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Die Appeasement-Politik von 1938-1939. Großbritannien als zurückhaltender Kontrahent gegenüber Deutschland?

Seminararbeit 2015 10 Seiten

Didaktik - Gemeinschaftskunde / Sozialkunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Allgemeine Grundzüge der Appeasement - Politik

3. Hitlers Außenpolitik von 1938-
3.1 Annexionen und Angliederungen an das Deutsche Reich
3.2 Legitimierungen der Expansion

4. Gründe für die britische Akzeptanz der Expansion Hitlers

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Im Jahr 2015 jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges zum 70. Mal. Zahlreiche Untersuchungen, Forschungen sowie Analysen liefernstets neue Ergebnisse und Befunde über den Zweiten Weltkrieg. Von besonderer Bedeutung ist die Wegbereitung des Krieges.Die Wissenschaft versucht, dieUrsachen eines Krieges zu analysieren und zu erschließen. Viele Historiker sind sich einig, dass die Appeasement-Politik einer von vielen Indikatoren für die Wegbereitung des Krieges von 1939-1945 ist.Diese beschreibt oft die Position Neville Chamberlains, dem britischen Premierminister von 1937-1940, gegenüber dem Deutschen Reich.[1]

Der Erste Weltkrieg zerrüttete das gesamte Mitteleuropa. Die Wirtschaftskraft der einzelnen Staaten war ermattet, die Bevölkerung von der Stärke des Kriegesgeschädigt und der Wunsch nach Frieden hatte bestand. Der Vertrag von Versailles (1919)wurde insbesondere in der deutschen Bevölkerung als „Schmachfrieden“ gewertet. Nicht nur die Kriegsschuldfrage war ein besonderer Aspekt des Unmuts, sondern auch die Tatsache, dass die Großmächte Deutschland nicht in ihre Europapolitik der Nachkriegszeit integrierten.[2] Noch im selben Jahr wurde die Weimarer Republik proklamiert. Die Hoffnung der Bevölkerung war, dass die Regierung das geschwächte Deutschland wieder aufbauen und zu neuer wirtschaftlicher sowie kulturellerBlüte führen wird. Dagegen war die Weimarer Republik von Instabilität geprägt. Die Republik hatte nicht nur viele konservative Gegner, fernerwar die Regierung nach kurzer Zeit nicht mehr in der Lage, Mehrheiten zu bilden und sich auf einen politischen Kurs zu einigen. Daraus resultierte, dass eine Vielzahl von Präsidialkabinetten in der Regierung eingesetzt wurde. Stets von Paul von Hindenburg, dem Reichspräsidenten der Weimarer Republik, ernannt. Zwar waren außenpolitische Erfolge zuerkennen, wie die Aufnahme in den Völkerbund 1925 (unter Stresemann) oder eine endgültige Festlegung der Reparationszahlungen, doch im Inneren der Weimarer Republik herrschten Unruhen und noch immer der Wille nach einer Stabilität in Wirtschaft, Kultur und Industrie.[3] Durch Propaganda, strukturierten Wahlkampf sowie strategisches Vorgehen gelang es Adolf Hitler (Vorsitzender der NSDAP)allmählich die Wählerzahlen anzuheben. Im Januar 1933 gelang es Hitler, von Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt zu werden.Hitler versuchte ein „tausendjähriges Reich“ – im Stil des Römischen Imperiums – aufzubauen. „Ist die nationalsozialistische Eroberungspolitik nur als die Sache Hitlers […] anzusehen, die eine friedliebende, aber unterworfene Bevölkerung […], mit einem vielfältigen Instrumentarium des Zwangs, der Propaganda und Verführung […] nötigten und verführten?“[4] In dieser Arbeit wird analysiert, warum Großbritannien unter der Führung Neville Chamberlains die expansive Außenpolitik Hitlers akzeptierte. Wie die Angliederungen vollzogen und gerechtfertigt wurden sowie von Großbritannien akzeptiert werden konnten.

