Lade Inhalt...

Der Begriff des Kapitals nach Pierre Bourdieu

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Begriff des Kapitals
2.1 Das ökonomische Kapital
2.2 Das kulturelle Kapital
2.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital
2.2.2 Objektiviertes Kulturkapital
2.2.3 Institutionalisiertes Kulturkapital
2.3 Das soziale Kapital

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die in den vergangenen Jahren auf unterschiedlichen Ebenen kontrovers geführte bundesdeutsche Bildungsdebatte über den Sachverhalt, dass Bildung immer noch ein soziales Privileg ist, hat durch die Veröffentlichung der PISA- Ergebnisse im Jahr 2001 spürbar zugenommen. Hierbei wurde innerhalb Deutschlands eine Bildungskrise forciert und damit „erneut - nach den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts - die Rede von einer deutschen Bildungskatastrophe provoziert“ (Ott, H.- U., Rauschenbach, T. 2008, S. 9).

Darauf basierend erscheint es hinsichtlich einer Gesellschaft, die sich als Gesellschaft ,,jenseits von Klasse und Stand“ (Krais, B. 1996, S. 118) kennzeichnet, geradezu anstößig, dass mit jeder Veröffentlichung von PISAoder IGLU-Ergebnissen immer wieder gezeigt wird, dass die schulischen Erfolgschancen in Deutschland - ausgeprägter als in vielen anderen Ländern - in einem ungewöhnlich engen Zusammenhang mit der sozialen Herkunft der Lernenden stehen (vgl. Rohlfs, C. 2011, S. 13).

Sozialpolitisch versucht man vor allem, im Bereich der Bildung mit Maßnahmen unter dem Titel Chancengleichheit gegenzusteuern, um eine höhere Bildungsbeteiligung zu erreichen. Allerdings hat die Bildungsexpansion nur zu einem Bedeutungsverlust der Bildungstitel beitragen (Büchner, P. 2003, S. 6).

Im Mittelpunkt vieler soziologischer Fragestellungen, wie etwa im Bereich des Bildungswesens, der sozialen Ungleichheit oder der Familienstrukturen, bildet die Berufsgruppe der Eltern eine zentrale Erklärungsgröße. Die Erwerbstätigkeit der Eltern informiert über Einkommen, Macht und soziale Stellung der Familie und damit auch über die soziale Herkunft der Lernenden (vgl. Bourdieu, P. 1987, S. 193). Diesem Ansatz nach wird die soziale Herkunft als eine ökonomische Komponente verstanden und in einer ökonomischen Einheit wie dem Einkommen der Eltern der Schülerinnen und Schüler berechnet.

Erst seit einigen Jahren zeigt sich in der Soziologie, dass der Begriff Kapital als alleinige Verwendung in der Ökonomie nicht umfassend verwendet wird. Als einer der namhaftesten Vertreter legte der französische Soziologe Pierre Bourdieus (1930-2002) dar, dass eine Vielzahl weiterer Aspekte dem Kapital und seinen Eigenschaften zugeordnet werden muss (vgl. Baumert, J., Schümer, G. 2000, S. 326). So verwendet Bourdieu den Begriff des Kapitals in Verbindung mit sozialer Ungleichverteilung von Macht und zeigt auf, warum eine Erweiterung des Kapitalbegriffs notwendig ist (vgl. Bourdieu, P. 1992, S. 52).

Statt eines Überblicks über mehrere Theorien zur Ungleichheitsforschung in Bezug auf die soziale Herkunft und Bildungschancen aufzuzeigen, bedient sich diese vorliegende Abhandlung eines radikaleren Ansatzes, dem des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930-2002). Um diese Thematik theoretisch ausreichend zu beschreiben, bedarf es zunächst den Begriff des Kapitals zu definieren sowie die verschiedenen Arten von Kapital nach der Interpretation Bourdieus aufzuzeigen. Anhand dieser Grundlage wird im Fazit eine kritische Schlussbetrachtung des Bourdieuschen Konzeptes im Zusammenhang mit sozialer Herkunft und Bildungschancen - trotz formaler Chancengleichheit - vorgenommen.

2 Der Begriff des Kapitals

Im Fokus der Gesellschaftstheorie Bourdieus steht die soziale Ungleichheit und somit die ungleiche Verteilung von Macht, die Bourdieu als ,,Verfügungsmöglichkeiten über Ressourcen zur Durchsetzung eigener Bedürfnisse und Interessen begreift“ (Koller, H.- CH. 2014, S. 139).

