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Arbeitslosigkeit in Deutschland - Ursachen und Lösungsmöglichkeiten

Diplomarbeit 2003 139 Seiten

VWL - Arbeitsmarktökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

0. Einleitung

1. Definition und statistische Grundlagen
1.1 Definition des Begriffs Arbeitslosigkeit
1.2 Problematik der Verzerrung der Arbeitslosigkeit 2 Entlastung insgesamt
1.3 Folgen der Arbeitslosigkeit
1.3.1 Gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen
1.3.2 Folgen für den Einzelnen

2. Mögliche Ursachen der Arbeitslosigkeit
2.1 Niveaubedingte Ursachen
2.1.1 Die Keynesianische Erklärung der Arbeitslosigkeit
2.1.2 Die neoklassische Erklärung der Arbeitslosigkeit
2.2 Strukturbedingte Ursachen
2.2.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit
2.2.2 Saisonale Arbeitslosigkeit
2.2.3 Strukturelle Arbeitslosigkeit
2.2.3.1 Veränderung der Arbeitsnachfrage
2.2.3.1.1 Technischer Fortschritt
2.2.3.1.2 Globalisierung
2.2.3.2 Mismatch-Arbeitslosigkeit
2.2.3.3 Demografische Faktoren
2.2.3.4 Arbeitsrechtlicher Rahmen
2.2.3.4.1 Kündigungsschutz
2.2.3.4.2 Befristete Arbeitsverhältnisse
2.2.3.5 Tarifpolitik

3. Arbeitslosigkeit in Deutschland
3.1 Statistische Betrachtungen
3.2 Besonderheiten die zur hohen Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern führten

4. Wege aus der Arbeitslosigkeit
4.1 Arbeitsmarktpolitik in Deutschland
4.1.1 Grundlagen
4.1.2 Evaluation der aktiven Arbeitsmarktpolitik
4.1.3 Aktuelle Tendenzen
4.1.1.1 Agenda 2010
4.1.1.2 Hartz-Konzept
4.2 Alternative Wege
4.2.1 Niedriglohnstrategie
4.2.1.1 Negative Einkommensteuer
4.2.1.2 Aktivierende Sozialhilfe
4.2.1.3 Mainzer Modell
4.2.1.4 Magdeburger Alternative
4.2.1.5 Weitere Lohnsubventionsmodelle
4.2.2 Innovationen und Unternehmensgründungen
4.2.2.1 Finanzielle Basis
4.2.2.2 Infrastrukturelle Basis
4.2.2.3 Soziale und psychische Basis
4.2.3 Regionalpolitik/ -marketing

5. Resümee

Literaturverzeichnis

Darstellungsverzeichnis

Darstellung 1: Das Ausmaß der Unterbeschäftigung

Darstellung 2: Gesamtfiskalische Kosten der Arbeitslosigkeit 2001 je Arbeitslosen

Darstellung 3: Direktinvestitionen in Milliarden Euro

Darstellung 4: Geplante und realisierte Verlagerung von Industrieunternehmen

Darstellung 5: Motive für die Verlagerung ins Ausland

Darstellung 6: Die Funktionsschwerpunkte der Auslandsinvestitionen deutscher

Unternehmen in den nächsten drei Jahren

Darstellung 7: Erwerbstätige nach Wirtschaftsbereichen

Darstellung 8: Tarifbindung der Betriebe und Beschäftigten in der BRD in Prozent

Darstellung 9: Arbeitslosenquoten in Deutschland in Prozent

Darstellung 10: Veränderung des Bruttoinlandsprodukts im Vergleich zum Vorjahr in Preisen von 1995

Darstellung 11: Zahl der Arbeitslosen und Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt.

Darstellung 12: Zugänge in und Abgänge aus Arbeitslosigkeit 2002

Darstellung 13: Anteil der Langzeitarbeitslosen

Darstellung 14: Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten von 1975 bis 2002

Darstellung 15: Besondere Merkmale von registrierten Arbeitslosen

Darstellung 16: Arbeitslosenquote und zeitvariable NAIRU

Darstellung 17: Indikatoren für den regionalen und beruflichen Mismatch in den alten Bundesländern, Jahresdurchschnitte

Darstellung 18: Regionaler Mismatch

Darstellung 19: Qualifikatorischer Mismatch

Darstellung 20: Arbeitsplatzverteilung nach Sektoren in der DDR und der BRD

Darstellung 21: Arbeitsplatzverteilung nach Sektoren in der DDR

Darstellung 22: Teilnahme an Qualifizierung und betrieblicher Weiterbildung

Darstellung 23: Erfolgswahrscheinlichkeit von ABM-Teilnehmern im Vergleich zu Nichtteilnehmern (im März 2002)

Darstellung 24: Gewerbemeldungen und Unternehmensinsolvenzen

Darstellung 25: Prozess der Regional-Analyse und der Regionalpolitik

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

0. Einleitung

Arbeitslosigkeit in Deutschland ist eine der größten Herausforderungen der Wirtschaft. Kein anderes Thema wird in Fachkreisen und auch in der Öffentlichkeit so intensiv und stetig diskutiert. Wobei sich die öffentliche Diskussion auf die Arbeitslosenquote und die Zahl der Arbeitslosen beschränkt. Zur Zeit wird die Arbeitslosigkeit in Verbindung mit den Reformplänen der Regierung stark diskutiert und auch die 4,18 Millionen Ar- beitslosen beziehungsweise eine Arbeitslosenquote von 10,0 Prozent1 geben Anlass zur Sorge.

Seit längerer Zeit verfolge ich das Thema Arbeitslosigkeit in den Medien. Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, weshalb es Arbeitslosigkeit gibt und welche ursachenorientierten Lösungsmöglichkeiten sich anbieten. Oft wird der Eindruck vermittelt, dass ausschließlich die Politik und die Tarifparteien verantwortlich sind und handeln müssen. Diese Arbeit wird sich mit der Frage der Ursachen und den Lösungsmöglichkeiten der Arbeitslosigkeit beschäftigen.

Zu Beginn der vorliegenden Arbeit wird der Begriff der Arbeitslosigkeit definiert sowie Verzerrungen und Folgen der Arbeitslosigkeit aufgezeigt. Das zweite Kapitel versucht zu erklären, weshalb Arbeitslosigkeit entsteht und welche Arten es gibt. Darauf auf- bauend folgt eine Analyse und Quantifizierung der Arbeitslosigkeit in Deutschland. Im vierten Teil werden verschiedene Wege aus der Arbeitslosigkeit auf ihre Beschäfti- gungswirksamkeit hin untersucht. Grundlage für die Wahl der Maßnahmen sind sowohl gegenwärtige Aktionen als auch ursachenorientierte Maßnahmen. Abschließend wird ein Resümee über die Arbeitslosigkeit in Deutschland und die Ursachen und Lösungs- möglichkeiten gezogen.

1. Definition und statistische Grundlagen

1.1 Definition des Begriffs Arbeitslosigkeit

„There is no single unambigious definition of unemployment. Different purposes call for different definitions.” (Gordon 1968)2

“In der Wirtschaftswissenschaft liegt A. [Arbeitslosigkeit] vor, wenn auf dem Arbeitsmarkt das Arbeitsangebot zu den herrschenden Bedingungen die Arbeitsnachfrage übersteigt“ (Woll 2000:38). „... nach der Definition der Arbeitslosenstatistik der Bundesanstalt für Arbeit: Arbeitslose sind Arbeitssuchende, die in der Hauptsache als Arbeitnehmer tätig sein wollen, nicht arbeitsunfähig erkrankt sind und nicht als Arbeitnehmer, Heimarbeiter, mithelfende Familienangehörige oder Selbständige beschäftigt sein“ (Geigant/Haslinger/Sobotka 1994:54).

Am Anfang eines jeden Monats veröffentlicht die Bundesanstalt für Arbeit unter ande- rem die Zahl der Arbeitslosen und die Arbeitslosenquote. Die Arbeitslosenquote wird in Deutschland aus dem Verhältnis der registrierten Arbeitslosen zu den abhängigen Er- werbspersonen (umfassen Erwerbstätige3 und Erwerbslose) errechnet und von saiso- nalen Einflüssen bereinigt (Friedrich/Wiedemeyer 1994:15). Diese Verhältniszahl darf nicht allein betrachtet werden, sondern immer in Verbindung mit der absoluten Arbeits- losenzahl, da der Nenner im Zeitverlauf nicht konstant ist. Das die Arbeitslosenquote nur bedingt aussagekräftig ist und Verzerrungen unterliegt, wird unter 1.2 aufgezeigt.

1.2 Problematik der Verzerrung der Arbeitslosigkeit

Die in Deutschland verwendete Bezugsbasis zur Berechnung der Arbeitslosenquote ist umstritten und zeigt nur einen Teil der Unterbeschäftigung. Der von der Bundesanstalt für Arbeit ausgewiesene Teil der Arbeitslosigkeit, wird auch als offene Arbeitslosigkeit bezeichnet. Zur versteckten Arbeitslosigkeit, rechnet man die Stille Reserve sowie die „Anspruchs- und Übergangsarbeitslosigkeit“.

Die Stille Reserve stellt einen wichtigen Bestandteil des Arbeitskräftepotentials dar (Buttler 1990:37). Hinzuzurechnen sind die Teilnehmer der aktiven Arbeitsmarktpolitik zum Beispiel in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Fortbildungen und Umschulungen. Aber auch Personen mit vorhandenem aber nicht registriertem Arbeitswunsch. In der Statistik wird die Personengruppe mit vorhandenem aber nicht registriertem Arbeitswunsch, als stille Reserve im engeren Sinne bezeichnet (IAB 1998:3). Die stille Reserve wird vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (im folgenden kurz: IAB) geschätzt und regelmäßig in Form der Arbeitskräftebilanz veröffentlicht. Die Bedeutung der aktiven Arbeitsmarktpolitik ist im Westen Deutschlands deutlich geringer als im Osten. Ohne die aktive Arbeitsmarktpolitik wäre in Ostdeutschland jede dritte Erwerbsperson arbeitslos (Koller 2000:18-19).

