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Die Sozioprudenz des Verführens. Kierkegaards "Tagebuch des Verführers"

Hausarbeit 2015 26 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Kierkegaards „Tagebuch des Verführers“

4 Verführung und Liebe

5 Geben und Nehmen

6 Distanz und Nähe

7 Stil des Verführers – Suit up!

8 Im Theater des Verführers
8.1 Zwischen Aktiv und Passiv
8.2 Verführung als Abenteuer

9 Fazit

10Literaturverzeichnis

2 Einleitung

"Es ist keine Kunst, ein Mädchen zu verführen; aber es ist besonderes Glück, eines zu finden, das der Verführung wert ist"(Kierkegaard 2007, S. 47). Worte wie diese füllen Sören Kierkegaards(1813-1855) Werk „Tagebuch des Verführers“ und eröffnen dem Leser einen intimen Einblick in die Lebenswelt eines geistreichen Verführers. Trotz oder gar aufgrund dieser scheinbar arrogant selbstverliebten Geisteshaltung des Protagonisten kann das 1843 erschienene Buch als ein Meisterwerk der Sozioprudenz angesehen werden. Aber auch im Allgemeinen stellt die Verführungeine der Hauptbetätigungsfelder der Sozioprudenz dar. Grund genug um das Feld der Verführung mit den Methoden der Soziologie beziehungsweise Sozioprudenz zu untersuchen und die Anwendung von klassischen prudentistischen Texten zum Umgang mit Menschen auf das Werk Kierkegaards zu forcieren.

Die Sozioprudenz stellt dabei eine Neuakzentuierung der Soziologie dar, die auf die moderne Dominanz von Sozialmedien, Diplomatie, Service und Interkulturalität reagiert und damit Experten des „komplexen Spektrums zwischen sozialer Konversation und Subversion“ (Albrecht und Fischer 2014) hervorbringt.

Die Sozioprudenz wird im Folgenden als Klugheitslehre behandelt, welche dazu befähigt, gesellschaftliche Norme und Konventionen sinnvoll für sich zu nutzen. Durch das Wissen von prudentistischen Klassikern (Busch 2012a; Castiglione 1996; Machiavelli 1978; La Rochefoucauld 1938) und soziologischer Theorie (Luhmann; Albrecht; Mauss; Plessner; Simmel; Weber) soll die soziale Realität in ständiger Reflexion der eigenen Rolle besser verstanden werden und damit auch mögliche Ausgänge sozialer Situationen bestimmt werden können.

Der Rückgriff auf häufig Jahrhunderte zurückliegende Texte stellt dabei eine besonders spannende Möglichkeit dar, das Spiel um die Gunst eines alter egos durch die Brille einer fast epochenunabhängigen Psychodynamik zu betrachten. Schon beim Vergleich unter den „Frauenhelden“[1] der Geschichte lassen sich immer gleichbleibende Muster und Strategien herausstellen. Egal ob Ovid, Casanova, Johannes in Kierkegaard(2007), Alfie im gleichnamigen amerikanischen Spielfilm von 2004, Julian Kay in TheAmerican Gigolo [2], James Bond oder auch die Protagonisten der amerikanischen Sitcoms Two and a half man und How I met your mother - Charlie Harper beziehungsweise Barney Stinson – sie alle nutzen Formen der Sozioprudenz, welche ihnen einen Vorteil gegenüber ihren Mitstreitern erbringt. So besitzt die„Körperhaltung beim Gespräch Signalwirkung, aber auch bewusste und unbewusste Strategien kommen ins Spiel“(Albrecht 2008, S. 154). Von antiker ars amatoria (Ovidius Naso 1999) über die höfische Verführung bis hin zu den heutigen pick-up-artists, haben sich die grundlegenden Prinzipien kaum verändert.

