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Mikrokredite. Das Yunus-Modell als Königsweg aus der Armut?

Bachelorarbeit 2015 40 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Grundbegriffe

1. Kommerzialisierung der Mikrofinanzierung
1.1. Der Weg zur Kommerzialisierung der Mikrokredite
1.2. Kommerzialisierung der Mikrofinanzinstitutionen
1.3. Kritik an die Kommerzialisierung von MFI

2. Grameen Bank
2.1. Muhammad Yunus - Banker
2.2. Entstehungsgeschichte der Grameen Bank
2.3. Die Arbeitsweise der Grameen Bank
2.4. Sicherheitsfaktoren der Grameen Bank
2.5. Hauptziele der Grameen Bank
2.6. Die Grameen - Unternehmensfamilie

3. Kritik an Grameen Bank
3.1. Veruntreuung von Steuergelder
3.2. Rückzahlungsquoten und mehrfache Verschuldungen
3.3. Team-Druck

4. Vergleich
4.1. Financial System Approach versus Poverty Lending Approach

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Jahre 2001 legten sich die Vereinten Nationen couragiert auf die Millenniums- Entwicklungsziele (Millennium Development Goals - kurz MDGs) fest. Laut dessen müssen die acht festgelegten Ziele, unter anderem auch die „Bekämpfung von extremer Armut und Hunger“ (NOEXCUSE2015 Millenniumkampagne) bis 2015 erreicht werden. Bei der Verwirklichung dieses Zieles können die an die Bewohner der Entwicklungsländer verteilten Mikrokredite eine Schlüsselrolle spielen. Dieses Instrument macht Kleinkredite für Armen zugänglich, die über keine Sicherheiten für einen Kredit bieten können und so vom Zugang zu finanziellen Mitteln ausgeschlossen sind. Solche Kleinkredite sind dazu berufen, die selbstständige Arbeit und so das Familieneinkommen der Kreditnehmer zu fördern. Dies geschieht oft durch Hilfe und Betreuung bei der Gründung von kleiner eigenen Unternehmen, um somit praktisch sich selbst aus der Armut befreien zu können. Diese Form von Entwicklungshilfe ist aber nicht erst mit der Ankündigung der MDGs verbreitet geworden. Ihre Wurzeln hat sie in der um 1850 von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze- Delitzsch gegründeten Selbsthilfeeinrichtungen, als spezielle Finanzinstitutionen um Investitionskapital und Sparmöglichkeiten für Kleinbauer und Gewerbetreibende zu verschaffen. Die in der 1970ern verbreiteten Mikrofinanzinstitutionen (MFIs) spielten schon damals eine bedeutende Rolle, in dem Sinne von Unterdrückung und Ablösung der so genannten Kredithaie. Den richtigen Aufschwung der Mikrofinanzindustrie brachte die im Jahre 1983 von Muhammad Yunus etablierte Grameen Bank in Bangladesch. Mittlerweile hat sich die Firma in der maßen expandiert, dass sie nach der Schätzung der Weltbank über 10.000 Institutionen in verschiedenen Entwicklungsländern hat. (Vgl. inwent 2010) Im Jahre 2006 haben die Grameen Bank und ihr Gründer sogar den Friedensnobelpreis mit folgender Begründung erhalten:

„Muhammad Yunus hat sich als Führer erwiesen, denn es gelungen ist, seine Visionen in praktisches Handeln zu übersetzen, von dem Millionen Menschen profitieren - nicht nur in Bangladesch, sondern auch in vielen anderen Ländern. Kredite an arme Menschen zu vergeben, ohne irgendwelche finanzielle Sicherheiten, schien eine nicht realisierbare Idee. Yunus hat vor drei Jahrzehnten klein angefangen und mit der Grameen Bank Mikrokredite zu einem wichtigen Instrument im Kampf gegen die Armut gemacht.“ (Klas 2011: 105)

