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Émile Durkheims Konzept der sozialen Arbeitsteilung. Lässt sich die Ökonomie des 20. und 21. Jahrhunderts mit den Begriffen Durkheims erklären?

Seminararbeit 2014 26 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die soziale Arbeitsteilung nach Emile Durkheim
2.1 Die soziale Arbeitsteilung als Grundlage einer neuen Solidarität
2.2 Die anormalen Formen der Arbeitsteilung
2.2.1 Die anomische Arbeitsteilung
2.3 Die Rolle der Berufsgruppen

3 Die Mechanisierung der Arbeit am Beispiel des Autokonzerns „Ford“
3.1 Die Entwicklung der Fließbandarbeit
3.2 Der stilisierte Ford-Arbeiter. „Eine Fabrik ist kein Salon“

4 Durkheims Bedingungen für die Arbeitsteilung übertragen auf die moderne Wirtschaft
4.1 Die Finanzwirtschaft und ihre Pathologien
4.2 Die Einflüsse der Globalisierung

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis
6.1 Internetquellen

1 Einleitung

Die Probleme der Wirtschaft[1] sind heute scheinbar unüberwindbar. Die Tageszeitungen berichten vorzugsweise nur noch von Pleiten, Krisen und ungezügelten Finanzmärkten. Egal ob Flughafenmitarbeiter, Busfahrer oder Amazon-Angestellte, Streiks sind an der Tagesordnung und die Welt des Arbeiters wird nicht allzu selten von Dumpinglöhnen, erschlagender Eintönigkeit und dauerhafter Sorge um den Job geprägt. „Burnout“ ist die neue Modekrankheit und der einzelne nimmt sich nur noch als kleines Rädchen in einer viel zu großen Maschinerie wahr. Firmen werden immer größer, aber das Individuum in seiner persönlichen Arbeit und ‚Strahlkraft‘ immer kleiner.Eine soziologische Erklärung dieser Entwicklung könnte aus verschiedenen Perspektiven erfolgen. Doch gerade der Bezug auf einen soziologischen Klassiker scheint hierfür besonders reizvoll zu sein.

Emile Durkheim (1858-1917) versuchtebereits in seinem Werk von 1893[2] die Grundlagen der Gesellschaft zu verstehen und ging dabei von der sozialen Arbeitsteilung aus. Seine Arbeitsgrundlage war die Frage: „Wie geht es zu, dass das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt?“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 82)Das Werk „Über soziale Arbeitsteilung“ bildet die Grundlage für Durkheims späteres Denken. Auch wenn er sich so gut wie nie wieder explizit auf die Arbeitsteilung bezogen hat, so lassen sich seine Ideen zu dem Wesen des Menschen, der Moral, der Solidarität und seiner Religionsauffassung bereits hier erkennen.

Ich werde in diesem Aufsatz Durkheims soziale Arbeitsteilung auf die Ökonomie des letzten und dieses Jahrhunderts beziehen, um auf der Grundlage eines bedeutenden soziologischen Klassikers eine neue Perspektive auf die Probleme der Wirtschaft zu schaffen. Wie ist also die Wirtschaft des 20. und 21. Jahrhundert mit den Ideen der sozialen Arbeitsteilung nach Emile Durkheim zuverstehen? Leider versäumte es Durkheim in seinen Werken genauer auf die ökonomischen Aspekte seines Grundgedankenseinzugehen. Dies wurde immer wieder kritisiert[3]. Deshalb will ich versuchen eben dies nachzuholen und Durkheims Gedankengang weiter auszuführen. Friedmann[4] warnt in diesem Kontext vor „Verwirrungen“. Diese versuche ich natürlich in meinem wissenschaftlichen Bestreben klarzustellen und nicht notdürftig zu umgehen[5].

