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Das Alter als verdrängte Lebensphase? Über die Bedeutung des Alters aus Sicht der Sozialen Arbeit

Bachelorarbeit 2014 49 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Rahmenbedingungen des Alterns
1.1. Biologischer Prozess des Alterns
1.2. Altern im Hintergrund demografischer Entwicklungen
1.3. Lebenslagen älterer Menschen
1.3.1. Wohnsituation
1.3.2. Altersarmut
1.3.3. Soziale Isolation

2. Wahrnehmung des Alters
2.1. Altersbilder im Wandel
2.2. Alternstheorien
2.2.1. Disengagementtheorie
2.2.2. Aktivitätstheorie
2.2.3. Kontinuitätstheorie
2.3. Potentiale ausschöpfen

3. Handlungsfelder der Sozialen Arbeit im Alter

4. Kurzer Ausblick in die Zukunft

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Zusammenfassung

In einer älter werdenden Gesellschaft werden immer mehr Menschen hilfe- und plegebedürftig. Der demografische Wandel wirkt sich auf die Soziale Arbeit aus, da sie viele Aufgabengebiete in der Gerontologie bereits übernommen hat und auf nun wachsende Anforderungen vorbereitet sein muss.

Soziale Arbeit hat das Potential, auf den Alterungsprozess und die ihn umgebenden Umstände begünstigend einzuwirken, um so das Altern zu einer erstrebenswerten und angenehmen Erfahrung zu machen. Das Alter ist nicht schlecht, nur schlecht organisiert. Sozialarbeiter müssen hier als fehlendes Bindeglied fungieren, um die zahllosen unterschiedlichen Aspekte des Alter optimal zusammenzuführen und den individuellen Bedürfnissen anzupassen.

Das Alter ist aus Sicht der Sozialen Arbeit eines der am wenigsten genutzten Ressourcen und eines der am meisten verschenkten Leistungsvermögen. Selbst innerhalb der aktuellen Rahmenbedingungen, in denen das Altern zur Zeit stattfinden muss, sind noch nicht alle Möglichkeiten erwogen worden, um einen reibungslosen Ablauf der letzten Lebensphase für die Gesellschaft zu gewährleisten. Die Möglichkeiten für eine positive Entwicklung sind geschaffen worden, neue wissenschaftliche Erkenntnisse über das Verhalten und den Umgang mit älteren Menschen liegen vor.

Für diese Arbeit ist entscheidend, zu beschreiben, wieso es eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellt, ältere Menschen in die Bereiche des Alltags einzugliedern. Nur als Teil einer multigenerationalen Kultur können alle vom gegenseitigen Erfahrungsschatz profitieren, tiefgreifendes Geschichtsverständis erlangen und Traditionen erhalten.

Vorwort

Danken möchte ich in erster Linie meiner Betreuerin, Frau Prof. Dr. Schaffer, für ihre ausgiebige Unterstützung. Durch kritisches Hinterfragen und konstruktive Kritik, schon bei der Themenformulierung verhalf sie mir zu einem durchdachten Titel, der meiner Vorstellung von der Arbeit voll entsprach. Vielen Dank für Zeit und Mühen, die Sie in meine Arbeit investiert haben.

Auch meinem Zweit-Korrektor, Herrn Prof. Dr. Pimmer-Jüsten, möchte ich für die spontane Zusage zur Korrektur und der aufgebrachten Zeit danken.

Ein weiterer Dank gilt meinen Eltern, Geschwistern und meiner Oma Lotte, sie haben mich in allen Belangen rund um das Studium stets unterstützt.

Danken möchte ich von ganzem Herzen Marco, der mir stets Mut machte, mich inspirierte und mir ein in schwierigen Zeiten unbezahlbarer Rückhalt war. Abschließend danke ich meiner Freundin Chrissy dafür, dass sie stets verständnisvoll und mit viel Fürsorge für mich da war - Tag für Tag. Ihr habt mir die Studienzeit zu einem unvergesslichen und einzigartigen Erlebnis gemacht. Ich danke euch!

