Lade Inhalt...

Die Schlussszene des "Faust" von J. W. Goethe. Zur Möglichkeit einer Interpretation

Wissenschaftlicher Aufsatz 2016 6 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Zur Möglichkeit einer Interpretation der Schlussszene des „Faust“ von J. W. Goethe

Die gesellschaftliche Entwicklung macht es möglich, mehr und mehr den ganzen Faust zu verstehen. Was zu Goethes Zeiten sich erst im Keim entwickelt, etwa die Wirtschaftskrisen mit ihren verheerenden Folgen, ist heute für jedermann deutlich zu erkennen. Anders steht es mit der letzten Szene des Faust. Hier fehlen Goethe selbst schon gültige Bilder, um die geschaute unaussprechliche Wirklichkeit in ein heute angemessenes Gleichnis zu setzen. Wie sein Zeitgenosse Hegel als Logiker ist er als Dramatiker gezwungen, auf religiöse und mystische Vorstellungen zurückzugreifen, die an Wirklichkeitsbezug zunehmend verlieren. So kommt es, dass im Gegensatz zum übrigen Faust seine letzte und entscheidende Szene eher unverständlicher wird und an Aktualität zu verlieren scheint.

Gesellschaftsformen, in denen Gemeinsinn und Eigensinn sich nicht ausschließen, gelten als allgemein erstrebenswertes Ziel möglichen Fortschritts, das mit Aufklärung und Wissenschaft auch erreicht werden kann. Religiöse und mystische Erfahrungen dagegen geraten gleichzeitig ins Abseits und verlieren jede Aussagekraft, soweit sie wissenschaftlicher Erkenntnis widersprechen. Tun sie das nicht, bleibt zumindest die Frage, was könnte damit gemeint sein? Ein Mysterium, das sich prinzipiell aller Einsicht entzieht, wird heute nicht mehr akzeptiert. Wir haben uns also damit abzufinden, dass die letzte Szene des Faust entweder schlicht Unfug ist oder dass ihr Erfahrungen entsprechen, die auch nicht religiösen Einsichten zugänglich sein können. Ich entscheide mich für das Letztere und suche deshalb nach Möglichkeiten einer Interpretation in diesem Sinne.

Durch einen glücklichen Zufall besitze ich zwei Schriften, die hier weiterhelfen können. Das ist zum einen die Schrift „DER URSPRUNG DER FAMILIE, DES PRIVATEIGENTUMS UND DES STAATS“ von Friedrich Engels, Dietz Verlag, Berlin, 1973, und zum anderen das Buch „GYN/ÖKOLOGIE“ von Mary Daly, Verlag Frauenoffensive, München, 1980. Beide zeichnen die Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Entwicklung auf, die schon jetzt ein Licht auf Goethes Dichtung werfen können, auch wenn die Gesellschaftsformen selbst noch nirgends verwirklicht sind. Die Möglichkeit einer Interpretation von Goethes Schlussszene seines Faust hängt daher bei mir von der Möglichkeit ab, die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung in gewissem Sinne vorherzusehen. Wem das zu kompliziert ist, der kann natürlich auch abwarten, bis die Gesellschaft so weit ist, die uns fragliche Szene als selbst verständlich zu erfahren.

Engels sieht in der Zukunft eine Gesellschaft, die ohne Staat auskommt und lediglich nach Art der alten Gens, wenn auch in „höherer Form“, organisiert ist. Das Völkerrecht wird heute noch als jus gentium bezeichnet. Im Ausdruck „Menschenrecht“ klingt ebenfalls nach, dass alle Menschen von einem Urvater oder einer Urmutter abstammen. Daly betont das Mutterrecht, das sich aus der natürlichen Mutter-Kind-Ordnung herleitet. Die Frauen tragen das Feuer des Lebens in einer Linie fort, während die Männer jeweils in die Gens ihrer Frauen wechseln. Nimmt man aus beiden Schriften das Positive, so repräsentieren die Frauen das Dauernde und Beständige, die Männer das Wechselnde und Vergängliche. Die Notwendigkeit von Genbestand und Genveränderung findet so in Frauen und Männern seine jeweils eigene Ausprägung. Im Zusammenspiel beider kommt der Mann bei der Frau zur Ruhe, die Frau durch den Mann in Bewegung. Da aber das Beständige der Frau das Feuer des Lebens selbst ist, verbrennt der Mann in der Frau, während das Feuer des Lebens in der Bewegung des Mannes erlischt, wenn das Zusammenspiel, die Liebe, nicht gelingt.

