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Kritische Auseinandersetzung mit der ethischen Rolle der Kunst nach Platons Kunsttheorie. Die Sichtbarmachung der Welt

Hausarbeit 2015 13 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

1. Über die Instrumentalisierung von Kunst

2. Rekonstruktion der Kunsttheorie Platons
2.1 Verbindungen zur Ideenlehre
2.2 Drei Arten von Künsten und ihre Meister
2.3 Schlechtigkeit nachahmender Kunst

3. Kritik an Platons Kunsttheorie: Wie vernünftig muss Kunst sein?
3.1 Einbezug der empirischen Perspektive
3.2 Die ethische Rolle von Kunst

4. Zusammenfassung

5. Literatur

1. Über die Instrumentalisierung von Kunst

Im Jahr 1985 sollte das Werk „Tales of ordinary madness“ vom amerikanischen Skandalautor Charles Bukowski, offenbar nach der Beschwerde eines entrüsteten Lesers, endgültig aus den Regalen der Public Library von Nijmegen verbannt werden. Begründet wurde das Vorhaben damit, dass das Buch „sadistisch, mitunter faschistisch und diskriminierend gegenüber bestimmter Gesellschaftsgruppen, unter Anderem Homosexuellen“1 wäre. Der Journalist Hans van den Broek schrieb Bukowski daraufhin an und erbat dessen Meinung zu dem Vorfall. Bukowskis Antwort soll unter Anderem folgende gewesen sein:

„[…] In my work, as a writer, I only photograph, in words, what I see. If I write of "sadism" it is because it exists, I didn't invent it, and if some terrible act occurs in my work it is because such things happen in our lives. I am not on the side of evil, if such a thing as evil abounds. In my writing I do not always agree with what occurs, nor do I linger in the mud for the sheer sake of it. Also, it is curious that the people who rail against my work seem to overlook the sections of it which entail joy and love and hope, and there are such sections. My days, my years, my life has seen up and downs, lights and darknesses. If I wrote only and continually of the "light" and never mentioned the other, then as an artist I would be a liar. [...]“2

Bukowskis Anspruch ein ehrlicher Künstler zu sein, machte ihn wahrscheinlich zu einem der kontroversesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein Anspruch, sich nicht nur den schönen und guten, sondern auch den hässlichen und schlechten Seiten der Wirklichkeit zu widmen und die ungeschönt Dinge darzustellen, brachte ihm viel Kritik ein. Die Frage, die sich aus den Reaktionen der Menschen auf seine Texte ergibt ist diese: Warum ist es bis heute so skandalös, jene Dinge in der Kunst dar zu stellen, die zu unserer täglichen Realität gehören? Was erwarten die Menschen eigentlich, auch im ethischen Sinne von Kunstwerken? Sadismus und Diskriminierung waren nicht Bukowskis Erfindung, sondern sind ein Teil der Welt, in der wir leben. Man kann sich darüber streiten, ob Bukwoski Anspruch an seine Kunst moralischer Natur war oder ob er nur provozieren wollte. Was sich jedoch aus dem Brief herauslesen lässt, ist seine ganz persönliche Ansicht darüber, was (seine) Kunst leisten soll und kann, und was nicht. Sie soll nicht moralisieren, nichts schön reden, was in Wahrheit grausam und hässlich ist. Sie soll darstellen, was ist und nicht, was sein sollte. Gute Kunst ist ehrliche Kunst.

Einige tausend Jahre zurück in der alten Antike sitzt Platon an seinen Ausführungen über den Idealstaat und muss sich damit auseinander setzen, welche Rolle der Kunst in diesem Szenario zukommen könnte. Dass dieser eine vollkommen andere Meinung über das hat, was Bukowski als ehrliche Kunst ansah, soll im Folgenden näher betrachtet werden. Platons Argumentationen unter denen nur bestimmte Arten von Künsten in seinem idealen Staat einen Platz finden könnten, ist eine Beleidigung für so manchen Schriftsteller, provoziert aber aufgrund seiner Bestimmtheit auch die Frage nach der eigentlichen Funktion und Existenzberechtigung von Kunst. Vor allem in Zeiten, in denen Kunstwerke wie Fließbandware produziert werden, könnten das Nachdenken über ethische und moralische Aspekte von Kunst eine neue Perspektive geben.

Im Folgenden soll daher Platons Kunsttheorie näher betrachtet werden, die der Kunst eine eindeutig ethische Rolle in der Gesellschaft vorbestimmt hat und einer Zensur von Bukowskis Skandalliteratur nur zugestimmt hätte. Dass Platons Theorie jedoch nicht frei von Unstimmigkeiten ist, soll nach der Rekonstruktion in einer kritischen Auseinandersetzung erörtert werden. Abschließend werden die gesammelten Erkenntnisse noch einmal zusammengefügt.