Die Stille Reserve sagt jedoch nichts über das Ausmaß der Unterbeschäftigung aus, da Personen in Kurzarbeit und unfreiwilliger Teilzeit nicht berücksichtigt werden. Dennoch stellen Kurzarbeit und unfreiwillige Teilzeit ein Ungleichgewicht zwischen Arbeitsangebot und Nachfrage dar (Brinkmann 1999:167).

Um einen Anspruch auf bestimmte Unterstützungsleistungen zu erhalten, wird die Meldung der Arbeitslosigkeit vorausgesetzt. Zum Beispiel prüfen die Sozialämter auf Restansprüche von Arbeitslosengeld /-hilfe oder die Meldung erfolgt nur um Ausfallzeiten bei der Rentenberechnung geltend zu machen. Ein Teil dieser Personengruppe ist somit nicht für die Arbeitsvermittlung verfügbar und kann nicht als arbeitssuchend eingestuft werden (Franz 2003a:344).

Die Übergangsarbeitslosigkeit beinhaltet Personen deren Ende der Arbeitslosigkeit bereits jetzt absehbar ist (Bsp. Eintritt in Mutterschutz, Wehr- und Zivildienst, Studium, Rente) und somit der Arbeitsvermittlung nicht zur Verfügung stehen (Engelen-Kefer/ Kühl/Peschel 1995:71).

Das gesamte Ausmaß der Unterbeschäftigung ergibt sich also aus den registrierten Arbeitslosen, den Teilnehmern an Arbeitsbeschaffungs- und beruflichen Bildungs- maßnahmen, Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation, Kurzarbeit, Beschäftigungs- verhältnisse mit direkten und indirekten Lohnzuschüssen, ausländische Teilnehmer an Deutschkursen und durch die stille Reserve im engeren Sinne. Wie sich die Unterbe- schäftigung in den alten und neuen Bundesländern in den letzten Jahren entwickelt hat, zeigt die Darstellung 1.

Das berechnete Ausmaß der Unterbeschäftigung für die alten und neunen Bundes- länder, wird jedoch durch Pendlerbewegungen und Abwanderungen verzerrt. Wenn sich Arbeitnehmer in Gebieten mit geringen Beschäftigungsmöglichkeiten nicht zu einer beruflichen Tätigkeit in einem anderen Gebiet entschließen würden, so wäre das regionale Dimension der Unterbeschäftigung vor allem in den neuen Bundesländern höher (Engelen-Kefer/Kühl/Peschel 1995:326).

Darstellung 1: Das Ausmaß der Unterbeschäftigung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1 2 3

Die Zahl der offenen Stellen wird häufig der Anzahl der Arbeitslosen gegenübergestellt, um aufzuzeigen, dass die Zahl der fehlenden Arbeitsplätze geringer ausfällt als die Zahl der registrierten Arbeitslosen angibt. Aber auch dieser Indikator ist nur in geringem Maße aussagekräftig, da dem Arbeitsamt nicht alle offenen Stellen gemeldet werden. Das IAB geht von einer Meldequote für die alten Bundesländer von 42 Prozent und für die neuen Bundesländer von 55,2 Prozent aus (2002:2.5.2). Diese regionalen Differenzen lassen sich vermutlich durch die geringere Anzahl von Großunternehmen in den neuen Bundesländern erklären. Zum einen verfügen große Unternehmen in der Regel über einen internen Arbeitsmarkt und andererseits wenden sich kleine und mittlere Unternehmen aus Kostengründen eher an das Arbeitsamt und verzichten auf entsprechende Inserate in diversen Medien.

Das Institut der deutschen Wirtschaft sieht weitere Ursachen in der Bevorzugung von Zeitung, Internet und private Vermittlern in der schnelleren und passgenaueren Vermittlung (IWD 2003c:1).

Die Erhebung der meisten Arbeitsmarktdaten erfolgt stichtagsbezogen. Bestandsdaten haben den Nachteil, dass sie ausschließlich die Arbeitslosigkeit an den Stichtagen betrachten, aber nichts über den Verlauf der Arbeitslosigkeit aussagen können (Fassmann 1997:145-146).

Ein Arbeitsloser der zwischen zwei Stichtagen arbeitslos ist, wird in der Bestandsmenge nicht erfasst. In Bestandsmengen sind Kurzzeitarbeitslose folglich unterrepräsentiert (Brinkmann 1999:168-169).

Das durch die amtliche Statistik dargestellte Ausmaß der Langzeitarbeitslosigkeit4 ent- spricht ebenfalls nicht den tatsächlichen Verhältnissen. Laut Statistik waren 1996 rund 33 Prozent der Arbeitslosen von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen. In der Bestandsmenge sind auch Personen enthalten, die zukünftig zu den Langzeitarbeitslosen zählen werden. In einer Untersuchung des IAB wurde festgestellt, dass tatsächlich 58,4 Prozent langzeitarbeitslos sind oder im Verlauf ihrer Arbeitslosigkeitskarriere sein werden (Fink 1998:34-35).

Erst durch die Ergänzung mit Flussgrößen wird eine genauere Abbildung der Arbeits- marktentwicklung ermöglicht. Sie zeigen auf, wer wann, wie, wo und wohin seinen Ar- beitsplatz wechselt (Engelen-Kefer/Kühl/Peschel 1995:69). Es ist von Bedeutung, ob wenige Arbeitslose ein ganzes Jahr arbeitslos sind oder ob viele Menschen nur für eine kurzen Zeitraum betroffen sind. Die Arbeitslosenquote ist in beiden Fällen gleich (Fassmann 1997:145-146). Mit Hilfe der Bestands- und Flussgrößen lassen sich ver- schiedene Kennziffern (z.B. Betroffenheitsquote, Vakanzquote) errechnen. Sie sollen helfen die Arbeitsmarktlage genauer darzustellen (Fassmann 1997:146-148).

Vergleiche über die nationalen Grenzen hinaus, gestalten sich oft schwierig. Denn es gibt keine einheitliche Methode zur Berechnung der Arbeitslosigkeit, die allgemein an- erkannt ist. Oft wird der Vorwurf der Sch ö nung vorgebracht (Friedrich/Wiedemeyer 1994:15). Die erweiterte Arbeitslosenquote wird von der OECD empfohlen. Sie beinhal- tet im Nenner nicht nur die abhängigen Erwerbspersonen sondern auch die Selbstän- digen (und Soldaten). Dadurch ist die Quote tendenziell geringer als bei der in Deutschland verwendeten Form. „Ein hoher Anteil an Selbstständigen, Freien Berufen und Kleingewerben z.B. in typischen Fremdenverkehrsgebieten, kann die Quote“, durch den erweiterten Nenner stark beeinflussen (Koller 2000:22). Der Vorteil ist die stärkere Berücksichtigung der „erfüllten Beschäftigungswünsche“ aller Erwerbsper- sonen (Brinkmann 1999:171).

Aber nicht nur der Nenner muss bei Vergleichen übereinstimmen, wichtig ist auch der Zähler. In den einzelnen Ländern Europas wird das Verfügbarkeitskriterium unter- schiedlich definiert „(z.B. sofort oder innerhalb von 14 Tagen verfügbar)“ (Buttler 1990:35-36).

Bei einem internationalen Vergleich muss auch die Zuordnung der Stillen Reserve sowie Übergangs- und Anspruchsarbeitslosigkeit verglichen werden, denn auch hier sind Unterschiede bezüglich der Zuordnung festzustellen (ebenda S.37-39).

In diesem Abschnitt wurde dargestellt, dass die Bestimmung des Ausmaßes der Arbeitslosigkeit und die Quantifizierung der Unterbeschäftigung problembehaftet ist. Die vorgestellten Indikatoren sagen jedoch nichts darüber aus, ob es sich überwiegend um konjunkturelle oder strukturelle Arbeitslosigkeit handelt. Dieser Fragestellung wird im zweiten und dritten Kapitel behandelt, da die Beantwortung Voraussetzung für eine ursachenorientierte Lösung des Beschäftigungsproblems ist.

1.3 Folgen der Arbeitslosigkeit

1.3.1 Gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen

Gesamtwirtschaftlich betrachtet stellt Arbeitslosigkeit eine unzureichende Verteilung der vorhandenen Produktionsfaktoren und einen Wohlfahrtsverlust dar (Kromphardt 1998:22). Die Berechnung des Wohlfahrtsverlusts stellt eine Herausforderung dar, denn dazu müssten die Ursachen der Arbeitslosigkeit bestimmt werden. Diese not- wendige Isolierung ist mit dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft noch nicht möglich, sodass eine Berechnung des entgangenen Verlusts des Bruttoinlandspro- dukts nicht durchführbar ist (Brinkmann 1999:201). Hinzu kommen die Kosten für passive und aktive Arbeitsmarktpolitik sowie die Steuer- und Sozialversicherungs- ausfälle.

Die Darstellung 2 schlüsselt die einzelnen Kostenpositionen der registrierten Arbeitslosigkeit auf. Jeder Arbeitslose verursachte im Jahr 2001 Kosten in Höhe von 18.300 Euro. Dabei handelt es sich jedoch um Durchschnittsangaben für alle registrierten Arbeitslosen. Diese Werte liegen bei Arbeitslosengeldempfängern mit 21.600 Euro über dem Durchschnitt und bei Arbeitslosenhilfe (17.600 Euro) und Sozialhilfe (13.900 Euro) darunter. Für derzeit 4,3 Millionen Arbeitslose entstehen somit erhebliche Kosten, davon entfallen rund 55 Prozent auf Ausgaben wie Arbeitslosengeld und direkte Zahlungen, die verbleibenden 45 Prozent sind auf Mindereinnahmen von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen zurückzuführen.

