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Glück und Geschlecht in der Frühen Neuzeit. Analyse und Bewertung des Selbstzeugnisses der Margarethe Elisabeth Milow

Hausarbeit 2016 24 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fragestellung
1.1 Manuskript
1.2 Der dritte Teil des Manuskriptes
1.3 Schreibmotivation

2. Das Selbstzeugnis als Methode
2.1 Handlungsspielräume der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert
2.2 Einfluss der Aufklärung

3. Margarethe Elisabeth Milow als Frau im Hamburg des 18. Jahrhunderts

4. „häusliches Glück - das größte Glück dieses Lebens"

5. Die Ehe der Milows und Geschlechterordnungen
5.1 Die von Männern gemachte Geschichte

6. Resümee

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Fragestellung

„ Warum ich Euch mein Leben schreiben will? Weil es reich ist an Erfahrungen aller Art; weil Euch, meine Kinder besonders, diese Erfahrungen nützen können; Du lieber Mann Deine Frau, Ihr Eure Mutter kennen lernen sollt, wie sie war, mit ihren Fehlern, mit den Ursachen dieser Fehler, Euch ihrer nach ihrem Tode dabey erinnern solt, denn ich möchte nicht gern bald von Euch vergessen seyn."[1]

Mit diesen Worten beginnt Margarethe Elisabeth Milow, geb. Hudtwalcker, ihre Lebensgeschichte. Bereits diese einleitenden Worte legen die Intention ihres Textes dar: Sie möchte ihre eigenen Lebenserfahrungen festhalten und mit ihrer Familie teilen, denn an diese ist ihr Text adressiert. Diese Intention charakterisiert den Text somit als Selbstzeugnis, man kann sogar weiter gehen und sagen, als Autobiographie. Die inhaltliche Trennung zwischen Selbstzeugnis und Autobiographie wird im ersten Teil des Hauptteiles dieser Arbeit näher betrachtet.

„Dir mein Lieber, und Euch meinen Kindern, stehen vielleicht noch sonderbare Schickungen bevor, es kann Euch zum Theil glücklich zum Theil unglücklich gehen, dann nehmt nach der Bibel, dies Geschichtsbuch Eurer Mutter zur Hand und seht zu, warum mich Gott hier so, dort wieder so führte und wie alles am Ende zu meinem wahren Glücke ausschlug, und dann denkt, daß Ihr in Gottes Augen eben dasseyd, was ich ihm war."[2]

Wenn Margarethe Milow von einem Geschichtsbuch schreibt, dann meint sie nicht jenes, das in der Schule oder aber im Studium zur Hand genommen wird, sondern vielmehr ein Geschichtenbuch, das ihr Leben detailliert wiedergibt. Jedoch sehen wir eben dieses Buch heute aus einer ganz anderen Sicht, als es die ursprüngliche Intention der Milow gewesen war: Wir lesen es als eines der wenigen Zeugnisse bürgerlicher Hausfrauen, von deren Leben wir bis dato nur aus Nebenerwähnungen berühmter Männer erfahren haben. Daher widmet sich ein Kapitel dieser Arbeit der Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Die Untersuchung des Textes soll verschiedene Aspekte berücksichtigen: Es muss geklärt werden, inwiefern sich die Lebenserinnerungen ins Genre Selbstzeugnis einordnen lassen und welche forschungsrelevanten Probleme dabei auftauchen. Werden die Themen der Geschlechterordnungen sowie des Glücksbegriffes greifbar?

Nachdem der aktuelle Forschungsstand des Selbstzeugnisses dargelegt wurde, muss es vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund beleuchtet werden. Verschiedene aus dem Text herauslesbare Eigenarten und Verhaltensweisen sollen dabei helfen, die Autorin als Kind ihrer Zeit einzuordnen. Aufklärung, Geschlechterverhältnis, Ehe-Vorstellungen und eine Definition der Begrifflichkeit von häuslicher Glückseligkeit stehen hierbei im Mittelpunkt der Arbeit. Die Definition des Glücksbegriffes ist Dreh- und Angelpunkt der Arbeit, da alle weiteren Punkte darauf aufbauen. Besonders interessant sind daran die herauszuarbeitenden Faktoren, die diesen Glücksbegriff ausmachen. Außerdem handelt es sich bei der vorliegenden Quelle um das Selbstzeugnis einer bürgerlichen Frau der Frühen Neuzeit. Quellen wie diese sind bis jetzt wenig erforscht und bieten einen anderen Blick auf die sonst von Männern dominierte Geschichtsschreibung.

