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Der "Lanzelet" Ulrich von Zatzikhovens. Ein struktur- und krisenloser Abkömmling der Artusromane?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 24 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Strukturbegriff und Strukturalismus

3. Anwendung auf die Artusdichtung
3.1 Struktur des Artusromans nach Ralf Simon
3.2 Die Funktion <Z> der Proppschen Märchenanalyse

4. Übertragung auf den Lanzelet
4.1 Der erste Teil: Vom Können zum Sein
4.2 Der zweite Teil: Vom Sein zum Anerkannt-Sein

5. Die Krise
5.1 Begriffsdefinition
5.2 Bedeutung von Identität und Ehre im Artusroman
5.3 Lanzelet -ein krisenloser Held?

6. Schlussfolgerung

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Ez ist mîn bet und ouch mîn rât,

daz hübsche liut mich vernemen,

den lop und êre sol gezemen.

Der hulde wil ich behalten"

"Hübsche", höfische Leute waren das Publikum, beziehungsweise die Zielgruppe des mittelhochdeutschen Schreibers Ulrich von Zatzikhoven; ihre Huld wollte er dauerhaft erlangen. Von dem literarischen Erfolg seiner Erzählung um den tugendhaften Ritter Lanzelet schien er überzeugt gewesen zu sein.

Der Lanzelet Ulrichs von Zatzikhoven: Die ältere Forschung war in ihrem Urteil über dieses Werk der Artusdichtung recht eindeutig: Lange Zeit war der Lanzelet umstritten, unverstanden und wurde scharf kritisiert. "Ein trüber Spiegel" des Iwein und allenfalls "niedere[n] Artusepik" wird die Erzählung vom jungen Ritter Lanzelet durch den rennomierten Altgermanisten Hugo Kuhn geschimpft. Im Verfasserlexikon der deutschen Literatur des Mittelalters von 1953 wird der Lanzelet gar als "bedenkenlose Kompilation von verschiedenartigem Strandgut" bezeichnet. Diese Strukturdebatte erfuhr erst durch Kurt Ruh einen Wandel. Zwar blieb der Artusroman eine Erzählung von geringerer Kunst, jedoch "ließe [er] mit hinreichender Deutlichkeit ein bestimmtes Programm und eine Struktur erkennen [...]." Erstmalig in der Forschung kommt dem Lanzelet ein Platz in der Literaturwissenschaft zu, und zwar als ein "neues Modell des Artusromans". Aber was ist das für ein neues, besonderes Modell? Lässt sich in der Aneinanderreihung von Episoden im Lanzelet doch noch eine gewisse Struktur erkennen? Diesen Fragen gilt es in der vorliegenden Seminararbeit nachzugehen. Dabei wird zunächst zu klären sein, was der Begriff "Struktur" bezeichnet und wonach man bei einer solchen Untersuchung also forschen muss. Ralf Simon entwickelte im Jahre 1990 eine Art Gattungsformel für Artusromane. Sie bildet die Grundlage dieser Strukturuntersuchung; von seinen Erkenntnissen ausgehend soll diese Arbeit den Versuch unternehmen, eine ähnliche Formel für diesen speziellen Artusroman zu entwickeln. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Krise des Ritters Lanzelet, die ihm in vielen Rezensionen verweigert wurde. Wie ist die Krise in mittelhochdeutscher Artusdichtung konzipiert? Was bringt den Helden in eine Krise; was macht sie vielleicht notwendig für den Fortgang des Romans? In diesem Zusammenhang muss außerdem auf die Bedeutung von Identität in Artusromanen eingegangen werden. Am Ende der Arbeit steht die Schlussbetrachtung und Zusammenfassung der Ergebnisse. Es ist wichtig, dass die Ergebnisse dieser Arbeit nicht in eine perfekte und als einzige richtige Formel münden, sondern vielmehr einen Vorschlag darstellen: So könnte der Lanzelet mit den Methoden des Strukturalismus betrachtet werden, doch so muss die Strukturierung nicht aussehen. Des Weiteren kann diese Arbeit Anregung zu neuen Betrachtungsweisen geben, ladet zu weiterer, eingehenderer Erforschung dieses "Abkömmlings" der Artusdichtung ein und eröffnet den Weg zu einer neuen Wertungsgeschichte.