Zur Erklärung der ungleichen Machtverteilung führt Bourdieu den Kapitalbegriff ein, den er aus der Ökonomie entlehnt und der in unserer Alltagssprache als Geld- und Sachwerte bezeichnet wird, welche der Gütererzeugung und dem Güterumlauf dienen (vgl. Triebel, A. 2004, S. 229). Weiter führt er aus, dass der Kapitalbegriff in allen seinen Erscheinungsformen betrachtet werden muss, da er zu früh an die Wirtschaftstheorie gebunden wurde. So umfasst aus Sicht Bourdieus das Kapital nicht mehr nur die ökonomische Warenerzeugung, sondern auch alle anderen Bereiche des sozialen Austauschverhältnisses (vgl. Bourdieu, P. 1992, S. 50 f.). Axel Honneths Unterstellungen, Bourdieus Kapitalbegriff sei durch klassische Utilitarismen und einem Ökonomismus bestimmt, entkräftet Bourdieu mit seiner mehrdimensionalen Sichtweise von Kapital (vgl. Jurt, J. 2008, S. 72).

Damit verweist Bourdieus Interpretation des Kapitalbegriffes auf zwei Charakteristika. Im Kontext der Entstehung war für ihn Kapital im marxistischen Sinne akkumulierte Arbeit und eine den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnende Kraft (vgl. Bourdieu, P. 1992, S. 49). Seiner eigenen Verwendung nach stellt Kapital eine Art Macht oder Ressource zur Behauptung eigener Absichten dar (vgl. Koller, H.- CH. 2014, S. 140). Demnach kann das Kapital auch als soziale Energie bezeichnet werden (vgl. Bourdieu, P. 1987, S. 194), welche als ein ,,grundlegendes Prinzip zur inneren Regelmäßigkeit der sozialen Welt,, (Bourdieu, P. 1992, S. 49) dazu beiträgt, dass unser gesellschaftliches Leben sowie das Wirtschaftsleben nicht wie ein einfaches „Glückspiel“ verläuft, in der jederzeit eine Überraschung möglich ist (vgl. Bourdieu, P. 1992, S. 49).

Demzufolge sieht Bourdieu die soziale Welt als einen mehrdimensionalen sozialen Raum, der sich zum einen in hierarchisch zueinander in Beziehung stehenden Klassen und zum anderen in horizontal relationalen Feldern differenziert. Dabei fungiert der Kapitalbegriff als Verbindung zwischen den Begriffen des Feldes und des Habitus. Hierbei ist das Feld ein wissenschaftliches Konstrukt, das die soziale Welt erklärt, ,,wie sie objektiv strukturiert ist und subjektiv erfahren wird“ (Rehbein, B. 2011, S. 108). Bei diesem Kampf um Macht ist der Einsatz von Kapital zur Erhaltung oder Verbesserung von sozialen Positionen innerhalb eines Feldes, notwendig. Demnach ist der Habitus abhängig vom Kapital, welches auf dem spezifischen Feld zur Verfügung steht (vgl. Rehbein, B. 2011, S. 111). Bourdieu versteht den Begriff des Feldes als ein Kräftefeld, welches die Konkurrenz abbildet und grenzt sich damit zugleich von Luhmann ab. Dieser sieht das Feld als ein System, welches funktional, kohärent und selbstregulierend ist (vgl. Fröhlich, G., Rehbein, B. 2014, S. 101).

Um Bourdieus erweitertes Kapitalverständnis über das der Ökonomie zum Ausdruck zu bringen, teilt er den Kapitalbegriff in drei unterschiedliche Kapitalsorten ein1. Diese sind das ökonomische, kulturelle und das soziale Kapital, welche sich nach ihrer Verwendung und Entstehung analysieren lassen.

2.1 Das ökonomische Kapital

Das ökonomische Kapital als die erste der drei Kapitalsorten entspricht nach traditioneller Interpretation dem Kapitalbegriff, wie er bereits von Marx ausgearbeitet wurde. Der Genese nach handelt es sich hierbei um akkumulierte Arbeit, sofern dieses Kapital dem weiteren Konsum nicht direkt zugeführt wurde, sondern aus dem Ansammeln beziehungsweise Ansparen von Arbeitserträgen hervorgeht (vgl. Koller, H.- CH. 2014, S. 139).

Nach Bourdieu zählen zum ökonomischen Kapital, im Unterschied zu den marxistischen Denkstrukturen, nicht nur der Besitz an Produktionsmitteln, sondern alle Formen des materiellen Besitzes (vgl. Kaesler, D. 2002, S. 263). Insofern ist in einer Gesellschaft mit entwickeltem Markt jede dieser Formen gewissermaßen unmittelbar in Geld konvertierbar und eignet sich daher besonders zur Institutionalisierung in Form von Eigentumsrechten (vgl. Bourdieu, P. 1992, S. 52). Gemäß der ökonomischen Tradition entscheidet in erster Linie der Besitz oder Nicht-Besitz von materiellem Reichtum darüber, ob dieser zur Produktion weiteren Reichtums eingesetzt werden kann. Demzufolge bedarf es nach der Nationalökonomie auch nur diese Form von Kapital. Bourdieu hat allerdings entdeckt, dass beispielsweise in kulturellen sowie intellektuellen Feldern für die Produktion auch kulturelles Kapital erforderlich ist (vgl. Fröhlich, G., Rehbein, B. 2014, S. 137).