Das Interesse an Selbstzeugnissen aus der Frühen Neuzeit im Allgemeinen und an weiblichen Texten dieser Gattung im Besonderen war ausschlaggebend für die Wahl dieses Lebensberichts zu meiner Hauptquelle. Denn immer noch ist die Quellensammlung für männliche (besonders westliche und christliche) Selbstzeugnisse weitaus besser geklärt als die Quellen für Frauen, sofern sie nicht berühmt, nicht adlig oder keine Schriftstellerinnen waren. Aber gerade die hierdurch entstehende Ursprünglichkeit und Privatheit machen Margarethe Milows Aufzeichnungen besonders reizvoll.

1.1 Manuskript

Die Geschichte der Margarethe Elisabeth Milow wäre wohl weitestgehend unbekannt, wenn nicht Rita Bake[3] und Birgit Kiupel[4] eben diese veröffentlicht hätten. Rita Bake suchte im Frühjahr 1986 im Hamburger Stadtarchiv Material für das Seminar „Nachlässe als Geschichtsquelle", als sie auf das Selbstzeugnis der Milow stieß.[5] Die äußere Form war jedoch nicht handschriftlich, sondern ein Schreibmaschinenmanuskript, das zu dem zu einem im Jugendstil gebundenen Buch 100 eng beschriebene Seiten umfasste. Denn das ursprüngliche Werk, so stellte sich wenig später heraus, war bereits von einem Verwandten der Milow abgetippt worden. Robert Matthaei[6] tat dies bereits im Jahr 1909. Im Jahr 1986 war der Zustand des Manuskriptes allerdings nicht mehr kopierfähig, weshalb Bake und Kiupel das gesamte Werk abschrieben. Relativ bald waren sie sich sicher, dass es einen zweiten Teil des Nachlasses gegeben haben muss. Sie kamen zu diesem Schluss, da die Nummerierungen der einzelnen Seiten daraufhinwiesen und, da es ein abruptes Ende im ersten Teil gab, der allerdings unerfreuliche familiäre Auseinandersetzungen andeutete[7]. Erst im Jahr 1990 meldete sich ein Verwandter der Milows per Brief an die beiden Historikerinnen mit der Behauptung, er wisse, wo das Original ist. Außerdem gab es neue Enthüllungen der Margarethe Milow, ein dritter Teil war aufgetaucht, demnach muss es einen zweiten Teil gegeben haben, der allerding nur mündlich überliefert wurde und dessen Wahrheitsgehalt somit nicht überprüfbar ist.

Die mündliche Überlieferung des zweiten Teils beinhaltet:

Margarethe Milow habe 1783 nach Krankheit im Starrkrampf gelegen und wurde, tot geglaubt, für die Beerdigung vorbereitet. Als der Sarg geschlossen werden sollte, bewegte sie einen Finger, was den Sargschließer von seinem Vorhaben abhielt.[8]

Zu jener Zeit war die Angst, lebendig begraben zu werden, weit verbreitet, ob jedoch Margarethe Milow dieses Ereignis erfahren musste, ist bis heute nicht bekannt.

1.2 Der dritte Teil des Manuskriptes

Nun stellt sich die Frage, was den dritten Teil des Selbstzeugnisses interessant macht. Margarethe Milow berichtet das bis jetzt wenig erforschte Leben einer bürgerlichen Hausfrau und Mutter im 18. Jahrhundert, darin enthalten sind u.a. auch Krankheiten, psychosomatische Beschwerden, Melancholie der Tochter, Hypochondrie des Ehemannes sowie die Flucht zu Gott als Therapeuten. Zusammenfassend also das nicht enden wollende Alltagsleben, das mit einem Mal in der heutigen Zeit aktuell ist und nun gar nicht mehr veraltet wirkt. Es ist bis dato unbekannt, ob Matthaei den dritten Teil kannte und ihn bewusst vorenthielt, oder aber, ob er von ihm einfach nichts wusste. Sollte er ihn gekannt haben, so könnte es aber auch ein Beweis dafür sein, dass Männer der verschiedensten Epochen das alltägliche Hausfrauenleben wenig interessant finden[9].