Darstellung 2: Gesamtfiskalische Kosten der Arbeitslosigkeit 2001 je Arbeits- losen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Berechnungen aus IAB 2003c:7.1

Die Kostenträger der Arbeitslosigkeit sind die Bundesanstalt für Arbeit, Bund, Länder und die Sozialversicherungsträger. Die Bundesanstalt für Arbeit kommt für Arbeits- losengeld und -hilfe und die dazugehörigen Sozialversicherungsbeiträge auf und hat geringere Arbeitslosenversicherungsbeiträge zur Verfügung. Der Bund trägt die Sozial- hilfe inklusive der entsprechenden Sozialversicherungsbeiträge und wird durch die Steuerausfälle belastet. Länder und Gemeinden sind ebenfalls durch steuerliche Mindereinnahmen betroffen. Die Sozialversicherungsträger (Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung) müssen bei konstanter Mitgliederzahl mit geringeren Einnahmen wirtschaften (IAB 1998:8). Wie sich die einzelnen Träger genau finanzieren, soll hier nicht näher dargestellt werden.

Kosten für Fort- und Weiterbildung sowie andere aktive arbeitsmarktpolitische Maßnah- men sind in dieser Rechnung noch nicht enthalten. Diese Kosten ließen sich aufführen, jedoch ist der Nutzen der aktiven arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen kaum abschätz- bar. Aufwendungen die durch indirekte Auswirkungen der Arbeitslosigkeit stehen, sind ebenfalls nicht messbar. Darunter fallen beispielsweise Dequalifizierung sowie psycho- soziale und gesundheitliche Probleme von Langzeitarbeitslosen (ebenda S.9).

Der Einkommensverlust durch Unterbeschäftigung ist schwer zu beziffern, da viele Einflussfaktoren eine Rolle spielen (Bsp. Preise, Produktionsmengen, Löhne). Unter bestimmten Annahmen schätzt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, dass bei Vollbeschäftigung das Sozialprodukt rund 15 Prozent höher liegen würde. Für die alten Bundesländer wird dabei von einer Zunahme von 13 Prozent und in den neuen Bundesländern von 29 Prozent ausgegangen. Diese Schätzungen beziehen sich auf das Jahr 1997 (IAB 1998:5+6).

Problematisch ist vor allem auch der Verlust der Kenntnisse und Fertigkeiten der Er- werbslosen bei längerer Arbeitslosigkeit. In diesem Zusammenhang spricht man häufig auch von einem Verlust an Humankapital oder von Dequalifizierung (Friedrich/ Wiedemeyer 1994:39). Dieser Verlust führt zu der Erscheinung, dass die Arbeits- losigkeit mit zunehmender Dauer selbst zum Hindernis für eine Neuanstellung wird (Kromphardt 1998:22-23).

Häufig wird mit zunehmender Unterbeschäftigung ein Anstieg des Konfliktpotentials in Verbindung gebracht. Als Schulbeispiel dient die Weltwirtschaftskrise und die Wahler- folge der Nationalsozialisten. „Eine eindeutige Radikalisierungstendenz bei steigenden Arbeitslosenziffern nach 1974 läßt [sic] sich jedoch nicht erkennen.“ Umfragen zufolge wählen Arbeitslose häufiger extreme Parteien als andere Bevölkerungsgruppen. In Deutschland ist es bei „Schuldzuweisung für die Arbeitslosigkeit“ an die Politik meist zu einem Regierungswechsel gekommen. Das es trotz des hohen Stellenwertes der Be- schäftigung nicht zu erhöhter Radikalisierung kommt, kann unter anderem mit der Ge- wöhnung an die Arbeitslosigkeit erklärt werden (Friedrich/ Wiedemeyer 1994:45-48).

1.3.2 Folgen für den Einzelnen

Arbeitslosigkeit hat jedoch nicht nur gesamtwirtschaftliche Auswirkungen, vor allem für den einzelnen Menschen stellt Arbeitslosigkeit ein großes Problem dar, dass unter- schiedlich stark ausgeprägt sein kann. Am offensichtlichsten sind die finanziellen Pro- bleme. Verschiedene Umfragen haben gezeigt, dass viele Arbeitslose ihre finanzielle Situation als Belastung ansehen. Friedrich und Wiedemeyer sprechen von 75 Prozent (1994:34-35). In fast 40 Prozent aller sozialhilfebeziehender Haushalte wurde als Grund für die Bedürftigkeit Arbeitslosigkeit angegeben (StatBA 2002a:16+17).

Besonders für Langzeitarbeitslose wird ihre finanzielle Situation häufig zu einer derart großen Belastung, dass sie sich verschulden. Für verschuldete Arbeitslose werden Schulden dann häufig zum Problem eine neue Arbeit zu finden, denn in kleinen und mittleren Unternehmen gibt es oft Vorbehalte gegenüber Lohnpfändungen (Gaß/ Klems/Krömmelbein 1997:32). Diese Vorbehalte bestehen durch den zusätzlichen Ver- waltungsaufwand und die rechtliche Haftbarkeit für die korrekte Durchführung entste- hen. Natürlich spielen auch Vorurteile eine große Rolle. In Berufen in denen besonders viel Vertrauen und Zuverlässigkeit vorausgesetzt werden, ist es für verschuldete Arbeitslose besonders schwierig eine neue Beschäftigung zu finden. Passiert ein Dieb- stahl nach Einstellung, so werden verschuldete Mitarbeiter als zuerst beschuldigt, weil in der Verschuldung ein Motiv gesehen wird.

Vor allem die Schuldnerberatungen stellen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Lohnpfändungen und Kündigungen fest (ebenda S. 32).

Nicht-finanzielle Probleme belasten die Arbeitslosen häufig stärker als ihre finanzielle Situation. Je größer die finanziellen Probleme, desto stärker werden die nicht-finan- ziellen Belastungen empfunden. Der idealtypische Verlauf der Arbeitslosigkeit wird in dem sogenannten Vierphasenmodell dargestellt. Am Anfang sind die Arbeitslosen über den Arbeitsplatzverlust schockiert. Daran schließt sich eine Phase des Optimismus an. Wenn die Arbeitssuche erfolglos bleibt, schlägt der anfängliche Optimismus in Pessi- mismus um bis hin zu Resignation (Friedrich/Wiedemeyer 1994:40-41).

Arbeitslose machen sich oft selbst Vorwürfe, an ihrer Arbeitslosigkeit schuld zu sein. Der Arbeitslose fragt sich warum die Wahl der Kündigung gerade auf ihn gefallen ist und nicht auf jemand anderen. Hinzu kommt, dass die Erwerbslosigkeit wird als Makel gesehen, denn die Gesellschaft definiert den Wert eines Menschen überwiegend über seine Arbeit (Brinkmann 1999:198). Diese Erscheinung tritt besonders bei einzelnen Entlassungen auf. Bei Massenentlassungen hingegen existiert eine gewisse Solidarität unter den Arbeitslosen eines Unternehmens (Osterland, Maier 1996:54+55). Bei Arbeitslosen in den neuen Bundesländern tritt diese Selbstbeschuldigung kaum auf. Auch durch die Umwelt erfolgt keine Schuldzuweisung, da die Arbeitslosigkeit als Folge des Umbruchprozesses gewertet wird (Gaß/Klems/ Krömmelbein 1997:39).

Oft werden Arbeitslose von Gefühlen wie schwindendes Selbstwertgefühl, Hoffnungs- losigkeit, Verbitterung, allgemeine Unzufriedenheit und verlorenes Vertrauen in die Zu- kunft belastet. Diese psychischen Zustände sind jedoch nicht bei jedem Arbeitslosen festzustellen und auch die Ausprägung hängt von der individuellen Situation des Arbeitslosen ab und nehmen mit der Dauer der Arbeitslosigkeit zu (Gaß/Klems/ Krömmelbein 1997:37).

In den neuen Bundesländern wird nicht nur von Arbeitslosen eine starke Perspektiv- losigkeit empfunden. Die Arbeitslosen selbst sehen kaum die Chance auf eine neue Beschäftigung. Junge und qualifizierte Erwerbspersonen ziehen oder pendeln nicht nur in die alten Bundesländer, um einen Arbeitsplatz zu erhalten. Auch die höhere Bezah- lung und bessere Arbeitsbedingungen in den alten Bundesländern spielen bei der Ent- scheidung zur Abwanderung eine große Rolle. Durch die Abwanderung von Fachkräf- ten wird die Situation in den neuen Bundesländern zusätzlich belastet.

Einige Personengruppen sind für psychische Belastungen durch Arbeitslosigkeit besonders anfällig: Männer, Alleinstehende, Arbeitslose ohne Berufsausbildung und ohne Schulabschluss sowie Mehrfach- und Langzeitarbeitslose (Brinkmann 1999:199). Vielfach leiden die Angehörigen von Arbeitslosen ebenfalls unter der Arbeitslosigkeit. Dabei spricht man von „Opfer-durch-Nähe“. Familien sind oft nicht in der Lage, die Situation zu stabilisieren und dem Arbeitslosen bei der Reintegration zu unterstützen (Friedrich/ Wiedemeyer 1994:42). Somit wird die Arbeitslosigkeit oft von familiären Problemen begleitet. Zweifelsohne handelt es sich bei der Arbeitslosigkeit häufig um eine ungewohnte Situation, die das gewohnte Leben erschüttert und mit der die meisten Menschen nicht explizit gelernt haben umzugehen.

2. Mögliche Ursachen der Arbeitslosigkeit

Um Wege zur Lösung der Arbeitslosigkeit aufzuzeigen, ist zunächst eine Analyse der möglichen Ursachen nötig. Im dritten Kapitel wird dann überprüft welche Art/Arten der Arbeitslosigkeit in Deutschland vorherrscht. Diese Ursachenanalyse ist nötig, um ur- sachenadäquate Lösungen zu erarbeiten und nicht wie so oft an den Symptomen an- zusetzen.

