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"Nationale Realpolitik". Stresemanns außenpolitische Prinzipien und Ziele

Hausarbeit 2016 16 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Der Ruhrkampf 1923 als Auftakt zur Ära Stresemann

II. Die Republik in der Phase der relativen Stabilisierung 1924-1929
1. Der Dawes-Plan (1924)
2. Die Locarno-Konferenz (1925)
3. Der Berliner Vertrag (1926)
4. Die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund (1926)
5. Der Briand-Kellogg-Pakt (1928)

Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

[1] Die Beurteilung seiner Person[Gustav Stresemann[2], d. Verf. ]und seiner Politik hatte schon zu seinen Lebzeiten und noch lange danach, im In- und im Ausland, immer wieder Kontroversen ausgelöst. War er Monarchist oder Demokrat, Nationalist oder Europäer, Idealist oder Realist, Annexionist oder ein Mann des Friedens?[3]

So beschreibt der ehemalige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Joschka Fischer, in seinem Artikel aus dem Jahr 2000 die Ambivalenz Gustav Stresemanns und dessen Politik. Da die Behandlung aller oben genannten Aspekte den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen würde, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit dem wohl wichtigsten Aspekt der Politik Stresemanns: der Außenpolitik.

Seit dem Krisenjahr 1923 übte Stresemann das Amt des Reichministers des Auswärtigen in der Weimarer Republik aus und wurde damit zu der prägenden Figur der deutschen Außenpolitik bis zu seinem Tod 1929. Durch seine neue, konsequent verfolgte Außenpolitik gelang es, die innen- und außenpolitische Lage der jungen Republik innerhalb der europäischen Mächtekonstellation zu verbessern und allmählich zu stabilisieren.

Diese neue Form der Außenpolitik lässt sich an fünf wichtigen Ereignissen unter Außenminister Stresemann festmachen: dem Dawes-Plan von 1924, der Locarno-Konferenz von 1925, dem Berliner Vertrag mit der Sowjetunion aus dem Jahr 1926, der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund 1926 sowie Stresemanns Mitwirken am Briand-Kellogg-Pakt von 1928. Unter Stresemann wurde sowohl mit den westlichen Mächten als auch mit der Sowjetunion verhandelt und Verträge abgeschlossen. Die historische Fragestellungfür diese Hausarbeit lautet demnach: „Gustav Stresemanns Außenpolitik zur Zeit der Weimarer Republik: Zwischen Konfrontation und Kompromissbereitschaft?“

Für die Untersuchung der Außenpolitik Gustav Stresemanns gibt es zahlreiche Quellen, u. a. die oben genannten Verträge sowie diverse Reden und Stellungnahmen von Politikern aus dieser Zeit. In diesem Fall steht die Authentizität der Quellen nicht in Frage, da diese in gleicher Aufmachung mehrfach überliefert sindund ihre Echtheit insofern höchst wahrscheinlich ist. Diese Arbeit basiert hauptsächlich auf der Grundlage der verschiedenen Vertragswerke und untersucht diejenigen Reden Stresemanns, in denen er sich deutlich zu seiner Außenpolitik und den betreffenden Verträgen und Abkommen äußerte. Hierfür werden insbesondere die Quelleneditionen verwendet, die von Wolfgang Michalka und Gottfried Niedhart[4] sowie Wolfgang Elz[5] herausgegeben wurden.

Ein weiteres zentrales Werkfür diese Arbeit ist neben Eberhard Kolbs anschaulicher Biografie „Gustav Stresemann“[6] Gottfried Niedharts Monographie „Internationale Beziehungen 1917-1947“[7], die, obwohl sie schon älter ist, Stresemanns Außenpolitik sehr verständlich im internationalen Kontext darstellt. Des Weiteren stellt Andreas Rödders Artikel „Der Mythos von der frühen Westbindung“[8] ein wichtiges Werk für diese Untersuchung dar, da gerade hier mit einer Vielzahl von Quellen gearbeitet wurde, die die Grundsätze der Außenpolitik Stresemanns belegen und untermauern.