Weiter schreibt Milow von ihren Kindsgeburten, am Ende des ersten Teils hat sie acht Kinder, im dritten Teil sind es bereits elf.[10] Auch ihre Fehlgeburten erwähnt sie, wenn auch nur knapp:

„An diesem Tag ging es mir nicht gut, ich bin schwanger gewesen."[11]

Alles in allem beschreibt sie in ihren Memoiren das „Eine"; gemeint ist hierbei nichts Doppeldeutiges, was eine Sensation wäre, sondern das trostlose Alltagsleben[12]. Als besonders interessant gilt auch ihr Bericht über ihre Krankengeschichte; in späteren Jahren erkrankt sie an Brustkrebs[13]. Der mit der Krankheit einhergehende Genesungsprozess wird von Milow als besonders wertvoll beschrieben, da er ihr zum ersten Mal erlaubt Ruhe, Fürsorge und Zuwendung zu genießen.

Gott war Margarethe Milows stetiger Begleiter, später sogar eine Art „Therapeut". Bereits in ihrer Kindheit und Jugend führte sie ein erst von der Mutter, später von sich selbst auferlegtes streng christliches Leben. Sie berichtet von unterdrückter Liebe zu einigen jungen Männern, weil ihre Liebe und Ehrfurcht zu Gott immer stärker waren, was nicht zuletzt auch das Bild der damaligen Hamburger Gesellschaft wiederspiegelt, auf die im Weiteren noch eingegangen wird.

1.3 Schreibmotivation

„Mein Leben. Ein Vermächtnis für meinen Mann und meine Kinder."

Das ist Margarethe Milows Überschrift ihres Selbstzeugnisses, das die Intention ihrer Memoiren wiederspiegelt. Der Inhalt der Texte umfasst drei Ebenen: die Familie, ihr Verhältnis zu Gott und das eigene Selbst. Dass das Manuskript an ihre Familie adressiert ist, zieht sich durch den gesamten Text, in dem sie immer wieder einzelne Personen anredet, oder aber einzelne Abschnitte nur an ihre Töchter gerichtet sind. Insbesondere ihnen möchte sie ihre Erfahrungen als Ehefrau, Hausfrau, Mutter und nicht zuletzt als Frau ihrer Gesellschaft weitergeben. Sie erhofft sich daraus, dass ihre Töchter ihre eigens begangenen Fehler im eigenen Leben vermeiden und aber jene Dinge, die besonders erfreulich waren, imitieren. Außerdem schreibt Margarethe Milow davon, dass sie nicht in Vergessenheit geraten möchte.

Margarethe Elisabeth Milow beschreibt in ihren tagebuchähnlichen Einträgen eine durchweg religiöse Frau, sie berichtet von Läuterungen und Bekehrungsmomenten, die ihren Glauben ein jedes Mal mehr gestärkt haben. Das ist dahingehend wichtig, als dass Frauen zu dieser Zeit sich in das religiöse Erweckungsmodell[14] einordnen. Das religiöse Erweckungsmodell zielt in erster Linie auf eine Auflösung in Gott hin. Die vollständige Unterwerfung des eigenen Willens ist die Grundlage dafür, dass von der eigenen Person gesprochen werden kann. Es stellt quasi eine Lizenz für das öffentliche Reden von sich selbst dar. Auch wenn sich Margarethe Elisabeth Milow in ihren Memoiren nur an ihre Familie wendet, so ist auch diese Art der Legitimation bei ihr zu finden:

„ weil [...] es Euch fester und fester an Euren Gott ketten soll, weil Ihr an meinem Leben überall seine besondere Vorsehung, die er für mich von meiner ersten Jugend an gehabt, sehen sollt, es Euren Glauben an diese Vorsehung stärken soll. [...] Auch seht Ihr, wie glücklich ich war, wenn ich fest an Gott, fest an der Tugend hing. "[15]

Doch das Tagebuchschreiben hatte für Margarethe Milow noch eine andere Bedeutung: auch wenn sie immer wieder betont, wie sie das Gespräch zu Gott sucht und somit auch ein gewisses Heil erfährt, so gibt ihr das Tagebuch Hilfe dabei, ihre Sorgen zu verarbeiten.

2. Das Selbstzeugnis als Methode

Margarethe Elisabeth Milow hinterlässt ihrer Familie ihre Memoiren, in denen sie von ihrem Familienleben, ihrer Beziehung zu Gott, Krankheiten sowie der Banalität des Alltäglichen berichtet, sie hinterlässt somit ein Zeugnis ihres Selbst; ein Selbstzeugnis.