2. Rekonstruktion der Kunsttheorie Platons

2.1 Verbindungen zur Ideenlehre

In Buch VII von Der Staat beginnt Platon seine Ausführungen darüber, in welcher Beziehung das Wesen des Menschen und Bildung bzw. Unbildung stehen mit Hilfe des berühmten Höhlengleichnisses. Aus diesem Gleichnis lässt sich kurzum die Essenz seiner Ideenlehre ableiten, die sich auch in seiner Kunsttheorie widerspiegelt.

Platon zufolge, ist die dingliche Welt und alles, was sich darin befindet, nur der Schatten jener Ideen, die von Gott geschaffen wurden und die Urbilder unserer Realität darstellen. Jene Ideen sind das wahre Seiende. Nur in der Welt der Urbilder kann das vollkommen Gute existieren. Von diesen reinen Urbildern stammen alle Schattenbilder, die die dingliche Welt bewohnen. Jedes Ding in der physischen Welt stammt von einem Urbild ab. Das Schlechte kann laut dieser Theorie nur in der dinglichen Welt existieren, da die Schattenbilder an ihre physischen Existenzen gebunden sind. Wenn das Böse also nur in der dinglichen Welt existiert und dort die eigentlich reinen Seelen der Menschen verwirrt, kann der Mensch nur dann gut handeln und gut sein, wenn er sich seiner Vernunft bedient. Nur mit Hilfe von rationalem und vernünftigem Denken soll er in der Lage sein, das Schlechte zu überwinden und jene Wahrheit erkennen zu können, die ihm durch all die weltlichen Verirrungen abhanden gekommen ist. Die höchste Tugend ist es also, seine Seele vor dem Bösen in der Welt so gut es geht zu schützen, indem man sich seiner Vernunft bedient und die weltlichen Verführungen meidet, die einem vom Weg des Erkennens des Wahren und Guten abhalten würden.

Eine Interpretation dieser Metapher könnte wie folgt lauten: Die Menschen in Platons Gleichnis, da seit jeher an die Höhle gefesselt, hielten die wortwörtlichen Schattenbilder, die über die Mauern der Höhle zogen, für die Realität, da sie nie etwas anderes in ihrem Leben kennen gelernt haben. Weil sie nicht ihre Vernunft gebrauchten, waren sie Gefangene. Nicht nur die Ketten fesselten sie an die Höhle, sondern auch ihr unhinterfragter Glaube daran, dass die Schatten und die Höhle Realität und Wahrheit wären. Aus diesem Grund lachten sie auch über jenen Menschen, der es geschafft hatte, sich zu befreien und die Welt außerhalb der Höhle gesehen hatte, als er ihnen von seiner Entdeckung berichtete. Sie hatten ihr Gefängnis als Realität akzeptiert und mussten daher alles verneinen, was entgegen dieser Überzeugung ging, um sich dem Schmerz und der Mühe der wahren Erkenntnis zu entziehen. Um uns aus unserem Gefängnis einer falschen Wahrheit zu befreien, müssten wir also unsere sinnliche Wahrnehmung der Welt hinterfragen, dürften den Schein der Dinge nicht einfach so hinnehmen. Diese Komponente wird sich später noch in Platons Kunsttheorie widerspiegeln, in der es auch darum geht, Kunst nicht einfach aufgrund ihrer oberflächlichen Schönheit zu akzeptieren. Genau, wie alle anderen Dinge müssten wir, um gut Handeln zu können, auch sie hinterfragen und mit Hilfe der Vernunft kritisch betrachten, damit sie am Ende auch der Vernunft dienlich sein kann und nicht noch mehr Verwirrung in unserer Seelen bringt.

2.2 Drei Arten von Künsten und ihre Meister

In Buch X von Der Staat widmet sich Platon also einer näheren Betrachtung der Künste und deren Verhältnis zum Streben des Menschen nach ethischem Handeln. Alle Dinge, die gefertigt wurden oder von Natur aus da sind, können ihm zufolge auf drei verschiedene Arten in der dinglichen Welt existieren und werden jeweils von drei verschiedenen Meistern hergestellt. Diese These veranschaulicht Platon anhand eines Stuhls: Es existiert der Stuhl, der in der Natur ist und von Gott gemacht wurde, der Stuhl, den der Schreiner gefertigt hat und jener Stuhl, der das Produkt des Malers ist (vgl. Platon, Buch X, 1991, S.427). Nun gibt es in der Welt zwar viele Stühle, jedoch nur eine Idee eines Stuhls (vgl. ebd., S.425). Diese Idee des Stuhls befindet sich in der Welt der Urbilder, ist von der dinglichen Welt getrennt und kann nur durch Vernunft und Nachdenken erkannt werden. Dies ist laut Platon der einzige Zugang zu den Urbildern, die die Vorlagen für alle Dinge in der Welt darstellen.

