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Zum Umgang mit schwerwiegenden Bindungsstörungen in Handlungsfeldern psychosozialer Beratung und Sozialer Arbeit

Hausarbeit 2014 25 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung … S.3

II. Bindung als menschliches Grundbedürfnis … S.4

III. Klinische Relevanz von Bindungserfahrungen … S. 10

IV. Umgang mit Bindungsstörungen in Handlungsfeldern psychosozialer Beratung und Sozialer Arbeit … S. 15

V. Fazit … S. 20

VI. Literaturverzeichnis … S. 22

I. Einleitung

Die Ursachen und Wirkungen von Bindungsstörungen beschäftigen nicht nur die Experten in der Entwicklungspsychiatrie und Entwicklungspsychologie sondern auch die Tagespolitik und Zivilgesellschaft.

„Berufstätigkeit und Kindeserziehung“ ist zum Beispiel ein Thema, in dem solche Überlegungen immer wieder eine breite Öffentlichkeit finden. 2008 ist dem Wunsch vieler Eltern nach einer besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Familie durch das vom deutschen Bundestag beschlossenen Kinderförderungsgesetz ein Stück weit entsprochen worden. Seit dem 1. August 2013 hat nun jedes Kind in Deutschland mit Vollendung des 1. Lebensjahres einen Anspruch auf Betreuung in einer KITA oder durch eine Tagesmutter. Diese Entwicklungen haben in der Medienlandschaft u. a. Fragen nach der Verträglichkeit von Kitabetreuung und Kindeswohl nach sich gezogen. So fragte z. B. Adelheid Müller-Lissner, im Anschluss u. a. auch an die jüngere Debatte um das nun ebenfalls, zumindest legislativ, verwirklichte Betreuungsgeld, am 7.5.2012 in ihrem Artikel im Tagesspiegel: „Wie wirkt es sich aus, wenn Kinder zwischen ein und drei Jahren täglich außerhalb der Familie betreut werden?“ In dessen Ausführungen gab sie dem Leser eine kurze Zusammenfassung über Studien zur Krippenerziehung, in welchen sie auch auf die NICHD-Studie nach Jay Belsky et. al. einging. Auf diese Studie soll in den folgenden Kapiteln noch näher eingegangen werden. 1 Auch wenn jedenfalls viele Studien zeigen, dass die Betreuung in einer Kindertagesstätte keinen negativen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes haben muss,2 ist die Besorgnis im Anbetracht der erheblichen Bedeutung früher Bindungserfahrungen für die psychische Entwicklung nur verständlich.3

Schwerwiegende Bindungsstörungen verursachen oft auch noch im Erwachsenenalter erhebliches Leiden und können zu Hindernissen in reifen Paarbeziehungen werden, selbst wenn frühe Bindungsstile kein „Schicksal“ darstellen müssen.4 Die Qualität der Bindungsorganisation einer Person kann dabei nach Spangler und Zimmermann als einer von vielen möglichen „Schutz- bzw. Risikofaktoren“ gegenüber der Entwicklung von psychischen Störungen und abweichendem Verhalten betrachtet werden.5 Die „Erfahrung der Eltern als einer sicheren Basis“ gehe dabei oft mit späteren „sozialen Kompetenzen“, einem „eher positiv realistischem Selbstbild“ sowie „Selbstwirksamkeit und Impulskontrolle“ einher.6 Im Umgang mit kleinen oder großen Hilfesuchenden werden Angehörige und professionelle Helfer daher oft genug mit dem Thema Bindung konfrontiert sein. Ganz besonders bei Klein- und Vorschulkindern ist hier nicht selten durch die Fachkräfte einzuschätzen, ob der Umgang mit den leiblichen Eltern im Sinne des Kindeswohls zumindest befristet unterbunden werden muss.7

Diese Arbeit geht dem Thema „Umgang mit schwerwiegenden Bindungsstörungen“ in folgenden Schritten nach. Zunächst soll in Kapitel II. „Bindung als menschliches Grundbedürfnis“ der allgemeine Forschungs- und Theoriestand skizziert werden. Im Anschluss daran folgt in Kapitel III. „ Klinische Relevanz von Bindungserfahrungen“ eine allgemeine Annäherung an das pathologische Phänomen gestörte Bindung und der Versuch den Zusammenhang solcher Störungen zu anerkannten Störungsbildern anzudeuten. Zuletzt erfolgt unter Punkt IV. „ Umgang mit Bindungsstörungen in Handlungsfeldern Sozialer Arbeit und psychosozialer Beratung“ eine Einbeziehung des „vielgestaltigen“ Hilfekontextes von Sozialer Arbeit und psychosozialer Beratung als „Querschnittsmethoden“ psychosozialen Handelns und ihrer besonderen Anforderungen, in die zuvor dargestellten Überlegungen.8

Hierbei wird es ganz besonders um die praxisbezogene Anwendbarkeit der zuvor vorgestellten Ansätze im Rahmen von psychosozialer Beratung gehen.