Einleitung

Es wird kaum einen Wandel in Deutschland geben, der in den nächsten Jahren so einschneidende Veränderungen bringen wird, wie der demografische. Eine sich kontinuierlich verlängernde Arbeitsbiographie gehört für junge Menschen bereits jetzt zur Realität, während Ältere eine neuartige und maßgeblichere Rolle in Familie und Öffentlichkeit einnehmen.

Schlagzeilen über steigende Kosten für Krankheit und Pflege schüren Sorgen und Ängste. Die zunehmende Zahl der Senioren in Deutschland ist eine Herausforderung für die Soziale Arbeit und die sie tragenden Sicherungssysteme. Soziale Arbeit ist bemüht, neue Konzepte zu Pflege, Aktivität oder Bildung sowohl auf die Zielgruppe der jungen Alten als auch auf die Gruppe älterer - womöglich pflegebedürftiger - Menschen auszurichten.

Jeder einzelne steht in der Pflicht, an der aktiven Mitgestaltung dieser Entwicklung teilzunehmen. Die zahlreichen Facetten der überalternden Bevölkerung beschäftigen die Politik immer mehr. Sie regt zu einem Umdenken im praktischen Alltag an und fordert auf, die Folgeerscheinungen des demografischen Wandels für die städtischen und ländlichen Strukturen und damit für die Mobilität und das Wohnen als Chancen zu nutzen.1

“Die demografischen Veränderungen in unserer Gesellschaft sind immer wieder Anlass für sehr polarisierte Diskussionen auf persönlicher, gesellschaftlicher und (sozial)politischer Ebene” (Petrich 2011, S. 6).

Während meines Studiums der Sozialen Arbeit habe ich mich insbesondere in den letzten Semestern intensiv mit der Gerontologie auseinandergesetzt und die Relevanz für die praktische Soziale Arbeit verstanden einzuordnen. Der Wunsch meine wissenschaftliche Abschlussarbeit zu diesem Thema zu verfassen, entstand während dieser Monate und festigte sich nach einigen Praxisbesuchen z.B. in der Altenbegegnungstätte des Caritas Alten- und Service-Zentrum Pasing oder im Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration.

Das Bestreben dieser Arbeit ist, bestimmte Aspekte detailliert zu beleuchten und damit ein tieferes Verständnis der Ressource Alter und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung schaffen. Neben einer theoretischen Ausarbeitung geht es im Kern jedoch um die sozialarbeiterische Praxis im individuellen Umgang mit Alter und Altern.

1. Rahmenbedingungen des Alterns

Die meisten Studien aus den letzten Jahren lassen nur eine generelle Erkenntnis zu: Die Gesellschaft befindet sich in einem einem demografischen Wandel. Zahlen und Fakten belegen, dass die Menschen stetig älter werden. Nun stellt sich für die Menschen, die in einer solchen Umgebung leben und alt werden, grundlegend die Frage, ob ein Alterungsprozess Vorteile für die Gesellschaft bringen kann - oder ob er vielmehr als Gefahr eingestuft werden muss. Insbesondere für die Soziale Arbeit ergeben sich Spannungsfelder, wenn immer mehr alte Menschen auf die Hilfe und die Arbeit von jüngeren angewiesen sind.

Zumindest in der europäischen Politik scheint das Thema Altern bereits angekommen zu sein: Das Jahr 2012 war das “Europäische Jahr für aktives Altern und Solidarität zwischen den Generationen” und sollte eine Kultur das im Titel erwähnten “aktive Altern” unterstützen. Die Bevölkerung sollte für den “Wert des aktiven Alterns”2 sowie die “Überwindung von Altersklischees” (ebd.) sensibilisiert werden.

Doch nicht nur auf politischer Ebene machen sich die Gedanken um das zunehmende Durchschnittalter bemerkbar: “Das Altern hat eine vergleichsweise junge Konjunktur. Aber eine große Zukunft” (Welsch 2008, S. 199), so der deutsche Philosoph Wolfgang Welsch, der die “Quadratur der Greises” (ebd.) als die Jahrhundert-Aufgabe sieht.