Um die eingangs genannte historische Fragestellung zu beantworten, wird zuerst auf das Krisenjahr 1923 in Bezug auf den Ruhrkampf eingegangen, da dieser den Auftakt zur Ära Stresemann darstellt. Im Anschluss werden die oben genannten fünf wichtigsten Stationen unter Außenminister Stresemann erläutert und aufgezeigt, inwiefern Stresemann in seinem neuen Kurs auf Konfrontation bzw. Kompromisse abzielte.Zum Schluss wird versucht, eine begründete Stellungnahme zu der hier zur Disposition stehenden Frage darzulegen. Die These für diese Arbeit lautet: „Gustav Stresemanns Außenpolitik war grundsätzlich auf Kompromissbereitschaft aus, sowohl gegenüber dem Westen als auch der Sowjetunion.“

I. Der Ruhrkampf 1923 als Auftakt zur Ära Stresemann

Nachdem zu Beginn des Jahres 1923 französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet einmarschiert waren, veranlasste der damalige Reichskanzler Cuno den „passiven Widerstand“ und unterstützte die dortige Bevölkerung dementsprechend. Ziel war es, den Widerstand so lange durchzustehen, bis das Ausland eingriff und half, eine Lösung in der Reparationsfrage, insbesondere mit Frankreich, zu finden. Obwohl Gustav Stresemann zu diesem Zeitpunkt die Regierung in ihren Plänen unterstützte und den passiven Widerstand als solchen begrüßte, betonte er im April 1923, dass der passive Widerstand lediglich eine Maßnahme für einen Wiederaufbau darstellen könne und verlangte aus diesem Grund eine flexiblere Ruhrpolitik.„Stresemanns neuer Kurs“[9] zielte darauf ab, dass sowohl das Rheinland als auch das Ruhrgebiet weiterhin zur Weimarer Republik gehören sollten und dass der passive Widerstand nur dann aufgegeben werden konnte, wenn gleichzeitig die Besatzungstruppen die besetzten Gebiete räumten.[10]

Nachdem Stresemann im August 1923 neben dem Amt des Reichskanzlers auch Außenminister geworden war, veranlasste er im September desselben Jahres aufgrund der sich im Lande verschlimmernden Krise[11] die Aufhebung des passiven Widerstands gegen die Ruhrbesetzung.[12] Zur Bedeutung des Ruhrkampfes und seinen Auswirkungen äußerte sich Stresemann im Januar 1924 in seiner Rede anlässlich der Reichsgründungsfeier der DVP in Hamburg folgendermaßen:

Heute ist dieser Kampf verloren. […] Der Kampf hat tatsächlich viel Unheil über unendlich viele gebracht, der Gedanke des Kampfes war deshalb aber kein falscher, denn er hat der Welt die große Aufopferung, der unser Volk fähig ist, gezeigt. […] Wie wichtig dieser Kampf war, das sehen wir gerade in der Gegenwart, in der wir leben. In dem großen Kampfe um die Erhaltung des Reiches war der Ruhrkampf mehr als eine Epoche, mehr als eine heute verlorene Schlacht.[13]