Auf der Grundlage des Werkes „Tagebuch des Verführers“ soll untersucht werden, ob beziehungsweise wie diePrinzipien der Verführung mit den Mitteln der Sozioprudenz analysiert werden können. Davon ausgehend wird zumeist von der Verführung einer Frau durch den männlichen Verführer die Rede sein. Und dennoch ist darauf hinzuweisen, dass damit keine Ausschließlichkeit dieser sexuellen Konstellation Vorbedingung für die hier angestellten Überlegungen sind[3].

Nicht, wie der Mensch ist, sondern wie er sein will, bestimmt den Menschen.Diesem Grundsatz folgend sollen lebensweltliche Realitäten untersucht werden, welche nur über subjektive Deutungskomplexe zu verstehen sind.

3 Kierkegaards „Tagebuch des Verführers“

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) veröffentlichte 1843 sein Werk Tagebuch des Verführers unter dem Pseudonym Victor Eremita. Oberflächlich betrachtet wirkt das Werk, wie die Geschichte eines durchdachten egoistischen Verführers, namens Johannes, der die sonstigen Charaktere, wie Marionetten seines eigenen Theaters behandelt und das unschuldige junge Mädchen, Cordelia, verführt. Blickt man allerdings hinter die Fassade dieses Werkes,so eröffnet sich dem interessierten Leser eine dramatische Geschichte in dem realen Leben des jungen Philosophen Sören Kierkegaard.

Gerade dieser Umstand macht das Buch so wertvoll für die weitere Analyse. Denn es ist nicht nur textimmanent sozioprudentistisch, sondern auch schon die Herausgabe war in der Lebenswelt des Autors ein intelligenter Schritt, der die soziale Umwelt zweier Menschen nachträglich beeinflussen sollte. So verlobte sich Sören Kierkegaard 1840 mit Regine Olsen. Diese Verlobung wurde allerdings schon nach einem halben Jahr wieder aufgelöst. Ein wahrer Afrin in densittsamen und gutsituierten Kreisen des Kopenhagener Bildungsbürgertums, in denen sich Kierkegaard nur allzu gerne in der Rolle des Dandys[4] aufhielt. Über die Gründe der Trennung kann bisweilen nur spekuliert werden. Jedochwollte Kierkegaard seine Verlobte scheinbar vor der eigenen Schwerfälligkeit schützen, zumal ihm auch ein körperliches Leiden attestiert wurde (vgl. Albrecht 2008, S. 163). Das Tagebuch des Verführers ist dabei der verzweifelte Versuch die Ehre seiner Geliebten zu retten. Im Buch selbst nutzt Kierkegaard zunächst zwei Ebenen. Es gibt einen Handelnden und einen Schreibenden. Dabei findet ersterer scheinbar zufällig jene Aufzeichnungen des Tagebuches des Schreibenden und veröffentlicht diese. Jedoch wird im Buchdeutlich, dass eine enge Verbindung zwischen dem Protagonisten Johannes und dem Herausgeber Victor Eremita besteht, beziehungsweise es lässt sich interpretieren, dass beide identisch sind. Letztlich konnte das belesene Kopenhagener Bürgertum auch recht sicher auf den wahren Herausgeber und Schreiberling, Kierkegaard schließen[5]. So kommunizierte Kierkegaard über diese Ebenen die von ihm umgedichtete Geschichte seiner Verlobung mit Regine. Dabei waren die beiden Ebenen der Verschlüsselung extrem wichtig, da ansonsten sein eigentliches Vorhaben, Regine zu schützen, in Gefahr geraten wäre. Das Publikum, beziehungsweise die Leserschaft, sollte das Gefühl haben die „Hinterbühne“ (s. Goffman 2009, S. 132ff.) durchblickt zu haben, aberdennoch nicht die wahre Intention des Werkes verstehen. In diesem Werk beschreibt Kierkegaard sich selbst als Betrüger, der „sich nur aus erotisch-egoistischem Kitzel auf das Abenteuer der Verlobung eingelassen habe“ (Albrecht 2008, S. 163). Damit lenkt er alle Schuld von Regine ab, damit diese später ohne soziale Ächtung einen anderen Mann heiraten kann. So ist das Tagebuch des Verführers kein Paradebeispiel für das frauenverachtende Verhalten eines selbstsüchtigen Frauenhelden, sondern eigentlich ein Werk aufrichtiger Liebe.