2.1 Niveaubedingte Ursachen

Theorien die niveaubedingte Ursachen für die Entstehung von Arbeitslosigkeit verant- wortlich machen, gehen von einem Ungleichgewicht im Niveau von Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage aus. Hierbei gibt es zwei große Richtungen: die keynesianische und die neoklassische Theorie. Keynes geht von der unzureichenden privaten Nachfrage aus und die Neoklassiker hingegen sehen unflexible Löhne und staatliche Eingriffe als Hauptursache für die Arbeitslosigkeit (Kromphardt 1987:57). Beide Erklärungen sind umstritten.

2.1.1 Die Keynesianische Erklärung der Arbeitslosigkeit

Die keynesianische Theorie wurde vor allem in den Nachkriegsjahren bis Ende der 60er Jahre favorisiert. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik der Sozial- demokraten. Da heute die meisten westeuropäischen Staaten von Sozialdemokraten regiert werden, ist diese Theorie noch immer in den Lehrbüchern zu finden (Brinkmann 1999:229).

Keynes ging davon aus, dass Unternehmen nur bei entsprechender Nachfrage pro- duzieren. „Auf die Gesamtwirtschaft übertragen bedeutet dies, daß [sic] die Höhe der Produktion und der damit verbundenen Beschäftigung von der Höhe der Gesamtnach- frage abhängig ist.“ Auf diesem Zusammenhang basieren die nachfolgenden Erklä- rungen für die Arbeitslosigkeit: Wenn die Nachfrage nach einem Produkt zurückgeht, kommt es durch eine geringere Produktion zu Entlassungen. Diese wiederum senken das Einkommen der betroffenen Haushalte und damit auch die Nachfrage der privaten Haushalte. Die Produktion der Konsumgüter sinkt somit weiter ab und die Kapazitäten werden nicht vollständig ausgelastet. Mit den geringeren Umsätzen sinkt letztlich auch der Gewinn. Die Nachfrageschwäche der Konsumgüter kann aus folgenden Gründen zu niedrigeren Investitionen führen: es steht weniger Geld für Investitionen zur Ver- fügung, durch eine unzureichende Auslastung der Maschinen sind Zusatzinvestitionen nicht nötig und/oder die Unsicherheit bezüglich der künftigen Nachfrage- und Gewinn- entwicklung lässt die Unternehmen vorsichtiger planen (Friedrich/ Wiedemeyer 1994:59-60).

Bei einem Übergreifen der Nachfrageschwäche auf die Investitionsgüter-Branche, kommt es zu der gleichen Spirale wie bei den Konsumgütern. Arbeitnehmer werden entlassen und die Nachfrage nimmt wiederum ab. Ein Teufelskreis entsteht (ebenda S.60). Dieser Prozess lässt sich auch auf den Dienstleistungsbereich übertragen.

Da der Keynesianismus das Problem der Arbeitslosigkeit in einem Nachfragemangel sieht, wird zur Lösung des Problems eine Nachfragepolitik vorgeschlagen. Das Ziel einer nachfrageorientierten Politik ist es, das Vertrauen der Wirtschaftssubjekte in die Wirtschaft wieder herzustellen und die Zukunftsaussichten der Unternehmen zu stärken (Eberhart 1998:29). Diese Nachfragepolitik kann direkt und indirekt erfolgen. Indirekte Förderung der Nachfrage erfolgt durch die Ausgestaltung von Steuern, Ab- gaben und Zinsen. Dagegen stellen Subvention und öffentliche Aufträge eine direkte Beeinflussung der Nachfrage dar.

Keynes wollte nicht nur bei Krisen eingreifen. Er schlug eine antizyklische Fiskalpolitik vor, um die konjunkturellen Schwankungen abzuschwächen. In Zeiten von Hochkon- junktur und hohen Zinsen, sollte die öffentliche Nachfrage zurückgefahren und die Ab- gaben erhöht werden. In der Rezession würde die öffentliche Nachfrage wieder ge- steigert und durch Zinssenkungen sollte die Investitionstätigkeit angekurbelt werden. Jedoch wurde die keynesianische Theorie nie vollständig umgesetzt. Meist kam es zu einer dauerhaften öffentlichen Nachfrage, die sich nicht am Konjunkturzyklus orien- tierte. Auch wurden, bis auf in Schweden, keine Rücklagen für die Finanzierung ge- bildet - sogenannte Haushaltsüberschüsse (ebenda 1998:29-31).

In den 30er Jahren konnte die Arbeitslosigkeit in Deutschland und den USA mit Hilfe der öffentlichen Nachfrage gesenkt werden. Insbesondere Soldaten und Rüstungserzeugnisse wurden nachgefragt. Die gesamte Wirtschaft war von der Krise betroffen und nahezu jede Nachfrage hatte eine positive Wirkung auf die Beschäftigungsentwicklung (Brinkmann 1999:232).

Die öffentliche Nachfrage in den 70er Jahren bewirkte hingegen keine Beschäftigungs- wirkung, sondern führte zu Inflation. Diese Inflation war Ausdruck von Preissteigerun- gen auf Grund der erhöhten Nachfrage. Denn anders als in den 30er Jahren wurden vermutlich Güter nachgefragt, deren Produktionskapazitäten ohnehin ausgelastet waren. Eine zusätzliche Nachfrage erhöhte somit ausschließlich das Preisniveau.

Andererseits war zu geringe Nachfrage nicht die Ursache für die Beschäftigungskrise (Brinkmann 1999:232). Welche Ursachen für die Beschäftigungsprobleme in den 70er Jahren und auch heute eher in Frage kommen, wird unter dem Gliederungspunkt 2.2 dargestellt.

Kritisiert wird das keynesianischen Model weil es „die Legitimation der Staatsverschul- dung“ fördere und langfristig nicht finanzierbar ist. Denn es wurde aufgezeigt, dass sich die Nachfragepolitik in der Regel nicht am Konjunkturzyklus orientiert. In wirtschaftlich guten Zeiten wird die Förderung nicht eingestellt, um Wiederwahlinteressen zu ver- folgen und während der Rezession muss die Förderung weiter erhöht werden, um überhaupt noch eine Wirkung erzielen zu können. Insgesamt wirkt die Nachfrageförde- rung kurzfristig und hat kaum nachhaltige Auswirkungen. In Zeiten zunehmender Globalisierung führen Steuer- und Abgabenerhöhungen „zu einer Verschlechterung der internationalen Wettbewerbsposition und darüber letztlich selber zu Arbeitslosigkeit“ (Eberhart 1998:31+33).

2.1.2 Die neoklassische Erklärung der Arbeitslosigkeit

Die Neoklassik geht von folgenden Annahmen aus: „Preisflexibilität, Mobilität von Arbeit und Kapital, Substituierbarkeit von Beschäftigten, Information über das Marktgeschehen sowie Konkurrenz der Akteure“ (Fassmann 1997:47). Wenn diese Annahmen zutreffen, gilt das Say´sche Theorem. Es besagt, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft. Mittel- bis langfristig stellt sich dieses Gleichgewicht bei freier Preisbildung ein (Sesselmeier/Blauermel 1997:47-48).

Das Problem der Arbeitslosigkeit wird auf eine Angebotsstörung zurückgeführt. Da es auf Grund des sich selbstbildenden Gleichgewichts keine Arbeitslosigkeit geben dürfte, wird sie durch externe Faktoren erklärt. Diese externen Faktoren werden durch Eingriffe des Staates in das Marktgeschehen verursacht. Besonders kritisiert werden: die Gewerkschaftsmacht bei der Lohnpreisbildung, staatliche Regulierungen wie zum Beispiel Kündigungsschutz und Umweltschutzauflagen sowie Bürokratie (Friedrich/ Wiedemeyer 1994:71, Brinkmann 1999:178).

Langfristige Arbeitslosigkeit kann demzufolge nur auftreten, wenn der Preis für Arbeit zu hoch ist. Auf einem funktionierenden Markt sinkt der Lohn bei steigendem Arbeitsangebot. Das hat eine Zunahme der Arbeitsnachfrage zur Folge. Das Gleichgewicht stellt sich wieder ein (Friedrich/Wiedemeyer 1994:71).

Wenn die Lohnkosten (inklusive Nebenkosten) stärker als die Arbeitsproduktivität steigen, sind drei Szenarien möglich:

1) Die gestiegenen Lohnkosten werden durch Rationalisierung ausgeglichen, da- durch sinkt die Beschäftigung.
2) Die Lohnsteigerungen werden auf die Preise umgewälzt, dadurch sinkt der Reallohn oder bleibt konstant, die Konsumgüternachfrage geht zurück und die Beschäftigung wird durch den Nachfragerückgang abgebaut.
3) Sofern sich die Lohnsteigerungen nicht über die Preise abwälzen lassen, sinkt der Gewinn. Als Konsequenz werden weniger Investitionen durchgeführt, was ebenfalls zu einem Beschäftigungsrückgang führt (ebenda S. 73-74).

Wenn der Lohn also nicht auf Grund von Angebot und Nachfrage gebildet wird, werden einige Arbeitnehmer über ihrer Produktivität entlohnt. Solche Arbeitsplätze sind unren- tabel und werden deshalb nicht angeboten - Arbeitslosigkeit entsteht. Auch Regulierun- gen des Marktes können beschäftigungswirksam im negativen Sinn sein. Oft verur- sachen sie Kosten und wirken somit investitionsverzögernd. Aber auch staatliche Aus- gaben können sich nachteilig auswirken, da Neuverschuldung das Zinsniveau erhöhen kann. Ebenso Wechselkursveränderungen und Importpreise (vor allem für Erdöl) können die Kosten eines Unternehmens nachhaltig beeinflussen - sowohl positiv wie negativ. Ein oft genanntes Beispiel sind die Ölpreissteigerungen 1973/74 und 1979/80, die zu starken Preissteigerungen weltweit führten (ebenda S. 71, 77+79).