Doch durch die “Brille des Jugendwahns” (Druyen 2005, S. 17) wird das unglaubliche Potenzial, das speziell die Phase der “jungen Alten” (ebd.) bietet, kaum wahrgenommen. In seinem Artikel “Die große Alterswende” beschreibt der deutsche Soziologe Thomas Druyen eine Lebensphase, die klassisch mit dem Ende der Erwerbstätigkeit einsetzt.

Hochbetagte Menschen werden von ihrem Umfeld oft als belastend empfunden, während sie selbst sich das Alt-Sein mit zunehmendem Alt-Werden immer weniger wünschen. Ihre Hochaltrigkeit wird damit nicht nur für die Gesellschaft, sondern ebenso für das Individuum zur Belastung. Anstatt wie zuvor Bewunderung für Menschen zu haben, die ein solches Alter erreichen durften (vgl. BMFSFJ 2002, S. 51), plagen sie sich nun selbst mit den täglichen Herausforderungen, die ihr Alter mit sich bringt. Zunehmende Anfälligkeit für Krankheit sowie wachsende Hilfs- und Pflegebedürftigkeit dieser Menschen erfordern eine Erweiterung der Sozialen Arbeit auf dieses Thema.

Die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland hat sich in den letzten 150 Jahren mehr als verdoppelt.3 Bis zum Jahr 2050 wird danach ein neugeborener Junge eine Lebenserwartung von 85 Jahren und ein neugeborenes Mädchen eine Lebenserwartung von 89 Jahren haben.

Nichtsdestoweniger wird die Bevölkerung in ihrer Gesamtzahl bis dahin abnehmen, da die Geburtenzahlen ihrerseits sinken werden, die Sterberaten sich jedoch gegenläufig verhalten (vgl. Destatis 2011, S. 12-14).

“Die Bevölkerung geht zurück, weil die Zahl der Geburten bis 2060 stetig sinken und die Zahl der Sterbefälle bis Anfang der 2050er Jahre ansteigen wird. Das jährliche Geburtendefizit, also der Überschuss der Sterbefälle über die Geburten, wird bis 2060 auf mehr als das Dreifache zunehmen”4, schätzt das Statistische Bundesamt in seiner Pressemitteilung vom November 2009, deren Aussagen zumindest bis dato eintrafen.

Ob die ständige Verlängerung der Lebenserwartung überhaupt ein biologisches Ende haben muss, darüber sind sich Experten heute nicht einig. Die auf dem Internetportal des Statistischen Bundesamts veröffentlichte Sterbetafel (Statistik über die “Lebenserwartung in Deutschland”)5 belegen, dass die Lebenserwartung zumindest in der Vergangenheit (speziell im Zeitraum der Jahre 2006 bis 2012) kontinuierlich zu nahm.

Daraus lässt sich beispielsweise ableiten, dass sich das Leben jährlich um ca. drei Monate verlängert, Anzeichen für einen Stopp dieses Trends sind jedoch nicht zu erkennen. Fest steht allerdings, dass wir gesamtgesellschaftlich betrachtet älter werden, als jemals zuvor.

Nichtsdestotrotz werden in der wissenschaftlichen Forschung keine Mühen oder Kosten gescheut, ständig neue Wege und Möglichkeiten zu ersinnen, dem Tod sprichwörtlich von der Schippe zu springen. Die paradoxe Wunschvorstellung, lange zu leben, ohne das Alt-Sein spüren zu müssen, hat sich aber nicht nur in den Köpfen einiger Forscher aus den unterschiedlichsten Disziplinen festgesetzt, die dieser Gedanken geradezu anzuspornen scheint. Ganz im Gegenteil: Die ewige Jugend klingt für jeden verlockend und beschäftigt die Menschheit seit geraumer Zeit.

Dass dieser Zustand jedoch nicht nur Grund zur Freude sein kann, steht für Erwerbstätige in der Sozialen Arbeit bereits fest: Sie mussten bereits in der Vergangenheit auf diese Entwicklungen reagieren, denn der Bedarf an speziell für diese Anforderungen geschultem Personal wächst selbstverständlich proportional mit.