4 Verführung und Liebe

Liebe[6] - beziehungsweise etwas vorsichtiger – Wohlwollen zu erwerben, ist eine hochgradig diffizile Aufgabe, die primär über sozioprudentistische Techniken zu lösen ist. Allerdings wendet der gekonnte Verführer diese bewusst an und verlässt sich nicht blind auf die impliziten Wissensquellen seines Unterbewusstseins. Diese Bewusstwerdung wird im Folgenden aktiv durch die Mittel der Sozioprudenz untersucht werdenDoch bei aller Rationalisierung ist die Liebe nicht in den Kontext von ökonomischen Kosten-Nutzenrechnung zu betrachten (s. Rational-Choice-Theorie), da sie nicht mit den Gesetzen der Reziprozität beschrieben werden kann[7]. Des Weiteren wird erkannt, dass alle Eigenschaften, wie Tanz oder Gesang, welche genutzt werden um sich die Gunst einer Dame, eines Fürsten oder eines Kavaliers zu sichern, nicht ausreichen. Das Ziel ist es vielmehr (und das ist auch die fundamentale Regel der Sozioprudenz), sich immer nach dem zu richten mit dem umzugehen ist(s. hierzu auch Castiglione 1996, S. 67f.). Gerade die Differenz zwischen ego und alter ego muss bewusst zum Gegenstand der Betrachtunggemacht werden und darauf aufbauend adäquate Assimilationstechniken entworfen werden. Die Anpassung ist vonnöten, da immer nur eine Teilmenge zweier Persönlichkeiten konsistent zueinander ist. Hierbei spielt der kulturelle Deutungskontext eine entscheidende Rolle.

Familie und Paarbeziehung üben gerade in der Moderne durch ihre Intimisierung und Emotionalisierung eine Sonderfunktion aus. Der moderne Mensch lebt nur hier in Beziehungen, die anders funktionieren als die durch Verträge, rechtlich fixierte Normen, Konkurrenz und ökonomische Austauschmedien vermittelten Beziehungen der sonstigen gesellschaftlichen Subsysteme(vgl. Albrecht 2008, S. 168).

So geht mit der modernen Gesellschaft eine Steigerung im doppelten Sinn einher. Sie gibt mehr Möglichkeiten zu unpersönlichen Kontakten, verintensiviert aber gleichzeitig persönliche Beziehungen(vgl. Luhmann 1995, S. 13).„[Es, d. Verf.] ergibt sich der Bedarf für eine noch verständliche, vertraute, heimische Nahwelt, die man sich noch aneignen kann“(Luhmann 1995, S. 17).

In dieser „zwischenmenschliche Interpenetration“ (herv. d. Verf.,Luhmann 1995, S. 14) wird der gesamte Mensch erfasst und im Sinne der Gemeinschaft nach Tönnies keine Reduktion auf Rollen vorgenommen. Alle Eigenschaften der Person werden damit bedeutsam. Diese Haltung ist bei Johannes (Kierkegaard 2007) in der Grundhaltung seiner Verführung zu beobachten, wobei er noch darüber hinausgeht undCharakterbereiche in Cordelia anspricht, die sieselbst noch gar nicht kennt beziehungsweise ausgebildet hat.