Trotz der Kritik am Kapitalbegriff, hat für Bourdieu unter allen Kapitalsorten das ökonomische Kapital eine herausgehobene Rolle, da es, wenn auch unter Inkaufnahme von mehr oder weniger hohen Transformationskosten, in jede andere Kapitalsorte konvertiert werden kann (vgl. Krais, B. 1983, S. 210 f.). Dennoch stehen Güter und Dienstleistungen, welche mit ökonomischem Kapital ohne Verzögerung und sekundäre Kosten erworben werden können, denjenigen gegenüber, die nur aufgrund eines sozialen Beziehungs- oder Verpflichtungskapital, erworben werden können. Demnach werden letztere nur dann kurzfristig und zum richtigen Moment eingesetzt, wenn diese angeeignet, etabliert und lebendig gehalten werden (vgl. Bourdieu, P. 1992, S. 70). Folglich stellt das ökonomische Kapital noch keinen Garant für eine Machtposition dar, denn erst in Verbindung mit kulturellem und sozialem Kapital wird das ökonomische Kapital effizient und effektiv auf die Marktkonjunktur angewendet, um so wirklich Macht auszuüben (vgl. Treibel, A. 2004, S. 229).

Von besonderer Bedeutung hinsichtlich einer Analyse von sozialer Ungleichheit und schulischer Chancenungleichheit ist das kulturelle Kapital, welches im nächsten Abschnitt behandelt wird.

2.2 Das kulturelle Kapital

Hier handelt es sich der Entstehung nach um akkumulierte Arbeit. Allerdings umfasst der Begriff Arbeit in dieser Form vor allem Zeit und Geld, um kulturelles Kapital zu erwerben.

Der Verwendung nach stellt das kulturelle Kapital für Bourdieu eine Ressourcenausstattung dar, die dann vom Individuum auf dem Arbeitsmarkt in ökonomisches Kapital konvertiert wird (vgl. Koller, H.- CH. 2014, S. 139). Bourdieu weist darauf hin, dass er seinen Begriff des kulturellen Kapitals mit dem in der Wirtschaftswissenschaft bekannten Humankapital vergleicht, der zur Bezeichnung von Investitionen in Menschen dient (vgl. Bourdieu, P. 1983, S. 185 f.). Er kritisiert in diesem Zusammenhang die Vertreter der Humankapitaltheorie darin, dass sich ihr Ansatz lediglich auf die finanziellen Investitionen beschränkt und nicht wie das kulturelle Kapital alle Arten von Investitionen berücksichtigt (vgl. Bourdieu, P. 1983, S. 185 f.). Folglich lassen die Vertreter der Humankapitaltheorie, ,,die am besten verborgene und soziale wirksamste Erziehungsinvestition“ (Bourdieu, P. 1983, S. 186) außer Acht. Weiter führt Bourdieu aus, schreiben die Ökonomen der Humankapitaltheorie die Bildungsfähigkeit sowie die Begabung dem Zufall gleich und übersehen, dass Bildungsfähigkeit und Begabung kein Zufall sind, sondern dass Produkt von langfristiger Erziehungsarbeit innerhalb der Familie (vgl. Bourdieu, P. 1983, S. 186).

Eine besondere Erklärungskraft schreibt Bourdieu daher seinem kulturellen Kapital, vor allem im Zusammenhang mit sozialer Herkunft und schulischer Leistung, zu. Bourdieu zufolge lässt sich das Phänomen der Chancenungleichheit dadurch erklären, dass die Kinder je nach Sozialstatus der Familie mit unterschiedlichem kulturellem Kapital ausgestattet sind (vgl. Bourdieu, P. 1983, S. 185 f.).

[...]


1 Ferner ist an dieser Stelle darauf zu verweisen, dass es noch eine Vielzahl weiterer Kapitalarten gibt. Diese lassen sich jedoch nicht immer klar voneinander unterscheiden, da Bourdieu ergänzend zur Ausweitung seines Feld-Begriffs, weitere feldspezifische Kapitalsorten hinzufügte. Dies kann als inkonsistent, oder als flexibel in Bezug auf das Forschungsziel betrachtet werden (vgl. Fuchs-Heinritz, W., König, A. 2011, S. 163).

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668268623
ISBN (Buch)
9783668268630
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337618
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd – Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
begriff kapitals pierre bourdieu

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Begriff des Kapitals nach Pierre Bourdieu