Auch die Verleihung dieses Nobelpreises an Yunus zeigt die große Anerkennung seines einzigartigen Modells von Kleinkreditvergabe, die von zahlreichen Erfolgsgeschichten einzelner Kreditnehmern untermauert wird. Aber nicht nur im positiven Sinne geriet die Mikrofinanzierung in dem letzten Jahrzehnt in den Fokus. In breiten Kreisen ist er stark kritisiert und wird sein tatsächlicher Erfolg in Frage gestellt, und zwar nicht nur von Wirtschaftlern oder Experten der Mikrofinanzindustrie, sondern interessenterweise auch von ehemaligen Mitarbeitern der Grameen Bank, von denen -unter anderem in Interviews- viel Negatives gelesen werden kann.

Meine Motivation zur Themenwahl steckt sich neben der zentralen Rolle der Mikrofinanzierung in der Entwicklungshilfe, auch in der Aktualität der Deadline zu Verwirklichung des Millenniums- Entwicklungsziele, sowie in dem oben erwähnten Paradox bezüglich des Erfolges und der Kritik der Grameen Bank.

Diese Faktoren regen mich zur Fragestellung; wie viel Potenzial in dem abweichenden System der Grameen Bank gegen der anderen, meistens kommerzialisierten Mikrofinanzinstitutionen (MFIs) steckt? Was sind überhaupt die grundlegenden Unterschiede zwischen der beiden, auf unterschiedlichen Ansätzen beruhenden Methoden? Worin steckt sich die Stärke, beziehungsweise die Schwäche der Einen und der Anderen? All diese Fragen führen zu der zentralen Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit, die wie folgt lautet: Inwiefern sollte das Modell der Mikrokreditvergabe von Yunus Muhammad ein Vorbild zur Nachahmung anderer Mikrofinanzinstitutionen bedeuten?

Ziel dieser Arbeit ist also die Auseinandersetzung mit den oben skizzierten Fragen anhand eines Vergleiches der Grameen Bank und der kommerzialisierten Banken, der letztendlich die Beantwortung der Forschungsfrage ermöglichen soll.

Die Arbeit wird in vier Teilen gegliedert:

1. Kommerzialisierung der Mikrofinanzierung

In dem ersten großen Absatz wird der Weg zur Kommerzialisierung durch die Skizzierung der Entstehungsgeschichte der Mikrofinanzierung dargelegt. Dies soll schon auf die Tendenz auf die Veränderung des ursprünglichen Schwerpunktes der Mikrofinanzierung hinweisen, wobei das Streben auf Nachhaltigkeit eine große Rolle spielt. Als Lösung auf das „Nachhaltigkeitsproblem“ wird die meist bestrittene Option, die Kommerzialisierung des Mikrofinanzsektors beschrieben und mit ihren Stärken und Schwächen diskutiert.

2. Grameen Bank

Als Gegenbeispiel der kommerzialisierten Mikrokreditbanken wird dann im zweiten Punkt die weltweit berühmte, mit dem Friedensnobelpreis anerkannte Grameen Bank, etabliert von Muhammad Yunus dargestellt. Anhand der detaillierten Beschreibung ihrer Geschichte, Hauptziele und Arbeitsweise, beziehungsweise Skizzierung ihrer wichtigsten Organisationen, soll eine völlig andere Alternative zur Erreichung der ersehnten Nachhaltigkeit veranschaulicht werden.

3. Kritik an Grameen Bank

Im dritten Teil des Aufsatzes werden die meist diskutierten Schwächen der Grameen Bank erörtert, mit dem Ziel auch die andere Seite des Erfolgsmedaillons zu zeigen einerseits, und eine gewisse Systematisierung in dem Labyrinth der verschiedensten Kritiken zu schaffen andererseits.

