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Kaiser Theodosius und der Staatskirchenerlass Cunctos Populos vom 28. Februar 380

Wie aus Christentum Kirche wurde

Studienarbeit 2016 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Altertum

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1 Cunctos Populos. Der Staatskirchenerlass

2 Folgen
2.1 Der Staat unterwirft sich
2.2 Bischöfe als neue Führungsschicht in den Städten
2.3 Innerkirchliche Folgen
2.4 Verlust der kulturellen und religiösen Vielfalt
2.5 Die Umwertung aller Werte

Eine Entscheidung, die die Welt bewegt

Anlage: Der Erlass Cunctos Populos

Einführung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

chier endlose vierhundert Jahre haben sie gebraucht, die Bischöfe, bis sie sich endlich auf Gott geeinigt haben: Am 1. November 451 werden in der Euphemia-Kirche in Chalkedon die letzten Bausteine in das Monument Gott eingefügt: Gott erhält zwei Naturen, "wahrer Mensch und wahrer Gott". Der Weg zu diesem Gott ist steinig. Die dicksten Steine werden im 4. Jahrhundert aus dem Wege geräumt: Auf den beiden Konzilen von Nicäa (325) und Konstantinopel (381), beide von römischen Kaisern einberufen und geleitet, wird der Gott der Dreifaltigkeit verbindlich definiert: 325 wird Jesus als „Gottessohn“ dogmatisiert und 381 folgt, nach jahrzehntelanger Diskussion, der „Heilige Geist“.[1]

Die Zerstrittenheit der Jesus-Bewegungen beginnt bereits im 2. Jahrhundert. Jüdische Varianten kämpfen mit griechisch-platonischen, syrische und ägyptische Ingredienzien mischen sich unter die Lehre und so kann es nicht verwundern, dass sich ein Blumenstrauß von Jesus-Bewegungen bildet, die sich gegenseitig als „Häretiker“ diskriminieren. Zwar wird 325 auf dem Konzil von Nicäa eine Gottesformel gefunden, die der heutigen gleicht: homoousios, der Sohn ist dem Vater wesensgleich, die aber ab 357 auf verschiedenen Synoden wieder in Frage gestellt wird: Auf dem 3. Konzil von Sirmium (357) wird ein Bekenntnis verfasst, das eine Subordination Jesu unter den Vater vertritt und auf weiteren Konzilien in Nicäa und Konstantinopel wird Jesus als Gott ähnlich bezeichnet (359). Hieronymus kommentiert zwanzig Jahre später: „Die Welt erwachte mit einem Stöhnen und entdeckte, dass sie arianisch [Jesus ist nicht Gott] war“.

wischenzeitlich rückt Kaiser Julian im Jahre 361 die alten Götter wieder in das Zentrum des Staatskultes. Seine pagane Restaurationspolitik, die den „Christen“ aller Schattierungen das Überleben erlaubt, erfolgt ohne Widerstand des Volkes, der Senatoren und des Heeres und geht ohne Aufsehen in aller Öffentlichkeit vor sich. Jedenfalls lassen weder die Quellen, noch die innerchristlichen Streitigkeiten, noch die widerstandslose Reanimierung der antiken Gottheiten durch Julian den Schluss zu, das Volk hätte die Transformation von der Vielfalt der Götter zu einem Gott herbei gewünscht.

Nach dem Tode Julians kommen wieder „häretische“ Kaiser an die Macht, die ihrerseits die trinitarische Fraktion bekämpfen. Diese Phase dauert bis 378. Und noch immer ist nicht klar, wohin die Reise geht. Offenbar ist die Zeit reif für einen neuen Alexander, der den unlösbaren Knoten unterschiedlicher Religionsfanatiker mit einem Schwertstreich auflösen wird. Und er wird kommen, der neue Alexander, und den christlichen Knoten zerteilen.[2]