Auch Chamboredon[6] stellte jüngst fest, dass die Krise der modernen Gesellschaft mit Durkheim auf einer „Ebene der Diagnose dieses Übels, […] die den Akzent auf die Krise der gemeinsamen Überzeugungen, des Konsenses, legt“(Chamboredon 2013), interpretiertwerden kann. Eben dies versuche ich in die Praxis zu überführen.

Ich werde in meiner Untersuchung von den Grundbegriffen Durkheims ausgehen, um später diese dezidiert als Fundament für die wirtschaftliche Analyse der Moderne[7] zu nutzen. Allerdings werde ich auch schon bei der Klärung des Begriffsapparats immer wieder ökonomische Beispiele mit an die Hand geben. Es wird also zu untersuchen sein, ob sich die Wirtschaft nach 1917[8] mit dem Begriffsapparat Durkheims beschreiben und adäquat analysieren lässt. Natürlich ist bei diesem Vorgehen eine gewisse Vorsicht geboten, um sich nicht in Anachronismen zu verlaufen und unbeabsichtigt die Methodik umzukehren, indem die wirtschaftlichen Gegebenheiten der Moderne auf Durkheims Begriffsapparat angewendet werden.

2 Die soziale Arbeitsteilung nach Emile Durkheim

Zunächst ist herauszuheben, dass Durkheim nicht von einer wirtschaftlichen Arbeitsteilung ausging, sondern die soziale Arbeitsteilung auf die gesamte Gesellschaft ausdehnte. Erst später spricht man in ähnlichem Kontext von Rollen- bzw. sozialer Differenzierung.In dem 1893 erstmals erschienenen Werk, das gleichzeitig auch seine Dissertation darstellte, bearbeitete Durkheim das von ihm aufgeworfeneAnfangsproblem der Soziologie, „welche Bindungen es sind, die Menschen untereinander haben, d.h. wodurch die Bildung sozialer Aggregate bestimmt wird.“(Durkheim und Heisterberg 1981, S. 54) Damit stellte er sich gleich zu Anfang seiner Schrift die Frage: „Wie geht es zu, daß das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt? Wie kann es zu gleicher Zeit persönlicher und solidarischer sein?“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 82) An dieser Stelle ist bereits ersichtlich, dass das Werk nichts mit Wirtschaftssoziologie im engeren Sinne zu tun hat, sondern dass Durkheim vielmehr ganz grundsätzlichen nach den „Beziehungen zwischen der individuellen Persönlichkeit und der sozialen Solidarität“ (ebd.) fragte. Der Anspruch der folgenden Kapitel ist es nun, Durkheims Perspektive dennoch zu nutzen, um die Wirtschaft durch die soziologische Brille betrachten zu können.

Durkheim stellt die immanente Notwendigkeit der sozialen Arbeitsteilung heraus, indem er behauptet: „[…] sie existiert nicht, weil sie nützlich ist. Sie besteht, weil sie nicht nichtvorhanden sein kann.“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 365)Und auf der anderen Seite entwickelt sich die Arbeitsteilung „in dem Maße regelmäßig […], in dem man in der Geschichte voranschreitet.“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 289) Diese „konvergenztheoretische Annahme und [das] evolutionär lineare Gesellschaftsbild“(Chamboredon 2013) erbte Durkheim noch von den vorangegangen philosophischen Denkmodellen[9].

Durkheim definierte die Arbeitsteilung[10] als eine Teilung der Aufgaben in „qualitativ ähnliche, gleichwohl untereinander unentbehrliche Aufgaben“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 176). Die zusammengesetzte Arbeitsteilung oder auch „Spezialisierung“ ist gegeben, wenn die „Aufgaben verschiedener Natur sind.“ (ebd.) In diesem Zusammenhang ist auch zwischen der „Differenzierung[11] “ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 421), bei der die gemeinsamen Funktionen eigentlich nicht geteilt werden und keine „neuartige Spezialisierung“ (ebd.) vorliegt, und der Arbeitsteilung im Sinne der Spezialisierung zu unterscheiden. Durkheim untersucht in seinem Werk primär die letztere Form.