2. Allgemeine Grundzüge der Appeasement - Politik

Das englische Verb „to appease“ bedeutet übersetzt „beschwichtigen“ oder auch „besänftigen“. Ergo ist die Appeasement-Politikeine Besänftigungspolitik. Oft wird diese Form der Politik als leichtfertig oder naivbetrachtet, da sie versucht, den Frieden durch Zugeständnisse zu erhalten.[5] Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges wurden dementsprechend alle Krisenherde klein gehalten. Die Großmächte Frankreich, Großbritannien und die USA versuchten, die Expansion Hitlers zurückhaltend zu beobachten und akzeptierten die Annexionen des Deutschen Reiches. Das Ziel war es,einen direkten Krieg zu vermeiden, da keine der Großmächte einen erneutenzerstörerischen Weltkrieg, wie das Desaster des Ersten Weltkrieges, erstrebte. Das Verhältnis zwischen den Großmächten Großbritannien und dem Deutschen Reich wurde als deutsch-britischer Antagonismus deklariert. Dies entspricht der Gegensätzlichkeit zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich.[6] Die Briten beobachtetenDeutschland, inwiefern sich die wirtschaftliche und rüstungstechnische Industrie entwickelte, da diese noch immer unter dem Erfüllungsdruck des Versailler Vertrages standen. Die Finanzlage der Deutschen wurde ebenso wenig außer Acht gelassen. Deutschland versuchte stets, sich vom Vorbild des westlich-kapitalistischen Wirtschaftssystems zu lösen.Mittels der Kooperation mit der britischen Regierung schuf sich Hitler einen guten, kollegialen Ruf. Doch die Gefahr, welche vom Deutschen Reich ausging, wurde nicht unterschätzt. Als Hitler begann die Rüstungsindustrie stetig aufzubauen, schwand der Ruf des anständigen Staatsführers, obwohl er betonte, mit friedlicher Absicht das Deutsche Reich durch seine Machtführung wieder aufbauenzu wollen. Nichtsdestowenigerbleibt zu klären, ob Hitler es gelang, die Westmächte -insbesondere Großbritannien-, durch seine strategische und als „ehrlich“ propagierte Außenpolitik, in den Jahren 1938 bis 1939, zu täuschen.[7]

3. Hitlers Außenpolitik von 1938-1939

3.1 Annexionen und Angliederungen an das Deutsche Reich

Die Expansion Hitlers begann nicht erst im Jahr 1938. Bereits 1935 veranlasste Deutschland die Saar-Abstimmung. Die Bewohner des Saargebietes sollten darüber abstimmen, ob sie Frankreich oder dem Deutschen Reich angehören wollen. Durch geschickt inszenierte Propaganda erreichte Hitler, dass sich 91 % der Wähler zurück zum Deutschen Reich sehnten. Nach zahlreichen weiteren Propagandazügen konnte am 13.3.1938 der Anschluss Österreichs zelebriert werden. Hitlers Vision vom „Großdeutschland“ wurdeverwirklicht. Allerdings benötigte Hitler die Zustimmung Großbritanniens, um einer Kriegsgefahr zu entgehen. Schlussendlich bekam er diese, da Großbritannien nicht in einen erneuten Krieg mit dem Deutschen Reich umschlagen wollte. Im Mai 1938 erfolgte die Mobilmachung der Tschechoslowakei.[8] Am 29. September 1938 wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet. Die Großmächte Frankreich, Italien und Großbritannien, sowie das Deutsche Reich einigten sich – sowohl zur Verhinderung eines Krieges, als auch zur Beendigung weiterer Annexionen Deutschlands – auf die Angliederung des Sudetendeutschlands an das Deutsche Reich. Ohne Anwesenheit des Staatschefs der Tschechoslowakei wurde beschlossen, dass sich die Slowaken aus dem Sudetengebiet entfernen und sich diese dem Willen des Deutschen Reiches zu beugen haben. Mit diesem Ereignis wird ersichtlich, welch großen Einfluss Hitler auf die Großmächte ausübte. Großbritannien versuchte stets den Frieden in Europa zu wahren. „Peace of our time“.[9] Ein Ausspruch Neville Chamberlainsnach der Münchner Konferenz, der verdeutlicht, wie sehr Chamberlain auf den Frieden in Europa bedacht war.Er versuchte mittels seiner Appeasement-Politik den Willen des expansiven und nicht zu unterschätzenden Deutschen Reiches zu erfüllen. Hitler erklärte nach der Münchner Konferenz, dass nun keine weiteren Annexionen geplant seien. Grundsätzlich beruhigte er augenscheinlich die Gemüter der angespannten Großmächte. Schon kurze Zeit spätersetzte Hitler weitere Angliederungen bzw. außenpolitische Maßnahmen durch: im März 1939 wurden die Gebiete Böhmen und Mähren als Reichsprotektorate unter deutsche Befehlsgewalt genommen. Hitler schickte Truppen nach Prag um die Tschechei zu besetzen. DiesesVorgehen propagierte er als „Zerschlagung der Rest-Tschechei“. Auch die souveräne Slowakei deklarierte Hitler zum deutschen Satellitenstaat. Dies verletzte das Münchner Abkommen, dennochblieben die Proteste der Großmächte auf einem sehr geringen Niveau. Zur Vervollkommnung des Expansionsstrebens besetzte das Deutsche Reich am 23. März 1939 das Memelgebiet, das seit dem Versailler Vertrag zum Staatsgebiet Litauens gehörte. Unter derDevise „Ich hole mir zurück, was mir gehört“ eroberte Hitler auch das Memelgebiet. Die Angliederungen an das Deutsche Reich waren nun vollendet und Hitlers „Großdeutschland“ als solches vereint. Durch Vertragsabschlüsse, die letztlich gebrochen wurden, erreichte Hitler alle Ziele, die er sich vornahm. Jede der Angliederungen, Annexionen oder Unterwerfungen wurden von den Großmächten beschwichtigt. Da Großbritannien immer wieder auf den Frieden hoffte und sich durch die Besänftigung zurückhalten ließ, folgte zugleich die Akzeptanz der expansiven Außenpolitik Hitlers.[10]