4. Vergleich

Im letzten Punkt der Arbeit erfolgt ein direkter Vergleich zwischen den vorher skizzierten zwei unterschiedlichen Arbeitsweisen von Mikrokreditinstitutionen. Der Vergleich wird in erster Linie durch die Gegenüberstellung von zwei Ansätzen durchgeführt, wobei der Financial System Approach für die Kommerzialisierung und der Poverty Lending Approach für die von der Grammen Bank repräsentierte Vorgehensweise erläutert wird. Zum Schluss ist im Rahmen des Fazits eine wertende Zusammenfassung an der Reihe, wo Schlussfolgerungen von der vorher aber vor allem in dem Vergleich Geschriebenen gezogen werden. So wird ein Ergebnis des Vergleiches präsentiert und die Forschungsfrage der Arbeit „Inwiefern sollte das Modell der Mikrokreditvergabe von Yunus Muhammad ein Vorbild zur Nachahmung anderer Mikrofinanzinstitutionen bedeuten?“ beantwortet.

In dem Zentrum vorliegender Arbeit wird also eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem System der Grameen Bank stehen, wobei auf ihrer innovativen Vorgehensweise und die daraus resultierenden Erfolge näher eingegangen wird. Damit man ein gerechtes Gesamtbild von dem Yunus-Modell bekommt, werden neben den Vorteilen auch die Nachteile des Yunus-Modells unter die Lupe genommen.

In dieser Arbeit wurde auf geschlechtsspezifische Bezeichnungen zugunsten des Leseflusses verzichtet.

Grundbegriffe:

Zum Einstieg in die folgende Abhandlung erfolgt die Bestimmung und Abgrenzung der wichtigsten Begrifflichkeiten im Thema. Dazu werden Definitionen von Lohmann und Klas als umfassende begriffliche Erläuterungen aufgegriffen.

Mikrofinanz (MF)

„Der Begriff Mikrofinanz (…) beschreibt finanzielle Dienstleistungen in kleiner Größenordnung an Menschen, die aus den verschiedensten Gründen keinen Zugang zu regulären Finanzdienstleistungen haben. Die bekannteste und am meisten verbreitete Form der MF sind die sogenannte Mikrokredite. Zur MF gehören darüber hinaus u.a. Mikroversicherungen, sichere Sparmöglichkeiten und Mikroleasing. Hinzu kommen bei manchen Einrichtungen nicht-finanzielle MF-Dienstleistungen wie Beratung und Weiterbildungsmöglichkeiten.“ (Lohmann 2009: 16)

Durch die Spaltung des Mikrofinanzsektors in die zwei Ansätzen „Financial System Approach“ und „Poverty Lending Approach“ ist eine gewisse Differenzierung zwischen den Begriffe „Mikrokredit“ und „Mikrofinanz“ entstanden. Obwohl die beiden Begriffe oft als Synonyme verwendet werden, aufgrund der Differenzierung nach diesen Ansätzen bezieht sich „Mikrokredit“ auf MFIs wie Grameen Bank und „Mikrofinanz“ auf Organisationen, die kommerziell orientiert sind. (Vgl. Armendariz de Aghion/ Morduch 2005: 14)

Mikrofinanzinstitutionen (MFIs)

„Mikrofinanzinstitutionen (MFIs) umfassen alle informellen, halbformellen und formellen Institutionen mit Finanzdienstleistungen insbesondere (aber nicht ausschließlich) für die unteren Bevölkerungsschichten, die bislang keinen Zugang zu Geschäftsbanken bzw. zum formellen Finanzwesen haben, darunter Kleinbauern, Pächter, Kleinhändler, Handwerker und sonstige Kleinunternehmer. Das Spektrum solcher Institutionen reicht von Selbsthilfegruppen und Spar- und Kreditgenossenschaften zu Mikrobanken, Sparkassen und Agrarentwicklungsbanken. Die Produktplatte unterschiedlicher MFIs umfasst vorwiegend Zwangs- und freiwilliges Sparen, Individual- und Gruppenkredite und zunehmend Mikroversicherungsprodukte, ggf. auch Zahlungsverkehr. “ (Klas 2011: 20).

