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Potenzialität, Konnektivität, Expansivität. Zur Multifunktionalität des Konjunktivs im Rumänischen

Vortrag an der Universität Jena im Juli 2016

Referat (Ausarbeitung) 2016 8 Seiten

Romanistik - Rumänische, dalmatische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Potenzialität, Konnektivität, Expansivität – Zur Multifunktionalität des Konjunktivs im Rumänischen

Dr. phil. Patrick Roesler

Vortrag anlässlich des Berufungsverfahrens der Juniorprofessur

für Rumänistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Berufungskommission, ich freue mich sehr, am heutigen Tag meinen Vortrag zum Thema „Potenzialität, Konnektivität, Expansivität – Zur Multifunktionalität des Konjunktivs im Rumänischen“ am Institut für Romanistik der Universität Jena halten zu dürfen. Seit Beginn meines Studiums an der Humboldt-Univer­sität zu Berlin bin ich mit Leib und Seele Romanist, und gerade die intensive Beschäfti­gung mit der rumänischen Sprache prägt bereits seit beinahe 20 Jahren mein Leben, vor allem aber meine wissenschaftliche Laufbahn. Die Verwendung von Konjunktivkonstruk­tionen im Rumänischen ist ein sehr interessantes Thema, gerade weil es so facettenreich und vielfältig ist.

Warum habe ich diesen Vortragstitel gewählt?

Wie wir anhand meiner Ausführungen zum Thema sehen werden, drückte der rumäni­sche Konjunktiv (RK) ursprünglich Potenzialität aus. Im Laufe der Sprachentwicklung hat der RK dann immer mehr die Aufgabe übernommen, zwei Verben miteinander zu verbin­den – was ich unter dem Begriff Konnektivität zusammenfassen möchte. Schließlich hat der RK seinen Funktionsbereich derart expansiv ausgeweitet, dass er nicht nur bestimmte Modalverben verdrängt, sondern sich auch mit nicht-romanischen Wortschatzelementen untrennbar verbunden hat. Aber auch die Tatsache, dass sich in den übrigen Sprachen des Balkansprachbunds ähnliche Entwicklungen vollzogen haben, ist für die Betrachtung des RK von zentraler Bedeutung.

Begriffserklärung

Der Konjunktiv im engeren Sinne ist eine Verbform, welche zum Ausdruck bringt, dass der Sprecher die benannte Handlung oder den benannten Vorgang zwar als realisierbar, möglich und erwünscht betrachtet, die Realisierung allerdings ungewiss bleibt (Irimia 2008: 275/276). In dieser Funktion wird im Rumänischen der Konjunktiv Präsens ge-braucht, vgl.:

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Demgegenüber drückt der Konjunktiv Perfekt im Rumänischen Irrealität aus (vgl. Irimia 2008: 277/278; DEX s ă):

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Potenzialität: Die Herausbildung der Konjunktivkonstruktion im Rumänischen

Die Konjunktivkonstruktionen im Rumänischen gehen auf den lateinischen Konjunktiv als Modus der Vorstellung (den so genannten Potentialis und Irrealis) in Bedingungssätzen zurück (vgl. dazu Rubenbauer/Hofmann 1995: 312; Roesler 2011: 143):

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Aus solchen potenziellen Bedingungssätzen entwickelte sich die rumänische Konjunktiv­konstruktion des Typs pot s ă vin „ich kann kommen (eigentlich: ich kann, wenn ich kom­me)“ oder știu să cânt „ich kann singen (ich kann, wenn ich singe)“. Die Konjunktion si – s ă hat sich im Laufe der Sprachentwicklung des Rumänischen zu einem reinen Konjunktiv­marker gewandelt, wobei der RK im Präsens sich vom Indikativ morphologisch nur noch in der 3. Person des Verbs unterscheidet: steht Endung - ă im Indikativ, so steht Endung -e im Konjunktiv (c ântă – să cânte); steht Endung -e im Indikativ, so steht Endung - ă im Konjunktiv (ninge – să ningă) (Irimia 2008: 258).