Durch die Irrationalität der modernen Liebe in der Passion wird das Zusammenkommen von wechselseitiger Liebe heute unwahrscheinlicher(vgl. Luhmann 1995). Deshalb muss nachgeholfen werden. Dies passiert mit Umsicht und durchdachter Verhaltensplanung –und dies gerade dann, wenn beide der Passion des anderen noch unsicher sind und die Situation insofern als asymmetrisch wahrnehmen(vgl. Luhmann 1995, S. 76). Allerdings ist an dieser Stelle auch noch zu bemerken, dass die prudentistischen Strategien der Verführung im Erwerb der sexuellen Liebe zwar ihre stärkste Kraft entfalteten, jedoch auch in anderen Feldern der sozialen Beziehungen eingesetzt werden können. Auch der Erwerb von Wohlwollen und Gunst kann als eine Form der Verführung angesehen werden[8]. Verführung soll als eine Form der Machtausübung im weber´schen Sinne betrachtet werden: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber 1964, S. 38). „Vor allem mit der gewaltigsten Macht unter ihnen, der geschlechtliche Liebe, der neben den wahren oder ökonomischen und sozialen Macht- und Prestigeinteressen universellsten Grundkomponente des tatsächlichen Ablaufs menschlichen Gemeinschaftshandelns“ (Weber 1964, S. 464) lassen sich soziale Beziehungen nicht nur verstehen, sondern auch nutzen.

Weiterhin könnte die Verführung der charismatischen Herrschaft[9] zugeordnet werden. Dabei wird dem Charisma jene Qualität des Außeralltäglichen nur subjektiv und wirkungsbezogen zugeschrieben (vgl. Weber 1964, S. 179). Allerdings bleibt diese auf der persönlichen Hingabe basierenden Form der Herrschaft immer fragil und bedarf konstanten Anstrengungen (vgl. ebd.). Diese Anstrengungen sind Teil der hier angefertigten Analyse.

Dabei gilt zugleich immer: „Wenn man die vielen Darstellungen, Behandlungen, Ratschläge zur Verführungskunst durchsieht, darf man freilich nicht zu oberflächlich lesen“ (Luhmann 1995, S. 76). So besaßen auch diese noch einmal spezifische Funktionen undIntentionen. Das hier zurAnalyseherangezogene Werk(Kierkegaard 2007) wurde zum Zwecke tieferliegender Ziele veröffentlicht[10]. Einige Werke dienten zur Abschreckung oder Festigung der Moralvorstellung, andere wiederum sollten direkt auf den Autor zurückwirken und diesen mit einer geheimnisvollen Aura umgeben, um innerhalb der Verführung auf eben diese zurückgreifen zu können. Womit wir bei der ersten Verführungsstrategie wären.

Ein wichtiger Gedanke von Niklas Luhmann bezieht sich auf die reflexive Beschreibungsfunktion des Codes der Liebe(vgl. Luhmann 1995). Denn nach Luhmannwird ein diffuses Gefühl ontogenetisch erst anhand eines tradierten Begriffes entdeckt(vgl. dazu auchAlbrecht 1986, S. 105). Zunächst werden Körpersignale wahrgenommen und erst darauf folgend wird die Attraktivität der anderen Person eingeschätzt, beziehungsweise das eigene Gefühl als Liebe gedeutet(Kast 2004, S. 26f.).„Das ist heute nicht anders als in präviktorianischen Liebesromanen: Die Frau musste auf ein Zeichen ehebereiter Liebe warten, bevor sie überhaupt entdecken durfte, was Liebe ist, erst dann durfte sie jene merkwürdigen physischen Phänomene (Kribbeln im Bauch, leichte Verwirrtheit, Tunnelwahrnehmung, Schlaflosigkeit etc.) als "Liebe" deuten und eben nicht als Vorzeichen einer Grippe“(Albrecht 2008, S. 154). Dieser Gedankengang ist auch tief in Kierkegaards „Tagebuch des Verführers“ eingewoben. So gibt Johannes Cordelia durch Briefe und ausgewählte Literatur eine Form der Liebe an die Hand, mit der sie operieren kann und ihre eigenen Gefühlslagen verstehen soll: „Heute will ich ihr in einem kleinen Briefchen leichthin andeuten, wie es in ihrem Inneren eigentlich aussieht“ (Kierkegaard 2007, S. 123). Dies passiert zumeist über eine Form des Modelllernens: Indem Johannes seine eigene Gefühlswelt in strahlende Begrifflichkeiten kleidet, kann Cordelia eben diese für die Beschreibung der eigenen Gefühls- beziehungsweise Lebenswelt nutzen.