2. Strukturbegriff und Strukturalismus

Der Begriff "Struktur" erscheint zunächst abstrakt und nur schwer definierbar. Was ist ein Kriterium für Struktur? Was kann eine Struktur besitzen? Scheinbar kann eine Unterrichtsstunde ebenso strukturiert sein, wie die Sterne am Himmel oder der Bauplan einer Stadt. Deshalb sollte der erste Schritt dieser Untersuchung des Lanzelets eine Definition des Begriffes sein. Denn was ist eigentlich gemeint, wenn wir von der Struktur einen Textes reden? Woran lässt sich eine solche Struktur erkennen? Dieses Kapitel beruht weitesgehend auf dem Artikel zu "Struktur" und "Strukturalismus" aus dem Reallexikon der deutschen Literaturwisschenschaft, der von Michael Titzmann, einem bekannten Strukturalisten, verfasst worden ist.

Schlägt man im Lexikon den Begriff "Struktur" nach, stößt man auf folgende Definition: "Systematisch rekonstruierbare Ordnung der Bestandteile eines Untersuchungsobjekts, z.B. eines Textes." Die Grundvoraussetzung von Struktur ist also, dass der zu untersuchende Text sich zunächst in verschiedene Bestandteile einteilen lässt. Diese Bestandteile sind spezifisch, und zwar systematisch, geordnet. Diese Ordnung muss außerdem jederzeit rekonstruierbar sein, ist somit nicht vom Rezipienten abhängig, sondern im Text selbst vorgegeben. Bedeutend für die Ordnung ist das Stichwort "Relation". Nennen wir die kleinsten Bestandteile des Textes "Elemente". Liegen diese Elemente unverbunden nebeneinander, sind sie ungeordnet: ein solcher Text wäre strukturlos. Es bedarf Relationen, um Elemente in eine Struktur zu überführen; das heißt eine Art von Beziehung, Verbindung muss zwischen den Elementen bestehen. Es gibt verschiedene Arten dieser Relationen, zum Beispiel Oppositionen, Homologien oder Äquivalenzen. "Funktionen" sind davon zu unterscheiden: Sie bestehen zwischen unter- oder übergeordneten Einheiten. Die Menge all dieser Relationen, beziehungsweise Funktionen, die zwischen den einzelnen Elementen bestehen, ist die Struktur. Der Begriff "System" geht mit dem Strukturbegriff einher: Das System beschreibt alle Elemente und alle Relationen. Titzmann grenzt beide Begriffe wie folgt ab: "Wenn etwas ein System "ist", dann "hat" es eine Struktur." Das beschriebene Verhältnis zwischen den einzelnen Elementen, dem Strukturbegriff und Textsystem wird in Abbildung 1 im Anhang deutlich. Titzmann schreibt, dass nach strukturalistischer Auffassung ein theoretisches Objekt nur als System, also der Struktur nach, analysierbar und somit erklärbar oder interpretierbar sei.

Es ist für diese Arbeit von Bedeutung zu verstehen, wie Strukturalisten mit einem Text umgehen. Es wird sich zeigen, dass auch Ralf Simon nach der hier beschriebenen Definition von Struktur in den Artusromanen gesucht hat. Die vorliegende Untersuchung des Lanzelets folgt dessen Schema: Zunächst gilt es im Text nach Elementen zu suchen und diese in Verbindung miteinander zu setzen, es müssen also Relationen ausfindig gemacht werden. Die Elemente müssen so interpretiert werden, dass sie in ein Schema passen. Erst dann ergibt sich die Struktur eines Textes.

3. Anwendung auf die Artusdichtung

Nachdem im zweiten Kapitel dieser Seminararbeit gezeigt wurde, welches Verständnis von "Struktur" dieser Arbeit zugrunde liegt und die Schlüsse für den hier gezeigten Umgang mit dem Lanzelet nach strukturalistischer Weise gezogen worden sind, heißt es im nächsten Schritt nach Forschungsbeständen zu suchen, die sich ebenfalls mit diesem oder einem ähnlichen Thema beschäftigt haben. Ralf Simon, ein Strukturalist und Altgermanist, schrieb ein Buch zu der Gattung der Artusromane. Darin stellt er eine Formel, also eine Struktur auf, die für Artusromane gelten soll. Er knüpft dabei an die von Hugo Kuhn aufgestellte Idee einer Struktur für den Erec an und an seine Feststellung, dass ein Strukturschema als Bestimmung für eine Gattung gelten kann. Simon stützt seine Überlegungen vor allem auf Vladimir Propp, der russische Zaubermärchen auf dieselbe Weise zu analysieren versuchte. Simon grenzt sich jedoch in vielen Bereichen von Propps Märchenanalyse ab, die für unseren Umgang mit dem Lanzelet nicht ganz unbedeutend sind. Deshalb werden in dem folgenden Kapitel zuerst Ralf Simons Ergebnisse und seine Formel für die Artusdichtung dargestellt, und im Anschluss daran die Elemente aus der Proppschen Märchenanalyse, die Simon aus seiner Formel verbannt hat, deren Vorhandensein im Lanzelet jedoch genauer zu untersuchen ist.