Der Begriff Selbstzeugnis wird in der Fachwissenschaft verschieden definiert. Zum einen ist hierbei Bengina von Krusenstjern[16] zu erwähnen, die den Begriff des Selbstzeugnisses relativ weit fasst. Demnach ist alles als Selbstzeugnis anzusehen, was eine Selbstthematisierung eines expliziten Selbst beschreibt; der Verfasser oder die Verfasserin soll auch selbsthandelnd/selbstleidend tätig werden und eindeutig auf sich selbst Bezug nehmen.[17] Problematisch an dieser Definition ist jedoch die Tatsache, dass dann auch Texte wie Chroniken, Haushaltsbücher, Reisebeschreibungen, etc. als Selbstzeugnisse klassifiziert werden. Diese Arten des Selbstzeugnisses weisen zwar auch Aspekte des alltäglichen Lebens auf, doch fehlt der persönliche und emotionale Bezug zu diesen. Dennoch fallen die Memoiren der Margarethe Elisabeth Milow ganz klar unter den Begriff des Selbstzeugnisses nach Krusenstjern.

Auch Gudrun Piller[18] beschäftig sich mit dem Begriff Selbstzeugnis. Sie führt an, dass in den letzten Jahren häufig Versuche unternommen wurden, Selbstzeugnisse unter dem Kriterium „interessant" (weil selbstreflektierend) und „nicht interessant"(weil rein narrativ) zu erfassen. Leider fielen mit Hilfe dieser Schablone knapp 95 Prozent aller Selbstzeugnisse aus dem Fokus der Forschung[19]. Des Weiteren bedauert Piller, dass überwiegend Texte von Frauen ausgeblendet würden, weil sie den Standards nicht entsprächen. Sie weist ausdrücklich darauf hin, dass eigentlich vor allem untypische, narrative Texte untersucht werden müssten, um sich der historischen Bedeutung des Selbstzeugnisschreibens anzunähern[20].

Man kann festhalten, dass die vorliegende Quelle ein gutes Beispiel für Pillers Kritik darstellt, da die Tatsache, dass Margarethe Milow für ihre Familie und nicht für ein öffentliches Publikum schrieb, eine erhöhte Authentizität mit sich bringt. Unter anderem auch, weil ihr Dokument nicht unter einer gewissen gesellschaftlichen Zensur verfasst wurde, ist es als besonders wertvoll anzusehen.

Die Aussagekraft von Selbstzeugnissen ist in der Forschung ein vieldiskutiertes Kernproblem. Das Thema der Individualität stellt die eine Seite des Konfliktes dar: Die Frage ist, ob sich aufgrund von individualisierten Lebensberichten Aussagen treffen lassen, die auf größere Gruppen und deren Muster und Handlungsprozesse angewandt werden können. Die andere Seite der Problematik bezieht sich auf das Selbstzeugnis an sich: Können wir davon ausgehen, dass die Darstellung eines Berichts über das eigene Selbst die Realität widerspiegelt, oder sind Selbstzeugnisse sozusagen nicht viel eher von deren Verfasser/in erschaffene Bilder, in denen keine unmittelbaren Gefühle fassbar werden?[21] Dies ist vor allem dann diskussionswürdig, wenn die Autoren und Autorinnen lange Zeit nach den Ereignissen über diese berichten oder Kindheitserinnerungen niederschreiben. Wie gut arbeitet das menschliche Gedächtnis, wird unsere Erinnerung verfälscht und wenn ja, wie schwerwiegend sind dabei die Auswirkungen auf unsere Erzählungen? Auch hier ist das Selbstzeugnis der Milow als gutes Beispiel anzusehen. Sie ist bei ihrer Niederschrift erst 30 Jahre alt und somit sind die Erinnerungen an ihre ersten Ehejahre sowie die Jugendzeit noch sehr frisch und lebendig.

Die Konsequenz aus diesen Streitpunkten sehen Jancke/Ulbrich in der einseitigen Thematisierung von Selbstzeugnissen. Die methodische Unsicherheit führe dazu, dass sich viele Studien auf sehr eingegrenzte Gebiete beschränkten und meist nur das Bild einer europäischen, weißen, männlichen und meist gebildeten Geschichte nachzeichnen. Autobiographien wie die von Goethe, Rousseau und Thomas Platter würden teilweise als exemplarisch für das Selbstzeugnisschreiben ihrer Zeit dargestellt und daraus wiederum verallgemeinernde Schlüsse gezogen, kritisiert Gabriele Jancke. Man dürfe sich nicht darauf versteifen, ein „neuzeitliches Selbst" kreieren zu wollen, sondern müsse im Gegenteil jedes Selbstzeugnis individuell betrachten und bewerten. Der Interpretationsrahmen wird dadurch erheblich erweitert und lässt außerdem mehr Spielraum bei der Analyse formal unabgeschlossener Texte.[22]

