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Psychopathie und moralisches Bewusstsein. Sind Psychopathen für ihr Verhalten verantwortlich?

Essay 2015 12 Seiten

Psychologie - Biologische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Socioemotional Processing of Morally-Laden Behavior and Their Consequences on Others in Forensic Psychopaths – Decety, Chen, Harenski und Kiehl (2015)

Aberrant Neural Processing of Moral Violations in Criminal Psychopaths - Harenski, Harenski, Shane und Kiehl (2010)

Kritische Auseinandersetzung

Methodische Kritik

Kritik am vorherrschenden Konzept der Psychopathie

Quellenverzeichnis

Die Wissenschaft stellt sich schon länger die Frage, ob Psychopathie erlernt, angeboren oder sogar beides ist. Neuere Studien zeigen, dass sich bestimmte Vorgänge im Gehirn bei Psychopathen von denen von Menschen ohne psychopathischen Tendenzen voneinander unterscheiden und dies vor allem beim Betrachten von Situationen, in denen moralisches Denken gefordert ist. Generell stellte man fest, dass Menschen, die in der Vergangenheit psychopathisches Verhalten zeigten, durchaus wissen, welches Verhalten von der Allgemeinheit als moralisch richtig oder falsch angesehen wird, sie jedoch wider besseren Wissens handeln. Was ist der Grund für diese Diskrepanz zwischen dem moralischen Bewusstsein der Psychopathen und ihrem tatsächlichen Handeln?

Bildgebende Verfahren fanden, wie bereits erwähnt, abnorme Aktivitäten im Vergleich von Psychopathen und Nicht-Psychopathen. Kann daraus geschlossen werden, dass bestimmte Neuronen im Gehirn dafür verantwortlich sind, ob man moralisch handelt oder nicht? Und ist dies sogar möglich, obwohl wir uns des moralischen Vergehens bewusst sind? Handelt unser Gehirn also manchmal entgegen unserer moralischen Erziehung?

Um sich mit diesen Fragen zu beschäftigen, müssen wir uns zunächst fragen, was Psychopathie ist. Psychopathie wird beschrieben als antisoziales Verhalten. Die Betroffenen haben Persönlichkeitsmerkmale, wie Impulsivität, Grandiosität, Gefühllosigkeit und Mangel an Empathie. Außerdem ist charakteristisch, dass sie, nach einem Vergehen, keine Anzeichen von Reue zeigen (Cleckley, 1976; Hare, 1998).

Um nun genauer durchleuchten zu können, ob das Gehirn von Menschen mit dieser Erkrankung Schuld an ihren Missetaten ist, werden zunächst zwei Studien vorgestellt, die sich mit dem Thema beschäftigen, inwiefern sich neuronale Aktivitäten in bestimmten Gehirnarealen von Psychopathen und Menschen ohne Psychopathie voneinander unterscheiden, wenn es um die Beurteilung von moralischen Situation geht. Außerdem wurde untersucht, ob diese beiden Gruppen die besagten moralischen Situationen als moralisch falsch oder richtig bewerten, um zu sehen, ob es Unterschiede im moralischen Bewusstsein gibt.

Socioemotional Processing of Morally-Laden Behavior and Their Consequences on Others in Forensic Psychopaths – Decety, Chen, Harenski und Kiehl (2015)

Die Studie von Decety, Chen, Harenski und Kiehl (2015) wurde durchgeführt, um die abweichende emotionale Verarbeitung bei Psychopathen besser zu verstehen und um sowohl die neuronale Aktivität bei der Wahrnehmung moralisch behafteter Verhaltensweisen als auch bei der Bewertung moralischer Verhaltensweisen genau zu erfassen.

An der Studie nahmen insgesamt 155 männliche Kriminelle im Alter von 19 bis 54 Jahren teil. Die Versuchspersonen wurden mit dem PCL-R hinsichtlich der Intensität der Ausprägung der Psychopathie getestet. Mit dem Test werden psychopathische Eigenschaften wie unter anderem antisoziales Verhalten, Impulsivität, Gefühllosigkeit und fehlende moralische Emotion erhoben. Auf Basis der Testergebnisse teilte man die Versuchspersonen in drei Gruppen ein:

Psychopathen mit hohen Werten, mit mittleren und mit niedrigen Werten im PCL-R.

Die Hirnaktivität der Versuchspersonen wurde mit Hilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) gemessen, während sich diese bestimmte Videoclips ansahen und daraufhin den emotionalen Zustand des Protagonisten bewerten sollten. Es handelte sich dabei um Aufnahmen, welche zwei Personen zeigten, die entweder ein Beispiel für interpersonelle Schädigung/Gewaltausübung (z.B. an den Haaren ziehen) oder aber ein Beispiel für interpersonelles Hilfeverhalten (z.B. einer anderen Person beim Aufstehen vom Boden helfen) waren. Von diesen Videoclips wurden jeweils 48 gezeigt. Sehr wichtig zu erwähnen ist, dass die Versuchsperson bei Betrachtung der Videoclips die Szenen so präsentiert bekam, dass sie die Gesichter der Personen im Videoclip nicht sehen konnte. Das hat zur Folge, dass die Versuchsperson nicht anhand der Gesichtsausdrücke feststellen konnte, wie der emotionale Zustand der Akteure war, sondern es rein aus der Situation und der Handlung selbst schließen musste. Nach jedem dargebotenen Szenario erschien ein finaler Bildschirm, der entweder den Täter/Helfer oder das Opfer/den Hilfeempfänger des eben gezeigten Beispiels abbildete, sowie eine Darstellung eines emotionalen Gesichtsausdrucks von der zu beurteilenden Person (Täter/Opfer/Helfer/Hilfeempfänger). Bewertet wurde nun, ob der am Ende gezeigte emotionale Gesichtsausdruck mit dem erwarteten emotionalen Zustand dieser Person zusammenpasst oder nicht.

