunächst nur den Bürgern der DDR erlaubt, ohne Antragsstellung in die Bundesrepublik Deutschland zu reisen. Die Einreise von Bürgern aus der BRD in die DDR wurde dabei noch nicht offiziell erlaubt.

[2] Schübel, Theodor: Vom Ufer der Saale. Geschichten aus der Zwischenzeit. Berlin, 1992. Seite 25.

[3] Lindner, Bernd: Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 24-26/2014/S.33-39: Die Zeitspanne vom Herbst 1989 bis zur Wiedervereinigung am 03.10.1990 wird in der Wissenschaft als Friedliche Revolution und nicht als Wende bezeichnet. Der Begriff Wende wird deshalb vermieden, da dieser ein Propagandabegriff der SED gewesen sei.

[4] Schübel, S.28: Die Grenzöffnung ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende der DDR. Zur Zeit der Grenzöffnung hatte die DDR als Ziel eine „Alternative zum Westen“ sein zu wollen. Im Rahmen dieses Zieles waren unter anderem freie Wahlen aber keine Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik Deutschland vorgesehen.

[5] Jurczek, Peter: Auswirkungen der Grenzöffnung auf Ober- und Mittelfranken. Eine Bestandsaufnahme auf der Basis empirischer Erhebungen. Kronach/München, 1994. sowie: Trilaterales Entwicklungskonzept für den bayerisch-sächsisch-thüringischen Grenzraum (Nordostbayern – Sächsisches Vogtland – Nordwestböhmen). Beiträge zur Kommunal- und Regionalentwicklung. Heft 14. Chemnitz, 1995.

[6] Brecht, Thomas: Auswirkungen der Grenzöffnung auf die Kreisfreie Stadt Hof. Bayreuth, 1994. Obwohl der Titel impliziert, dass die Folgen der Grenzöffnung betrachtet werden, kann diese Arbeit dem nicht gerecht werden. Dieses Überblickswerk beschreibt mehr die Entwicklungen ohne diese auf Auswirkungen zu hinterfragen. Eine mögliche Begründung dafür könnte in dem zu kurzen zeitlichen Abstand zu den Ereignissen liegen.

[7] In diesem Zusammenhang ist vor allem der Hofer Historiker Dr. Arnd Kluge zu nennen, der sich intensiv mit den Ereignissen in den Jahren 1989 und 1990 auseinandergesetzt und darüber geschrieben hat.

[8] Dieter Döhla konnte sich mit 60,4 % aller Stimmen gegen Wilfried Anton (CSU) im Jahr 1988 zum Oberbürgermeister der Stadt Hof durchsetzen. Die Wahl Döhlas erfolgte im ersten Wahlgang. Problem der CSU war, dass im Wahlkampf der eigentlich vorgesehene KanditatKopka sein Interesse am Posten des Oberbürgermeisteramtes verlor und somit ein neuer Gegenkandidat für Dieter Döhla kurzfristig gefunden werden musste. Dieser hatte folglich zu wenig Zeit und Einflussmöglichkeiten, sodass sich der SPD-Kandiadat klar durchsetzen konnte.

[9] Quelle: www.wahlen.bayern.de/ew/eu4sons.htm. Zuletzt besucht: 24.02.2015 sowie: Verwaltungsbericht der Stadt Hof. 1988-1990. S. 16: Europawahlergebnisse bezogen auf die Stadt Hof: CSU (8.287 Stimmen), SPD (6.776 Stimmen), REP (3.874 Stimmen).

[10] Vgl.: Anhang III, S. XI: Unter Strukturwandel versteht man eine über einen längeren Zeitraum anhaltende Veränderung in einem oder mehreren Wirtschaftsbereichen. Dieser begann in der Region Hof um 1970 und endete um 2010. Die Stadt Hof wandelte sich dabei von einem Textil- zu einem Dienstleistungsstandort.

[11] Dies begründet sich in der Tatsache, dass in der Stadt Hof hauptsächlich Textilgeschäfte sowie mittelständische Unternehmen ihren Sitz hatten. Es gab weder große und kapitalstarke Firmen noch eine Diversität an Firmen verschiedenster Branchen. Hinzu kam, dass die Textilindustrie einerseits sehr krisenanfällig war und andererseits sehr kapitalintensiv. Vor allem die hohen Lohn- und Lohnnebenkosten setzen in konjunkturbedingt schlechten Phasen den Unternehmen zu. So ist zu erklären, warum die Stadt Hof im besonderen Maße vom Verfall der Textilindustrie betroffen gewesen war.