An dieser Stelle ist als geschlechtliches Gegenstück zu Margarethe Elisabeth Milows Selbstzeugnis die Hausväterliteratur zu erwähnen. Bei der Hausväterliteratur, eine frühere Ratgeberliteratur, handelt es sich nicht nur um Haushaltsführung und Fragen die Landwirtschaft betreffend, sondern auch um Regeln für Familie, Ehe, Kindererziehung sowie den Umgang mit dem Personal.[23] Diese Hausväterliteratur wandte sich nur an den „pater familias" (lat.: Familienvater), also an das Familienoberhaupt.

2.1 Handlungsspielräume der bürgerlichen Frau im 18. Jahrhundert

Die Handlungsspielräume der Frau im 18. Jahrhundert waren klar geregelt: „Die Hausarbeit ist neben der Mutterschaft traditionell der spezifische Aufgabenbereich der Frau im Bürgertum."[24] Begründet wurde diese spezifische Zuordnung wie folgt:

„Durch die Argumentation "qua natura" wurde die strikte Zweiteilung der geschlechtsspezifischen Wirkungssphären noch bekräftigt: Während der Mann wegen seiner naturgegebenen Rationalität und Tatkraft prädestiniert sei, in der Öffentlichkeit zu wirken, könnte die Frau die ihre eigene Passivität und Emotionalität am besten auf ihre "natürliche Bestimmung" im Haus verwenden."[25]

Nach Vorstellung der Theologen sollte sich die Ergänzung der beiden Ehepartner im respektvollen Umgang miteinander widerspiegeln. Zwar war der Mann schöpfungstheoretisch und auch rechtlich der Frau überlegen, dennoch leitete sich daraus keine Willkürherrschaft des Mannes in der Ehe ab. Die Ehepartner sollten sich zwar nicht in die Aufgabenbereiche des jeweils anderen einmischen, jedoch ihrem Partner mit Rat zur Seite stehen.[26] Des Weiteren ging der Handlungsbereich der Frau über ihre Tätigkeit im Haus hinaus; der häusliche Wirkungskreis schloss Verhaltensweisen wie Selbständigkeit und Aktivität keineswegs aus.[27] Zumal die äußere Repräsentation der Familie ganz klar im Wirkungsfeld der Frau angesiedelt war[28].

Anders sah es bei ledigen und verwitweten Frauen aus: diese Frauen, die nicht erwartungsgemäß mit einer Eheschließung ihren Platz in der Gesellschaft fanden und/oder in Krisensituationen überleben mussten, versuchten durch ihre eigene Arbeit, Geld zu verdienen.[29]

Wie gebildet die Frau des Bürgertums war, hing davon ab, inwieweit das jeweilige Elternhaus Mädchen beschulen ließ. Eine Grundbildung beschreibt bereits Margarethe Elisabeth Milow in ihrem Selbstzeugnis, die zu Beginn ihres Textes auf ihr Elternhaus und insbesondere auf die Bildung ihrer Mutter eingeht. Dabei beschreibt sie, dass ihre Mutter „Ordnung und Fleiß in häuslichen Geschäften und Handarbeit"[30] sowie „etwas Schreiben, etwas Katechismus, Erkenntnis in der Religion"[31] erlernt hatte. Hochdeutsch konnte sie aber so gut wie gar nicht sprechen.

Wie groß die Handlungsspielräume der jeweiligen Frau im Hamburger Bürgertum tatsächlich waren, hing auch von der Beziehung zum Ehemann ab. Auch hier beschreibt Margarethe Milow die Ehe ihrer Eltern und, dass in dieser Ehe Margarethes Mutter die Oberhand gehabt haben soll. In ihrer eigenen Ehe ist Margarethe Milow darauf bedacht, dass die Wirkungskreise des jeweiligen Geschlechts den Vorstellungen des Bürgertums entsprachen. Jedoch ist auch hier zu betonen, dass die Ehe der Milow voller Selbstachtung des jeweils anderen war, hierauf wird später noch eingegangen.

