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Die Gefahr von Fehlurteilen in der Personalauswahl aufgrund von Urteilsheuristiken. Forschungsbericht und Handlungsempfehlungen

Hausarbeit 2015 26 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Einführung

3 Heuristiken
3.1 Definition Heuristik
3.2 Verfügbarkeitsheuristik
3.3 Ankerheuristik
3.4 Repräsentationsheuristik

4 Die Repräsentationsheuristik in ausgewählten Studien
4.1 Das Linda-Experiment - Der Konjunktionsfehler
4.2 Jurist oder Ingenieur - Vernachlässigung der Basisrate
4.3 Ignorierung der Stichprobengröße
4.4 Mangelndes Verständnis für die Eigenschaften von Zufallsprozessen

5 Angewandte Heuristik in der Personalauswahl
5.1 Eignung und Passung
5.2 Prozess der Personalauswahl
5.3 Mögliche Fehlerquellen
5.3.1 Die Anforderungsanalyse
5.3.2 Das Anschreiben und die Bewerbung
5.3.3 Der Lebenslauf
5.3.4 Testergebnisse
5.3.5 Zeugnisse
5.3.6 weitere Angaben in der Bewerbung
5.3.7 Das Einzelinterview als Beispiel einer eignungsdiagnostischen Auswahlmethode
5.4 Konsequenzen

6 Handlungsempfehlungen für die Personalauswahl
6.1 Rahmenbedingungen
6.2 Vorbereitung der Kandidatenauswahl
6.3 Unterlagenauswertung
6.4 Beurteiler-Training
6.5 Eignungsdiagnostische Verfahren

7 kritische Betrachtung der Handlungsempfehlungen

8 Literaturverzeichnis

9 Abbildungsverzeichnis

2 Einführung

Im Alltag ist ein Urteil oft schnell gefällt. Nimmt man beim Verlassen des Hauses noch einen Regenschirm mit, oder bleibt es trocken? Der Mensch schätzt in diesen Situationen meist ohne bewusste Anstrengung die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Ereignisse ein und richtet sein Handeln danach aus. Manchmal muss man sich auch ein Urteil über eine Person machen.

Im Alltag ist dies meist gut anwendbar und manches muss vielleicht auch nicht in Gänze durchdacht werden. Würde man die Regenschirmproble­matik erst durch eine Pro-und-Contra-Liste ausarbeiten, um definitiv die richtige Entscheidung zu fällen, so würde man es womöglich nicht mehr rechtzeitig aus dem Haus schaffen. Ein schnelles und einfaches Urteil ist also oftmals in Ordnung. Auch wenn man riskiert, dass man bei der Ent­scheidung gegen den Regenschirm nass werden kann.

Weitreichendere Konsequenzen können hingegen bei einem Unterneh­men auftreten, das falsche Entscheidungen und Urteile fällt. Beispiels­weise bei der Auswahl von Bewerbern für zu besetzende Positionen im Unternehmen.

Um einen geeigneten Bewerber zu finden, greifen Unternehmen aufeine Vielzahl von Verfahren und Methoden der Eignungsdiagnostik zurück. Letztendlich sind es jedoch menschliche Beurteiler, die das fallabschlie­ßende Urteil über einen Bewerber fällen und diesen als geeignet oder ungeeignet ansehen. Und genau hier sind Fehleinschätzungen möglich. Denn einen Menschen einzuschätzen und von möglichen Personenmerk­malen auf den beruflichen Erfolg zu schließen ist ein komplexer Prozess. Vieles muss erfasst und interpretiert werden und ist manchmal nicht ganz eindeutig. Ein Urteil entsteht also teilweise auf Grundlage von einer ge­wissen Unsicherheit. Eine ganz und gar logische und vollständige Analy­se der Informationen ist dadurch eventuell nicht möglich und das menschliche Denken muss teilweise auf Heuristiken zurückgreifen. Im ersten Teil der Hausarbeit werde ich deshalb zunächst die Urteilsfindung mit den Mechanismen der Heuristik erläutern.