Es gibt also die Idee des Stuhls, die Essenz von dem, was wir als Stuhl erkennen und von welcher alle anderen Stühle in der Welt abstammen. Diese Stühle gehören, wie alles in der dinglichen Welt, zu den Schattenbildern. Da also physische und metaphysische Welt voneinander auf diese Weise getrennt sind, kann der Schreiner niemals die Idee selbst fertigen, jedoch orientiert er sich an der Idee des Stuhls, zur Herstellung eines solchen. Als Meister der Ideen und allem, was zwischen Himmel und Erde existiert, bezeichnet Platon Gott (vgl. ebd., S.427). Dieser ist der Meister aller Existenzen in der physischen Welt und er schafft all das, was alle Handwerksmeister der Welt zusammen hervorbringen (vgl. ebd., S.425) und auch alles, was in der Natur bereits vor zu finden ist. Der letzte und niederste Meister ist schließlich der Maler, der eine bloße Nachahmung des Stuhls produziert, die sich bloß auf die sinnliche Wahrnehmung eines Stuhls stützen würde. Diese Nachahmung orientiert sich nicht an der Idee des Stuhls, sondern an den Schattenbildern und bildet damit die niedrigste Stufe von Kunst, da sie am weitesten von der Wahrheit und dem Guten selbst entfernt ist: „[…] Was bezweckt die Malerei bei jedem ihrer Gegenstände? […] Ist sie Nachahmung des Erscheinungsbildes oder der Wahrheit? <<Des Erscheinungsbildes>>, sagte er.“ (ebd. S.429). Die Nachahmung der Schattenbilder bringt die Menschen jedoch nicht der Wahrheit näher. Es wäre, als ob die Gefangenen in Platons Höhlengleichnis Bilder von den vorüberziehenden Schatten malen würden. Das Ergebnis würde sie der eigentlichen Wahrheit jedoch nicht weiter bringen, da sie am Ende bloß ihre falsche Realität noch mehr verfestigen würden. Um die Welt außerhalb der Höhle erkennen zu können, bringt es nichts, sich noch mehr mit den Schatten auseinander zu setzen. Das Festhalten dieser Realität durch Nachahmung hält die Menschen davon ab, sich nach der wahren Welt umzudrehen.

Bei der Unterscheidung der drei Künste und ihrer Meister orientiert sich Platon erwartungsgemäß an seiner Ideenlehre. Gott als Schöpfer der Ideen und damit auch allem Dinglichen, ist der Meister der höchsten Form von Kunst. Der Handwerker, symbolisch stehend für alle Künste, die etwas in Hinblick auf die Idee selbst herstellen, wird von Platon noch höher angesehen, als der Maler, der hier stellvertretend für alle nachahmenden Künstler steht, die sich beim Ausüben ihrer Kunst nur an den Schattenbildern der Urbilder orientieren. Laut Platon gibt es von jedem Ding in der Welt also drei verschiedene Künste: Die verwendende, die herstellende und die nachahmende Kunst (vgl. ebd., S.435). Gutes Handeln und legitime Kunst orientieren sich seiner Ansicht nach an der Ideenwelt und je weiter entfernt etwas von dieser Welt ist, desto schlechter ist es in seiner Natur. Der Nachahmer und seine Kunst stehen damit auf der niedrigsten Stufe, da diese am weitesten vom Göttlichen, von der ursprünglichen Idee, entfernt sind. Doch die Schlechtigkeit dieser Künste bezieht sich nicht nur aus der Beziehung des Dargestellten zur Wahrheit.

2.3 Schlechtigkeit nachahmender Kunst

Nachahmende Künste wie Malerei und Dichtung sind seiner Ansicht nach nicht nur deshalb schlecht und verwerflich, weil die Produkte dieser Künste bloße Nachahmungen von Schattenbildern sind, sondern auch, weil sie ausschließlich den minderwertigen, unvernünftigen Teil der menschlichen Seele ansprechen würden: „Die Nachahmende Kunst ist also minderwertig, verkehrt mit dem minderwertigen und gebiert minderwertiges.“ (ebd., S.438). Nachahmende Künstler wie Dichter und Maler würden beide den minderwertigen Teil der Seele nähren und den vernünftigen verderben (vgl. ebd., S.441). Doch die Dichtung sei noch verwerflicher, als die Malerei. Sie verführt nicht nur die verdorbenen Seelen, sondern schafft es auch, „[...] die anständig Denkenden zu verderben […].“ (ebd., S. 442). Sie würde uns zur Unvernunft erziehen, uns am Leid anderer zu ergötzen. Der dargestellte und nachgeahmte Schmerz der Figur einer Tragödie oder eines Dramas, würde uns Freude bereiten, obwohl wir unseren eigenen Schmerz nicht als spaßig empfinden, sondern diesen gefasst und mit Vernunft ertragen würden:. „[...] man sieht also einem Manne zu, der ein Betragen zeigt, das man sich selbst nicht erlauben und dessen man sich schämen würde; doch man wendet sich nicht entrüstet ab, sondern freut sich darüber und lobt ihn?“ (ebd., S.442).

[...]


1 http://www.lettersofnote.com/2011/10/charles-bukowski-on-censorship.html , Stand: 21.08.2015

2 ebd.

Details

Seiten
13
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668273221
ISBN (Buch)
9783668273238
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337896
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Philosophie Ethik Ästhetik Platon Praktische Philosophie Der Staat Kunst

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