Die Mittel vieler anderer Liebhaber sind in den Augen Johannes kläglich, da sie sich selbst erniedrigen, indem sie zu Geld, Macht, fremdem Einfluss oder sogar zu Schlaftränken und dergleichen greifen. Für ihn muss Liebe aus vollkommener freiwilliger Hingabe entstehen und das Mittel der Verführung kann nur der Geist sein (vgl. Kierkegaard 2007, S. 49). Dafür scheint die Beobachtung zunächst die wichtigste Grundlage: „Ich verhielt mich möglichst zurückhaltend, um desto besser beobachten zu können“ (Kierkegaard 2007, S. 52). Denn „Man muss stets seine Vorstudien machen, alles muss im Voraus geordnet sein“ (Kierkegaard 2007, S. 58).

Durch die Lektüre von Romanen wurde der Code Liebe (Luhmann 1995)schon früh reflektiert[11] und ist seitdem einer immer größer werdenden Transparenz ausgesetzt worden. Und so musste und muss davon ausgegangen werden, dass auch die Floskeln und Gesten, auf welche die Kunst der Verführung zurückgreift, gelesen, gesehen oder gehört wurden. Man hat damit zu rechnen, dasssich die Damen dieser Wirkung gewiss sind, und sich ihrer dennoch nicht entziehen können oder wollen. (vgl. Luhmann 1995, S. 37).

Daraus ergab sich ein Verbot für Frauen, Liebesromane zu lesen (vgl. Niklas Luhmann 1994). Den Ehegatten wurde allerdings geraten, ihre Frauen gerade nicht vor Verführern zu warnen. Denn das weckt Aufmerksamkeit und Interesse und setzt, wie alles „Sich-Wehren“, die Betroffene erst recht der Verführung aus(Luhmann 1995, S. 76f.). An diesem Fall zeigt sich die Macht der Verführung beziehungsweise des Verführers. Denn um die eigene Frau zu schützen darf der Gatte weder aktiv warnen, noch darf er das Problem einfach durch selbstauferlegtes Schweigen ignorieren. Nur wenn das Paar die Verführung noch nicht einmal mehr ignoriert, wäre es zumindest teilweise vor dieser geschützt[12]. An dieser Stelle wird auch schon deutlich, wie eng Verstandesarbeit und Gefühle in der Analyse zusammenhängen. Der Aphorismus „Wer seinen Verstand kennt, kennt nicht immer sein Herz“ (La Rochefoucauld 1938, S. 15) macht dabei deutlich, dass keine Seite von der anderen isoliertbetrachtet werden darf. Nur weil die eigenen Handlungen reflektiert werden, gilt diesnoch nicht für die Gefühle.

5 Geben und Nehmen

Die Gesellschaft funktioniert nach Mauss(1999) über einen stetigen Austauschprozess aller denkbaren Entitäten. Dabei spielen bei der Betrachtung dieses Gebens und Nehmens nicht nur materielle Güter (in der Paarbeziehung zumeist physische Geschenke) eine Rolle, sondern eben auch jegliche Kommunikationsmittel, welche die beiden Menschen über den Austausch vergesellschaften.Wobei es Austauschen recht gutveranschaulicht. Man tauscht cum grano salis den eigenen Verstand mit dem Verstand des anderen aus und sucht so nach einer möglichst anschlussfähigen Handlung im Rahmen des wechselseitigen Gebens und Nehmens.