1 Cunctos Populos. Der Staatskirchenerlass

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m Jahre 380 endet das christliche Chaos. Kaiser Theodosius (379-395), ein Spanier aus frommen Haus, wo „man über Religion nicht disputierte und nur mit heiligem Grauen von den Christus-lästerern“ reden mochte,[3] ist religiös vor-belastet und wird nach zeitgenössischen Quellen erst nach überstandener schwerer Krankheit getauft.[4] Theodosius macht am 28. Februar 380 Tabula rasa: Er verbietet mit dem Erlass Cunctos populos „aus eigener Initiative und ohne Konsultation kirchlicher Stellen“[5] alle heidnischen Religionen und schaltet die vom Katholizismus abweichenden christlichen Varianten mit Zwangsmaßnahmen aus: „Nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, katholische Christen heißen dürfen; die übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen“.[6]

amit beginnt unter dem Patronat des später zum Divus erhobenen Theodosius[7] der Siegeszug eines zur Staatsreligion geeinten Christentums, das meist als „christ-liche“ Staats/Reichsreligion bezeichnet wird, aber in Wirklichkeit nur den katholischen Anteil der christlichen Bewegungen kennzeichnet. Denn der in den Erlassen ver-wendete Begriff „Häresie“ für alle nichtkatholischen Konfessionen ist völlig nebelhaft. Er reflektiert lediglich die Suche des frühen Christentums nach Authentizität, verbunden mit einem Abgrenzungsprozess. Ihre kritiklose Verwendung in der wissenschaftlichen Literatur geht am Kern des Problems vorbei: dem nicht einlösbaren Monopolanspruch des Katholizismus auf Jesus. Weshalb Walter Bauer 1934 den kommentarlosen Ge-brauch von „Orthodoxie“ und „Häresie“ scharf kritisiert[8] und Rowan Williams fragt, ob es überhaupt Sinn mache, von einer „Vor-Nicäa-Orthodoxie“ zu sprechen.[9]

Und da niemand in der Lage ist zu beurteilen, ob nicht eine der rund achtzig verbotenen christlichen Linien dem Wollen des Religionsgründers näher gewesen ist als die per Kaiser-Erlass ausgewählte katholische Richtung, ist der Begriff “Häresie” für die wissenschaftliche Aufarbeitung des spätantiken Religionsproblems völlig un-tauglich. Zumal die in den Erlassen dokumentierte Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, die rasch wachsende Sucht nach Titel und Ansehen, das Bemühen der Bischöfe, die weltliche Macht unterzuordnen, der Reichtum bei gleichzeitiger Verarmung der Bevölkerung, die erst im 5. Jahrhundert abgeschlossene theologische Deutung Gottes und die Erbsündentheorie den Katholizismus eher als eine Religio sui generis der spätantiken Epoche ausweist.[10] „Da haben wir es also”, kommentiert Nietzsche, “eine kirchliche Ordnung mit Priesterschaft, Theologie, Kultus, Sakrament; kurz, alles das, was Jesus von Nazareth bekämpft hatte“.

2 Folgen

2.1 Der Staat unterwirft sich

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Mit Cunctos populos wird in dem seit den 70er Jahren des 4. Jahrhunderts schwelenden Prozess der Selbstentmachtung des Staates zugunsten des Klerus ein fulminanter Höhepunkt erreicht. Kaum hat Theodosius den Katholizismus zur Staatsreligion erklärt, hagelt es Verbote und Drohungen. Falsche Überzeugung wird mit erheblichen Geldstrafen, Verweis aus den Städten, Konfiszieren des Vermögens und in manchen Fällen mit dem Tode bestraft. Die Tempel werden zerstört und die Ehe zwischen Christen und Juden wird unter Strafandrohung gestellt. Während die bisherigen Kaiser, jeder in seiner Art, die Oberhoheit des Staates zu wahren suchten, unterwirft sich Theodosius nahezu bedingungslos der katholischen Kirche.[11] Bereits 382 hatte Kaiser Gratian auf den Titel Pontifex maximus verzichtet, der seit Augustus ausschließlich den römischen Kaisern als oberste Priester mit der Aufsicht über alle sakralen Angelegenheiten zustand, und den Anspruch an den Papst verschenkt. Ein halbes Jahrhundert später schmückt sich Papst Leo (440–461) erstmals mit dem Titel, wohl auch um der geistlichen Macht in Byzanz eins auszuwischen, und ab Papst Gregor (540-604) wird der Titel fester Bestandteil der päpstlichen Titulatur. Damit ist der Weg frei für den Anspruch, als “Stellvertreter Gottes” auch Kaisern den rechten Weg zeigen zu müssen. Nichts sei “wichtiger als die Religion, nichts erhabener als der Glaube”, meint der Mailänder Bischof Ambrosius 382 in einem Brief, mit dem er den Anspruch des Senates auf Wiederaufstellung des Victoria-Altars abweist.[12] Man könne dem Kaiser keine größere Ehre erweisen, als ihn filius ecclesiae (Sohn der Kirche) zu nennen. “Der Kaiser ist in der Kirche, er steht nicht über der Kirche”.[13]