Die Konsequenzen von Fehleinschätzungen können sich daraus ergeben, dass man entweder einen geeigneten Bewerber ablehnt oder einen unge­eigneten einstellt. Eine genauere Beschreibung dieser Konsequenzen ergibt sich im weiteren Verlauf der Hausarbeit.

Letztendlich werde ich Handlungsempfehlungen vorstellen, die die Fehl­einschätzungen bei der eignungsdiagnostischen Personalauswahl mini­mieren sollen.

3 Heuristiken

3.1 Definition Heuristik

Die Wahrnehmung des Menschen ist ein hochkomplexes System. Auf den Menschen strömen ständig Informationen ein. Diese werden durch das Gehirn organisiert und geordnet, mit vorhandenem Wissen abgegli­chen und verknüpft und schließlich erhält das Wahrgenommene eine Be­deutung. (Gerring, 2015, S. 112)

Ein weiterer Teil dieser kognitiven Prozesse ist das Problemlösen und Urteilen. Hier gibt es den Weg des Algorithmus, ein schrittweises Ver­fahren, das bei einem bestimmten Problemtyp immer die richtige Lösung liefert, aber auch sehr zeitintensiv ist. Oder den Weg der Heuristiken. (Gerring, 2015, S. 311-313)

Die Heuristiken, als Möglichkeit der Urteilsbildung, kommen dann zum Einsatz, wenn eine vollständig logische Analyse nicht möglich ist oder aufgrund anderer Faktoren nicht genutzt wird. Es sind Faustregeln, die schnelle und einfach Antworten ermöglichen und die Entscheidungsfä­higkeit aufrechterhalten. (Fischer, Greitemeyer, & Frey, 2006, S. 278)

Mögliche Einschränkungen können Zeitdruck oder die kognitive Kom­plexität der Problematik sein. (Fischer, Greitemeyer, & Frey, 2006, S. 274) Manchmal sind die Informationen auch zu spärlich und es besteht eine gewisse Unsicherheit oder eine oberflächliche Urteilsbildung reicht aus. (Kahneman & Tversky, Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases, 1974, S. 1124)

Angestrebt wird ein zufrieden stellendes und nicht notwendigerweise das objektiv beste Ergebnis. (Fischer, Greitemeyer, & Frey, 2006, S. 274)

Das Ergebnis einer schnellen oder nicht ganz durchdachten Denkweise ist im Alltag gut nutzbar. Oftmals stimmt es sogar oftmals mit Urteilen überein, die auf Grundlage aufwändiger Verarbeitungsprozesse gefällt wurden. Es kann jedoch unter bestimmten Bedingungen zu systemati- sehen Urteilsverzerrungen, sogenannten bias, kommen, da der Zusam­menhang zwischen Hinweisreiz und Urteilsgegenstand eben nicht genau sind. (Strack & Deutsch, Theorien der Sozialpsychologie, Motivations-, Selbst- und Informationsverarbeitungstheorien, 2002, S. 353) (Kahneman & Tversky, Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases, 1974, S. 1124). Dies kann dann der Fall sein, wenn entscheidungsrelevante Infor­mationen nicht berücksichtigt oder inadäquat eingesetzt werden. (Fischer, Greitemeyer, & Frey, 2006, S. 274) Oder wenn die Auftretungswahr- scheinlichkeit mancher Ereignisse überschätzt wird. (Kahneman & Tversky, Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases, 1974, S. 1124) (Kahnemann, Slovic, & Tversky, Judgment under uncertainty: Heuristics and biases, 1982, S. 89)

Kahnemann und Tversky haben in den 70iger Jahren die Forschung in diesem Gebiet stark vorangetrieben und drei Hauptheuristiken festgelegt.