Mikrounternehmen/ Mikrounternehmer

„Mikrounternehmen sind (oft familiäre) Kleinstbetriebe, die bis zu zehn Beschäftigte anstellen. Es gibt zwei Hauptunterscheidungen bei der Art der Beschäftigung der Kunden: „Livelihood Programmes“, im Rahmen derer MF hilft, überlebenssichernde Aktivitäten zu schützen, und „Microenterprise Programmes“, die sich auf potenziell entwicklungsfähige Wirtschaftsaktivitäten richten.“ (Lohmann 2009: 16) Das Einkommen von den überlebenssichernden Aktivitäten dient ausschließlich dem Lebensunterhalt, hingegen die entwicklungsfähigen Aktivitäten auf Profitmaximierung ausgelegt sind (Vgl. ebd.).

1. Kommerzialisierung der Mikrofinanzierung

1.1. Der Weg zur Kommerzialisierung der Mikrokredite

Historischer Abriss der Entstehung der Mikrokredite

„Arme Menschen brauchen kein Mitleid, sondern Zugang zu Kapital“ (Klas 2011: 24. Zitiert nach: Yunus)

Diese Erkenntnis war schon im antiken Griechenland präsent und halfen die Einwohner einander finanziell aus. Das heißt, die Vergabe von Krediten legt bereits auf diese Zeitalter zurück. Aber strikte ohne Zinsen. Platon war nämlich der festen Überzeugung, dass Kreditvergaben mit Zinsen praktisch die Vermehrung der Zahl der Armen verursache, da sie dadurch von ihrer Not nicht befreit wären, sondern vielmehr würden Zinsen eine Verschärfung der Lage von Schuldner bedeuten. (Vgl. Klas 2011: 17)

Die nächste bedeutende Epoche im 18. Jahrhundert beginnt mit der Etablierung der ersten Handelsgesellschaften und kapitalistischen Manufakturen. Als Zentrum des damaligen Bankwesens galt England mit der „City of London“, mit einem Höchstzins von 5 Prozent. Dieser Zinssatz war auch für alle anderen Banken als oberes Limit vorgeschrieben, wobei es interessant ist zu bemerken, dass solche gesetzliche Festsetzung des Zinssatzes seitdem nicht mehr vorgekommen ist. (Vgl. Klas 2011: 17f)

Die Vergabe von dem ersten tatsächlichen Mikrokredit kann mit dem Name des irischen Jonathan Swifts verbunden sein. Er half mit Krediten in einem Ausmaß von 5 bis 10 Pfund für Kleinunternehmer, die aus verschiedenen Gründen keinen Zugang zu regulären Krediten hatten. Als Sicherheit für die Rückzahlung hatte er nichts anderes außer Fleiß und Ehrlichkeit von den Kreditnehmern verlangt. (Vgl. Klas 2011: 18)

In der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten ersten deutschen Genossenschaftsbanken gelten als Vorreiter der heutigen Mikrokredite (Vgl. ebd.). Friedrich Raiffeisen schaffte in Deutschland 1848 eine der ersten formalen Spar- und Kreditgemeinschaften weltweit. Mit der Herausbildung von institutionellen Formen der Mikrofinanz wurde ein neuer Weg für Kreditnehmern eröffnet, die von den bislang verbreiteten, oft korrupten und kriminellen informellen Geldverleihern unter Not litten. (Vgl. Lohmann 2009: 88f)

Zahlreiche „Kreditgenossenschaften und lokale Spar- und Kreditgruppen“ (Klas 2011: 19) sind Mitte des 19., bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts auch außerhalb Europas etabliert geworden. Von denen sind die in Westafrika, Ägypten, China, Japan und Indonesien Gegründeten namhaft. Als relevant zählt noch der bengalische Kleinkreditgeber, Rabindranath Tagore, der bezüglich der erforderten Sicherheiten den gleichen Prinzipien folgte, wie damals Jonathan Swift. (Vgl. ebd.)