Die willige Unterwerfung der Kaiser wird erstmals 388 in aller Öffentlichkeit zelebriert. In diesem Jahr verhindert Ambrosius die von Theodosius verfügte Bestrafung eines Bischofs. Dieser hatte in der am Euphrat gelegenen Stadt Callinicum zu einem Pogrom und zum Niederbrennen der dortigen Synagoge aufgehetzt. Der Kaiser will die christlichen Brandstifter für ihre Tat zur Verantwortung ziehen. Ambrosius hingegen fordert Straffreiheit für alle Plünderer und Gewalttäter. Der zerstörte Judentempel sei ein locus perfidiae, e s handele sich um einen Konflikt zwischen Christentum und Judentum, bei dem der Kaiser selbstverständlich nicht auf die Seite der Juden stehen dürfe. Welchen Eindruck es denn mache, wenn an der wiederaufgebauten Synagoge die Inschrift zu lesen sei: „Tempel der Ungläubigen, vom Gelde der Christen erbaut“.[14] Kaiser Theodosius gibt nach, die Täter bleiben straffrei.

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Im Jahre 390 wiederholt sich die Unterwerfung. Der Mailänder Bischof weist den Kaiser im „Massaker von Thessaloniki“, einer Vergeltungsaktion, die Theodosius an aufständischen Bewohnern der griechischen Stadt Thessaloniki durchführen ließ, in seine Schranken. Ambrosius verlangt unter Androhung der Exkommunikation die Rücknahme aller geplanten Strafmaßnahmen, verweigert dem Kaiser die Kommunion, predigt gegen ihn und verlangt öffentliche Buße[15] sowie ein Einschwenken auf die Linie des Mailänder Bischofs. Theodosius erklärt sich hierzu bereit, „kehrt seufzend und weinend in seinen Palast zurück“,[16] um wieder an der Messe teilnehmen zu können. Damit sind Präzedenzfälle geschaffen, in denen die Interessen der Kirche über das Recht gestellt werden. Die bisherigen Formen und Regeln der gesellschaftlichen Loyalität und der Rechtsprechung verlieren ihre Jahrhunderte alte Gültigkeit, nunmehr werden alle Taten und Gedanken an der Elle der Gottesverträglichkeit gemessen. Gottesdienst steht vor dem Dienst an der Gemein-schaft. Nur, wenn sich der weltliche Staat in den Dienst des Gottesstaates stelle, meint Augustinus, habe er eine relative Existenzberechtigung und stellt der minderwertigen irdischen Welt, der Civitas terrena, die erhabene Civitas Dei gegenüber. Die Existenz des Staates sei Folge des Sündenfalls, also ein Werk des Bösen. Gott habe zum Schutze der Christenheit zwei Schwerter verliehen (Lukas 22,38), davon sei eins von der Kirche zu führen, das andere für die Kirche. Der Papst sei der Lehnsherr beider Schwerter.

amit ist die ideologische Grundlage ausformuliert, um mit der Behauptung „Gott will es“ die Unterordnung der weltlichen Herrscher unter die Kirche einzufordern und durchzusetzen. Papst Gregor VII. formuliert diesen Anspruch 1075 im Dictatus Papae in unüberbietbarer Weise: „Dass er allein [der Papst] die kaiserlichen Herrschaftszeichen verwenden kann … Dass alle Fürsten nur des Papstes Füße küssen ... Dass es ihm erlaubt ist, Kaiser abzusetzen“.[17] Der Gang nach Canossa (1077) ist unausweichlich. Ohne königlichen Gewänder, „ohne alle Abzeichen der königlichen Würde, ohne die geringste Pracht zur Schau zu stellen, barfuß und nüchtern“ steht Kaiser Heinrich IV. angeblich drei Tage vor der Burg Canossa, um Buße zu tun, bis der

[...]


[1] Bischof Athanasius hatte bereits auf der Synode von Alexandria (362) die Anerkennung der Wesensgleichheit des „Heiligen Geistes“ gefordert. Zum „Gottessohn“-Konzil von Nicäa (325) vgl. R.Bergmeier, Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums, 22016.