Zudem analysierte er die Funktionen[12] der Arbeitsteilung und stellte dezidiert klar, dass ökonomische Vorteile zwar mit der Arbeitsteilung einhergehen, diese aber keine Hauptfunktion darstellen(vgl. Durkheim und Luhmann 2012, S. 331). Die wahre Funktion besteht darin, zwischen zwei oder mehreren Personen ein Gefühl der Solidarität herzustellen. Somit steht die Bindungswirkung der sozialen Arbeitsteilung im Fokus des Werkes. Eine weitere wichtige Funktion der Arbeitsteilung ist die Integration. Dadurch, dass jeder einzelne seine individuelle Rolle für das Ganze einnimmt, wird auch jeder einzelne in die Gesamtgesellschaft integriert. Auf diesen Gedanken geht Durkheims Vorstellung des Menschen als Spezialsubjekt zurück.

Die Ursachen für die Arbeitsteilung müssen nach Durkheim im Sozialen liegen[13] und dürfen in keinem Fall in den Funktionen gesucht werden, weil keine Kausalitäten zwischen Funktionen und Ereignissen wissenschaftlich begründet werden können. Die Arbeitsteilung geht mit einer Zunahme der sogenannten materiellen, wie auch moralischen Dichte und des sozialen Volumens einher. Dadurch, dass die Bevölkerungsdichte zunimmt, sich Städte entwickeln und die Infrastruktur verbessert wird und so auch viele Menschen auf einem vergleichsweisen kleinen Raum zusammenleben, verringert sich der Abstand im territorialen Sinne zwischen den einzelnen Menschen. Das führt zu einer Zunahme der materiellen Dichte. „Ein deutscher Ausdruck für Dichte wäre soziale Verpflechtung. “(König 2013, S.232, Herv. i. O.) Das Soziale Volumen wiederum bezieht sich schlichtweg auf die gestiegene Anzahl von sozialen Beziehungen, wenn die Anzahl der Individuen in einer Gesellschaft zunimmt.

Allerdings wächst nach Emile Durkheim mit der Zunahme dieser Faktoren auch der Überlebenskampf in der Gesellschaft. In diesem evolutionären Gedankengang setzte er die soziale Arbeitsteilung als einzigen Ausweg zur Konfliktreduktion an. Um die aus dieser Entwicklung erwachsenen Mächte zügeln zu können, sind „soziale Regeln“ (Durkheim 1980, S. 43) vonnöten. Diese können das „physische Recht des Stärkeren einem höheren Recht unterordnen“ (ebd.).Für die Wirtschaft konstatierte Emile Durkheim das Fehlen solcher Regeln, weshalb der „Kriegszustand“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 47) bestehen bleiben würde. Hier wird bereits deutlich, dass Durkheim der Art der Rechtsformen große Bedeutung zuschrieb und daran auch später den Entwicklungsstand einer Gesellschaft abzulesen versuchte.

2.1 Die soziale Arbeitsteilung als Grundlage einer neuen Solidarität

Durkheim trifft eine Unterscheidung zwischen zwei sozialen Typen (organisiert gegenüber unorganisiert) und zwei damit korrespondierenden Solidaritätsformen (organische gegenüber mechanische Solidarität). Die mechanische Solidarität wird dabei nicht-modernen[14] Gesellschaften zugeordnet und sie basiert auf der Ähnlichkeit der Individuen[15]. Das vorherrschende Recht wird als repressiv bezeichnet und basiert damit auf Sanktionen, die aufgrund der Verletzung des Kollektivbewusstseins[16] ausgesprochen werden. Diesem Kollektivbewusstsein, einem Phänomen sui generis, kommt eine „transzendente Autorität“ (Durkheim 1980, S. 134) zu, welche die Einzelleben überdauert. In einer solchen Gesellschaft, die durch geringe Arbeitsteilung und Spezialisierung klassifiziert werden kann, deckt sich das Kollektivbewusstsein mit dem Ich-Bewusstsein. Damit ist die Individualität nur rudimentär entwickelt und der einzelne an die Gruppe gebunden.