Die Menschen in einer zunehmend alternden Gesellschaft müssen ihre Vorurteile über Bord werfen und dem Wandel entsprechend anpassen - nicht nur in der Sozialen Arbeit. Kreativität und Lernfähigkeit sind ebenso wie Kompetenz und Leistungsfähigkeit bis in ein sehr hohes Alter möglich. Die Potenz des Alters wird unterschätzt und muss dringend mehr gefördert werden.

1.1. Biologischer Prozess des Alterns

Die auf den ersten Blick einfach erscheinende Frage nach der Definition des Alterns selbst ist bei genauerer Betrachtung nicht pauschal zu beantworten. Die Literatur, die sich diesen Themen annimmt, ist ebenso vielschichtig wie die Frage selbst. In einem kurzen wie prägnanten Satz lässt sich der Alterungsprozess kaum vollumfänglich beschreiben. Die rein biologische Komponente des Alterns „ist kein plötzliches Ereignis, sondern ein allmählicher [...] Vorgang, der mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet” (Ho/Wagner/Eckstein 2008, S. 33). Das Altern hat durchaus positive Seiten, die den Erfahrungsschatz eines jeden Einzelnen stetig erweitern und ihm hoffentlich die nötige Lebenserfahrung beschert, um mit zukünftig auftretenden Problemstellungen bestmöglich umzugehen. Dessen ungeachtet handelt es sich beim Prozess des Altern “um einen irreversiblen Prozess, sozusagen ein biologisches Schicksal, das jedes Lebewesen erfasst“ (ebd). Diese nüchterne Betrachtungsweise auf das Alter kann soziologisch allerdings keinen umfassenden Überblick über die Folgen und Auswirkungen des Alterns geben.

Vielmehr müssen grundlegend zwei Arten des Prozesses selbst unterschieden werden. Als Biomorphose bezeichnet wird der lebenslange Vorgang des ständigen Verfalls, der bereits in der Keimzelle begann und sich bis zum Tod erstreckt. Davon differenziert wird die Seneszenz, die die Abbauvorgänge speziell in der letzte Lebensphase beschreibt.6

Genau diese Art des Alterns ist es, mit der sich die Soziale Arbeit auseinandersetzt. Ihr Ziel ist es nicht, den biologischen Prozess zu verlangsamen, noch ihn aufzuhalten, sondern vielmehr die daraus resultierenden Frage- und Problemstellungen zu lösen.

Die Soziologen Prahl und Schroeter sehen „die permanenten Sozialisationsvorgänge und die Erfahrungen, die in einem bestimmten Lebensalter” (Prahl/Schroeter 1996, S. 14) gemacht werden, als die entscheidenden Faktoren, die “die Handlungskom- petenzen und Deutungsmuster beeinflussen“ (ebd.). Es sind also die Gesellschaftsordnungen und Erziehungsstile, die den Mensch in seiner individuellen Entwicklung prägen und in seinen Handlungen steuern.

Ein heute 90-Jähriger hat das Ende der Weimarer Republik, den Aufstieg des Nationalsozialistischen Regimes ebenso wie dessen Zerfall genauso wahrhaftig durchlebt wie zwei Weltkriege, die erste Zündung einer Wasserstoffbombe, die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands - und die Erfindung des Personal Computers. Sie durchlebten also höchst verschiedene Weltbilder und Paradigmen- wechsel. Veränderungen in der Wertschätzung des Alters gehen weit schneller vonstatten.

1.2. Altern im Hintergrund demografischer Entwicklungen

Statistiken können nicht lügen, da ihre Aufgabe darin besteht, Aufzeichnungen von Geschehnissen aus der Vergangenheit aufzubereiten. In der Gesamtheit ergibt sich aus den Statistiken für die Bevölkerungszahlen eine sich ständig verändernde Struktur. Aus der steigenden Lebenserwartung und der sinkenden Geburtenrate entsteht ein Defizit an jungen Menschen, diese Veränderung wird als der “Demografische Wandel” bezeichnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland (1910­2060)7

Die pyramidenartige Form der Altersstruktur aus dem Jahr 1910 entstand, weil die Vertreter aus den jüngeren Generationen, die als Basis für die grafische Darstellung dienen, denjenigen aus den älteren Generationen zahlenmäßig überlegen waren. Eine pyramidenförmige Struktur kann jedoch nur aufrecht erhalten bleiben, wenn die Geburtenrate nicht kleiner ist als die Mortabilität. Doch in den letzten Jahren wird der Trend immer deutlicher erkennbar, dass Deutschland überaltert, also es weniger junge als alte Menschen gibt.

