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Bildungsbegriffe in Aufklärung und Neuhumanismus. Was heißt Bildung bei Kant, Basedow und Humboldt?

von Theresa Hoch (Autor)

Hausarbeit 2015 14 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bildung und Erziehung zur Zeit der Aufklärung
2.1 Über Kants Bildungsbegriff
2.2 J.B. Basedow
2.2.1 Basedows Elementarbuch
2.2.2 Dessauer Philanthropin

3. Bildung und Erziehung im Neuhumanismus
3.1. Wilhelm von Humboldt und die Bildung des Menschen

4. Abschließender Vergleich des Bildungsbegriffs in Aufklärung und Neuhumanismus

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit den Bildungsbegriffen zur Zeit der Aufklärung und des Neuhumanismus auseinander. Die Auseinandersetzung erfolgt in erster Linie anhand der Seminarlektüre, einige andere Werke werden der Betrachtung hinzugezogen.

Der erste Teil der Arbeit soll den Bildungsbegriff der Aufklärung erörtern. Hierzu wird vor allem der Bildungsbegriffs Kants, als einem der wichtigsten Vertreter der deutschen Aufklärung, betrachtet sowie das philanthropische Konzept Basedows.

Im Anschluss folgen Ausführungen zum neuhumanistischen Bildungsbegriff, den vor allem Humboldt geprägt hat.

In einer abschließenden Betrachtung sollen beide Bildungsbegriffe miteinander verglichen werden.

In der „Encyklopädie der Pädagogik“ von 1860[1] heißt es:

„Bildung, nenn man die durch die Erziehung angeregte, durch freie Selbstthätigkeit geleitete harmonische Entwicklung aller dem Menschen innewohnenden geistigen Kräfte und Anlagen nach einem festen und höchsten Ziele hin, welches uns überhaupt in der Bestimmung des Menschen zur Gottähnlichkeit vorgehalten wird.“

Weiter ist die Rede davon dass Erziehung und Bildung sich nicht bloßen Ideen und Wünschen hingeben sollten, sondern durchaus so angelegt sein sollten, dass man eine gewissermaßen primitivere Existenzstufe verlässt, ein solcher Mensch wird hier als „Lastthier“ bezeichnet. Eigentlich nämlich sollte es für jeden Menschen von Interesse sein, in nach Höherem zu streben. Konkret bedeutet das in diesem Fall, dass Erziehung und Bildung auch hinsichtlich des menschlichen Interesses an der genauen Kenntnis der Erde, der Menschheitsgeschichte, der Natur und Naturgesetze, an großen Werken des menschlichen Geistes und Sprachkenntnissen ausgerichtet sein sollte.

Bei Dörpinghaus[2] heißt es:

„Mit dem Begriff der Bildung sind traditionsreiche und vielschichtige Vorstellungen von Gestaltungsprozessen (formatio) und Zuständen (forma) verbunden, die diesen Kernbegriff der Erziehungswissenschaft und Pädagogik markieren. Er wird zumeist verwendet, um den Prozess von Bildung, eine regulative Idee als Deutungsmuster von Erfahrungen, sozialen Realitäten und anthropologischen Normen, ein spezifisches Ethos (habitus), die Aneignung von Kultur oder die Gestaltung des Selbst zu beschreiben. Während Erziehung und Ausbildung von außen bewirkt werden, ist Bildung auf den reflexiven Prozess des Sichbildens verwiesen.“

Formal betrachtet geht es hierbei auch um einen kritisch-reflexiven Selbstbezug, Sozialbezug und Sachbezug des Menschen. Der ethische Aspekt ist hierbei von besonderer Bedeutung, aber natürlich spielen auch Begriffe wie Macht und Wissen eine Rolle und sollten im Bildungshorizont Beachtung finden. Ein weiterer Aspekt ist der der Endlichkeit des menschlichen Daseins. Das leiblich-kognitive Wesen Mensch befindet sich in einem linearen Zeitgeschehen und deutet seine Welt unter Bezugnahme zu den Mitmenschen als eine Welt mit Sinn und Bedeutung, in welcher es nicht darum geht zu reagieren, sondern zu antworten.

Auf wissenschaftlicher Ebene nähert man sich dem Bildungsbegriff in Form der Bildungstheorie an. Hier wird sich mit dem Bildungsbegriff begrifflich, theoretisch oder auch empirisch auseinandergesetzt.