[2] Zum Christentum im 4. Jahrhundert vgl. R. Bergmeier, Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums, 22016, S. 15-50. Dieser nur in Strichen gezeichnete Schicksalskampf um das religiöse Erbe der Antike ist auch in kirchlichen Kreisen grundsätzlich nicht strittig (Vgl. H. R. Drobner, Lehrbuch der Patrologie, Frankfurt 2004, Kap. 7; ebenso H. Küng).. Es verwundert daher, wenn der Historiker F. Prinz davon spricht, die „Kirche“ sei seit Kaiser Konstantin I. "die stärkste geistige Kraft der Zeit“ gewesen, und Konstantin habe klug gehandelt, „das Christentum und seine widerstandsfähige Organisation, die Kirche, zur Regeneration des wankenden Reichsgebäudes einzusetzen" (Spätantike und Frühmittelalter, 2004). Diese Theorie ist schlichtweg falsch. Prinz definiert nicht „Kirche“, verschweigt den Kampf der verschiedenen Richtungen innerhalb des Christentums und erwähnt nicht die arianische Taufe Konstantins (R. Bergmeier, Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums, 22016, S. 192-206). Wäre das konstantinische Christentum tatsächlich „die widerstandsfähige Organisation“ im Reich gewesen, dann hätte Kaiser Julian rund 50 Jahre später kaum die heidnischen Götter ohne jeglichen Widerstand wieder einsetzen können und dann hätte es nicht einer ganzen Bibliothek von „Adversus haereses“-Büchern bedurft, die den zermürbenden Kampf der christlichen Varianten untereinander widerspiegeln.

[3] Christlich-trinitarische Eltern bei Sozomenos Kirchengeschichte, 7,4. O. Seeck, Geschichte des Untergangs der antiken Welt, Bd. 5, S. 136.

[4] Sokrates, Kirchengeschichte 5,6. Nach Sozomenos (Kirchengeschichte 7,4) ließ sich Theodosius infolge der Heilung von einer Krankheit vom Bischof Acholius taufen. Siehe auch Zosimus Kirchengeschichte 4,34. Ausführlich bei W. Enßlin, Die Religionspolitik des Kaisers Theodosius, 1953, S. 17ff.; A. Lippold, Theodosius und seine Zeit, 1968, S. 17ff.

[5] A. Lippold, Theodosius der Große, in: M. Greschat (Hrsg.) Gestalten der Kirchengeschichte II/2 1984, 75-86.

[6] Cunctos populos wurde am 28. Februar 380 von den römischen Kaisern Theodosius (Ostkaiser), Gratian, Valentinian II. verabschiedet. Die wohl immer noch umfassendste Quellendarstellung und -kritik zu Theodosius stammt von G. Rauschen, Jahrbücher der christlichen Kirche unter dem Kaiser Theodosius dem Grossen, 1897, S. 1-18.

[7] Consecratio am 08.11.395. Vgl. M. Clauss, Kaiser und Gott: Herrscherkult im römischen Reich, 1999, ND 2001, S. 213.

[8] W. Bauer, Rechtgläubigkeit und Ketzerei im ältesten Christentum, 1934.

[9] R. Williams, The Making of Orthodoxy, in: ders. (Hrsg.) Essays in Honour of Henry Chadwick, Cambridge 2002, S. 1-23. Das Sammelwerk ist von führenden Theologen/Kirchenhistoriker der englischsprachigen Welt geschrieben worden und diskutiert, wie es im frühen Christentum zu „Orthodoxien“ und „Häresien“ kam.

[10] Auf die Problematik, Jesus und seine Worte überhaupt nachzuweisen, wird hier nicht eingegangen.

[11] Seine Krankheit könnte die Ursache gewesen sein, aber das setzt voraus, dass Theodosius vor Februar 380 geheilt worden ist. Was von Historikern bestritten wird. Vermutlich spielen Krankheit, Unbildung, seine religiöse Herkunft und der starke Bischof von Mailand gemeinsam eine Rolle für den Religions-Fundamentalismus des Kaisers.

[12] Ambrosius, Brief 17,1.

[13] Ambrosius, Rede gegen Auxentius, 386.

[14] „Templum impietatis factum de manubiis christianorum“, Ambrosius, Brief 40,6.

[15] „Bitte, mahne, warne ich Dich“, Ambrosius Brief 51,6 ff.

[16] Theodoret, Kirchengeschichte 5,18.

[17] Monumenta Germaniae Historica, Ep. 4, Epist. sel. „Das Register Gregors VII.“ 2, 1, Reg. 8,9,12.

Details

Seiten
24
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668281073
ISBN (Buch)
9783668281080
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338674
Note
Schlagworte
Staatskirche Reichskirche Cunctos Populos Theodosius Paradigmenwechsel 28. Februar 380 Staatskirchenerlass

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Titel: Kaiser Theodosius und  der Staatskirchenerlass Cunctos Populos vom 28. Februar 380