Organische Solidarität beruht auf einer verstärkten Arbeitsteilung und Spezialisierung. Die Individuen sind durch ihre spezialisierten Funktionen aufeinander angewiesen, somit bildet sich ein Abhängigkeitsgefüge. Die Funktionsträger sind indirekt mit dem Kollektiv verbunden und benötigen sich also wechselseitig. Dieses Bewusstsein der Verbundenheit hält sie dazu an, ihr Handeln auf die Normen, Regeln und Konventionen des Kollektivs abzustimmen. Das Kollektivbewusstsein geht in den modernen Gesellschaften in dem Maße zurück wie die Arbeitsteilung zunimmt[17]. Durch diese Entwicklung kann sich der einzelne differenzieren, einen hohen Grad an Ich-Bewusstsein aufbauen und seine Rollen an völlig neuen Parametern[18] festmachen. Damit gehen ein erhöhter Reflexionsgrad und die Bewusstwerdung als eigenständiges Rechtsubjekt, welches Verträge schließen kann, einher. Das herrschende Recht beruht auf Verträgen und zielt bei der Rechtsprechung auf eine Wiederherstellung der „alten Ordnung“ ab (restitutives Recht). Es geht also nicht um einen Racheakt, sondern nur darum, die ursprüngliche Situation (vor dem Vergehen) wieder herzustellen. Allgemein ist das Recht ein guter Indikator für die vorherrschende Solidaritätsform. Denn je organischer die Solidarität ausfällt, desto weitläufiger muss auch das Rechtsystem für die unterschiedlichen Funktionen sein.

Die organische Solidarität ist das „natürliche Produkt“ aus der normalen Arbeitsteilung. Dafür muss diese aber auch dazu führen,dass der einzelne eine wechselseitige Bedingtheit, Wirkung und Abhängigkeit zu den Anderen empfindet unddass der Einzelne nicht nur isoliert seinen Tätigkeiten nachgeht. Gerade dieser Punkt lässt sich direkt auf die Pathologien der heutigen Wirtschaft beziehen. Insbesondere in der Industrie ist es fraglich, ob die einzelnen Arbeiter eben dieses Bewusstsein aufbauen können.

2.2 Die anormalen Formen der Arbeitsteilung

Gerade in der Sekundärliteratur wird zur Klärung der Arbeitsteilung und des gesamten Werkes das dritte Buch ‚Die anormalen Formen‘ aufgegriffen. Auch Durkheim wusste, dass sichdurch die Erforschung der Pathologien des Forschungsgegenstandesein besseres Verständnis ergibt (vgl. Medizin, Psychologie etc.) und stellte in Bezug auf die soziale Arbeitsteilung die drei „allgemeinsten und ernsthaftesten“ Formen (Durkheim und Luhmann 2012, S. 423) heraus. Diese lassen sich auf folgende Probleme verdichten: 1. zu wenig Reglementierung; 2. eine zu starke Regelung, die zu Zwängen führt; 3. eine falsche Koordination. Damit sind die drei Formen wie folgt benannt: 1. Die Anomische Arbeitsteilung 2. Die erzwungene Arbeitsteilung 3. Eine zu weit zerteilte Arbeitstteilung.

Diese anormalen Formen treten aber nicht deshalb auf, weil das Kollektivbewusstsein, sowie die mechanische Solidarität, zurückgehen, „sondern weil nicht alle Existenzbedingungen der organischen Solidarität erfüllt sind.“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 433) Wichtig für eine normale Entwicklung der Arbeitsteilung sind eine adäquate Reglementierung, die sich „von selbst […] als Verlängerung“(Durkheim und Luhmann 2012, S. 434) der Arbeitsteilung ergibt, eine „innere Solidarität“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 429), die sich im „spontanen Konsensus der Parteien“ ausdrückt, und ein „hinreichender und genügend langer Kontakt zwischen den solidarischen Organen“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 437).