II. Bindung als menschliches Grundbedürfnis

In diesem Kapitel soll auf die Bedeutung von Bindung als psychischem Grundbedürfnis in ihrem theoretischen Kontext eingegangen werden. Dabei wird in diesem Zusammenhang das Konzept der vier psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe detailliert vorgestellt werden.

Die vier psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe

Klaus Grawes Konzeption der vier psychischen Grundbedürfnisse bietet durch empirische Befunde der allgemeinen Psychologie bestätigte Erklärungen, um menschliches Erleben und Verhalten zu verstehen.9 Zu den zentralen Grundbedürfnissen zählt Grawe das Bedürfnis nach „Lustgewinn und Unlustvermeidung“, das Bedürfnis nach „Orientierung- und Kontrolle“, das Bedürfnis nach „Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung“ sowie das Bedürfnis nach „Bindung“.10 Diese Bedürfnisse teilen seiner Darstellung nach folgende Merkmale: Sie sind „Bedürfnisse, die bei allen Menschen vorhanden sind und deren Verletzung oder dauerhafte Nichtbefriedigung zu Schädigungen der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens führen.“11 Grawe geht dabei davon aus, dass „die Ziele, die ein Mensch im Laufe seines Lebens herausbildet, letztlich der Befriedigung bestimmter Grundbedürfnisse dienen.“ 12 Auf eine Zielerreichung und deren positive emotionale Relation „annähernd“ und auf Inkongruenz - mit den dazugehörigen negativen Emotionen - vermeidend reagierende „motivationale Schemata“ seien dabei konkrete Mittel, die das Individuum „im Laufe seines Lebens entwickelt, um seine Grundbedürfnisse zu befriedigen und sie vor Verletzungen zu schützen“. Sie sind in dieser Konstruktion als eine Anpassung der Psyche an Erleben und Verhalten - mit Zielrichtung optimaler Befriedigung einschlägiger Grundbedürfnissen - essenziell.13

Grawe betont, dass die Grundbedürfnisbefriedigung mit einem „ganz zentralen Prinzip des psychischen Funktionierens“ in engem Zusammenhang steht, welches er „Konsistenzprinzip“ nennt.14 Für Grawe kann ein Individuum nur dadurch zu einer „guten Befriedigung“ seiner Grundbedürfnisse kommen, dass es erfolgreiche Mechanismen einer hierzu gehörenden „Konsistenzregulation“ entwickelt.15 Dieses meine „die Übereinstimmung bzw. Vereinbarkeit der gleichzeitig ablaufenden neuronalen/psychischen Prozesse.“16 Die, schon erwähnte und zu diesem Prinzip gehörende Konsistenzregulation hänge dabei eng mit der Bedürfnisbefriedigung als solcher zusammen, deren Bindeglied die „Kongruenz“ als „Übereinstimmung zwischen aktuellen motivationalen Zielen und realen Wahrnehmungen“ sei.17 Dieses „psychische Funktionieren“ untergliedert Grawe weiter in einzelne „Konstrukte“ der Konsistenz, welche wiederum in einem direkten Zusammenhang zueinander stünden.18

Man kann sich den klinischen Negativverlauf nach der Konsistenztheorie so vorstellen, dass auf motivationale Vermeidungs- oder Annäherungstendenzen der kognitiven Schemata, Erlebnisse von Inkongruenz als „Vermeidungsinkongruenz“ oder „Annäherungsinkongruenz“ folgen können.19 Hierbei ist konsistenztheoretisch hervorzuheben, dass solche Erlebnisse auch gleichzeitig aktiviert werden können und dementsprechend Potential haben sich als „motivationale Diskordanzen“ gegenseitig zu hemmen.20 Diskordanzen können aber auch zwischen „gleichzeitig aktivierten Annäherungszielen (Annäherungs/Annäherungs-Konflikten) oder gleichzeitig aktivierten Vermeidungszielen (Vermeidungs/Vermeidungs-Konflikten) bestehen.“21