2.2 Einfluss der Aufklärung

Die Einflüsse der aufklärerischen Diskurse auf die Vorstellung von ehelichen Beziehungen berührten den konkreten Alltag kaum. Die Rückbindung der Liebes- und Freundschaftsdiskurse auf das Eheleben fand in erster Linie im Hinblick auf die Anbahnungsphase statt, in der die romantische Liebe und die gegenseitige affektive Zuneigung vor allem in bürgerlichen und adeligen Kreisen eine zunehmende Bedeutung erhielt. Dabei rückten 'Sachfragen' wie Kernkompetenzen in der Haushaltsführung in den Hintergrund.[32] Westphal hält dazu folgend fest:

„Die Zelebrierung der "Liebesheirat" des jungen Paares entsprach im weiteren Fortschreiten der Ehe die Darstellung und Inszenierung der familiären Intimität, wie sie vor allem Daniel Chodowiecki in seiner Kupferstichserie "Häusliche Glückseligkeit” festgehalten hat. Die sorgende Mutter und der liebende, mit seinen Kindern spielende Vater werden zum Vexierbild bürgerlicher Selbstinszenierung, die jedoch nicht mit dem von den Notwendigkeiten strukturierten Alltag korrespondierte."[33]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Daniel Chodowiecki, Überlegungen zur Beförderung der häuslichen Glückseligkeit, Titelkupfer zu Heinrich Matthias August Cramer, Leipzig 1781.[34]

Im 18. Jahrhundert muss man also nicht von einem grundsätzlichen Wandel in den ehelichen Beziehungen ausgehen. Es ist eher so, dass von einem allmählichen Bedeutungszuwachs der emotionalen Aspekte innerhalb des Ehelebens auszugehen ist. Das bedeutet gleichzeitig aber nicht, dass deswegen Fragen der gemeinsamen Haushaltsführung und Erziehung sekundär geworden wären. Fragen der angemessenen Wirtschaftsführung, der gottesfürchtigen Erziehung der Kinder,des persönlichen Wohlverhaltens der Eheleute und ihrer Bedeutung im sozialen Umfeld von Nachbarschaft und Verwandtschaft standen gleich bleibend an zentraler Stelle.[35] Allerdings bleibt zu unterstreichen, dass Liebesheiraten immer öfter vorkamen. Was unter genau unter Liebe verstanden wurde ist nicht ganz klar. Ein Ansatz hierfür findet sich aber in der Bibel, die caritas, die Nächstenliebe und amor, die sexuelle Begierde voneinander trennt. Zwar wird auf die Bedeutungen dieser Begriffe noch weiter eingegangen, jedoch ist bereits jetzt festzuhalten, dass eine Ehe, die aus einer Liebe heraus entstand, dennoch gewisse Auflagen zu erfüllen hatte. So war es Margarethe Elisabeth Milow nicht gestattet den von ihr geliebten Octav zu heiraten, da dieser nicht standesgemäß gewesen wäre.

3. Margarethe Elisabeth Milow als Frau im Hamburg des 18. Jahrhunderts

Margarethe Elisabeth Milow schrieb den ersten Teil ihrer Autobiographie im Jahr 1778 nieder, also mit 30 Jahren. Daraus lässt sich schließen, dass ihre Erinnerungen an die Kinder- und Jugendzeit noch nicht verblasst waren, weshalb ihre Ausführungen sehr lebendig sind. Demnach kann die Darstellung Milows stellvertretend für die Handlungsspielräume junger Mädchen der ersten Generation des Hamburger Bürgertums angesehen werden.[36] Im Folgenden steht die Glücksanalyse der Margarethe Milow im Fokus. Diese betrachtet den Lebensweg Margarethe Milows in einigen Stationen. Diese Analyse wird bei der Bedeutung Margarethe Elisabeth Milows Glücksbegriff hilfreich.

Margarethe Milow wuchs zusammen mit einem älteren Bruder und mehreren jüngeren Geschwistern in einer Kaufmannsfamilie auf. Sie wurde von ihren Eltern in einem Erziehungsstil erzogen, der für das damalige gehobene Bürgertum typisch war.[37] In ihren Ausführungen zieht sie bereits Parallelen zu ihrer Mutter und reflektiert somit ihren Bildungsgrad:

„ Meine Mutter hatte nach der damaligen Gewohnheit in Hamburg die Töchter zu erziehen, Ordnung und Fleiß in häuslichen Geschäften und Handarbeit gelernt, etwas Schreiben, etwas Katechismus, Erkenntnis in der Religion, aber kaum konnte sie Hochdeutsch sprechen.[...]