Diese Alltagsheuristiken „(.. ,)dienen vor allem der Einschätzung von Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten, aber auch der Kategorisierung von Personen, Werturteilen oder der Einschätzung numerischer Größen.“ (Strack & Deutsch, Theorien der Sozialpsychologie, Motivations-, Selbst- und Informationsverarbeitungstheorien, 2002, S. 353 f.)

3.2 Verfügbarkeitsheuristik

Bei der Verfügbarkeitsheuristik wird die Auftretungswahrscheinlichkeit oder Häufigkeit eines Ereignisses danach eingeschätzt, wie schnell oder einfach einzelne Gedächtnisinhalte abgerufen werden können. Umso leichter etwas erinnert wird, desto häufiger tritt es wahrscheinlich auf. (Strack & Deutsch, Theorien der Sozialpsychologie, Motivations-, Selbst- und Informationsverarbeitungstheorien, 2002, S. 354)

3.3 Ankerheuristik

Die Ankerheuristik kommt bei der Schätzung numerischer Größen zum Einsatz. Hier wird das zu treffende Urteil an einem Richtwert adjustiert.

Das erste Urteil bzw. die Einschätzung wird zugunsten oder zu Lasten des Richt- oder Vergleichswertes verändert. (Kahneman & Tversky, Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases, 1974, S. 1128)

3.4 Repräsentationsheuristik

Die dritte Heuristik ist die Repräsentationsheuristik und soll in dieser Hausarbeit als Beispiel für Fehleinschätzungen in der Personalauswahl dienen. Grundsätzlich kann die Repräsentationsheuristik angewendet werden, wenn beurteilt werden soll, wie gut ein konkreter Fall eine Kate­gorie oder ein abstraktes Modell repräsentiert. Es werden also Ähnlich­keiten verglichen und zur Urteilsfindung herangezogen. Umso mehr Merkmale einer Person oder einer Sache mit den Merkmalen der betref­fenden Kategorie übereinstimmen, desto wahrscheinlicher gehört sie ebenfalls zu dieser Kategorie. (Bless & Keller, 2006, S. 296)

Z.B. könnten die Merkmale blaue Uniform, Pistole und Handschellen dazu führen, dass man diese Person der Kategorie „Polizist“ zuordnet.

Die Organisation der Informationen in Form von Bildung von Begriffen, die zu Kategorien zusammengefasst werden, die wiederum Schemata bilden ist ein grundlegender Mechanismus des kognitiven Denkens und dient zur Schonung der mentalen Ressourcen. Wenn nicht auf vorhande­nes Wissen zurück gegriffen werden könnte, dann müsste der Mensch immer wieder von neuem lernen, was er genau gesehen hat. (Meyers, 2008, S. 431)

Problematisch wird es dann, wenn das vorliegende Ereignis gar nicht mit der vorhandenen Kategorie zu tun hat.

Dies kann dann passieren, wenn der Mensch lediglich auf Grundlage der Repräsentanz des Ereignisses urteilt und andere Informationen und die tatsächliche Wahrscheinlichkeit außer Acht lässt. Die Fehler der Reprä­sentationsheuristik wurden in den nachfolgenden Studien erforscht.

4 Die Repräsentationsheuristik in ausgewählten Studien

Kahnemann und Tversky haben in den 70iger Jahren die Urteilsheurist­iken ausführlich in vielen Studien erforscht und grundlegende Erkennt­nisse gewonnen. In folgenden werde ich einige ausgewählte Studien skizzieren und die Erkenntnisse daraus vorstellen.