Häufen sich solche Erlebnisse, egal ob in einem unbewussten bzw. „impliziten“ oder bewussten bzw. „expliziten“ „Funktionsmodus“ bestehe die Gefahr eines hohen „Inkongruenzniveaus“, so dass das individuelle Erleben und Verhalten des Menschen droht sich in einen psychopathologisch relevanten Bereich zu entwickeln.22 Die zu einem solch „komplexen Stresszustand“ gehörenden Emotionen können bewusst erlebt werden und sich nach Grawe z. B. in „Angst, Ärger oder Enttäuschung“ ausdrücken.23 Vor allem „traumatische Inkongruenzerfahrungen“ zeigen hier für Grawe alles in Allem großes Potential zu „dauerhaft schädlichen Auswirkungen“.24

Zusammengefasst speist sich nach Grawe also geringes Wohlbefinden und ein schlechter psychischer Gesundheitszustand aus erheblichen Inkongruenzerfahrungen, die oft genug in einem engen Zusammenhang zu fehlerhafter Konsistenzregulation stehen.25 Grawe weist dabei kognitiv darauf hin, dass solche Entwicklungen meist zu dem Überwiegen eines „Vermeidungsschemas“ und darüber hinaus neuronal „zu strukturellen und funktionalen Schäden im Gehirn“ führen. 26

[…]


1 Vgl. http://www.tagesspiegel.de/wissen/studien-zur-krippenerziehung-grosser-stress-fuer-kleine-kinder/6596238.html

2 Vgl. Gutknecht, D: http://www.familienhandbuch.de/erziehungsfragen/erziehungsfragen-der-ersten-drei-lebensjahre/auf-das-

2 Vgl. Gutknecht, D: http://www.familienhandbuch.de/erziehungsfragen/erziehungsfragen-der-ersten-drei-lebensjahre/auf-daswie-kommt-es-an-zur-aktuellen-debatte-um-die-auswirkungen-auserfamiliarer-betreuung-von-kleinkindern; Vgl. Belsky, J. et al: Are there long-term effects of early child care? Child Development 2007, 78, S. 681 – 701.

3 Vgl. Grawe, K: Neuropsychotherapie. Göttingen 2004, S. 216.

4 Bierhoff, H.-W. u. Rohmann, E: http://www.familienhandbuch.de/partnerschaft/grundlagen-fur-die-partnerschaft/bindung-inpartnerschaften

5 Spangler, G. und Zimmermann, P: Bindung und Anpassung im Lebenslauf: Erklärungsansätze und empirische Grundlagen für Entwicklungsprognosen, In: Oerter, R., v. Hagen, C., Röper, G., Noam, G: Klinische Entwicklungspsychologie - ein Lehrbuch, Weinheim 1999. S. 180f.

6 Spangler, G. und Zimmermann, P: Bindung und Anpassung im Lebenslauf: Erklärungsansätze und empirische Grundlagen für Entwicklungsprognosen, In: Oerter, R., v. Hagen, C., Röper, G., Noam, G: Klinische Entwicklungspsychologie - ein Lehrbuch, Weinheim 1999. S. 180.

7 Vgl. Pfeiffer, E. u. Lehmkuhl, U: Bindungsstörungen, S. 649. In: Herpertz-Dahlmann, B., Resch, F., Schulte-Markwort, M., Warnke, A: Entwicklungspsychiatrie, 2. Auflage, Stuttgart 2008.

8 Werner, J. u. Nestmann, F: Ressourcenorientierte Beratung, S. 292. In: Knecht, A.; Schubert, F. C: Ressourcen im Sozialstaat und in der Sozialen Arbeit, Stuttgart 2012.

9 Vgl. Borg-Laufs, M. u. Dittrich, K: Die Befriedigung psychischer Grundbedürfnisse als Ziel psychosozialer Arbeit, S. 8. In: Borg-Laufs, M. u. Dittrich, K: Psychische Grundbedürfnisse in Kindheit und Jugend – Perspektiven für Soziale Arbeit und Psychotherapie, Tübingen 2010.

10 Grawe, K: Neuropsychotherapie, Göttingen 2004, S. 185f.

11 Ebd. S. 185.

12 Ebd. S. 187.

13 Vgl. Ebd. S. 188.

14 Ebd. S. 186.

15 Ebd. S. 191.

16 Ebd. S. 186.

17 Ebd. S. 187.

18 Ebd. S. 188.

19 Ebd. S. 189.

20 Ebd.

21 Grawe, K: Neuropsychotherapie, Göttingen 2004, S.190.

22 Ebd.

23 Ebd.

24 Ebd. S. 191.

25 Ebd. S. 191f.

26 Ebd.

Details

Seiten
25
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668275089
ISBN (Buch)
9783668275096
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337973
Institution / Hochschule
Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach
Note
1
Schlagworte
umgang bindungsstörungen handlungsfeldern beratung sozialer arbeit

Autor

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