An dieser Stelle kann man auf zwei verschiedene Theorien hinweisen, welche bestimmte Vorhersagen bezüglich der Ergebnisse dieses Experiments machen: Zum einen die General Emotional Deficit Theorie, die postuliert, dass Psychopathie mit Defiziten in der affektiven Verarbeitung während der impliziten moralischen Bewertung und der Rückschlüsse auf den emotionalen Zustand der Protagonisten verbunden sein sollte. Zum anderen die Specifiv Emotional Deficit Theorie, welche wiederum besagt, dass es zu einer selektiven Beeinträchtigung bei der Verarbeitung negativer Affekte wie Traurigkeit und Leid kommt. Dies sollte, in Bezug auf die vorliegende Studie, bedeuten, dass es zu einer Beeinträchtigung beim Rückschluss auf die emotionalen Zustände der Opfer bei Szenarien, die interpersonelle Schädigung/Gewalttaten zeigen, kommen sollte.

Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass Kriminelle mit einem hohen Wert im PCL-R den emotionalen Zustand des Rezipienten akkurater einschätzen, als die Kontrollgruppe. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um Szenarien mit interpersoneller Schädigung oder interpersonellem Hilferverhalten handelte.

Auffällig war, dass es Unterschiede in der Hirnaktivität Krimineller gab, die hohe Werte im PCL-R erreichten, wenn sie sich negative vs. positive Szenarien oder moralische Szenarien ansahen und wenn sie den emotionalen Zustand eines Protagonisten bewerten mussten. (posterior superior temporal sulcus, Amygdala, Insula, ventral striatum, prefrontal cortex).

All dies lässt darauf schließen, dass es sich bei Abweichungen in sozioemotionaler Verarbeitung bei Psychopathen um ein kompliziertes Konstrukt handeln muss und nicht nur um ein generelles oder spezifisches emotionales Defizit. Vielmehr moduliert die situationsspezifische Bewertung mentaler Zustände anderer und die Sensitivität gegenüber der spezifischen Rolle des anderen (Opfer vs. Täter) die Aufmerksamkeit auf emotionsgeladene Hinweisreize.

Die Ergebnisse der Studie zeigten zudem einen Haupteffekt der moralischen Valenz (Gewaltdarstellung vs. Hilfedarstellung). In schädigenden Szenarien konnten emotionale Zustände des Protagonisten akkurater und einfacher identifiziert werden als in Szenarien mit Hilfeverhalten. Außerdem waren sich die Versuchspersonen bezüglich ihrer Urteile bei den schädigenden Szenarien sicherer.

Post hoc Vergleiche zeigten, dass Psychopathen, die im PCL-R hohe Werte erreichten, im Vergleich zu denen, die niedrigere Werte erreichten, die emotionalen Zustände der Opfer/Hilfeempfänger akkurater einschätzen konnten, als die der Täter/Helfenden.

Alle 155 Versuchspersonen zeigten eine erhöhte Aktivierung in Hirnarealen, die beim moralischen Urteilen involviert sind. Es fanden sich jedoch bei dieser Aktivierung Unterschiede zwischen Psychopathen mit hohen und denen mit niedrigen Werten im PCL-R. Psychopathen mit hohen Werten im PCL-R zeigten eine stärkere Aktivierung beim Rückschluss auf emotionale Zustände der Protagonisten in beiden möglichen Szenarien bei der Identifizierung der emotionalen Zustände anderer Personen und des Opfers welches Gewalt beziehungsweise Schädigung erfahren hat. Psychopathen mit niedrigen Werten im PCL-R zeigten eine stärkere Aktivierung in der Phase des Videoschauens und bei der Identifizierung der emotionalen Zustände des Täters/Ausführers.

Zur abschließenden Diskussion zu diesem Thema ist zu sagen, dass Psychopathen auf kognitiver Ebene kein massives Defizit beim Verständnis der Intention oder Emotion hatten. In der Tat wiesen sogar Psychopathen mit einem hohen Wert im PCL-R eine größere Akkuratheitsrate beim Identifizieren von Emotionen eines Opfers in einem gewalthaltigen Szenario oder denen eines Hilfeempfängers in einem Szenario mit gezeigtem Hilfeverhalten auf.

Die General Emotional Deficit Theorie wird durch die Ergebnisse der vorliegenden Studie gestützt.

Betrachtet man abschließend die Unterschiede in der neuronalen Antwort bei Psychopathen, die hohe Werte im PCF-R erreichten, stellt man fest, dass diese Unterschiede davon abhingen, ob man den emotionalen Zustand eines Opfers oder eines Täters beurteilen musste. Lag der Fokus auf dem Täter konnte eine signifikant abgeschwächte Aktivität in den Gehirnbereichen festgestellt werden, die für Empathie verantwortlich sind. Wurde der Fokus hingegen auf die Opfer gerichtet, zeigte sich eine erhöhte Aktivität in diesen Bereichen.

Die Ergebnisse dieser Studie wiedersprechen all den Annahmen, die behaupten, dass sich Psychopathen nicht in Opfer hineinversetzen können und keine Empathie empfinden können.

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Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668267893
ISBN (Buch)
9783668267909
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337513
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Schlagworte
Psychopathie Psychopath Psychologie Moral freier Wille antisoziales Verhalten Gehirn biologische Psychologie

Autor

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Titel: Psychopathie und moralisches Bewusstsein. Sind Psychopathen für ihr Verhalten verantwortlich?