3.1 Struktur des Artusromans nach Ralf Simon

Ralf Simon veröffentlichte im Jahre 1990 einen Aufsatz, dessen Ziel das Aufstellen einer "Gattungsdefinition des Artusromans" war, wie er selbst in der Einleitung schreibt. Seiner Analyse der Struktur von zwei Artusromanen, Erec und Iwein, stellt Simon voran, dass der Gattungscharakter sich aus der "Unumstellbarkeit der Funktionenreihenfolge" ergebe. Wie Propp beim Aufstellen der Gattungsformel für die Zaubermärchen, kommt auch Simon zu dem Schluss, dass nicht die einzelnen Segmente von Bedeutung für das Programm sind, sondern deren Reihenfolge, die in allen Romanen einer Gattung gleich ist. Das Wegfallen des einen oder anderen Segments, oder dessen Wiederholung, sei somit nicht entscheidend für das Bestehen des Gattungsprogramms, sofern die Reihenfolge der Segmente beibehalten wird. Da die Elemente, die in einem ersten Schritt aus dem Text herausgefiltert werden müssen, anschließend funktional interpretiert werden müssen, werden sie bei Simon "Funktionen" genannt. Simon geht vor, indem er die Handlungselemente, die er aus den beiden Artusromanen segmentiert, den Funktionen zuordnet, die Propp in der Funktionenreihenfolge der Märchen vorstellt. Es werden zwei Kriterien zur Segmentierung aufgezeigt: das pragmatische Kriterium und das Kriterium der Raumveränderung. Ersteres bezieht sich auf den Konsens der Forschung und entscheidet entsprechend über handlungsrelevante Funktionen. Das zweite Kriterium geht auf die Handlungsräume innerhalb des Textes ein: die Funktionen werden durch Raumveränderungen isolierbar. Simon unterscheidet zwischen drei Raumzuständen: <Ⅰ> der Träger der Handlung befindet sich in einem Raum, <Ⅱ> er bewegt sich von einem Raum zum nächsten, <Ⅲ> ein Ereignis gibt ihm den Anlass, seinen Raum zu wechseln. Dieses Kriterium ist auf alle folgenden Funktionen übertragbar, mit Ausnahme der Krise, die ein besonderes Element des Gattungsprogramms verkörpert.

Bei der Zuweisung der einzelnen Funktionen aus dem Artusroman zu den Funktionen der Proppschen Märchenanalyse ist zum Teil eine gattungsspezifische Uminterpretation nötig. Funktionen, die nicht zu dem Handlungsschema der Artusromane passen, fallen weg und gehören nicht mehr zum "Handlungssubstrat der Gattung Artusroman". Simon unterstreicht, dass Artusromane sich voneinander unterscheiden und damit jeder Artustext eine neue Transformation des Gattungsprogramms darstellt.

Im Anschluss an diese Prämissen, fängt Simon an, seine ausgewählten Artusromane von Anfang an durchzugehen. Im Folgenden werden seine Erkenntnisse angemessen für den Rahmen der hier vorliegenden Seminararbeit kurz vorgestellt.