Es ist deutlich zu erkennen, dass Stresemann weiterhin von der Ideologie des Ruhrkampfes überzeugt war. Er verband mit dem Ruhrkampf aber auch den gesamten Kampf für den Erhalt des Reiches. Hier lässt sich gut erkennen, dass Stresemann die Revisionspolitik durchaus fortführte, nur nicht mehr auf einem so radikalen Weg wie seine Vorgänger, denn die Regierung Stresemann hatte Frankreich signalisiert, dass man bereit war, über die Reparationsfrage Verhandlungen zuführen. Dies war auch nach der Niederlage des Ruhrkampfes der Fall. Allerdings beharrte Frankreich weiterhin auf seinem resoluten Konfrontationskurs gegenüber Deutschland, bis sich die Erschöpfung der französischen Finanzen anbahnte. Es lag nun an Frankreich, an einer Lösung der Ruhrkrise mitzuwirken.[14] Deshalb stimmte der französische Ministerpräsident Poincaré „der Einsetzung von zwei Expertenkommissionen zu, die die Zahlungsfähigkeit, Möglichkeiten finanzieller Sanierung und künftige Reparationsverpflichtungen Deutschlands untersuchen sollten“[15].Diese „Neujustierung der europäischen Mächtekonstellation“[16] ermöglichte es Stresemann, seine Form der Außenpolitik durchzusetzen, die sich in den Konferenzen und Beschlüssen der folgenden Jahre deutlich zeigte und maßgebend dafür war, dass sich die Weimarer Republik hin in eine Phase relativer Stabilisierung bewegte.[17]

[...]


1 Zur Zitierweise: Literatur und Kommentare werden durchgängig mit dem Nachnamen des Verfassers und dem Erscheinungsjahr angegeben. Die vollständigen Titel finden sich im Literaturverzeichnis. Die benutzten Ausgaben der Quellenautoren sind im Quellenverzeichnis nachgewiesen. Für Sammelwerke werden die gängigen Abkürzungen verwendet.

2 Gustav Stresemann (1878-1929) war Mitglied der Deutschen Volkspartei und im Krisenjahr 1923 Reichskanzler und Reichsminister des Auswärtigen der Weimarer Republik. Das Amt des Außenministers behielt er bis zu seinem Tod inne.

3 Joschka Fischer: Außenpolitik im Widerspruch. Was Gustav Stresemann erreichte, woran er scheiterte und was daraus gelernt wurde, in: Die Zeit, Februar 2000 (http://www.zeit.de/2000/06/200006.t-stresemann_.xml).

4 Wolfgang Michalka/Gottfried Niedhart (Hrsg.): Deutsche Geschichte 1918-1933. Dokumente zur Innen- und Außenpolitik, Neuausgabe, Frankfurt am Main 2002.

5 Gustav Stresemann: Reden der Kanzler- und Außenministerzeit (1923-1929), hrsg. u. bearb. von Wolfgang Elz, Mainz 2014 (http://www.geschichte.uni-mainz.de/neuestegeschichte/795.php).

6 Eberhard Kolb: Gustav Stresemann, München 2003.

7 Gottfried Niedhart: Internationale Beziehungen 1917-1947, Paderborn 1989.

8 Andreas Rödder: Der Mythos von der frühen Westbindung. Konrad Adenauer und Stresemanns Außenpolitik, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (VfZ), 41/1993, S. 543-573.

9 Zit. nach Rödder1993, S. 545.

10 Vgl. ebd.

11 Krüger stellt in seinem Text die Lage der Weimarer Republik im Jahr 1923, die der Anlass für die Aufgabe des passiven Widerstands vonseiten der Regierung Stresemann war, ziemlich anschaulich dar, indem er sie als einen „Blick in den Abgrund von zerstörten Lebensgrundlagen, innerer Zersetzung, Umsturzgefahr und außenpolitischer Hilfslosigkeit“ (Peter Krüger: Das doppelte Dilemma: Die Außenpolitik der Republik von Weimar zwischen Staatensystem und Innenpolitik, in: German Studies Review (GSR), 22/1999, S. 255.) beschreibt.

12 Vgl. Niedhart1989, S. 55f.

13 Gustav Stresemann: Rede bei der Reichsgründungsfeier der DVP in Hamburg (17.01.1924), in: dßenministerzeit (1923-1929)öders. 2014, S. 4-13, hier S. 4f.

14 Vgl. Rödder 1993, S. 548f.

15 Niedhart 1989, S. 57.

16 Rödder 1993, S. 549.

17 Vgl. ebd., S. 549f.

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668284142
ISBN (Buch)
9783668284159
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338877
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
nationale realpolitik stresemanns prinzipien ziele

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