Von der Zeit, da ich mich erinnern kann, ging ich in die Schule, um Lesen zu lernen. [...]"[38]

Hier ist bereits zu erkennen, dass Margarethe im Gegensatz zu ihrer Mutter Hochdeutsch gelernt hat. Diese Fähigkeit ermöglicht ihr, das eigene Leben niederzuschreiben. Beispielsweise beschreibt Margarethe Milow, dass sie und ihre Geschwister kaum das Elternhaus verließen. Das ist wohl darauf zurück zu führen, dass die Eltern Sorge um die moralische (Miss-)Bildung ihrer Kinder außerhalb des eigenen Hauses hatten, wie Trepp ausführlich erläutert.[39] Aus dieser Angst heraus ließen die Eltern ihre Kinder ständig beaufsichtigen.

Auch beschreibt sie in ihrer Autobiographie ihre bewusste Veränderung vom Mädchen hin zur Frau:

„[...] Und hiermit war unser unschuldiges glückliches Leben der Kindheit völlig aus; es mußte Probe

gehalten werden, jede Woche, [...] Und wenn dann die Probe gehalten war, so entfernten sich die Alten und man gab uns, die man alle noch für Kinder hielt, Kinderspiele zur Unterhaltung; aber wir ließen Spiel Spiel seyn, oder brauchtens höchstens zum Vorwand, wenn wir überwacht wurden, jeder wählte sich ein Mädgen und dann war Küssen oder Pfänder-Einlösen unser Spiel. Auch kamen andere böse Leidenschaften, die zuvor nie gewesen waren, bey uns auf, weil ein sehr schönes Mädgen mit darunter war, Neid, Eifersucht, Begierde zu gefallen, Begierde zum Putz; [..f"[40]

Margarethe Elisabeth Milow schreibt hier in erster Linie von einem Theaterstück, das, wie sie weiter ausführt, vier Mal aufgeführt wurde. Aus diesen Beschreibungen des Stückes geht hervor, dass es für sie und ihre Geschwister mit dem für sie plötzlichen Beginn ihrer Jugend nichts Interessanteres als das jeweils andere Geschlecht gab. Erst das Kindermädchen beendet die Treffen der Heranwachsenden. Das Kindermädchen verlässt daraufhin die Familie. Margarethe Elisabeth Milow sieht hierin den Beginn ihrer Keuschheit und Tugend:

„Sie ließ sich in der Gesellschaft nichts gegen uns merken, auch schien sie gar nicht auf uns zu achten. Den Abend aber, als wir zu Hause kamen, vergesse ich nie. Er ist der Grund aller meine nachmahligen Keuschheit und Tugend."[41]

In diesen Ausführungen wird auch deutlich, dass auch wenn es in der Kindererziehung im Hamburger Bürgertum streng zuging, sich die Kinder und Heranwachsenden ihre eigenen Freiräume zu schaffen wussten. Auch wenn sich Margarethe Milow Keuschheit und Gottesfurcht auferlegte, so ließ das Interesse am anderen Geschlecht nicht nach. Ihre erster Verliebtheit zu ihrem Hauslehrer Flügge konnte sie allerdings noch unterdrücken. Stets kontrolliert wich sie ihm aus und schwärmte im Leisen für ihn.[42]

„ Was war aber die Folge von dieser meiner Tugend, wie sies damahls würklich war? Die, daß Fl. mich für kalt unempfindlich hielt, [...]

[...]ich liebte ja ihn, hatte aber so viele Tugend, so hohe Begriffe von den Pflichten der Kinder, von der Keuschheit, von der Redlichkeit, niemandem Hoffnung zu geben, den ich sie nicht erfüllen konnte."[43]

Anders verhielt sie sich bei Johann Octav Nolte, der mit 15 Jahren in das Kontor ihres Vaters kam und bald darauf der beste Freund ihres Bruders wurde[44]. In ihren Erzählungen nennt sie ihn Octav. Er war Sohn eines der angesehensten Hamburger Kaufleute gewesen. Sein Vater saß wegen Betrugs im Gefängnis. Aus diesem Grund wäre Octav keine standesgemäße Partie für Margarethe Milow gewesen. Und obwohl sie das wusste, und obwohl sie sich der Gottesfurcht und Keuschheit versprach, hatte sie den Freiraum geschaffen, Octav dennoch zu lieben. Natürlich war dieser Freiraum nicht durch ihre Eltern legitimiert, somit durfte niemand von ihren Treffen wissen, dennoch trafen sie sich monatelang im Heimlichen.[45] Den letzten Schritt der Heirat geht sie allerdings nicht, denn sie weiß, dass ihre Eltern Octav nie akzeptieren würden.