Während im Jahr 2013 zumindest bei Personen über 45 Jahren noch eine Alterspyramide erkennbar ist, wird sie im Jahr 2060 vollkommen verschwunden sein. Der bereits im Jahre 1950 erkennbare Alterspilz wird seinen “Hut” verlieren. Um diese Entwicklung zu stoppen oder umzukehren, wäre eine stark erhöhte Geburtenrate nötig. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: In Deutschland nehmen die Geburtenraten ständig ab (vgl. Abb. 2), die Menschen, die in einem zeugungsfähiges Alter sind, werden immer weniger.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Zusammengefasste Geburtenziffer in Deutschland (1950 - 2011)8

Für die Soziale Arbeit in einem Land, in dem der demografische Wandel allgegenwärtig ist, entsteht eine Herausforderung, deren Lösung nicht die Beseitigung des Problems, also des Alters selbst, sein kann. Um auf diesen demografischen Wandel bestmöglich reagieren zu können, ist es elementar, den historischen Aspekt des Alterns zu verstehen.

In der frühen Geschichte der Menschheit sind nur wenige Fälle von hohem Alter bekannt. Nach der Entstehung des Homo sapiens überlebte noch kaum jemand das fortpflanzungsfähige Alter. Die ersten Primaten starben lange, bevor sie alt wurden. “Seit der Artentstehung vor 200.000 Jahren in Afrika [...] ist die Lebenserwartung des Menschen stark angestiegen.”9 Schon vor ungefähr 50.000 Jahren erreichten sie ein Alter von bis zu 60 Jahren. “Doch [...] in den letzten 100 Jahren innerhalb von nur 4 Generationen” (ebd.) fand eine exponentielle Entwicklung der durchschnittlichen Lebenserwartung statt.

Sprünge in der evolutionären Entwicklung haben nicht nur eine erhöhte Fingerfertigkeit erzeugt und komplexe Denkprozesse ermöglicht, sondern auch das Alter mit sich gebracht. Fortwährend älter zu werden, ist offensichtlich dem technologischen Fortschritt geschuldet, der immer dann einsetzt, wenn genug Kompetenz und Wissen gebündelt werden konnten.

Paradoxerweise führte diese Entwicklung dazu, dass die Gesellschaft heute nicht von den Alten unterstützt und beraten wird, sondern dass das Alt-Sein zu einer Belastung für die Gesellschaft geworden ist. Das Problem stellen hier nicht die alten Personen selbst dar, sondern vielmehr die ungleiche Verteilung der Altersgruppen. Die Veränderung einer solchen Klassifizierung in Altersgruppen bedingt eine Änderung immer dann, wenn die Gesellschaft wieder ein neues Plateau der Hochaltrigkeit erreicht.

Der bereits erwähnte Begriff der Seneszenz leitet sich beispielsweise aus dem Lateinischen Wort senescere für altern ab. Bereits damals wurden zwei Phasen senior und senex unterschieden. Diese Begriffe bedeuten wörtlich übersetzt ä lter bzw. derälteste und beschrieben in der späten römischen Republik die Zeiträume von 45 bis 60 Jahren und darüber hinaus bis zum Tod. Eine Einteilung des Alters in zwei oder mehr Bereiche nahmen aber auch frühere und spätere Hochkulturen vor und legten damit den Grundstein für die heutige Demografie.