Friedmann konstatierte schon 1956, dass Durkheim, falls er noch leben würde, die häufigsten Formen der Arbeit in Industrie, Büro und sogar im Handel als anormal abtun müsste. So auch die „Vervielfachung der Arbeitsaufgaben in der rationalisierten Industrie, wie sie in dem Vierteljahrhundert nach seinem Tod entstanden ist“ (Georges Phillipe Friedmann 1956, S. 16). Auch wenn Durkheim gegen diese Pathologie das Patentrezept, die „überflüssigen Verrichtungen zu beseitigen“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 459) und „die funktionale Tätigkeit eines jeden Arbeiters zu erhöhen“ (ebd.), zur Hand hätte, wirkt diese Maßnahme simplifizierend und wenig durchdacht.Es wird darauf noch weiter eingegangen werden müssen.

2.2.1 Die anomische Arbeitsteilung

Die erste und auch am weitläufigsten beschriebene anormale Form ist die anomische Arbeitsteilung. Für eine wirtschaftliche Analyse im Sinne Durkheims ist diese von herausragender Bedeutung. Zum einen bezog er die Auswirkungen dieser Pathologie selbst immer wieder auf die Ökonomie, zum anderen wird die anomische Arbeitsteilung im Folgenden ein brauchbares Werkzeug zur Analyse darstellen.

In der anomischen Arbeitsteilung ist die Harmonie der Funktionen durch eine fehlende Reglementierung gestört. So sind die „Beziehungen der Organe nicht geregelt“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 437) und es kommt nicht selten zur Isolation des Individuums in seiner hoch differenzierten Tätigkeit. Damit führt die Arbeitsteilung zur Desintegration oder wie Espinas es ausdrückte: „Teilung ist Zerstreuung“ (Espinas 1878, Schluss IV).Eine der Hauptursachen für die anomische Arbeitsteilung liegt in einem unzureichenden[19] Kontakt (bzw. Berührung) zwischen den Funktionen. Die Anomie tritt vermehrt auf, je spezialisierter die Funktionen sind und je größer die Komplexität der Arbeitsteilung ist.

Aber im Gegensatz zu Comte war für Durkheim der „Verlust an Ähnlichkeit kein krankhaftes Phänomen“ (vgl. Durkheim und Luhmann 2012, S. 433) und die anomische Form der Arbeitsteilung entsteht in diesem Sinne „nur unter ausnahmsweisen und anormalen Umständen“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 442).

Allerdings muss der einzelne Arbeiter, derin organischer Solidarität mit den anderen zusammenlebt,die Ziele und die Notwendigkeit seiner Funktion spüren (vgl. Durkheim und Luhmann 2012, S. 442). Dies voraussetzend behauptete Durkheim: „Wie speziell und wie einförmig seine Tätigkeit auch sein mag, sie ist deshalb immer noch die Tätigkeit eines intelligenten Wesens, denn sie hat einen Sinn, und er weiß um diesen.“ (ebd.) Diese Hypothese lässt sich besonders gut im Lichte des später aufgeführten Ford-Unternehmens untersuchen.

Bezogen auf die Wirtschaft lassen sich die industriellen und kommerziellen Krisen als „Teilzusammenbrüchen der organischen Solidarität“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 422)interpretieren, welche durch eine fehlende funktionale Abstimmung und Reglementierung ausgelöst werden.

Ganz im Sinne seiner historisch-komparativen Methode untersuchte Durkheim den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital. Dabei stellte er fest, dass schon ab dem 15. Jahrhundert die erste Trennung und damit auch die ersten Auseinandersetzungen zwischen den Meistern und den Lehrlingen aufgetreten waren. Und ab dem 17. Jahrhundert weitete sich die zwangsweise Beschäftigung weiter aus. Dies führte dazu, dass nicht mehr die Verbesserung des Produkts im Mittelpunkt stand, sondern der Interessenkonflikt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. In der großen Industrie hat sich diese Entwicklung noch weiter zugespitzt[20].