[12] Unter dem Zonenrand verstand man alle Gebiete, welche unmittelbar an der Grenze der Bundesrepublik Deutschland zur Grenze der Deutschen Demokratischen Republik gelegen waren.

[13] Die Zonenrandförderung geht auf das Zonenrandförderungsgesetz der Bundesrepublik Deutschland vom 05.08.1971 zurück und umfasste die Förderung von Städten und Landkreisen in unmittelbarer Nähe zur Grenze der DDR. Förderungen fanden vor allem auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Sektor statt.

[14] Regionaler Planungsverband Oberfranken-Ost (Hrsg.): Oberfranken-Ost nach der Grenzöffnung: wirtschaftliche Entwicklung; regionalpolitische Absichten, 1995. S. 45-48.

[15] Vgl.: Anhang V, S. XV „Vereinbarung über Partnerschaftsbeziehungen zwischen den Städten Hof in der Bundesrepublik Deutschland und Plauen in der Deutschen Demokratischen Republik“ vom 04. August 1987. Im Rahmen dieser Partnerschaft wurden der Austausch im kulturellen Sektor niedergeschrieben. Aus dem gesamten Vertragswerk ist nicht herauszulesen, dass eine der beiden Seiten mit der Grenzöffnung oder Wiedervereinigung gerechnet hatte. Dies ist damit zu begründen, dass zu diesem Zeitpunkt noch nichts darauf hindeutete, dass sich die Situation in der nahen Zukunft verändern würde.

[16] Vgl.: Anhang V, S. XV:Die Jahresarbeitspläne werden jeweils im vierten Quartal für das kommende Jahr von beiden Oberbürgermeistern unterzeichnet. Dazu werden die Vorschläge der Partnerstädte bis September unterbreitet.

[17] Prof. Dr. phil. Raehlmann, Irene: Projektbericht: Strukturwandel und Arbeitsmarktentwicklung in Oberfranken-Ost am Beispiel der kreisfreien Stadt Hof, des Landkreis Hof und des Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge nach der Grenzöffnung. Bamberg, 2008.

[18] Maier, J./Beck, G./Bergmann, J. et al: Auswirkungen von Grenzen V: Ausgewählte Gemeinden in Oberfranken. Heft 126. Bayreuth, 1995. S. 19 stellten fest, dass für die Region Hof ein Bevölkerungszuwachs zwischen 1989 und 1992 von 578 Einwohnern zu verzeichnen war; mit dem Spitzenwert von 276 neuen Einwohnern im Jahr 1989.

[19] Rischawy, Roland: Hof Chronik 1992. Bindlach, 1992. Seite 66.

[20] Hofer Anzeiger vom 19./20.04.1997.

[21] Hofer Anzeiger vom 11./12.11.1989: Der Stadtrat hatte in einer Sitzung Anfang November 1989 entschieden, dass für eine Million Mark der Wohnungsbau gefördert werden und 60 bis 80 neue Wohneinheiten entstehen sollen. Diese neuen Wohnungen sollten vor allem Sozialwohnungen werden. Zudem wurde festgelegt, dass bisher gewerblich genutzte Räumlichkeiten zu Wohnraum umgewandelt werden.

[22] Hofer Anzeiger vom 19./20.04.1997.

[23] Küttler, Thomas/Röder Jean Curt: Die Wende in Plauen. Eine Dokumentation. 5. Auflage. Plauen, 1993. Geleitwort: Dieter Döhla, Oberbürgermeister der Stadt Hof.

[24] Dr. Kluge, Arnd: Die Friedliche Revolution. Wende und Wiedervereinigung in der Region Hof 1989/90. Hof, 2011: Die Stadt Hof war eine der größten Anlaufstellen für DDR-Bürger nach dem 11.11.1989 gewesen. Die große Anzahl der Konsumenten mit Nachholbedarf brachte dem Einzelhandeln einen unvorhersehbaren Aufschwung.