Mit Hilfe von Angebotspolitik versuchen die Neoklassiker den Störungen zu begegnen. Das bedeutet starke Lohndifferenzierung und möglichst wenig staatliche Eingriffe, um die Bildung des Gleichgewichts nicht zu behindern.

Folgende Punkte kritisiert Eberhard an der neoklassischen Theorie (1998:72,73,77):

1) Die Neoklassik geht von einem unbegrenzten Produktionswachstum aus. Das setzt eine uneingeschränkte Aufnahmeelastizität der Märkte voraus. Diese ist jedoch nicht gegeben, wie Überkapazitäten in der Landwirtschaft, im Automobil- bereich und in der Unterhaltungselektronik zeigen.
2) Neoklassische Politik führt zu sinkenden Löhnen, geringeren Staatsausgaben und Sozialleistungen. Die rückläufige Einkommensumverteilung führt zu an- steigender Armut. Zwar steigen einige Spitzeneinkommen, aber diese sind eher spar- als konsumwirksam. Daher kommt es nur zu einer eingeschränkten Kompensation. Ein Rückgang der Kaufkraft und der Gesamtnachfrage als auch Massenarbeitslosigkeit sind letztlich die Folgen.
3) Ohne antizyklische Konjunkturpolitik kommt es zu stärkeren Konjunkturaus- schlägen, die eine Verschwendung der Ressourcen darstellen würden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass neoklassische Politik zum Teil beachtliche Wachstumsstärkung und Inflationsreduzierung bewirkt. Jedoch werden die sozialen Probleme stark vernachlässigt (Eberhard 1998:78,91). Andere Kritiker stellen zudem die Arbeitsangebots- und Arbeitsnachfragefunktion, die Allokationsfunktion des Lohnes und die sogenannte freiwillige Arbeitslosigkeit in Frage. Diese beziehen sich aber meist nicht auf die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Neoklassik, sondern eher auf Grundsatzfragen (Sesselmeier/Blauermel 1997:53-59).

Obwohl die neoklassischen Annahmen unrealistisch sind, hat die Neoklassik in der Wirtschaftspolitik noch immer eine große Bedeutung. Beispiele dafür sind die Privatisierung von Post, Telekom und Bahn oder auch die aktuelle Diskussion um die Aufweichung des Kündigungsschutzes.

„Es gibt mehrere Gründe für die politische Bedeutung des neoklassischen Modells: Erstens kann es wie T. KUHN (1967) belegt hat, sehr lange dauern, bis etablierte Paradigmen neuen Erkenntnissen weichen, zweitens ist bei volkswirtschaftlichen Prozessen selten ein exakter Zusammenhang Ursache-Wirkung festzustellen, so daß [sic] die falschen Ratgeber schwer zu überführen sind, und drittens erleichtert ein neoklassischer Ansatz den Politikern die Aufgabe, weil er die Verantwortung für viele Erscheinungen den Akteuren (z.B. freiwillige Arbeitslosigkeit) oder dem Markt zuweist“ (Fassmann 1997:47).

2.2 Strukturbedingte Ursachen

Neoklassiker und Keynesianer betrachten den Arbeitsmarkt als homogen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen sehr heterogenen Markt. Beispiel hierfür soll die Arbeitsmarktsituation vor zwei bis drei Jahren sein. Zu diesem Zeitpunkt wurden Informatiker händeringend gesucht, während andere Berufsgruppen überdurchschnittlich häufig von Arbeitslosigkeit betroffen waren.

2.2.1 Friktionelle Arbeitslosigkeit

Ein Synonym für friktionelle Arbeitslosigkeit ist Fluktuationsarbeitslosigkeit. Damit wird der Zeitraum bezeichnet, der zwischen der Arbeitsaufgabe und der Aufnahme einer neuen Tätigkeit liegt, denn häufig geht ein Arbeitsplatzwechsel nicht nahtlos in ein neues Beschäftigungsverhältnis über. Der Wechsel kann sowohl durch den Arbeit- nehmer als auch den Arbeitgeber ausgelöst werden. In der Regel wechseln Arbeitneh- mer jedoch erst, wenn sie bereits einen neuen Arbeitsplatz gefunden haben.

Der Arbeitslose muss sich also zunächst Informationen über die Arbeitsmarktsituation und offene Stellen aneignen. Für den Bewerbungsprozess bis zur Vertragsunterzeich- nung selbst benötigt er ebenfalls Zeit. Die Sucharbeitslosigkeit entsteht also, weil der Markt nicht transparent ist, wie von den Neoklassikern angenommen. Die Länge der Suchphase hängt von dem angestrebten Verdienst und der Tätigkeit ab sowie von der eigenen Qualifikation, der Motivation, von individuellen Merkmalen, dem Einkommensverlust während der Arbeitslosigkeit und auch von der wirtschaftlichen Situation. Je höher die staatliche Unterstützung und je geringer der Einkommensver- lust, desto länger gestaltet sich tendenziell die Suchphase. Immer vorausgesetzt, dem Arbeitslosen werden überhaupt Stellen angeboten (Kromphardt 1987:40-41).

Die friktionelle Arbeitslosigkeit ist also unvermeidbar für die optimale Arbeitsplatzverteilung. Da sie meist von kurzer Dauer ist, besteht nur wenig Handlungsbedarf (Sesselmeier/Blauermel 1997:16). Durch eine effiziente Vermittlung durch das Arbeitsamt oder andere private Arbeitsvermittlungen lässt sich die Dauer der friktionellen Arbeitslosigkeit verkürzen.

Einige Theoretiker sind der Ansicht, dass die gesamte Arbeitslosigkeit Friktion als Ur- sache hat. Diese Suchtheorie/Job-Search-Theory wird zum Beispiel von Phelps und Alchian vertreten (Kromphardt 1987:41). Auf diese Theorie wird hier nicht weiter ein- gegangen, da es den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde und zudem diese Theorie nur von einer Minderheit der Wirtschaftswissenschaftler vertreten wird.

2.2.2 Saisonale Arbeitslosigkeit

Saisonale Arbeitslosigkeit tritt auf, wenn die Produktion abhängig von Wettereinflüssen oder Jahreszeiten ist. Sie entsteht auch, wenn die Produkte und Dienstleistungen nicht unbegrenzt lagerfähig sind. Vor allem Beschäftigte in der Tourismusbranche, Landwirt- schaft und im Baugewerbe sind besonders häufig von saisonaler Arbeitslosigkeit be- troffen.

Das Ausmaß der saisonalen Arbeitslosigkeit hängt von der Branchenstruktur einer Region ab. Winterskigebiete sind zum Beispiel bei ungünstigen Wettereinflüssen wesentlich stärker von saisonaler Arbeitslosigkeit berührt, als Industrieregionen die kaum betroffen sind.

Diese Art von Arbeitslosigkeit ist auf Grund h ö herer Gewalt nicht beeinflussbar. Um die Wettereinflüsse für Arbeitnehmer in der Baubranche abzufedern, zahlt das Arbeitsamt unter bestimmten Voraussetzungen ein sogenanntes Winterausfallgeld (§§ 209-211, 214-216, 323-325, 327 SGB III).

2.2.3 Strukturelle Arbeitslosigkeit

Bei der strukturellen Arbeitslosigkeit passt die Struktur der Arbeitsnachfrage nicht zum Arbeitsangebot und umgekehrt. Unterschiede sind besonders bezüglich der Qualifikation, des Alters, des Geschlechts und der Region zu finden (Kromphardt 1987:44). Die möglichen Ursachen werden im Anschluss näher betrachtet.

Von struktureller Arbeitslosigkeit ist auch die Rede, wenn es zu Inflexibilitäten auf dem Arbeits- und Gütermarkt kommt. In diesem Zusammenhang wird in Deutschland häufig der Kündigungsschutz und die Tarifpolitik erwähnt. Inwieweit Arbeitsrechtsrechtliche Rahmenbedingungen verantwortlich für strukturelle Arbeitslosigkeit sein können, ist ebenfalls Inhalt dieses Kapitels.

2.2.3.1 Veränderung der Arbeitsnachfrage

Die Veränderung der Arbeitsnachfrage wird von dem sektoralen Strukturwandel, dem technischen Fortschritt und der Globalisierung bestimmt. Diese drei Faktoren werden in dem folgenden Abschnitt, genauer untersucht.

Mit zunehmenden Einkommen verlagert sich der private Konsum vom Grundbedarf zu den hochwertigen Gütern. Also von der Massenproduktion zu individuell zugeschnit- tenen Produkten (Friedrich/Wiedemeyer 1994:94). Häufig wird das eigentliche Produkt mit einer ergänzenden Dienstleistung angeboten, um sich von anderen Anbietern ab- zugrenzen und den Absatz zu steigern beziehungsweise zu sichern (Kleinert/ Schimmelpfennig/Schrader 2000:75). Beispielsweise bietet die Deutsche Bahn AG in den ICEs den Reisenden einen Taxiservice an. Das Taxi am Zielbahnhof kann bereits im Zug reserviert werden.

Die 3-Sektoren-Model zeigt den Wandel der Bedeutung der einzelnen Wirtschafts- sektoren auf. Bis Ende des 18. Jahrhunderts stellte die Landwirtschaft den wichtigsten Wirtschaftszweig dar. Mit der Erfindung der Dampfmaschine wurde der Wandel zur Industriegesellschaft eingeleitet und die Bedeutung der Landwirtschaft geht immer stärker zurück. Der Dienstleistungssektor hat sich mittlerweile zu dem wichtigsten Wirtschaftszweig der westlichen Welt entwickelt, der die meisten Arbeitsplätze stellt.5 Diese Veränderungen wurden durch den technischen Wandel, die Globalisierung und veränderte Bedürfnisse eingeläutet und prägen die Wirtschaftsstruktur nachhaltig.