Soll das Alter einer Gesellschaft dargestellt werden, so kann generell relativ oder absolut gerechnet werden. Besonders interessant sind jedoch die Prognosen, die sich aus den gesammelten Daten ableiten lassen. Im direkten Vergleich von der gemessenen Gesamtbevölkerungszahl im Jahr 2010 mit der geschätzten Population im Jahr 2050 ergibt sich eine Reduktion von rund 12 Mio. Menschen (vgl. Witterstätter 2008, S. 36).

Von der modernen Bevölkerungswissenschaft wird die Zeit ab dem 65. Lebensjahr als das Alter betitelt. Diese Lebenszeit wird von der Soziologie in vier Zeiträume untergliedert. Die Grenze zwischen den sog. ungen Alten und den Alten bildet das 70. Lebensjahr, das 90. wiederum trennt die Hochbetagten von den Langlebigen (vgl. Thieme 2008, S. 36-37).

Nachdem aber auch diese Einordnung früher oder später mindestens erweitert werden muss, wird die Hochaltrigkeit in der Soziologie seit längerer Zeit auch relativ zur Geburtenkohorte bestimmt werden. Danach ordnet man diejenigen den Hochaltrigen zu, die länger leben als zwei Drittel Ihrer Generation (vgl. Backes/Clemens 2002, S. 38-39).

1.3. Lebenslagen älterer Menschen

Nicht nur die Begrifflichkeiten, die verwendet werden, um die verschiedenen Stufen des Alters zu beschreiben haben sich geändert. Auch der Aufbau der Gesellschaft selbst ist dem Wandel unterlegen. Konservative Großfamilien und Haushalte, in denen über mehrere Generationen hinweg verwandten Personen leben, gehörten in der heutigen Zeit nicht mehr zur Normalität. Viele Jugendliche und junge Erwachsene verlassen beispielsweise ihr ländliches Umfeld, um in den größeren Städten Arbeit und Herausforderungen zu finden. Ihre älteren Verwandten verbleiben daher zwangsläufig in einem Umfeld, das nicht nur statistisch betrachtet altert.

Diese Separation der Generationen führt insbesondere in der Sozialen Arbeit dazu, dass Fachkräfte an den verschiedenen Standorten benötigt werden, die tendenziell aber von dort wegziehen.

Zusätzlich zur Hilfe, auf die ältere Menschen angewiesen sind oder sein werden, muss nun wieder zurück an diese Position gebracht werden.

[...]


1 vgl. http://www.bmbf.de/de/20112.php; zuletzt abgerufen am 28.06.2015

2 http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/freiwilliges-engagement,did%3D176354.html; zuletzt abgerufen am 24.06.2015

3 http://www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/bevoelkerungsdynamik/auswirkungen/alterung. html; zuletzt abgerufen am 24.06.2015

4 http://web.archive.org/web/20130117044536/https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemi tteilungen/2009/11/PD09_435_12411.html; zuletzt abgerufen am 25.06.2015

5 https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Sterbefaelle/Tabellen/Lebens erwarungDeutschland.html; zuletzt abgerufen am 24.06.2015

6 http://www.wissen.de/lexikon/altern-biologie; zuletzt abgerufen am 25.06.2015

7 KWWS ZZZ ZHOW GH ZLUWVFKDIW DUWLFOH 1XU GLH 5HQWH PLW NDQQ 'HXWVFKODQG QRFK KHOIHQ KWPO zuletzt abgerufen am 27.06.2015

8 https://www.demografie-portal.de/SharedDocs/Bilder/Informieren/ZahlenFakten/Zusammengefasste_Geb urtenziffer_1950_2011.png?__blob=normal&v=6; zuletzt abgerufen am 27.06.2015

9 http://www.demogr.mpg.de/de/news_presse/pressemitteilungen_1916/die_evolution_der_sterblichkeit_3 056.htm; zuletzt abgerufen am 26.06.2015

Details

Seiten
49
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668275218
ISBN (Buch)
9783668275225
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337963
Institution / Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München
Note
2,2
Schlagworte
Gerontologie Soziale Arbeit Altersforschung Altenarbeit Demografischer Wandel Gerontopsychologie KSFH Bachelorarbeit Vertiefungsbereich Altenforschung Alter Alte Alten Alters Hochaltrigkeit Altersarmut Soziologie Demographie

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