Die Relevanz der Mikrokredite für Frauen kann vielleicht auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgelegt werden, als -basierend auf der oben genannten GrundsätzeKleinstkreditvergabe in Form von Selbsthilfegruppen kombiniert mit Geldansparung, erfolgte. Diese Initiative war nur von der Frauenbewegung und Nichtregierungsorganisationen gefördert und aufgrund der fehlenden staatlichen Unterstützung konnte ihre richtige Verbreitung nicht möglich sein. (Vgl. ebd.)

Zwischen den 1950er und 1970er Jahren ist die Mikrofinanzierung zum Instrument der Entwicklungshilfe geworden. Im Rahmen der Entwicklungshilfe wurden subventionierte Kredite für Großprojekte in Entwicklungsländer angeboten, die durch das sogenannte „Trickl- Down-Effekt“ die Armen erreichen sollten. Da diese Vorstellung nicht die erwarteten Ergebnisse erbracht haben, wendeten nun die Geberorganisationen direkt an die Armen. Das Ziel, für Menschen aus den untersten Einkommensschichten mit Versorgung von günstigen Krediten zu helfen, scheiterte einerseits auf die extrem niedrigen Rückzahlungsquoten. „Die Rückzahlung wurde [nämlich] vom zu erwartenden Einkommen abhängig gemacht” (Lohmann 2009: 89), die aber oft überschätzt geworden sind. Der andere Grund des Misserfolges war die Nichterreichung der tatsächlichen Zielgruppe und so profitierten von dem Ganzen statt ihnen, die besserstehenden Landbesitzer, was für die Ärmsten nur noch weitere Nachteile verursacht hat.

Trotz aller Misserfolge setzte sich die Verbreitung der MF weiter fort. So etablierte Muhammad Yunus 1983 die in kurzer Zeit weltweit bekannt gewordene „Grammen Bank“, die Dorf Bank, die auch wie ihr Name schon hindeutet, speziell zur Erreichung der Ärmsten der Armen zu berufen ist. Auch ihr Erfolg und im Jahr 1989 organisierte erste internationale Konferenz zu „Informal Finance” in Washington haben viel zur Aufschwung in der Mikrofinanzbranche beigetragen, wodurch die 1990er Jahren als die Jahre der Mikrofinanzrevolution verzeichnet sind. 1997 fand nämlich ebenfalls in Washington der erste „Weltgipfel für Mikrokredite” statt. Hier wurde die gemeinsame Zielsetzung der 137 teilnehmenden Ländern festgesetzt, nach dem sie bis zu dem Jahr 2005 für 100 Millionen der ärmsten der Armen -vor allem für Frauen- mit Krediten versorgen müssen. Dabei waren zwei Faktoren von großer Bedeutung: zum einen die Erzielung der Nachhaltigkeit der MFIs und zum anderen das Agieren nach dem Konzept des „Bottom-Up-Effekts”, wobei es die Hilfe zur Selbsthilfe erzielt wird. (Vgl. Lohmann 2009: 92ff) Zum Ende des 20. Jahrhunderts „[war] die „moderne MF” geboren und bahnte sich ihren Weg an die Spitze der relevanten Mittel zur Armutsbekämpfung” (Lohmann 2009: 95).

Wichtig ist es noch anzumerken, dass die Mikrofinanzierung nicht nur auf der südlichen Hälfte des Globus verbreitet ist. Auch in Europa und der USA werden Mikrokredite nachgefragt, aber im Gegensatz zu den südlichen Ländern, sind hier in erster Linie die Männer daran interessiert, und zwar nicht an Gruppen- sondern Individualkrediten. Ein Unterschied zwischen der im Süden und Norden vergebenen Mikrokrediten liegt noch in ihrer Größenordnung. In Norden kann der Betrag eines Mikrokredits den 25.000 Euro erreichen und wird neben der Armutsbekämpfung meistens zur Förderung der Wirtschaftssektoren, bzw. Integration der Randgruppen von Immigranten, verwendet. (Vgl. Lohmann 2009: 96f)