2.2.3.1.1 Technischer Fortschritt

Mit dem technischen Fortschritt werden nicht nur Produkt- und Prozessinnovationen beschrieben. Dieser Begriff kann auch organisatorische Verbesserungen umfassen (Brinkmann 1999:184). Produktinnovationen die eine Basisinnovation6 darstellen, können eine Veränderung der Nachfrage und der sektoralen Struktur bewirkten (Kromphardt 1987:46).

Gegenwärtig ist etwa die Hälfte der Deutschen der Meinung, dass technischer Fort- schritt zum Abbau von Beschäftigung führt (Friedrich/Wiedemeyer 1994:84). Treue, Pönicke und Manegold haben bereits 1966 Texte zusammengetragen, die unter ande- rem Ängste und Gegenstimmen zu diesem Thema wiederspiegeln. Die Angst vor tech- nischen Erfindungen ist also nicht neu und bezog sich nicht nur auf die Auswirkungen auf die Beschäftigung. Einige muten heute eher seltsam an, wie das nachfolgende Zitat des Bayrischen Obermedizinalkollegiums von 1838 zur Eisenbahn zeigt (Treue/ Pönicke/Manegold 1966:84):

„Die schnelle Bewegung muß [sic] bei den Reisenden unfehlbar eine Gehirnkrankheit, eine besondere Art des delirium furiosium erzeugen. Wollen aber dennoch Reisende dieser gräßlichen [sic] Gefahr trotzen, so muß [sic] der Staat wenigstens die Zuschauer schützen, denn sonst verfallen diese beim Anblick des schnell dahinfahrenden Dampfwagens genau derselben Gehirnkrankheit. Es ist daher notwendig, die Bahnstelle auf beiden Seiten mit einem hohen Bretterzaun einzufassen.“

Matschoss schilderte bereits 1908 die sozialen Auswirkungen des technischen Fortschritts (ebenda 1966:146):

„Zuerst allerdings trat die Dampfmaschine auf als ’Freund’ des Bergmannes, sie half erhalten, was ohne sie verloren gehen musste, zuerst handelte es sich nur darum den Besitzstand zu wahren, das Erworbene zu verteidigen. Aber bald begann der Angriff. Die Dampfkraft trat ihren Siegeszug an, sie drang ein in alle Gebiete, sie vernichtete alte Gewerbe oder gestaltete sie von Grund aus um, sie riß [sic] die Menschen hinweg von der Arbeit, die sie erlernt, die ihre Väter und Großväter ausgeübt hatten, und führte sie zu einer neuen, ihnen ungewohnten Tätigkeit. Die mühsam erworbene Arbeitsgeschicklichkeit, ihr einziges Kapital, wurde wertlos.“

Inwieweit technischer Fortschritt die Menge der Beschäftigung tatsächlich beeinflusst, kann auf Grund von Wechselwirkungen kaum berechnet werden. Ob technischer Fortschritt zu Beschäftigungsveränderungen führt, hängt von der Nachfrageentwicklung und von der Produktionstechnik ab (Brinkmann 1999:186). Pauschale Aussagen lassen sich nicht treffen. Die nachfolgenden Beispiele sollen die Vielzahl der möglichen Auswirkungen durch Variation der Parameter darstellen:

- Technischer Fortschritt führt in den Unternehmen - bei konstantem Absatz - meist zu Beschäftigungsabbau. Bei den Investitionsgüterherstellern und deren Zulieferern kommt es dagegen häufig zu einer Beschäftigungszunahme (Friedrich/Wiedemeyer 1994:85).
- Bei einem neuen Produkt kommt es zu keinen Beschäftigungsauswirkungen, wenn das neue Produkt nur ein anderes Produkt ersetzt und nicht zu höherer Nachfrage führt (Brinkmann 1999:186).
- Selbst wenn eine Produktinnovation zu zusätzlicher Nachfrage führt, kann die Beschäftigung gesamtwirtschaftlich konstant bleiben, wenn durch die Innova- tion der Marktanteil der Konkurrenz in gleichem Maße abnimmt (ebenda S.186).
- Neue Produkte werden häufig auch in Verbindung mit einer effizienteren Pro- duktionstechnik hergestellt. Oft verringert sich dadurch der Arbeitseinsatz. Dann führt die Prozessinnovation bei gleichbleibender Nachfrage zu sinkender Beschäftigung (ebenda S.184).

Der technische Fortschritt wirkt sich vor allem für Geringqualifizierte negativ aus, denn mit ihm entstehen komplexere Maschinen und Produkte die zunehmendes Fachwissen und Anpassung der eigenen Qualifikation voraussetzen. Die Gewinner des technolo- gischen Wandels sind Arbeitskräfte, die in der Lage sind, ihre Fähig- und Fertigkeiten der Arbeitsnachfrage anzupassen. Das bedeutet lebenslanges Lernen. Diese Anpassung erfolgt weder reibungslos und noch vollständig, wie im Abschnitt 2.2.3.2 mit den Segmentationstheorien näher dargestellt wird (Coenen/Philipp 1998:31).

Mikroökonomische Analysen helfen bei der Berechnung der Beschäftigungsauswirkungen nicht, da die Wechselwirkungen zwischen den Konkurrenten und Geschäftspartnern nicht erfasst werden. Verschiedene Studien7, die die mikro- und makroökonomische Ebene integrieren, kommen zu dem Ergebnis, dass die negativen Beschäftigungswirkungen die Positiven überwiegen. „Kritisch ist zu diesen Studien anzumerken, daß [sic] nicht eindeutig zu klären ist, in welchem Umfang die in den Studien angesprochenen Beschäftigungsveränderungen tatsächlich technologisch verursacht waren“ (Friedrich/Wiedemeyer 1994:86-87).

Innovative Unternehmen weisen tendenziell eine günstigere Beschäftigungsentwicklung auf. Durch technischen Wandel und Rationalisierung verbessern die Unternehmen ihre Produktivität und ihre Wettbewerbsposition (Willke/Maier 1996:28). Vor allem die Kombination von Produkt- und Prozessinnovation hat sich als sehr erfolgreich für die Umsatzentwicklung herausgestellt - über den gesamten Konjunkturzyklus betrachtet (Friedrich/Wiedemeyer 1994:87). Ohne technischen Fortschritt ist es jedoch nicht möglich der weltweiten Konkurrenz standzuhalten.

Dass der technische Fortschritt trotz allem auch positive Effekte (z.B. Entlastung von körperlich schwerer Arbeit, Steigerung des Lebensstandards) hat, scheint manchmal in der öffentlichen Diskussion vergessen zu werden - selbst wenn die meisten technische Neuerungen auf Grund von monetären Zielen entstehen und nicht Uneigennützigkeit im Vordergrund steht.

2.2.3.1.2 Globalisierung

Globalisierung kann nicht unabhängig von dem technischen Fortschritt betrachtet wer- den und beeinflusst ebenfalls den Strukturwandel. In den letzten Jahren wurden inter- nationale Handelsbeschränkungen zunehmend abgebaut. Immer mehr bevölkerungs- reiche Schwellenländer etablieren sich auf dem Weltmarkt und ringen den Industrie- ländern Wettbewerbsvorteile ab (Siebert 1998:65; Immerfall/Franz 1998:88). Beson- ders Länder wie Asien und Osteuropa verfügen über erhebliche Kostenvorteile. Arbeit ist in diesen Ländern acht bis zehnmal billiger - zum Teil ist die Differenz noch größer (Wörl/Maier 1996:40). Unternehmen engagieren sich international und Fusionen und Unternehmenskäufe führen zunehmend zu weltweiten Oligopolen (Kruse 2002:167). Es kommt zunehmend zu einer Verschiebung der Produktionsstrukturen. Das einzelne Land produziert nur noch die Produkte, in denen seine Stärken liegen, aber diese Stärken sind nicht dauerhaft festgelegt.

Die Standortqualität wird häufig durch das Verhältnis der deutschen Direktinvestitionen im Ausland zu den ausländischen Investitionen in Deutschland ermittelt. Um objekti- vere Aussagen zu ermöglichen, werden die Direktinvestitionen von kurzfristigen Kredit- strömen bereinigt, die seit 1996 zu den Direktinvestitionen hinzugerechnet werden.8

Darstellung 3: Direktinvestitionen in Milliarden Euro

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* geschätzte Werte

Anmerkung: Ohne reinvestierte Gewinne, ab 1999 wurde die Meldegrenze für Beteiligungen von 20 auf 10 Prozent gesenkt, Ursprungsdaten: Deutsche Bundesbank

Quelle: IWD 2003a:7

Die Darstellung 3 zeigt die Direktinvestitionen Deutscher im Ausland und die ausländischen Direktinvestitionen im Inland während der letzten zehn Jahre. In diesem Zeitraum waren die deutschen Direktinvestitionen im Ausland wesentlich höher als die von ausländischen Investoren in Deutschland. Nur für die Jahre 2000 und 2002 konnte ein positiver Saldo für Deutschland ermittelt werden. Im Jahr 2000 wurde jedoch nur ein positives Ergebnis erzielt, weil das britische Unternehmen Vodafone die Firma Mannesmann übernahm. Auch das positive Ergebnis im letzten Jahr wird durch statis- tische Änderungen und weitere Verzerrungen schnell relativiert. Ein Teil des Anstiegs ausländischer Investitionen in Deutschland, ist vermutlich darauf zurückzuführen, da ausländische Investoren eine „Brücke zu neuen [osteuropäischen] Märkten schlagen wollen (IWD 2003a:7).