3.2 Legitimierungen der Expansion

Indes bleibt der Gedanke, wie Hitler diese Angliederungen und Erweiterungen des Deutschen Reiches rechtfertigte. Zunächst manipulierte Hitler die Bevölkerung. Durch Verfolgung und Gewaltanwendung schuf er eine Ebene der Angst und des Schreckens. Er kreierte durch das Auslösen von Gefühlen und Emotionen eine euphorische und loyale Stimmung in der Bevölkerung. Adolf Hitlerspieltedie Rolle eines verständnisvollen und doch autoritären Staatsmannes, der demVolk den richtigen Weg führen wird. Dank der Nähe zum Bauerntum und das Berufen auf alte Traditionen weckte Hitler den Geist der Zugehörigkeit einer Nation und einer gemeinsamen Vergangenheit.[11] Mithilfe Inszenierung sowie einstudierter Gestik und Mimik bei Reden schaffte Hitler die Atmosphäre des Nationalismus. „[…] wußte Hitler zu artikulieren und zu zelebrieren, was die Zuhörer halb unbewußt wünschten und fühlten.“[12] Dieses Gefühl von Volkszugehörigkeit und Zusammenhalt durchzog ganz Deutschland. Hitler war bestrebt, das Deutsche Reich als einheitliche Nation mit all seinen Ursprüngen zusammenzuführen. Alle Sanktionen, die der Versailler Vertrag beinhaltete, sollten revidiert werden.[13] Nach außen berief sich Hitler konstant auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das 1918 unter Woodrow Wilson proklamiert wurde. Dieses Recht bezieht sich auf die Souveränität eines Staates, der selbst und eigenständig über seine Politik – in allen Bereichen – bestimmen darf.

4. Gründe für die britische Akzeptanz der Expansion Hitlers

Neville Chamberlain vertrat, wie bereits erläutert, das System der Appeasement-Politik. Der britische Premierminister war bestrebt, sich nicht durch die expansive Außenpolitik Hitlers in einen erneuten Krieg verknüpfen zu lassen. Fortwährendwurden die Angliederungen und Annexionen des Deutschen Reiches akzeptiert, um Europa vor einem zweiten Weltkrieg zu schützen. Deutschland wurde keineswegs als ungefährlich erachtet. Jedoch wurde das Deutsche Reich als Bestandteil Europas gesehen, das unverzichtbar für Wirtschaft und Ökonomie arbeitete. Als dennoch die Rüstung in Deutschland vorangetrieben wurde, rief dies negative Reaktionen in Großbritannien hervor. Eine Kommission der Briten im Jahr 1933 setzte sich als Ziel, die von den Deutschen ausgehende Gefahr zu analysieren. Sie kam zum Urteil, dass das Deutsche Reich als ein möglicher Feind zu sehen ist. Hingegen herrschte zu diesem Zeitpunkt geringe Gefahr, da auch Deutschland noch nicht in der Lage war, einen Krieg auszutragen. Dies verdeutlicht, dass Großbritannien keineswegs naiv gegenüber Deutschland gewesen war. Die Appeasement-Politik sollte lediglich vor einem erneuten Krieg schützen. Ein Krieg mit dem Deutschen Reich würde sehr lang und verheerend werden, was sich letztendlich als Wahrheit herausstellen sollte. Zum einen angesichts der neuen Waffen und zum anderen dank der Rüstungsstärke Deutschlands. Auch die Großmachtstellung Großbritanniens in den ostasiatischen Kolonien und im Mittelmeerraum war gefährdet. Ergo, wenn Großbritannien an der einen Stirnseiteeingegriffen hätte, so hätte dies Folgen an einer anderen Stelle nach sich gezogen. Durch die Abrüstung, die nach dem Ersten Weltkrieg auf freiwilliger Basis ablief, hatte Großbritannien nicht genügend Mittel zur Verfügung, um sich verteidigen zu können.[14] Die ehemals weltweit größte Luftwaffe wurde durch eine kleinere Flotte abgelöst. Dieser militärische Nachteil war ein weiterer Grund, einen erneuten Krieg mit Deutschland zu vermeiden.