Ansonsten hat der RK die Funktionen des lateinischen Konjunktivs in großen Teilen be­wahrt. Im Hauptsatz bringt der bloße Konjunktiv ( + Konj.) – als Optativ, Hortativ, Iussiv, Prohibitiv und Deliberativ – eine Aufforderung zum Ausdruck (Rubenbauer/Hofmann 1995: 249/250; Tomić 2006: 535-537; Irimia 2008: 280):

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In dieser Funktion komplettiert der RK auch die fehlenden Imperativformen des Verbs, wobei die Verwendung der 2. Person Sgl. und Pl. Konj. einen höheren Grad der Höflich­keit zum Ausdruck bringt:

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In Nebensätzen übernimmt der Konjunktiv die Funktion, indirekte Soll-Fragen sowie fina­le und konsekutive Handlungen und Vorgänge zum Ausdruck zu bringen (Rubenbauer/ Hofmann 1995: 272-281; DEX):

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Konnektivität: Konjunktivkonstruktionen als Infinitiversatz

Der Konjunktiv im engeren Sinne ist die Möglichkeitsform des Verbs. Die Verwendung des RK hat sich im Sprachsystem allerdings derart fest verankert, dass dem Sprecher nicht immer die Möglichkeit der freien Wahl bleibt: Egal ob er seine Aussage nun als reale Tatsache betrachtet, oder nur als etwas Mögliches bzw. Realisierbares – der RK kann sich dem Sprecher in einigen Fällen als einzige Option geradezu aufzwingen, da er obligato­risch in Verbindung mit bestimmten Verben gebraucht wird. Die Modalität wird in sol­chen Konstruktionen nicht so sehr vom Konjunktiv, als vielmehr von dem ihn regierenden Verb selbst zum Ausdruck gebracht (Irimia 2008: 276-278), z.B.:

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Man kann daher sagen, dass der RK im Laufe der Sprachentwicklung seinen modalen Charakter weitestgehend verloren hat und stattdessen sein konnektiver Charakter in den Vordergrund getreten ist. Und genau diese Amodalität des RK hat dazu geführt, dass er mit dem – per definitionem amodalen – Infinitiv austauschbar wurde, vgl.:

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Der rumänische und lateinische Infinitiv als Nominalform des Verbs übernehmen nach dem Verb 'sein' sowie nach unpersönlichen Ausdrücken die Funktion des Subjekts. Nach den Modalverben und Verben des Versuchens fungiert der Infinitiv hingegen als Objekt (Irimia 2008: 295; Rubenbauer/Hofmann 1995: 188; Tomić 2006: 514):

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Der Verlust bzw. die fortschreitende Ersetzung des Infinitivs durch Konjunktivkonstruk­tionen ist ein hervorstechendes Merkmal aller Sprachen des Balkansprachbunds. Während der Infinitiv im Mazedonischen und Neugriechischen vollständig verloren gegangen ist, finden sich im Bulgarischen und Aromunischen noch Reste des Infinitivs. Im Serbischen, Kroatischen und Rumänischen hat sich hingegen der Infinitiv halten können, auch wenn man ihn in diesen Sprachen häufig durch Konjunktivkonstruktionen ersetzt. Wahrschein­lich nahm der Gebrauch von Konjunktiv- an Stelle von Infinitiversatzkonstruktionen im mittelalterlichen Griechisch seinen Anfang und beeinflusste durch Transhumanz und Bibelübersetzungen die südslawischen Varietäten Bulgariens und Mazedoniens, wo man den – mittlerweile verkürzten – Infinitiv bald nur noch sehr eingeschränkt verwendete (Radeva 2003: 74; Tomić 2006: 413/414):

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Details

Seiten
8
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668274938
ISBN (Buch)
9783668274945
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v338024
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Romanistik
Note
Schlagworte
potenzialität konnektivität expansivität multifunktionalität konjunktivs rumänischen vortrag universität jena juli

Autor

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Titel: Potenzialität, Konnektivität, Expansivität. Zur Multifunktionalität des Konjunktivs im Rumänischen