Bei Investitionen im Ausland wird vielfach argumentiert, dass das primäre Ziel der Unternehmen das Ausnutzen von Faktorpreisdifferenzen ist und diese Entwicklung verantwortlich für den Beschäftigungsabbau in Deutschland sei. Kleinert, Schimmelpfennig und Schrader weisen jedoch darauf hin, dass die Sicherung und Er- schließung von Absatzmärkten weit bedeutsamer ist. Diese Motivation bewirkt hin- gegen eine Sicherung der Beschäftigung. Ihre Argumente sind nachfolgend kurz zu- sammengefasst (2000:55-68):

- Bei Verwendung anderer Datenbasen ist die Direktinvestitionsbilanz über- wiegend ausgeglichen. „Auch die Bilanz der Fusionen zwischen deutschen und ausländischen Unternehmen weißt keinen ausgeprägten Negativsaldo auf.“
- Der sprunghafte Anstieg der deutschen Direktinvestitionen ist auch in anderen OECD-Ländern zu beobachten. Weit stärkere Anstiege sind bei den USA und Japan zu verzeichnen, die geringere Arbeitsmarktprobleme haben. Die Autoren sehen darin einen weltweiten Anpassungsprozess.
- Langfristige hohe Korrelation zwischen Direktinvestitionen und den Exporten: Erklärt das Auslandproduktionen den Export erhöhen, da oft inländische Zwischenprodukte verarbeitet werden und die Unternehmen einen engen Kontakt zum Heimatland pflegen.
- Regionale Struktur: Nur ein geringer Anteil der Direktinvestitionen fließt in die sogenannten Niedriglohnländer. Der Großteil wird innerhalb der EU investiert.
- Sektorale Struktur: Branchen die sich besonders stark im Ausland engagieren haben ihre Beschäftigung in Deutschland gehalten oder auch erhöht. Unter- durchschnittlich vertretene Branchen weisen dagegen einen Beschäftigungs- abbau auf.

Ein anderes Bild zeichnet hingegen die neuste Umfrage zur „Produktionsverlagerung als Element der Globalisierungsstrategie von Unternehmen“ die von dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) durchgeführt wurde. Von rund 10.000 be- fragten Unternehmen plant jedes vierte Industrieunternehmen innerhalb der nächsten drei Jahre Unternehmensteile ins Ausland zu verlagern. Wie aus der Darstellung 4 er- sichtlich, hat sich dieser Trend seit der letzten Befragung im Herbst 1999 verstärkt. Gegenwärtig beschäftigen deutsche Unternehmen etwa 2,4 Millionen Menschen im Ausland. Bis zum Jahr 2005 sollen 50.000 weitere Stellen auf Grund von Standort- vorteilen geschaffen werden. Beängstigend ist auch, dass nicht nur arbeitsintensive Bereiche verlagert werden sollen, sondern das auch überlegt wird, die Forschung und Entwicklung, die Verwaltung und sogar die Unternehmensleitung zu verlagern (o.V. 27.05.03 S.11). Diesen Trend bestätigt auch eine Studie des Fraunhofer Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe. Durch zunehmend kürzere Innovationszyklen werden Forschungs- und Entwicklungsaufträge verstärkt an das Ausland vergeben (o.V. 28.05.03a S.13).

Die Ergebnisse der DIHK-Umfrage wirken auf den zweiten Blick nicht mehr uneinge- schränkt verlässlich. Die Struktur der befragten Unternehmen entspricht nicht der deutschen Wirtschaft.9 Industrieunternehmen wurden überdurchschnittlich häufig be- fragt. Dienstleister hingegen sind nur mit einem Anteil von 16 Prozent vertreten, obwohl sie in Deutschland mehr als zwei Drittel10 aller Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. Wie auch in der Studie erwähnt wurde, verlagern Industrieunternehmen mehr als andere Sektoren ihre Geschäfte ins Ausland. Die Darstellung 4 zeigt ausschließlich die Verlagerungstendenzen für die Industrie auf. Bei den Dienstleistern hingegen die Tendenz zur Verlagerung mit 10 Prozent wesentlich geringer. In den letzten drei Jahren führten 3-6 Prozent der Unternehmen Verlagerungen durch (je nach Bereich) (DIHK 2003:1+5).

Darstellung 4: Geplante und realisierte Verlagerung ins Ausland (Alle Angaben in Prozent)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 5: Motive für die Ver-lagerung von Industrieunternehmen11 (Angaben in Prozent)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: DIHK 2003:6

Als Hauptmotive für die Verlagerung ins Ausland wurden vor allem zu hohe Arbeitskos- ten (45%) und die hohe Steuer- und Abgabenlast (38%) angegeben. Neu ist, dass nicht mehr nur Großunternehmen über eine Auslandsverlagerung nachdenken. Mittler- weile erwägen 16 Prozent der befragten industriellen Kleinunternehmen (mit 1-19 Mit- arbeiter) ebenfalls den Schritt ins Ausland (vergleiche Darstellung 5) (DIHK 2003:3+6).

Der nächste Kritikpunkt knüpft an die zuvor genannten Argumente von Kleinert, Schimmelpfennig und Schrader. Die Darstellung 6 zeigt die Schwerpunkte der geplanten Auslandsinvestitionen. Auch hier zeigt sich, dass die Ziele der Investitionen im Ausland überwiegend Absatzsicherung und Markterschließung sind. Die reine Produktion im Ausland auf Grund von Kostenvorteilen wird nur 24 Prozent aller befragten Dienstleistungsunternehmen anvisiert. Wobei erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Wirtschaftsbereichen bestehen.

Abschließend lässt sich sagen, dass es durch Nachfrageverschiebungen, Globalisie- rung und technischen Fortschritt zu überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit von un- qualifizierten und gering qualifizierten Menschen kommt. Demgegenüber ist die Nach- frage nach höher Qualifizierten gestiegen. In der Produktion wird immer mehr der Mensch durch die Maschine substituiert und die neuen Maschinen sind derart komplex, dass eine qualifizierte Bedienung notwendig ist. Auch im expandierenden Dienstleistungssektor werden hohe Qualifikationsanforderungen gestellt. Für un-/geringqualifi- zierte Arbeitskräfte gibt es somit immer weniger Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt eine dauerhafte Beschäftigung zu finden.

Darstellung 6: Die Funktionsschwerpunkte der Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen in den nächsten drei Jahren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: DIHK 2003:8

Die Darstellung 7 zeigt auf, welche Wirtschaftsbereiche in den letzten Jahren an Bedeutung gewannen und welche an Boden verloren haben. Sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern arbeiten in der Land- und Forstwirtschaft, Fischerei sowie im produzierenden Gewerbe immer weniger Menschen. Im Baugewerbe war bis 1995 eine Zunahme der Erwerbstätigen zu verzeichnen. Dieser Anstieg basierte auf dem Bauboom der durch die Wiedervereinigung eingeleitet wurde und ging erwartungsgemäß auf ein normales Niveau zurück. Auch im staatlichen Sektor in den neuen Bundesländer war eine ähnliche Entwicklung zu beobachten: Bis 1997 wurde der Personalbestand erhöht um Defizite in der Verwaltung zu begegnen, anschließend versuchte man diesen Verwaltungsapparat wieder abzubauen, um die Kosten zu senken und gegen Bürokratie vorzugehen. Handel, Gastronomie, Verkehr und sonstige private Dienstleistungen haben weiter an Bedeutung gewonnen und stellen zuneh- mend den wichtigsten Tätigkeitsbereich in Deutschland dar. Ingesamt wurden in den alten Bundesländern netto 622.000 neue Arbeitsplätze im Betrachtungszeitraum ge- schaffen, wogegen in den neunen Bundesländern 1,25 Millionen Stellen verloren gingen.

Darstellung 7: Erwerbstätige nach Wirtschaftsbereichen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Berechnungen aus StatBA 2001:255, 343

Fink weißt darauf hin, dass sich die Veränderung der Anforderungen schneller als in der Vergangenheit entwickelt hat. Das gesamte Wissen der Menschheit vergrößert sich mit zunehmender Geschwindigkeit (1998:17). Die Halbwertzeit des Wissens liegt heute gerade einmal bei etwa sieben Jahren! Zwischen 1960 und 1980 hat sich das Wissen gerade einmal vervierfacht (Wirth 2000:2). Allein deshalb ist es wichtig, sich stetig weiterzubilden, um nicht den Anschluss zu verpassen.

Inwieweit der Wandel der Qualifikationsanforderungen im einzelnen auf den technischen Fortschritt, die Globalisierung und auf das 3-Sektoren-Modell zurückzuführen sind, lässt sich auf Grund der Komplexität nicht quantifizieren (Kleinert/ Schimmelpfennig/Schrader 2000:12).

2.2.3.2 Mismatch-Arbeitslosigkeit

Mismatch-Arbeitslosigkeit kann sowohl qualitativ als auch regional bedingt sein. Als qualitativen Mismatch bezeichnet man eine Situation, wenn die erforderlichen Qualifikationen der angeboten Arbeitsplätze nicht mit den Profilen der Arbeitssuchenden übereinstimmen (Franz 2003:378). Ursächlich dafür ist, dass sich das Arbeitsangebot der Nachfrage nur mit Verzögerung und nur unvollständig anpasst, denn Trends auf dem Arbeitsmarkt werden nicht immer sofort erkannt und ein Übergang zwischen verschiedenen Bereichen/Branchen ist häufig nicht möglich. Zudem sind Weiterbildung und Umschulung oft mit einem (vorübergehenden) Einkommensverlust und der Bereitschaft zu Neuem verbunden (Kromphardt 1987:47-50).

Ein weiterer Grund für die mangelnde Anpassung ist die beschränkte Mobilität der Arbeitssuchenden. Nach einer Umfrage des Emnid-Instituts sind ein Drittel aller Deutschen nicht bereit aus beruflichen Gründen umzuziehen (o.V. 28.05.03b:16).