Fragt sich allerdings, ob sich Engels und Daly so ohne Weiteres zusammenbringen lassen. Für Engels ist das vermutlich unwissenschaftliche Spekulation, für Daly typisch männliche Perversion. Ich gestatte mir beides, um zu einem diesseitigen Verständnis von „Jenseits“, „Ewigkeit“ und „Erlösung“ bei Goethe zu gelangen.

Ich bin nicht nur Ich, sondern auch Mensch. Als Mensch überlebe ich mich selbst oder genauer: Mit mir stirbt nur mein Ich, nicht aber meine Art, meine Gattung, die Menschen, die Menschheit. Mit den Worten der modernen Biologie gesprochen wird der Hauptteil meiner Gene durch meinen Tod überhaupt nicht tangiert. Insofern ich Mensch bin, gibt es also ein „Jenseits“, und falls ich sogar hauptsächlich Mensch wäre, wäre dieses Menschsein sogar mein eigentlicher Kern. Dieser Kern hat zwar auch kein „ewiges“ Leben, aber doch ein fast unendlich erweitertes Leben. Fragt sich nur, ob ich selbst als Einzelner in meinem individuellen Leben etwas davon merke. Ja, sagen Religion, Mystik und Teile der Philosophie, Nein, sagen Wissenschaft und andere Teile der Philosophie. Es gibt zwar Häuser, aber nicht das Haus, Platos Ideen sind lediglich Abstraktionen, Universalien haben kein Eigenleben. Aber das Haus ist in den Häusern, sagt Aristoteles, und wenn der Mensch in den Menschen ist, so ist es zumindest nicht ausgeschlossen, dass ich das auch merke. Und hier liegt der Schlüssel zum diesseitigen Verständnis der „Erlösung“. Wer da etwas merkt, wird „erlöst“, spinnt sich frei, sagt Mary Daly, kann lachen. Hier liegt der Ursprung für das „tosende Gelächter von Frauen“.

Bezeichnen wir mit Religion die Bindung des Einzelnen an die Gens, dann ist sie zwar ihrer Übernatürlichkeit beraubt, kann aber auch aktuell wieder bedeutsam sein. Und ich behaupte nun, dass eben diese Bedeutsamkeit es Goethe ermöglicht, seine ekstatischen Erfahrungen in einer religiös gebundenen Sprache auszudrücken. Ferner behaupte ich, dass es uns gegenwärtig nicht möglich ist, diese Sprache angemessen zu vernehmen, da wir uns nur noch als Einzelne nicht mehr als Gens, beziehungsweise Menschheit verstehen. Um also zu einem angemessenen Verständnis von Goethes Dichtersprache zu gelangen, müssen wir erst wieder lernen, einen Zustand zu erreichen, der „tosendes Gelächter“ ermöglicht. Das aber ist im vollen Sinne erst möglich, wenn unsere Gesellschaft keinen Staat mehr braucht, weil sie in die Gesellschaftsform einer „höheren Gens“ übergegangen ist. „Sie wird eine Wiederbelebung sein – aber in höherer Form – der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der alten Gentes“ wie Morgan, ANCIENT SOCIETY, OR RESEARCHES IN THE LINES OF HUMAN PROGRESS FROM SAVAGERY, THROUGH BARBARISM TO CIVILIZATION, Livis H. Morgan, London, Macmillan and Co., 1877, von Engels am Schluss seiner Schrift zitiert wird.

Bleiben wir auf dem Boden gegenwärtig möglicher Vorahnungen dieser Gesellschaft, so haben wir doch immerhin die alten Gesellschaften mit ihrem Ahnenkult und die Überlieferungen aller religiösen und mystischen Vorstellungen bis in unsere Zeit. In diesen Überlieferungen spielen Offenbarungen und Träume eine große Rolle. Ich vermute, dass es sich dabei um unmittelbare Mitteilungen der Gens an Einzelne seiner Mitglieder handeln könnte. Modern gesprochen müsste es also eine Art Kommunikation zwischen den Genen und ihrem Träger geben, die bis in das Bewusstsein vordringt. Das ist freilich eine sehr gewagte Hypothese, die im Falle der Offenbarung sogar die Sprache in die Gene verlagern müsste. Träume aber würde ich hier zumindest in Erwägung ziehen. Babys scheinen bereits im Mutterleib zu träumen, und Instinkte könnten auch über Träume wirksam werden. Ich denke da insbesondere an sexuelle Träume. Weniger hypothetisch ist eine mögliche Erfahrung der Gens über Literatur und heute insbesondere das Internet. Man spricht ja bereits von Sozialen Netzwerken. Möglich ist auch, dass die „höhere Form der Gentes“, von der Morgan spricht, mit dem Internet zu tun haben könnte, indem es die Weibergesellschaft von Daly auf die höhere Stufe einer gänzlich neuen Gens erhebt.