Durch die moderne Forderung der Totalität des geliebten Partners in der eigenen Lebenswelt (vgl. Luhmann 1995, S. 85f.) ist jedes Handeln auf den anderen bezogen. Jedes Nehmen ist ein Geben des anderen und jedes Geben ein Nehmen des anderen. Die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt verschwimmen somit in den Welten der modernen Passion. Und doch ist es gerade in den Anfängen der Verführung höchst diffizil, das richtige Geschenk zu wählen, die richtigen Worte zu finden oder die richtige körperliche Präsenz zu zeigen. Es ist schlicht keine einfache Regel griffbereit. Jedoch sollte eine gewisse Konformität bewahrt bleiben, ohne Langeweile durch Berechenbarkeit zu generieren. Eine Gabe an die zu verführende Person wird generell als Verobjektivierug der Beziehung (s. dazu Schützeichel 2013) aufgefasst werden und besitzt somit Symbolcharakter. Es müssen aber auch weitere Dimensionen betrachtet werden, welche die richtige Äquidistanz einschätzbar machen. So sagt der Indiviualisierungsgrad der Gabe viel über die Intimität und die emotionale Nähe aus. Eine Gabe besitzt somit einen subjektiv zugesprochenen Gefühlswert und auch eine besondere Verbindung zum Schenkenden[13]. Mit jeder Gabe gehen auch immer soziale Verpflichtungen einher, die jederzeit bedacht werden müssen, um den anderen nicht in Peinlichkeiten zu stürzen. Die Gabe ist damit mehr als nur eine lineare, eindimensionale Schenkung in eine Richtung. Weitere komplexe soziale Verflechtungen machen sie für die Sozioprudenz besonders interessant. Die Verpflichtungen beziehen sich dabei auf: die soziale Erwartung eines Geschenkes (zum Beispiel als Willkommenspräsent), die Pflicht das Geschenk anzunehmen und drittens auf den Reziprozitätsanspruch des Zurückschenkens. EinGeschenk kann allerdings auch erniedrigende Facetten besitzen, da sich der Schenkende mit der Gabe in eine relativ zum Beschenkten höhere Position begibt. Nur wenn dem Beschenkten die Möglichkeit gegeben ist, die Gabe auszugleichen,kann ein darauf basierendes Machtverhältnis revidiert werden(vgl. Mauss 1999).

Dazu lässt sich Gracian mit seinem Aphorismus 233 zitieren:

Den fremden Geschmack nicht verfehlen: sonst macht man ihm, statt eines Vergnügens, einen Verdruss. Einige erregen, indem sie eine Verbindlichkeit erzeugen wollen, Missfallen, weil sie die verschiedenen Sinnesarten nicht begreifen. Manches ist dem Einen eine Schmeichelei, dem Andern eine Kränkung; und Manches was eine Artigkeit sein sollte, war eine Beleidigung. Oft hat es mehr gekostet, Jemandem Missvergnügen zu bereiten, als es gekostet haben würde, ihm Vergnügen zu machen: man verliert alsdann den Dank und das Geschenk, weil man den Leitstern zum fremden Wohlgefallen verloren hatte. Wer den Sinn des Andern nicht kennt, wird ihn schwerlich befriedigen. Daher auch kam es, dass Mancher ein Lob zu äußern vermeinte und einen Tadel aussprach, zu seiner wohlverdienten Strafe. Andre wieder glauben durch ihre Beredsamkeit zu unterhalten, und martern den Geist durch ihre Geschwätzigkeit. (Gracián y Morales, Baltasar 1992, S. 98f.)

[...]


[1] „Es gibt Helden im Bösen wie im Guten“ (La Rochefoucauld 1938, S. 24).

[2] Zu sehen in Schrader 2006.