Der Bildungsbegriff vereint seit der Antike verschiedene Konzepte und Vorstellungen.

„Seiner Herkunft nach vereint der Bildungsbegriff bis heute antikes Gedankengut einer freien Lebensführung (paideia) und der Selbstsorge (epimeleiaheautou), christliche Ebenbildlichkeitsvorstellungen im Spannungsfeld von Schöpfer und Geschöpf (imago die), die neuzeitliche Vorstellung von der Selbstzweckhaftigkeit des Menschen und die Frage nach geeigneten Gegenständen von Bildungsprozessen.“[3]

Erst Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt sich der Bildungsbegriff hinsichtlich einer pädagogischen Bedeutung. Die Aufklärungsbewegung in Europa und der Neuhumanismus tragen das ihrige „zu einem konzeptionellen Fächerterminus der Pädagogik“ bei.

Durch die fortschreitende Säkularisierung der Neuzeit treten in das Zentrum des Bildungsbegriffs anthropologische und kulturell-soziale Aspekte.

Anfang des 19. Jahrhunderts wird Bildung funktionalisiert, was innerhalb eines Berechtigungswesens geschieht. Dies hatte zur Folge, dass man Bildung bis heute auch mit individuellem, gesellschaftlich sozialem und wirtschaftlichem Fortschritt verbindet.[4]

2. Bildung und Erziehung zur Zeit der Aufklärung

2.1 Über Kants Bildungsbegriff

Für Kant steht die Bildung des Menschen in Kontext von Autonomie und Mündigkeit, ganz im Sinne seines Aufklärungsbegriffs.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapereaude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[5]

Wichtig ist bei Kant der Aspekt vom Menschen als Zweck an sich selbst, was bedeutet, dass der Mensch niemals als bloßes Mittel betrachtet und behandelt werden darf. „Diese Selbstzweckhaftigkeit begründet bis heute das Fundament eines Rechts auf Bildung.“ [6]

In seiner Schrift über Pädagogik äußert Kant[7], dass der Mensch das einzige Geschöpf sei, welches der Erziehung bedarf. Um den Beziehungsbegriff nach seinem Verständnis zu erläutern, verwendet Kant Begriffe wie Wartung, Disziplin oder Zucht. Der Mensch ist nach Kant entweder Säugling, Zögling oder Lehrling.

Im Gegensatz zum Menschen wissen Tiere von selbst, wie sie ihre Kräfte einzusetzen haben und benötigen daher diese „Wartung“ nicht. Kant meint damit, dass beim Menschen die Eltern Vorsorge treffen sollen, dass die Kinder keinen schädlichen Gebrauch von ihren Kräften machen. Denn offenbar wissen diese nicht von Geburt an, was gut und was schädlich ist. Disziplin und Zucht sind es, die das Tier-Sein vom Mensch-Sein unterscheiden. Tiere wissen schon alles durch eine gewissermaßen fremdbestimmte, äußere Vernunft. Der Mensch jedoch muss sich seiner eigenen Vernunft bedienen. Und da Kinder dazu noch nicht in der Lage sind, muss dies am Anfang durch andere, durch Erziehung geschehen. Dem Menschen scheint laut Kant alles mitgegeben zu sein, was er benötigt, jedoch muss dies durch eigenes Bemühen und nicht durch Fremdbestimmung zum Vorschein kommen.

Kant spricht von einer Bestimmung der Menschheit, die genau im eben Genannten zu bestehen scheint. Und nur die Disziplin scheint dafür zu sorgen, dass der Mensch nicht seinen ebenfalls innewohnenden, tierischen Trieben verfällt.

In der Erziehung nimmt dabei die Zucht dem Menschen die Wildheit, diesen Teil beschreibt Kant als eher negativ. Positiv ist jedoch der andere Teil der Erziehung, die Unterweisung. Kant beschreibt es als wichtig, dass man – nicht zuletzt, weil der Mensch einen großen Freiheitsdrang besitzt - schon im frühen Kindesalter lernt, sich an Gesetze zu halten und nicht direkt jeder Laune folgen will.

