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Wie manifestiert sich Zivilcourage und wie zeige ich sie?

Essay 2015 4 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Zivilcourage -

Wie manifestiert sich Zivilcourage und wie zeige ich sie richtig?

Per definitionem steht Zivilcourage für den „Mut, den jemand beweist, indem er humane und demokratische Werte (z. B. Menschenwürde, Gerechtigkeit) ohne Rücksicht auf eventuelle Folgen in der Öffentlichkeit, gegenüber Obrigkeiten, Vorgesetzten o. Ä. vertritt.“ (www.duden.de) Das Wort „Zivilcourage“ leitet sich ursprünglich aus dem Französischen ab und fand in der deutschen Sprache erstmals durch den Reichskanzler Bismarck in der Mitte des 19. Jahrhunderts Verwendung.

Meyers Lexikon zufolge findet Zivilcourage in kommunikativen Räumen statt, wo diese im privaten oder beruflichen Umfeld, als auch in der Öffentlichkeit beziehungsweise öffentlichen Institutionen oder weitläufiger noch, in den Medien vollzogen wird.

Grundsätzlich jedoch ist Zivilcourage eine Handlung, die inmitten der Gesellschaft stattfindet und die eine Triade aus Täter, Opfer und der eingreifenden Person voraussetzt. Hinter diesem Eingreifen muss eine bestimmte Intention zu vermuten sein, denn schließlich sind Notsituationen, die eine couragierte Haltung erfordern, stets durch eine Machtungleichheit geprägt. Diese entgegengesetzte Übermacht legt ein diskriminierendes, feindseliges oder ungerecht dominantes Verhalten an den Tag und rechnet im Bezug auf dieses gar nicht erst mit Intervention. Somit können als unabdingbare Merkmale der Zivilcourage auch das Risiko sowie Risikobereitschaft als auch die Antizipation negativer Konsequenzen genannt werden. (Vgl. Bierhoff 2010, S. 161 ff.)

Andererseits bedeutet Zivilcourage nicht gleich Mut, denn dieser kann ebenso gut aufgrund von Hörigkeit oder Befehlsobrigkeit resultieren, wie dies im Laufe der Menschheitsgeschichte bereits zur Genüge belegt wurde. (Vgl. Bastian 1996, S. 37)

Diverse psychologische Erklärungsansätze setzen eine der folgenden Motivationen als Auslöser für Zivilcourage voraus: Empathie, internalisierte Norm oder Selbstinteresse.

Ersteres, die Empathie, bewirkt, dass der Zuschauer in einer bestimmten Situation bewegt durch

Mitgefühl zum Helfer werden kann. Impliziert wird eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Beobachter und Opfer, wodurch eine Identifikation stattfinden kann, welche die Hilfsbereitschaft der Person steigert. Vorausgesetzt werden muss jedoch eine tendenziell prosoziale Persönlichkeit, die für soziale Verantwortung empfänglich sowie der Überzeugung ist, durch ihr konstruktives Handeln eine positive Konsequenz herbeiführen zu können. Diese Einstellung obliegt dem sogenannten „Gerechte-Welt-Glauben“ und geht einher mit internalisierten Normen (Vgl. Bierhoff 2010, S. 164 f.), welche durch moralische Grundvorstellungen bedingt sind. (Vgl. Böhme 1997, S. 74) Diese Entwicklung eines „moralischen Selbst“ wird bereits in den frühen Lebensjahren durch eine, auf Erziehung fußende moralische Internalisierung bestimmt. (Vgl. Bierhoff 2010, S. 50) Diese verinnerlichte Moral dient dem Kind als Orientierung (Vgl. Böhme 1997, S. 7) innerhalb der gesellschaftlichen Erwartungen und bezieht sich auf Urteilsvermögen, Verhalten und Emotionen. (Vgl. Bierhoff 2010, S. 50) Hegel beispielsweise unterscheidet explizit zwischen „konkreter Sittlichkeit“, was soviel bedeutet wie festgelegt Normen, die das Alltagsverhalten regeln, und der Moralität, die sich in einem instinktiv Prinzipien folgenden Verhalten äußert. (Vgl. Böhme 1997, S. 22)