[25] Verwaltungsbericht der Stadt Hof. 1988-1990. S. 46.

[26] Ebenda. S. 46.

[27] Frankenpost vom 15.11.1989 und 19.11.1989.

[28] Maier, Jörg/Weber, Wolfgang: Grenzüberschreitende Aktivitäts- und aktionsräumliche Verhaltensmuster im oberfränkischen Grenzraum vor und nach der Wiedervereinigung. S. 13-34, in: Bürkner, Hans-Joachim/Kowalke, Hartmut: Geographische Grenzraumforschung im Wandel. Praxis Kultur- und Sozialgeographie 15. Dresden, 1995. Ob diese gerundeten Zahlen der Realität entsprechen lässt sich im Rahmen dieser Arbeit nicht überprüfen, da die Bundespolizeiinspektion in Selb keine Daten mehr zu diesem Zeitraum vorliegen hat. Die Zählungen, welche von den Grenzpolizisten in den Jahren 1989 und 1990 gemacht worden sind wurden bereits ins Bundesarchiv eingelagert und sind nur schwer zugänglich.

[29] Hofer Anzeiger vom 13./14. 01.1990.

[30] Hofer Anzeiger vom 02.10.1989.

[31] Rischawy, Roland: Hof Chronik 1990. Bindlach, 1990. S. 14ff.

[32] Frankenpost vom 17.11.1989.

[33] Hofer Anzeiger vom 25.01.1990: Die meisten Übernachtungsmöglichkeiten boten anfangs die Hofer Bürger an indem sie Besucher aus der DDR zu sich nach Hause eingeladen hatten und sie dort kostenlos verpflegten und übernachten ließen, was auch in dem Umstand begründet lag, dass die zu geringen Hotelkapazitäten zu schnell ausgebucht gewesen sind. Des Weiteren bot die Stadt Hof in Turnhallen wie auch in der Freiheitshalle Hof kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten auf Feldbetten an um den Besucheransturm aufnehmen zu können.

[34] Hofer Anzeiger vom 03.02.1990: Neben der Stadt Hof zahlten auch weitere größere Städte in der Region Hof wie z.B. Münchberg oder Helmbrechts das Begrüßungsgeld aus. Von der Autobahn kommend war Hof aber die erste Stadt im Westen und aufgrund dessen stoppten viele DDR-Bürger bereits hier und holten sich das Begrüßungsgeld ab. Als dieses Anfang Januar 1990 eingestellt wurde ließ ab März 1990 auch der erste Besucheransturm nach.

[35] Verwaltungsbericht der Stadt Hof 1988-1990. S. 49.

[36] Schübel, S. 195.

[37] Schübel, S. 201.

[38] Verwaltungsbericht der Stadt Hof 1988-1990. S. 155.

[39] Vgl. Anhang II, S. VI.

[40] Die von der Stadt Hof gezählten Gaststätten umfassen Speiselokale aller Nationalitäten sowie Imbissbuden, Schnellimbisse, Tanzcafés, Diskotheken, Cafés und Eiscafés.

[41] Rischawy, Roland: Hof Chronik 1991. Bindlach, 1991. S. 96.

[42] Schübel, S. 198.

[43] Schübel, S. 41: 14.12.1989: „...nach wie vor ist die Zahl der Besucher, die Tag für Tag nach Schwarzenbach kamen [Stadt in der Nähe von Hof, Anm.] kaum hinter der Zahl der Einwohner zurück.“

[44] Schübel, S. 95: Ständig wurde in den zurückliegenden Jahren über die ungünstige Lage im Zonenrandgebiet geklagt, […] Doch jetzt, nachdem die Grenzen im Osten und im Norden offen sind, wird auch gejammert: Wie schade, dass die ruhige und gemächliche Zeit vorbei ist.

[45] Jurczek: Auswirkungen der Grenzöffnung.

[46] Ebenda. S. 49 ff.

Details

Seiten
84
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668295780
ISBN (Buch)
9783668295797
Dateigröße
5.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v339195
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Mauerfall Revolution Geteiltes Deutschland Zonenrand Stadt Hof

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Titel: Nord-Ost Bayern und der Wegfall der innerdeutschen Grenze. Mikroanalyse des Transformationsprozesses der Stadt Hof von 1989 bis 1993