4.1 Das Linda-Experiment - Der Konjunktionsfehler

Das Experiment stammt aus dem Jahr 1983. In diesem Experiment wurde den Teilnehmern eine Personenbeschreibung vorgelegt. Diese lautete (übersetzt aus dem englischen)

„Linda ist 31 Jahre alt, sehr intelligent, und sie nimmt kein Blatt vor dem Mund. Sie hat Philosophie studiert. Als Studentin hat sie sich intensiv mit Fragen von sozialer Gerechtigkeit und Diskriminierung auseinander gesetzt. Außerdem hat sie an Anti-Kernkraft-Demonstrationen teilge­nommen.“

Danach folgte eine Auflistung von acht Aussagen über Linda. Diese soll­te nach ihrer Wahrscheinlichkeit in eine Rangreihe gebracht werden. 2 von den 8 Aussagen lauteten:

1) Linda ist Bankangestellte
2) Linda ist Bankangestellte und in der Frauenbewegung aktiv

Die ersten beiden Aussagen waren im Experiment von besonderer Be­deutung. Denn das Ergebnis zeigte, dass 85 bis 90% die Aussage 2 als wahrscheinlicher hielten als Aussage 1. Aussage 2 wies für die Teilneh­mer eine höhere Repräsentativität mit Linda auf, als Aussage 1.

Diese Einschätzung war jedoch nicht richtig. Denn ein Grundsatz der Wahrscheinlichkeitslehre besagt, dass wenn ein Ereignis A das Ereignis B einschließt, so kann Ereignis B nicht wahrscheinlicher sein als Ereignis A. Die Aussage 2 ist in der Aussage 1 mit enthalten, denn bei Aussage 1 kann Linda zusätzlich ebenfalls in einer Frauenbewegung aktiv sein.

Aussage 2 ist somit eine spezielle Konjunktion von Aussage 1, die die allgemeinere Beschreibung darstellt, und somit nicht wahrscheinlicher als diese. Für die Teilnehmer wirkte diese Beschreibung jedoch repräsen­tativer und sie erlagen dem Konjunktionsfehler. Für den Mensch er­scheint die Beschreibung wahrscheinlicher.

4.2 Jurist oder Ingenieur - Vernachlässigung der Basisrate

Bei einem weiteren Experiment zur Repräsentationsheuristik aus dem Jahre 1973 ging es ebenfalls um Personenbeschreibungen. Den Teilneh­mern wurden 100 Personenbeschreibungen vorgelegt. Diese entsprachen entweder dem Stereotyp des Juristen oder des Ingenieurs. Zusätzlich er­hielten die Teilnehmer in der einen Experimentvariante die Information, dass 30 Personen Juristen und 70 Personen Anwälte seien. In der anderen wurde die gegenteilige Basisrate mitgeteilt. Diese Zusatzinformation hatte in beiden Fällen kaum Einfluss auf die Entscheidung der Teilneh­mer. Das Urteil richtete sich allein nach der Beschreibung. Hier wird also die Basisrate als weiter Information außer Acht gelassen, obwohl diese relevant für die Wahrscheinlichkeitsschätzung ist. Subjektive und objek­tive wahrscheinlich unterschieden sich.

(Kahneman & Tversky, Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases, 1974, S. 1124 f.)

4.3 Ignorierung der Stichprobengröße

In diesem Experiment ging es um die Einschätzung der Wahrscheinlich­keit von männlichen Geburten in zwei Krankenhäusern. In dem einen Krankenhaus wurden täglich etwa 45 Babies geboren, in dem kleineren ca. 15. Grundsätzlich war die Wahrscheinlichkeit für männliche Gebur­ten 50%. Ein Jahr wurden die Tage notiert, an dem über 60% der Gebur­ten männlich waren. Es sollte geschätzt werden in welchen Krankenhaus mehr dieser Tage auftraten. 21 Teilnehmer tippen auf das große, 21 auf das kleine Krankenhaus, 53 gaben an, dass in beiden Krankenhäuser die Tage gleich häufig waren.

[...]

Details

Seiten
26
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668276642
ISBN (Buch)
9783668276659
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338090
Institution / Hochschule
Europäische Fernhochschule Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Eignungsdiagnostik Heuristik Forschungsbericht Fehlurteil Fehleinschätzung Personalauswahl

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