Die egozentrische Motivation hingegen folgt dem Diktat der Eigeninteresse. Zivilcourage basiert hier auf einer rationalen Kalkulation, die dem Prinzip der „Kosten-Nutzen-Analyse“ unterliegt. Aufgrund dieser wird abgewägt, welche Möglichkeiten bestehen und welche Konsequenzen sich aus den jeweiligen ergeben. Im Fall von Zivilcourage lauten die beiden Handlungsalternativen „Wegsehen“ oder eben „Eingreifen“. Die Kostenfaktoren der Konsequenzen werden wie folgt analysiert: „eigene Kosten, die entstehen, wenn der Zuschauer eingreift, und Kosten des Opfers, die entstehen, wenn der Zuschauer nicht eingreift. Je höher die eigenen Kosten ausfallen, desto weniger wird geholfen. Je höher die Kosten des Opfers ausfallen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit der Hilfe.“ (Bierhoff 2010, S. 166) Altruismus wird im deutschen Duden als „selbstlose Denk- und Handlungsweise; Uneigennützigkeit“ (www.duden.de) beschrieben. Welche Motive auch immer den Altruisten zum Handeln antreiben mögen, so müssen sie doch aufgrund von emotionaler Intelligenz resultieren. Diese Fähigkeit begünstigt den Altruisten Emotionen anderer wahrzunehmen, diese in sein Urteilsvermögen zu integrieren und gegebenenfalls darauf zu reagieren. (Vgl. Bierhoff 2010, S. 210)

Neben Intelligenz, Souveränität und sozialer Kompetenz haben sich, laut Untersuchungen, für den Retter-Typ noch Eigenschaften wie „Abenteuerlust“ und sogar „soziales Außenseitertum“ manifestiert. Des Weiteren kann auch der Wunsch nach Anerkennung oder Aufmerksamkeit Zivilcourage motivieren. (Vgl. Bastian 1996, S. 25)

Um die psychologischen Prozesse zu verstehen, die sich idealerweise vor und bis hin zum couragierten Eingreifen vollziehen, setzt man zumeist eine Art bestimmten Trainings voraus, das sich sowohl auf der gezielten Auseinandersetzung mit Konfliktsituationen oder allein auf Erziehung gründen kann. Dieser geübte Umgang und die Vorbereitung auf konfliktbehaftete Situationen erhöhen die Entschlusssicherheit und schaffen Ressourcen an potentiellen Verhaltens- und Gegenmaßnahmen. Aus diesem mehr oder weniger sicheren Umgang mit jenen Ressourcen - je nach Trainingsintensität - präsentiert sich dem Akteur das jeweilige Kompetenzgefühl, dass die Abschätzung der Sachlage beeinflusst und, in Folge der Erfolgswahrscheinlichkeit, die Entschlusssicherheit steigert. Je mehr Entschlusssicherheit ein Mensch im Laufe seiner Erfahrung aufgebaut hat, desto mehr ist er auch bereit, Verantwortung in Krisenmomenten zu übernehmen. Hat sich der Entschluss zur Verantwortungsübernahme situativ durchgerungen, folgt die „prosoziale Intention“, die in der darauffolgenden Intervention ihren Ausdruck findet. An dieser Stelle wird ein „Schwellenwert der Intentionsstärke“ überschritten und die Handlung - der entschlossene Akt des Eingreifens in der Notsituation anderer - wird vollzogen. (Vgl. Bierhoff 2010, S. 171 f.) Freud verweist, im Bezug auf das Phänomen „Zivilcourage“, auf seine Theorie des „Über-Ich“, im Zuge derer er auch den Status des Gewissen analysiert. Das vom Ich entworfene „Ich-Ideal“ vereint in sich alle verinnerlichten Ver- und Gebote sowie moralische Werte. Widerspricht etwas in der Umgebung des Ichs den Idealen des „Über-Ichs“, so fungiert das Gewissen sozusagen als „Alarm“, der die Inkongruenz zwischen dem Soll und dem Ist meldet. (Vgl. Bastian 1996, S. 29) Verhaltensweisen in Situationen, die Zivilcourage erfordern, werden beispielsweise vom Forum „Jugend und Politik“ Bonn wie folgt nahegelegt:

Gewaltanwendung vermeiden und nur in Fällen der Selbstverteidigung anwenden, denn Situationen die bereits spannungsgeladen sind, können schnell eskalieren und aufgrund der oben genannten Übermacht zu Ungunsten des Helfers ausfallen. Vorerst sollte signalisiert werden, dass man eingreifen möchte und das Vorhaben laut und deutlich artikuliert werden ohne dabei jemanden zu beleidigen oder gar zu drohen. Während man mit dem „Täter“ einerseits Blickkontakt (nicht unbedingt in die Augen, aber ins Gesicht schauen) halten sollte, sollte jeglicher Körperkontakt vermieden werden. Durch das Wagen des ersten Schritts und das rationale Erklären seiner Intention, können sogenannte bystander (Bastian 1996, S. 19) dazu angeregt werden, die „soziale Hemmung“ (Bierhoff 2010, S. 168) zu überwinden und dem Täter oder dem Unrecht entgegenzuwirken.

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Details

Seiten
4
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668277007
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338137
Note
Schlagworte
zivilcourage

Autor

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Titel: Wie manifestiert sich Zivilcourage und wie zeige ich sie?