Durkheim ging schon zu seiner Zeit davon aus, dass die Arbeitsteilung durch die weitreichenden Veränderungen der Industrialisierung anomisch und damitreglementierungsbedürftig geworden ist. Mit seiner „time-lag-hypothese“[21] lässt sich dies auf die „außerordentliche Geschwindigkeit“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 439) der ökonomischen Umwandlungen zurückführen. In seiner Gegenwartsbeschreibung stellt er heraus, dass die Ökonomie als „die dominante Selbstbeschreibung der Moderne“ (Delitz 2013, S. 106) anzusehen sei. Somit wird der größte Teil des Lebens durch die „ökonomische Funktion absorbiert“ (vgl. Durkheim und Luhmann 2012, S. 44). Durkheim spricht selbst, so wörtlich, von den „ständig auflebenden Konflikte[n] […] und die verschiedenartigen Formen der Unordnung, deren trauriges Schauspiel uns die ökonomische Welt bietet“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 42 f.) und unter denen die Gesellschaft zu leiden habe. Allerdings legte Durkheim viel Hoffnung in die Berufsgruppen, um aus dieser von ihm beschriebenen Situation herauszuführen.

2.3 Die Rolle der Berufsgruppen

Wie auch Rene König[22] schon feststellte, ist die Theorie der Berufsgruppen im Vorwort zur 2. Auflage der Versuch die zuvor begründeten „Leerformeln“ (König 2013, S. 233) auf die menschliche Realität der alltäglichen Lebensweltzu übertragen. Dabei geht es Durkheim um zweierlei: Zum einen um die Moralisierung des Wirtschaftslebens, um aus der Krise der gesellschaftlichen Desintegration des Individuums herauszuführen, und zum anderen die Regulierung der gesellschaftlichen Beziehungen, die von Chamboredon als Krise der Integration der Gesellschaft als Organismus dargestellt wird (vgl. Chamboredon 2013).

Chamboredonweist Durkheims Berufsgruppen die „soziale Funktion berufsständischer Regulierung, eine moralische Repressions- und Integrationsfunktion und eine ökonomische Funktion der Kollektivierung des Eigentums“ (Chamboredon 2013) zu. Ersteres geht mit einer autoritären Stellung zur Vermittlung zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern einher. Auf moralischer Ebene wird die Berufsgruppe als Bindeglied zwischen „den Individuen und partikularen Gruppen auf der einen und dem Staat und der Gesellschaft auf der anderen Seite“ (Münch 2002, S. 73) ausgewiesen. In dritter Instanz gilt es das Eigentumsrecht in einer ausgeglichen Ebene zwischen den Extremen zu bewahren[23].

In der heutigen Wirtschaft übernehmen die Gewerkschaften teilweise ähnliche Funktionen. Allerdings ist die Gewerkschaft, wie es Friedmann ausdrückte, „in erster Linie nicht ein Instrument zur Verteidigung ihrer[24] Interessen; sie ist vielmehr sichtbarer Ausdruck und konkretes Symbol der Solidarität und ein Netz menschlicher Bindungen im Dschungel der modernen Industrie.“ (Georges Phillipe Friedmann 1959, S. 93)

Die Gesellschaft wird„zu einem System von eng miteinander zusammenhängenden Berufsgruppen“ (Münch 2008, S. 73), denn die korporativen Organisationen treten auf lange Sicht als „Familienersatz“ (vgl. Durkheim und Luhmann 2012, S. 58-59) auf, indem die Gemeinschaft der Interessen die Gemeinschaftdes Blutbandes ersetzt. Somit wird auch klar, warum die organische Solidarität nach Durkheim zwangsläufig mit der sozialen Arbeitsteilung einhergeht. Denn wenn Menschen in einer gesunden arbeitsteiligen Gesellschaft „Verträge bzw. Normen […] einhalten, [dann] weil sie in einer gemeinschaftlich geteilten Welt leben – und nicht weil sich schlichtweg ihre Interessen ergänzen“ (vgl.Münch 2002, S. 72).