[3] So konstatiert Castiglione nicht ohne Wehmut die Existenz weiblicher Verführerinnen: „Frauen, die mit Zunge den Gedanken widersprechen und mit der Heuchelei betrügerischer Frömmigkeit nichts anderes im Sinne haben, als die Herzen zu zerfleischen. Im Land Lybiens gibt es noch keine so giftige Natter, die es so sehr nach Menschenblut gelüstet, wie jene Falsche, die nicht nur ob der Süßigkeit der Stimme und dem Honig der Worte, sondern auch wegen der Augen, des Lächelns und des Antlitzes und ihrem Wesen nach eine leibhaftige Sirene ist.“ (Castiglione 1996, S. 21)

[4] Siehe dazu Adams et al. 2013.

[5] Passagen, wie die Aussage des Herausgebers: „So lag es bei diesem Menschen [Johannes, d. Verf.], den ich einmal gekannt hatte, ohne ihn recht zu kennen. Er gehörte eigentlich nicht in die Wirklichkeit, und doch hatte er viel mit ihr zu tun“ (Kierkegaard 2007, S. 9) sind erste Andeutungen auf die Verbindung zwischen Kierkegaard, Herausgeber Victor Eremita und Johannes.

[6] Liebe wird hier als sozialer Tatbestand (vgl. Durkheim 1980) operationalisiert, welcher konstitutiven Charakter innerhalb von Partnerschaften besitzt (vgl. Albrecht 2008, S. 150f.).

[7] Gleichgültig wie viel Liebe aufgeboten wird, kann daraus niemals eine Gegenliebe geschlossen werden.

[8] Dazu formuliert Gracian in seinem Aphorimus 112:„Sich Liebe und Wohlwollen erwerben: denn sogar die erste und oberste Ursache lässt solche in ihre hohen Absichten eingehen und ordnet sie an. Mittelst des Wohlwollens erlangt man die günstige Meinung. Einige verlassen sich so sehr auf ihren Wert, dass sie die Erwerbung der Gunst verschmähen. Allein der Erfahrene weiß, dass der Weg der Verdienste allein, ohne Hülfe der Gunst, ein gar sehr langer ist. Alles erleichtert und ergänzt das Wohlwollen: nicht immer setzt es die guten Eigenschaften, wie Mut, Redlichkeit, Gelehrsamkeit, sogar Klugheit, voraus; nein, es nimmt sie ohne weiteres als vorhanden an: hingegen die garstigen Fehler sieht es nie, weil es sie nicht sehen will. Es entsteht aus der Übereinstimmung, und zwar gewöhnlich aus der materiellen, dergleichen die der Sinnesart, der Nation, der Verwandtschaft, des Vaterlandes und des Amtes ist: die formelle ist höherer Art, sie ist die der Talente, der Verbindlichkeiten, des Ruhms, der Verdienste. Die ganze Schwierigkeit besteht im Erwerben des Wohlwollens; es zu erhalten ist leicht. Es lässt sich aber erlangen, und man wisse es zu nutzen.“ (Gracián y Morales, Baltasar 1992, S. 46)

[9] „Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden.“ (Weber 1964, S. 38).

[10] Das gesamte Buch ist eine sozioprudentistische Strategie die Ehre von Regine Olsens zu retten.

[11] Luhmann spricht von der Mitte des 17. Jahrhunderts.

[12] Bei diesen Überlegungen versteht man die Kriegsmetaphorik, mit welcher der Johannes von der Verführung spricht.

[13] Idealistisch gesprochen, ist die Gabe auch langfristig mit dem Geist des Schenkenden behaftet.

Details

Seiten
26
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668272750
ISBN (Buch)
9783668272767
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337860
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Soziologie
Note
1.3
Schlagworte
Verführen Kuppelei Koketterie Pick-Up Kierkegaard Sozioprudenz Sozialkompetenz Spiel der Liebe Liebe Liebeswissen Don Juan Gigolo

Autor

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Titel: Die Sozioprudenz des Verführens. Kierkegaards "Tagebuch des Verführers"