„Mobilitätsdefizite können verschiedene Ursachen haben. Sie umfassen einen angespannten Wohnungsmarkt, hohe Grundstückspreise, institutionelle Hemmnisse beispielsweise in Form eines regional differenzierten Schulsystems, soziale Bindungen, die unzulängliche Bereitschaft und Fähigkeit, neue Qualifikationen zu erwerben, und eine mangelnde Bereitschaft notfalls Lohneinbußen hinzunehmen.“ (Sachverständigenrat 1994:252)

Diese Anpassungsprobleme werden in den Segmentationstheorien mit Hilfe der Empi- rie hinterfragt (Steinmetz 1997:133). In den Segmentationstheorien werden Arbeits- plätze und Arbeitnehmer als heterogenen erkannt, sie stellen somit eine Erweiterung der neoklassischen Theorie dar. Der Arbeitsmarkt wird in Teilmärkte untergliedert, die sich gegenseitig abgrenzen. Die Abgrenzungen/Zugangsvoraussetzungen erschweren oder verhindern, dass ein Arbeitnehmer zum Beispiel in einer anderen Branche einen Arbeitsplatz findet (Kromphardt 1987:47-49). In der Literatur sind verschiedene Seg- mentationstheorien zu finden. Nach Brinkmann existieren vier Segmentierungs- Gruppen (1999:17, 18):

(1) Lokale Teilmärkte
(2) Einteilung in die Kategorien der amtlichen Statistik
(3) Segmentierung durch Institutionen z.B. Präferenzen und Diskriminierung
(4) Dualer Arbeitsmarkt (Ober- und Unterschicht)

Kritisiert werden die Segmentationstheorien häufig wegen ihrer groben Einteilung der Teilmärkte (Brinkmann 1999:23). Die Segmentationstheorien erheben jedoch nicht den Anspruch, die Ursachen der Arbeitslosigkeit darzustellen. Ziel ist die Erklärung, wes- halb bestimmte Personengruppen stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind als andere. Daraus ergeben sich Anregungen, um die Segmentierung zu mindern oder zu verhindern. Konkret wird eine zielgruppenorientierte aktive Arbeitsmarktpolitik gefordert (Rothschild 1988:110-117).

2.2.3.3 Demografische Faktoren

Die Höhe der Arbeitslosigkeit kann durch folgende demografischen Faktoren verstärkt werden: Eintritt von geburtenstarken Jahrgängen in das Erwerbsleben, Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit sowie starke Zuströme von Ausländern und Deutschstämmigen aus dem Ausland.

Arbeitsmarktexperten die von einem konstantem Arbeitsvolumen ausgehen, schlugen häufig Maßnahmen vor, die beispielsweise eine Verlängerung des Mutterschutzes beinhalteten. Eine höhere Frauenerwerbstätigkeit führt jedoch nicht automatisch zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, denn in vielen Bereichen besteht trotz der hohen Arbeitslosigkeit ein Fachkräftemangel. Durch den Anstieg der Erwerbsbeteiligung würden zudem bestimmte Produkte und Dienstleistungen stärker nachgefragt, die bis- her in der Freizeit selbst erstellt wurden und durch den nun geringeren Freizeitanteil eingekauft werden müssten. Gleichzeitig würden mehr Sozialversicherungsbeiträge und Steuern eingenommen.

Sowohl Bevölkerungsexpansion wie auch der Rückgang der Bevölkerung können zu Arbeitsmarktproblemen führen. In Deutschland steigt die Bevölkerung seit Jahren nur in geringem Maße. In den neuen Bundesländern sinkt die Bevölkerung seit 1989, verursacht durch Abwanderung in die alten Bundesländer und da mehr Menschen sterben als geboren werden. In den alten Bundesländern dagegen steigt die Bevölkerung. Es sterben zwar ebenfalls mehr Menschen als geboren werden (eine Ausnahme bilden die Jahre 1990 und 1997), dies wird aber durch die Zuwanderung aus den neuen Bundesländern und die Zahl der Nettozuzüge aus dem Ausland mehr als ausgeglichen. Das eigentliche Bevölkerungswachstum in Deutschland resultiert also aus dem hohem Zuwanderungsüberschuss (StatBA 2002b:44, 67, 68, 75).

Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass die Zahl der Geburten weiter zurück gehen wird und es langfristig somit zu einem Rückgang der Bevölkerung von derzeit 82,5 auf 75 Millionen Einwohner im Jahr 2050 kommen wird. Schätzungsweise ein Drittel aller Deutschen werden dann über 60 Jahre alt sein, was bereits in zwanzig Jahren zu Herausforderungen für die Gesellschaft führen wird (StatBA 06.06.03).

Die Nachfrage beispielsweise im Bereich Baby- und Kinderausstattung wird immer un- sicherer, da seit 1990 immer weniger Kinder geboren werden und es ist nicht abseh- bar, dass sich dieser Trend umkehrt. Das hat negative Auswirkungen auf die Investi- tionstätigkeit und die Beschäftigung der Baby- und Kinderausstatter. Steigende Ein- kommen bewirkten Unsicherheit, da der Anteil der Grundgüter am Gesamtkonsum ab- nimmt (Rothschild 1988:128-129, StatBA 2002b:71). Die Auswirkungen der geringen Geburtenzahl in Deutschland sind bereits sichtbar. Im Jahr 2002 ging der Umsatz bei Unternehmen wie Alete, Milupa, Hipp und anderen Babynahrungsherstellern um fast drei Prozent zurück (Heeg/Petersdorff 2003:40). Eigene Recherchen haben ergeben, dass die Mitarbeiterzahl bei Alete und Milupa in Deutschland konstant geblieben ist. Bei dem Unternehmen Hipp hat sich die Mitarbeiterzahl sogar erhöht, da die sinkenden Umsätze in Deutschland durch Exporte ausgeglichen werden.12,13

2.2.3.4 Arbeitsrechtlicher Rahmen

Das Arbeitsrecht ist ein spezielles Recht für Arbeitnehmer. In Deutschland besteht das Arbeitsrecht aus gesetzlichen Regelungen wie dem Entgeltfortzahlungsgesetz, dem Arbeitsschutzgesetz und anderen. Diese gesetzlichen Regelungen werden durch die Rechtsprechung ergänzt. Die Rechtsprechung entsteht durch die Urteile der Arbeitsgerichte und ermöglicht es, dass das Arbeitsrecht, den sich wechselnden Rahmenbedingungen, anzupassen.

Auf der anderen Seite stellt eine Rechtsprechung aber auch immer eine Rechtsun- sicherheit für Unternehmen und Arbeitnehmer dar (Walwei 2002a:77). Die Recht- sprechung spiegelt zwar die herrschende Meinung der meisten Gerichte wieder, jedoch kann eine konkrete Kündigungsschutzklage auch anders entschieden werden. Diese Rechtsunsicherheit stellt einen Kritikpunkt der Diskussion um die Ursachen der Arbeits- losigkeit dar.

[...]


1 Stand: Ende November 2003 (BA 2003f:1). 1

2 Albers 1997:268

3 „Als Erwerbstätige (Inland) werden alle Personen angesehen, die innerhalb eines Wirtschaftsgebietes einer Erwerbstätigkeit oder mehreren Erwerbstätigkeiten nachgehen, unabhängig von der Dauer der tatsächlich geleisteten oder vertragsmäßig zu leistenden wöchentlichen Arbeitszeit.“ (StatLA BW 2003a)

1 Vollzeit - Fort- und Weiterbildung, Rehabilitation, Teilnehmer an Deutschlehrgängen, Altersübergangsgeld, Vorruhestandsgeld, Leistungsempfänger (ab 58 Jahre) nach §428 SGB III

2 Kurzzeitarbeit, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), Strukturanpassungsmaßnahmen (SAM), Altersteilzeit

3 inklusive ABM, SAM, Kurzarbeit und Altersteilzeit Quelle: Bach, Spitznagel 2003:7

4 Personen die länger als ein Jahr als arbeitslos registriert sind, werden als langzeitarbeitslos bezeichnet.

5 In Deutschland sind 69 Prozent aller Erwerbstätigen im Dienstleistungsbereich beschäftigt. (IAB 2002:2.4.1)

6 Basisinnovationen stellen Neuerungen dar, die komplett neue Anwendungen ermöglichen und die Wirtschaftsstrukturen nachhaltig verändern. Beispiele für Basisinnovationen: Eisen- und Stahlherstellung, Petrochemie, Computer (Coenen/Philipp 1997:11+15)

7 Zum Beispiel vom Bundesministerium für Forschung und Technologie sowie vom DIW und IfoInstitut (Meta-II-Gesamtstudie).

8 Wenn ein Unternehmen seinem ausländischen Tochterunternehmen auf Kredit Waren ver- kauft, fließen derartige Transaktionen in die Statistik mit ein. Da es sich hier nicht um wirkliche Investitionen handelt muss die Statistik von solch kurzfristigen Krediten bereinigt werden.

9 7.027 Umfrageergebnisse stammen von Industrieunternehmen. 770 sind dem Baugewerbe, 494 dem Verkehr und 997 Umfragen den unternehmensorientierten Dienstleistern zuzuordnen. (DIHK 2003:o.S.)

10 (IAB 2000:28-29)

11 Seit 2003 werden auch Unternehmen in den neuen Bundesländern berücksichtigt. Die Planungen beziehen sich auf einen Zeitraum von jeweils drei Jahren. Die realisierten Verlagerungen auf die letzten drei Jahre.

12 Persönliche Email von Siewert, Rainer <Rainer.Siewert@Milupa.de> (20.05.03).

13 Die Gesprächspartner der Firmen Alete und Hipp möchten nicht namentlich genannt werden. 29

Details

Seiten
139
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638341776
ISBN (Buch)
9783640577415
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v33784
Institution / Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
2,0
Schlagworte
Arbeitslosigkeit Deutschland Ursachen Lösungsmöglichkeiten Volkswirtschaft

Autor

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Titel: Arbeitslosigkeit in Deutschland - Ursachen und Lösungsmöglichkeiten