Es geht Durkheim also nicht um eine wirtschaftssoziologische Sicht, wenn er die Berufsgruppen analysiert, sondern in seinem Fokus steht immer noch die moralsoziologische Untersuchung. Schon die Begrifflichkeiten machen dies deutlich, im Gegensatz zu Marx spricht Durkheim in diesem Zusammenhang nicht von Kapital, Mehrwerten und Produktionsmechanismen, sondern von Solidarität, Moral und Zusammenhalt.

Mit seinen großen Hoffnungen in die Berufsgemeinschaften und der selbstständigen Entstehung der organischen Solidarität (unter der Voraussetzung, dass alle entstellenden Umstände aufgehoben sind,) trifft Durkheim in der Sekundärliteratur allerdings auf kritische Stimmen. So spricht Friedmann von einer „ungenauen und vagen Beweisführung“ (Georges Phillipe Friedmann 1956, S. 19).

3 Die Mechanisierung der Arbeit am Beispiel des Autokonzerns „Ford“

Nach dem Theorieteil dieser Hausarbeit gilt es nun den Begriffsapparat auf die Praxis und wirtschaftliche Realität anzuwenden. Dafür eignet sich das Beispiel des historischen Autokonzerns „Ford“ ideal. Henry Ford, der Gründer des Unternehmens, revolutionierte das Prinzip der Fabrik und setzte völlig neue Akzente in den Prinzipien der Industrie. Es wurde sogar eigens für diese Revolution des Industriesektors ein Kunstbegriff geschaffen – der „Fordismus“[25]. Bereits in den ersten beiden Kapiteln wurden einige Verbindungen zwischen der fortschreitenden Industrialisierung, wie auch Mechanisierung der Arbeit, aufgezeigt. Dieser Ansatz wird nun vertieft und weiterentwickelt, wodurch die soziale Arbeitsteilung noch einmal vor einem völlig neuen Hintergrund untersucht werden kann. Im Zentrum der Aufmerksamkeit sollen in diesem Kapitel weniger die Firmengeschichte, die wirtschaftliche Entwicklung oder Henry Ford selbst stehen. Es sollen vielmehr die neuen sozialen Verhältnisse und Arbeitsformen mit Durkheims Ideen der „Sozialen Arbeitsteilung“ analysiert werden.

Schon hier ist vorwegzunehmen, dass Emile Durkheim bei dieser Firma vollkommen „außergewöhnliche Zustände“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 463) erkannt haben müsste, um die Arbeitsteilung in den Ford-Werken erklären zu können. Dies resultiert aus verschiedenen Eigenheiten der Arbeit in den Ford-Werken.

[...]


[1] Im Folgenden steht die Betrachtung der globalen (Auto-)Industrie und des Börsenhandels im Fokus

[2] 1. Auflage in Französisch: „ De la division du travailsocial“

[3] Zum Beispiel auch im Vorwort der hier genutzten Ausgabe des Werkes (vgl. Durkheim und Luhmann 2012, S. 35–36).

[4] Georges Phillipe Friedmann (1902 – 1977) studierte nicht nur an der gleichen Pariser Universität (École normale supérieure) wie Durkheim, sondern beschäftigte sich gleichfalls als Soziologe auch mit den Arbeitsphänomenen seiner Zeit.

[5] Natürlich haben sich auch andere große Denker (z.B. Max Weber oder Karl Marx) mit der Arbeitsteilung beschäftigt, aber diese können hier leider aus Rücksicht auf die Stringenz dieser Arbeit höchstens am Rande erwähnt werden.