Bildung im Sinne Kants besteht also aus Zucht und Unterweisung.[8] Und laut Kant wird der Mensch nur durch Erziehung zum Menschen und überhaupt zu dem, was er ist. Wer nicht kultiviert ist, sagt Kant, ist roh. Und wer nicht diszipliniert ist, ist wild – wobei Kultivierung auch noch im höheren Alter nachgeholt werden kann, ein Mangel an Disziplin jedoch und dadurch nicht überwundene Wildheit, kann später nicht mehr abgelegt werden. Kant sieht die Erziehung offenbar als einen fortschreitenden Prozess, der sich von Generation auf Generation überträgt und immer besser wird mit dem Ziel der Vervollkommnung der Menschheit. Kant spricht vom großen Geheimnis der Vollkommenheit der menschlichen Natur, welches sich hinter der Erziehung verbirgt – und zum Ziel offenbar ein künftiges, glückliches Menschengeschlecht hat. Und nur weil eine mögliche ideale Idee von der Erziehung oder auch in Bezug auf andere Bereiche nicht direkt in der Realität so umsetzbar ist, muss sie laut Kant nicht gleich verworfen werden. Denn dass die Ideale als Idee existieren, bedeutet gewissermaßen auch, dass man sich an ihnen zumindest orientieren und vielleicht nach und nach dorthin bewegen kann. Kant stellt häufige Vergleiche mit der Natur an. Er spricht von vielen Keimen, die in der Menschheit liegen und nur zur Entwicklung gebracht werden müssen. Es ist hier die Rede von Bestimmung. Tiere müssen diese nicht erst kennen, um ihr entsprechend zu handeln, der Mensch jedoch muss zunächst danach suchen, um dann zu einer Umsetzung zu kommen. Und es geht Kant hierbei nicht nur um den einzelnen Menschen, sondern um die gesamte Menschheit.

„Die Vorsehung hat gewollt, daß der Mensch das Gute aus sich selbst herausbringen soll, und spricht so zu sagen zum Menschen: "Gehe in die Welt, - so etwa könnte der Schöpfer den Menschen anreden! ich habe dich ausgerüstet mit allen Anlagen zum Guten. Dir kommt es zu, sie zu entwickeln, und so hängt dein eignes Glück und Unglück von dir selbst ab." Der Mensch soll seine Anlagen zum Guten erst entwickeln; die Vorsehung hat sie nicht schon fertig in ihn gelegt; es sind bloße Anlagen und ohne den Unterschied der Moralität. Sich selbst besser machen, sich selbst cultiviren und, wenn er böse ist, Moralität bei sich hervorbringen, das soll der Mensch. Wenn man das aber reiflich überdenkt, so findet man, da dieses sehr schwer sei. Daher ist die Erziehung das größte Problem und das schwerste, was dem Menschen kann aufgegeben werden.“[9]

Somit sollen Kinder so erzogen werden, dass sie zu einer guten Entwicklung der gesamten Menschheit beitragen, also soll die Erziehung nicht nur der Gegenwart sondern auch der Zukunft und der Bestimmung der Menschheit gerecht werden.

2.2 J.B. Basedow

Basedow (1724-1790) gilt als Begründer der philanthropischen Bewegung und als führender Vertreter der Aufklärungspädagogik in Deutschland. Als Zeitgenosse Goethes findet sich in dessen „Dichtung und Wahrheit“ folgende Beschreibung über Basedow :

„[…]wie er voller Eifer für seine Ideen in einem vernachlässigten Äußeren herumläuft, dauernd sich in undurchdringliche Wolken eines abscheulichen Tabaks hüllt, und sich mit allen Menschen durch den Fanatismus verzankte, mit dem er das Christentum von allen vernunftwidrigen Bestandteilen reinigen wollte[…]“[10]

1768 veröffentlichte er während seiner Lehrtätigkeit am Gymnasium Altona seine Schrift: „Vorstellung an Menschenfreunde und vermögende Männer über Schulen, Studien und ihren Einfluß in die öffentliche Wohlfahrt, mit einem Plane eines Elementarbuchs der menschlichen Erkenntnis“.

Basedow kritisierte darin das Schulwesen, besonders auch das der Universitäten, er sprach sich bzgl. der Erziehung für das Recht des Staates aus und verweigerte der Kirche jeglichen Einfluss auf das Schulwesen.