Ralf Simon beginnt mit der Schädigung oder auch Mangelsituation <A>. Sie entspricht bei Erec der Beleidigung durch den geiselslac: "er gelebete im nie leidern tac/ dan umbe den geiselclac/ und enschamte sich nie sô sêre." Darauf folgt die Vermittlung <B>, die durch die Unterhaltung mit der Königin bei Erec realisiert wird. Danach setzt eine Gegenhandlung <C> ein: der Ausritt Iweins oder die Verfolgung Iders durch Erec. <Sch1> ist die erste Schenkerfunktion; eine Prüfung. Sie ist auch die Initialaventiure. An dieser Stelle erfolgt die erste Uminterpretation Simons: die Funktion des Schenkers wird im Artusroman in eine Prüfungssituation abgewandelt. Die Prüfung hat insofern eine Schenkerfunktion, dass mit ihr das Erringen der Dame und die Qualifikation als Artusritter einhergeht. Das Bestehen dieser Prüfung wird als <H9> bezeichnet, bei Iwein wird dies im Bestehen der Brunnenaventiure realisiert. Durch <H9> wird damit die Schädigung <A> bereits getilgt. Da die Schädigung in der Prüfung aufgehoben wird, tritt der Gegenspieler des Helden, im Gegensatz zum Zaubermärchen, aus der Handlung aus. Als nächstes folgt <Z>, der Empfang des Zaubermittels. Diese Funktion entspricht im Artusroman dem Hoffest und der damit einhergehenden Etablierung des Heldes als Artusritter und der Heirat seiner Dame. Die Kraft des Helden und seine Fähigkeiten, die für die folgenden Situtationen von Nöten sind, kommen im Artusroman aus dem Helden selbst und werden ihm nicht in Form eines Zaubermittels von außen geschenkt. Die Aufnahme des Helden in den Kreis um Artus erfolgt explizit und seine Kraft wird dadurch symbolisiert, dass er als der Beste unter den anderen Artusrittern, die ihrerseits die Besten in anderen Artusromanen sind, dargestellt wird. Die zauberähnliche Kraft aus dem Märchen ist im Artusroman also eine Art "soziale" Kraft. Ralf Simon drückt dies folgendermaßen aus: "Der Zauber wird zum sozialen Stand, und indem der Held sich diesen selbst erkämpft hat, ist er sein eigener Helfer." Während in der Proppschen Funktionenfolge nur direkt <W>, die Raumvermittlung folgt, in der der Held sich auf Aventiure begibt, muss im Artusroman die Krise eingeschoben werden. Das wäre Erecs Verligen oder bei Iwein das Fristversäumnis. Die Krise ist spezifisch für den Artusroman, eine vergleichbare Funktion ist bei Propp daher nicht zu finden. Da im Artusroman die Schädigung <A> bereits durch die bestandene Prüfung <H9> aufgehoben wurde, braucht es zum Fortgang der Handlung eine motivierende Funktion. Sie dient als Stütze für die Raumvermittlung <W>. Die Krise als herausstechende Funktion wird im Kapitel 5 dieser Arbeit noch eingehender betrachtet werden. In der Formel des Literaturwissenschaftlers wird sie als <Mot:N> notiert, wobei <Mot> anzeigt, dass die nach dem Doppelpunkt stehende Funktion eine motivierende Funktion für die nachfolgende Funktion, hier also <W> , bedeutet. Dadurch erklärt es sich auch, dass das Kriterium des Handlungsraumwechsels (Kriterium zur Segmentierung) bei der Krise nicht greift. Die Funktion findet ebenso wie die voherige Funktion <Z>, der soziale Status, im Höfischen Raum statt. Ebenso wie <M>, die Markierung des sozialen Status, muss auch die Krise auf diesen bezogen werden.

Auf <W> folgen die drei Funktionen Kampf <K>, Markierung <M> und Sieg <S>. Simon grenzt <K> als ersten Aventiurekursus, der unter dem "Vorzeichen des Mißlingens steht" von <S> als "zweiten unter dem Vorzeichen des Gelingens stehenden Kursus" ab. Dazwischen liegt <M>, die Markierung. Sie bedeutet für den Artusroman die Zwischeneinkehr des Helden am Hof des Artus und ist eine Markierung ideeller Art: So wird Erec zum Beispiel als Artusritter bestätigt. Als Erneuerung von <Z>, des Erlangens von sozialem Stand (ursprünglich die Verleihung des Zaubermittels), stellt <M> dem zweiten Aventiurekursus unter ein günstigeres Vorzeichen. Nach den bestandenen Aventiuren begibt der Held sich wieder zurück an den Artushof, erneuert dort seine Ehe <h2> und besteigt im Anschluss den Thron <H>. Damit ergibt sich ein Formel für das Gattungsschema des Artusromans, die in Abbildung 2 im Anhang abgebildet ist.

Der Entfall einiger Funktionen des Zaubermärchens wird von Simon erklärt, sollte in diesem Zusammenhang aber keine größere Rolle spielen. Wichtig ist, dass Simon das aufgestellte Programm nicht als ein fest für den Artusroman definiertes ansieht: "Ein Text ist auch dann noch ein Artusroman, wenn die eine oder andere Funktion wegfällt, das Schema selbst aber noch deutlich erkennbar ist."

Im weiteren Schritt unternimmt Ralf Simon den Versuch, das Gattungsprogramm des Artusromans, das er soeben aufgestellt hat, mit einem handlungstheoretischen Sinn zu füllen. Da bereits die Funktion <Z> als logisches Ende des Artusromans verstanden werden könnte, muss die Kohärenz des Schemas verdeutlicht werden. Warum braucht es einen zweiten Teil, wo der Held doch am Ende des ersten Teils bereits als Artusritter anerkannt wurde und seine Dame geheiratet hat?

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668269798
ISBN (Buch)
9783668269804
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337673
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Schlagworte
Zatzikhoven Lanzelet Krise Struktur

Autor

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