[6] Jean-Claude Chamboredon (geb. 1930) absolvierte ebenfalls die Ecole normale supérieure und arbeitete lange mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu zusammen.

[7] Gemeint ist hiermit die Zeit nach Durkheims Tod 1917.

[8] Emile Durkheim starb am 15.11.1917.

[9] Auch wenn er versucht sichdeutlich von diesen abzuheben, verfällt Durkheim letztlich doch in ähnliche Denkmuster wie Auguste Comte (1798 – 1857) oder Herbert Spencer (1820 – 1903) (vgl. König 2013, S. 229).

[10] Durkheim spricht in diesem Zusammenhang auch von der Arbeitsteilung ersten Grades.

[11] Als Beispiele werden hierfür Krebs, Mikroben und Verbrechen genannt.

[12] „Funktion“ meint hierbei ein der Arbeitsteilung entsprechendes „Bedürfnis“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 95).

[13] Soziales kann nur mit Sozialem erklärt werden (s. Durkheim 1980).

[14] D.h. eine wenig differenzierte und einfach strukturierte Gesellschaft

[15] Segmentäre Gliederung in Clans oder Familien.

[16] „Die Gesamtheit der gemeinsamen religiösen Überzeugungen und Gefühle im Durchschnitt der Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft bildet ein umgrenztes System, das sein eigenes Leben hat; man könnte es das gemeinsame oder Kollektivbewusstsein nennen.“ (Durkheim 1980, S. 128).

[17] „Die Arbeitsteilung übernimmt immer mehr die Rolle, die früher das Kollektivbewusstsein erfüllt hatte.“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 228) Und König schreibt zu der Entwicklung des Kollektivbewusstseins: „[…] das Bewußtsein zieht sich mehr und mehr von konkreten Dingen zurück und wird entsprechend immer abstrakter, womit individuelle Abweichungen immer mehr Spielraum erhalten.“ (König 2013, S. 232).

[18] Durkheim spricht davon, dass die Funktionen nicht mehr nach der Geburt, also der natürlichen Zugehörigkeit zu einem Stand, einer Familie oder Klasse bestimmt werden, sondern auf die „natürlichen Talente“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 444).

[19] Der Kontakt kann auch zu frisch oder von zu geringer Dauer sein (vgl. Durkheim und Luhmann 2012, S. 438).

[20] s. dazu Kapitel 4.

[21] Gemeint ist hiermit eine Asynchronität verschiedener Entwicklungen in der Gesellschaft. (Nämlich der wirtschaftlichen Entwicklung auf der einen und der sozialen Solidarität auf der anderen Seite.) Durkheim spricht zum Beispiel von der Unausgeglichenheit der „konfligierenden Interessen“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 439) im Industriesektor.

[22] René König (1906 – 1992) war ein deutscher Soziologe und Professor an der Universität zu Köln. Mit der von Clemens Albrecht 2013 herausgegebenen Schrift „Emile Durkheim“ lässt sich König als Kenner der französischen Soziologie rund um Durkheim ausweisen.

[23] So schlägt Durkheim vor, dass die Berufsgruppen das Eigentum „entweder selbst besitzt und bewirtschaftet oder sie bei jedem Todesfall“ (Durkheim und Luhmann 2012, S. 74) erneut verwaltet.

[24] Gemeint sind hier die Arbeiter.

[25] Zur Begriffserklärung siehe Rüdiger Hachtmann 2011.

Details

Seiten
26
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668285798
ISBN (Buch)
9783668285804
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338936
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Soziologie und Politikwissenschaften
Note
Schlagworte
Durkheim Arbeitsteilung Anormal Theorie Soziologie Wirtschaft Kapitalismus Fordismus Taylorismus

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Titel: Émile Durkheims Konzept der sozialen Arbeitsteilung. Lässt sich die Ökonomie des 20. und 21. Jahrhunderts mit den Begriffen Durkheims erklären?