Großbritannien akzeptierte den Aufstieg des Deutschen Reiches als Hegemonialmacht in Europa. Dessen ungeachtet sollte sich das Deutsche Reich unter Hitlers Führung durch Verträge auf internationaler Ebene eingliedern. Die Briten waren bereit Hitlers Expansion zu tolerieren, unter der Bedingung, dass er nicht ohne vertragliche Regelungen diese Expansion vollzieht. Die Expansion Hitlers sollte sich durch die Eindämmung mittels Verträgen in geringerem Maße als geplant vollziehen. Großbritannien versuchte zwar, einen Krieg zu verhindern, doch Chamberlain vertrat keine grenzenlose Friedensbereitschaft. Da die deutsche Aufrüstung immer weiter vorangetrieben wurde, begann auch Großbritannien schrittweise aufzurüsten. Die Briten versuchten einen Krieg hinauszuzögern und im besten Falle zu verhindern. Da sie sich zur Zeit der Annexionen und Angliederungen Hitlers noch nicht in der Lage fühlten, einen Krieg gegen Deutschland zu führen. Chamberlain erkannte früh, dass ein Krieg gegen Deutschland erneut einen zweiten Weltkrieg hervorrufen würde.[15]

[...]


[1] Vgl. Hartwig, Martin, Der NS-Staat vor dem Zweiten Weltkrieg, in: Meyer-Kahrweg, Dorothee / Sarkowicz, Hans (Hrsg.), Unterwegs in der Geschichte Deutschlands. Von Karl dem Großen bis zur Gegenwart, München 2014, S. 267-292, hier S.289.

[2] Vgl. Mai, Gunther, Europa 1938-1939. Mentalitäten, Lebensweisen, Politik zwischen den Weltkriegen, 1. Aufl., Stuttgart/Berlin/Köln 2001, S. 203f.

[3] Vgl. ebd., hier S.223f.

[4] Benz, Wolfgang / Graml, Hermann, Vorbemerkung, in: Sommer 1939: die Großmächte und der Europäische Krieg, 27: Sondernummer (1979), S. 7-13, hier S. 8.

[5] Vgl.http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/dossier-nationalsozialismus/39576/weg-in-den-krieg?p=7, [Zugegriffen am 23.03. 2015].

[6] Vgl. Niedhardt, Gottfried, Internationale Beziehungen 1917-1947, 1. Aufl., Paderborn/München/Wien u.a. 1989, S. 107f.

[7] Vgl. ebd., hier S. 109.

[8] Jacobsen, Hans-Adolf, 1939-1945. Zweiter Weltkrieg in Chronik und Dokumenten, 1. Aufl., Darmstadt 1961, S. 14.

[9] ebd.

[10] Vgl. ebd., hier S. 12-14.

[11] Vgl. Rürup, Reinhard, Der lange Schatten des Nationalsozialismus. Geschichte, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur, 1. Aufl., Göttingen 2014, S. 50-55.

[12] Broszat, Martin, Soziale Motivation und Führer-Bindung des Nationalsozialismus, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 18:1 (1970), S.392-409, hier S. 401.

[13] Vgl. Niedhardt, Internationale Beziehungen 1917-1947, S. 102.

[14] Vgl. Weinberg, Gerhard L., Deutschlands Wille zum Krieg. Die internationalen Beziehungen 1937-1939, in: Sommer 1939: die Großmächte und der Europäische Krieg, 27 (1979), Heft: Sondernummer, S. 15-32, hier S.24.

[15] Vgl. ebd.

Details

Seiten
10
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668283848
ISBN (Buch)
9783668283855
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338773
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
appeasement-politik großbritannien kontrahent deutschland

Autor

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