Mikrofinanzierung heute

Anhand der oben skizzierten Entwicklung der Mikrofinanzierung sieht man deutlich, wie sich der Schwerpunkt, bzw. die maßgebliche Theorien mit der Zeit ständig geändert haben. Aktuell strebt die MF vor allem nach der Erreichung von immer mehr Kunden und der Fähigkeit, diese über einen längeren Zeitraum bedienen zu können. Um dies zu verwirklichen, brauchen die Mikrofinanzinstitutionen eine wirtschaftlich tragfähige Basis, mit anderer Wörter ausgedrückt, streben sie also nach finanzieller Nachhaltigkeit.

Die Frage der finanziellen Nachhaltigkeit stellt in der Mikrofinanzdebatte ein stark diskutiertes Thema dar. Die Versorgung der Armen mit Mikrokrediten ist mit hohen Transaktions-, Informations-, sowie Reisekosten verbunden. (Vgl. Schmidt 2009: 76ff) Durch welches Mittel diese hohen Kosten gedeckt werden sollten, ist, was die Vertreter der Mikrofinanzierung untereinander teilt. Es gibt nämlich unterschiedliche Vorgehensweisen, die zur Erreichung der finanziellen Nachhaltigkeit führen können. Es sind grundsätzlich drei Optionen geläufig:

(1) MFI können eine Selbstfinanzierung erzielen, die meistens durch Spareinlagen ermöglicht wird. Das funktioniert aber nur mithilfe von Investoren, das heißt, externe Gelder werden nicht ausgeschlossen, jedoch geht es hier nicht ausschließlich um Subventionen.

(2) Eine andere Variante zur finanziellen Nachhaltigkeit ist, wenn MFI mit höheren Zinsen und Gebühren agieren. In diesem Fall bedürfen sie keiner Geber, da sie ihre Kosten direkt aus ihren Einnahmen decken können. (Vgl. Lohmann 2009: 220f)

(3) Die dritte und zugleich meist bestrittene Option ist, dass sich MFI kommerziell orientieren. Das bedeutet praktisch eine Verbindung der Mikrofinanzierung mit dem formellen Sektor, wobei MFI ihre Gesellschaftsform ändern und von zum Beispiel NGOs zu Mikrofinanzbanken umwandeln. „So gingen jüngst […] BRI in Indonesien, Compartamos Banco in Mexico und Equity Bank in Kenia an die Börse“ (Lohmann 2009: 221).

Nun sollte die unten folgende Abbildung den finanziellen Entwicklungsstand der Mikrofinanzinstitutionen weltweit, veranschaulichen. Das deutet gleichzeitig auch auf die prozentuale Verteilung der MFI in der Hinsicht auf die Verwendung der oben genannten Finanzierungsmittel, hin. (?!)

Abbildung 1: Kategorisierung von MFI nach ihrem finanziellen Entwicklungsstand (Dieckmann 2008: 7)

Anhand der Abbildung ist es klar zu sehen, dass die 10000 weltweit existierenden MFI zu vier Gruppen zugeordnet werden können. Zwei von den vier Gruppen sind als formales MFI bezeichnet, die gleichzeitig am weitesten entwickelten MFI sind, während die anderen zwei in Form von NGOs operieren.

Zu der kleinsten Gruppe mit insgesamt 1-2% aller MFI gehören ca. 150 Mikrofinanzbanken. Diese MFI machen praktisch die kommerziellen Kleinkreditbanken aus. Sie verfügen über die stärkste Regulierung - was die Refinanzierungsquellen betrifft.

[...]

Details

Seiten
40
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668275317
ISBN (Buch)
9783668275324
Dateigröße
988 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338108
Note
2
Schlagworte
Mikrokredit Kommerzialisierung Yunus Grammen Bank Financial System Approach Poverty Lending Approach Kritik der Grammen Bank Kritik an Kommerzialisierung der Mirkokredite

Autor

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