2.2.1 Basedows Elementarbuch

Basedow gründete einen Plan für eine nach seinem Anspruch wirklich gute Schulbibliothek, welche nachfolgend zitierte Kriterien beinhalten sollte:

„eine ordentliche Folge von nützlichen Schulbüchern, welche einförmig zu dem wichtigsten Zwecke fortschritte; welche von dem Alphabete des menschlichen Verstandes anfinge; welche die zu allen Ständen nötigen Erkenntnisse zuerst festsetzte, alsdann zur Unterweisung der mittlern Bürger Gelegenheit gäbe und sich mit den Gründen der Wissenschaft eines Studierenden endigte.“[11]

Der erste wichtige Bestandteil dieser Bibliothek war das sog. „Elementarbuch“, welches für „die Jugend und ihre Freunde in gesitteten Ständen“ galt und im Jahr 1774 den Titel „Elementarwerk“ erhielt.

Es besteht aus vier Textbänden und einem Bildband mit Kupferstichen Chodowieckis. Basedow selbst beschreibt den Grundgedanken dieses Werkes folgendermaßen: anfangen soll es schon mit den ersten Erkenntnissen, die ein Kind hat. Es soll jeglicher Gegenstand für die Bildung von sowohl Herz als auch Verstand des Kindes darin behandelt werden und alles davon zum richtigen Zeitpunkt. Basedow erhebt für sein Werk den Anspruch auf Vollständigkeit.

„Das Elementarbuch soll mit den allerersten Erkenntnissen eines Kindes anfangen ... Ein jeder Gegenstand wird zur rechten Zeit, nicht zu früh und nicht zu spät für die Bildung des Verstandes und Herzens der Kinder darinnen vorkommen. Ich werde keine einzige Stufe der ordentlich fortschreitenden Natur darin überhüpfen. - Es wird als das erste Buch im Unterrichte der Kinder so vollständig sein, daß darinnen ein fruchtbarer Same zu aller Art von gemeinnützigen Erkenntnissen mit einer Ökonomie, die der Natur des Bodensgemäß ist, anzutreffen sein wird. - Die realen und verbalen Erkenntnisse sollen nach ihrem Werte und nach dem Bedürfnisse der Kinder in gehöriger Proportion stehen. Ihr Gedächtnis soll angewöhnt werden, dem vorgängigen Verstande zu dienen, aber sich nicht die ganze Würde des Verstandes anzumaßen (§56).“[12]

Etwa hundert Jahre früher erstellte Amos Comenius ebenfalls ein Werk solcher Art. Dieser jedoch setzte bei Gott an und entfaltet entsprechend eine objektive Ordnung. Basedow hingegen setzt bei der kindlichen Lebenswelt an, womit sein Ansatz von einer subjektiven Ordnung für den Menschen ausgeht. Dies bezeichnet Bollnow als „Kopernikanische Wende“ der Pädagogik.

[...]


[1] Bildung, in: Encyklopädie der Pädagogik vom gegenwärtigen Standpunkte der Wissenschaft und nach den Erfahrungen der gefeiertsten Pädagogen aller Zeiten bearbeitet von einem Vereine praktischer Lehrer und Erzieher. Erster Band A-L. Leipzig: Schäfer, 1860, S. 77

[2] Dörpinghaus, A.: Bildung, in: Klinkhardt Lexikon Erziehungswissenschaft. Bad Heimbrunn: Julius Klinkhardt, 2011, S. 154ff.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Kant, I.: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? - Kapitel 1 Quellenangabe. Projekt Gutenberg: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3505/1 (Abgerufen am 21.04.2015)

[6] Dörpinghaus, S. 154ff.

[7] Rink, D. Friedrich Theodor (Hrgs.) Immanuel Kant über Pädagogik., S. 441

[8] Ebd., S. 443

[9] Ebd., S. 446

[10] Bollnow, Otto Friedrich: Johann Bernhard Basedow (Vorlesung). http://www.otto-friedrich-bollnow.de/doc/BasedowV.pdf, S. 2

[11] Ebd.

[12] Ebd., S. 3

Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668284029
ISBN (Buch)
9783668284036
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338802
Note
Schlagworte
Bildungsbegriff Aufklärung Neuhumanismus Kant Basedow Humboldt

Autor

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    Theresa Hoch (Autor)

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