Die Bewusstwerdung der Gens bewirkt nach Daly in der betroffenen Spinster einen beglückenden Wirbel, der alles Glück übertrifft. Am Ende ihres Buches spricht sie vom „Erhaschen des Paradieses“. Sehen wir einmal davon ab, dass sie dem Mann solches Glück versagt, so liegt im Einswerden mit der Gens ein ganz eigenes Glück, das himmlischen Charakter trägt. Dass dieser Himmel ein Himmel auf Erden sein kann, diese Aussage ist eigentlicher Zweck meiner Abhandlung.

Soweit dieser Zweck jetzt vorläufig erreicht ist, will ich nun auf dieser Grundlage eine erste und vorsichtige Interpretation der Schlussszene des Faust von Goethe versuchen. Dabei bin ich mir bewusst, dass dieser Versuch gegenüber anderen mich sehr beeindruckenden Interpretationen der Szene z.B. der von Norbert Rozsenich , ALLES VERGÄNGLICHE IST NUR EIN GLEICHNIS, Böhlau Verlag (Wien) 1998, äußerst kärglich und geradezu profan erscheinen muss, da sie jede Form von Transzendenz vermeiden und durch und durch diesseitig sein will.

Ich beginne mit der Interpretation der einzelnen Personen der Szene:

Die „Anachoreten“ sind in Einsamkeit zurückgezogene Väter, die als alte Männer für sich selbst nichts mehr erwarten. Ihr Zugang zum Allgemeinen ist weniger durch Ichsucht gestört. Die höchste Stufe hat der „Pater ecstaticus (auf- und abschwebend)“ in Bewegung erreicht. Er wünscht sehnlich, sein Ich zu „zerschmettern“, um allein der „Liebe Kern“ erstrahlen zu lassen. Der „Pater profundus (tiefe Region)“ will sich durch die „Liebesboten“ der Natur entzünden lassen. Blitz und Wasserstürze zerstören nicht nur, sondern reinigen die Atmosphäre und bewässern das Tal. Der „Pater Seraphicus (mittlere Region)“ schlägt den Bogen zum „Chor seliger Knaben“. Wie die Alten wieder, haben Kinder einen noch ungesonderten Anteil am Allgemeinen. „Engel (Faustens Unsterbliches tragend)“ sind Menschen, die beides verbinden, die möglichst rein vom Ich ins Alter gelangen. Sie tragen das, was an Faust Mensch ist. „Doctor Marianus (in der höchsten, reinlichsten Zelle)“ endlich hat die ruhige Aussicht erreicht. Er sieht die Frauen vorbeiziehen, in ihrer Mitte die „Mater gloriosa“, die in ihrer Urmutter personifizierte allgemeine Menschheit. Zu ihren Füßen der „Chor der Büßerinnen“, unter ihnen „Magna Peccatrix (St. Lucae VII. 36)“, „Mulier Samaritana (St. Joh. IV.)“, „Maria Aegyptiaca (Acta Sactorum)“ und „Una poenitentium“ (sonst Gretchen genannt, sich anschmiegend)“, zugleich „Die eine Büßerin (sonst Gretchen genannt)“. Frauen, die keine Engel sind, denen aber Faust und die Männer gerade darum ahnend nachfolgen. Der „Chorus mysticus“ ähnelt etwa dem Chor der Freude in Beethovens 9. Symphonie.

Mit dem Versuch eines Entwurfs einer möglichen Inszenierung der Schlussszene des Faust schließe ich nun diese knappe Abhandlung.

Bühnenbild: Eine Baugerüst an einer Art Turm zu Babel (nicht einstürzend). Darauf dem Festzug zujubelnde Bauarbeiter.

Personen: Die Anachoreten sind hervorragende Persönlichkeiten unserer Zeit (Gandhi, Mandela, …) oder auch Propheten (Jesus, Mohammed ...) unter den Zuschauern, hervorgehoben. An der Rampe Pater Marianus. Die Übrigen: Spielende Kinder und lachende Weiber in einem Festzug (Karneval von Rio) vor dem Turm. Mater gloriosa auf einem Festwagen, streut Blumen, umringt von den Büßenden. Aus den Lautsprechern braust der Chorus mysticus als Fuge.

[...]

Details

Seiten
6
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668277267
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337951
Note
Schlagworte
faust schlussszene ewig weibliche gens faust-inszenierung goethe religion mythos diesseitigkeit eigensinn gemeinsinn

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Schlussszene des "Faust" von J. W. Goethe. Zur Möglichkeit einer Interpretation