[...]


[1] Rita Bake u. Birgit Kiupel, Margarethe E. Milow. Ich will aber nicht murren, Hamburg 1993

[2] Ebd.

[3] Stellvertretende Leiterin der Zentrale für politische Bildung in Hamburg; ihr Forschungsschwerpunkt beinhaltet Hamburger Frauengeschichten.

[4] Freie Autorin, Zeichnerin, Historikerin; Promotion über die Hamburger Oper am Gänsemarkt.

[5] Rita Bake u. Birgit Kiupel, Margarethe E. Milow. Ich will aber nicht murren, S. 4, Hamburg 1993.

[6] Margarethe Milows Tochter Henriette hatte einen Sohn Heinrich Köster, dessen Tochter Betty heiratete Adolpf Matthaei.

Geb.:16. Januar 1878; gest.: 14. Mai 1959; seine Eltern waren Ernst August Matthei und Anna Julie Plump.

[7] Rita Bake u. Birgit Kiupel, Margarethe E. Milow. Ich will aber nicht murren, S. 4 ff., Hamburg 1993.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd. S.8.

[12] Ebd.

[13] Bake und Kiupel stellen die Frage, ob der Brustkrebs als Ausdruck einer verknoteten Beziehung stehen könnte.

[14] Kormann, Eva: Anna Vetter oder Religion als Argumentations- und Legitimationsmuster, in: Heuser, Magdalene (Hg.): Autobiographien von Frauen. Beiträge zu ihrer Geschichte, Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte, Band 85, Tübingen 1996, S. 71-92, S. 72f.

[15] Ebd., S. 13.

[16] Benigna von Krusenstjern (Hg.), Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 148), Göttingen 20012

[17] Ebd.

[18] Gudrun Piller, Private Körper. Spuren des Leibes in Selbstzeugnissen des 18. Jahrhunderts (= Selbstzeugnisse der Neuzeit, Bd. 17), Köln 2007

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Gabriele Jancke (Hg.), Vom Individuum zur Person. Neue Konzepte im Spannungsfeld von Autobiographietheorie und Selbstzeugnisforschung (= Querelles, Bd. 10), Göttingen 2005

[22] Ebd.

[23] Kurt Kröger, Das Vermessungswesen im Spiegel der Hausväterliteratur. Zugl.: Bochum, Univ., Diss., 1985 (= Europäische Hochschulschriften : Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 280), Frankfurt am Main, Wien u.a. 1986

[24] Anne-Charlott Trepp, Sanfte Männlichkeit und selbständige Weiblichkeit. Frauen und Männer im Hamburger Bürgertum zwischen 1770 und 1840. Univ., Diss.--Kiel, 1993 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Bd. 123), Göttingen 1996

[25] Ebd.

[26] Siegrid Westphal u.a., Venus und Vulcanus. Ehen und ihre Konflikte in der Frühen Neuzeit (= Bibliothek Altes Reich, Bd. 6), München 2011

[27] Trepp

[28] Westphal u.a.

[29] Trepp, S. 240,241.

[30] Bake u. Kiupel, S. 16.

[31] Ebd.

[32] Westphal u.a., S. 107.

[33] Ebd.

[34] Einheit und Vielfalt Europas (= Kleine Vandenhoeck-Reihe, Bd. 1573), Göttingen 1995

[35] Westphal u.a., S. 108.

[36] Trepp, S. 55.

[37] Ebd.

[38] Zitiert nach: Erziehung und Bildung des weiblichen Geschlechts: eine kommentierte Quellensammlung zur Bildungs- und Berufsbildungsgeschichte von Mädchen und Frauen (= Einführung in die pädagogische Frauenforschung, Bd. 1,2), S. 181.

[39] Zitiert nach: Trepp, S. 55.

[40] Bake u. Kiupel, S. 22.

[41] Ebd., S. 23.

[42] Trepp, S. 72-78.

[43] Bake u. Kiupel, S. 31.

[44] Trepp, S. 72-78.

[45] Ebd.

Details

Seiten
24
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668280076
ISBN (Buch)
9783668280083
Dateigröße
795 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338532
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Lehrstuhl für Frühe Neuzeit
Note
11
Schlagworte
Frühe Neuzeit Glück Häusliche Glückseligkeit Alltagsgeschichte

Autor

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Titel: Glück und Geschlecht in der Frühen Neuzeit. Analyse und Bewertung des Selbstzeugnisses der Margarethe Elisabeth Milow