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Kollaborative Identitätskonstruktion. Das Individuum im Kontext von sozialen Gruppen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 29 Seiten

Medien / Kommunikation - Interpersonale Kommunikation

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Das Individuum im Kontext von sozialen Gruppen
2.1 Individuum und Individualisierung
2.2 Das Individuum im Plural
2.3 Die Gruppe als Kollaborativ
2.4 Auswahl kooperativer Allianzen

3. Intragruppale Identitätskonstruktion
3.1 Person und Persönlichkeit
3.2 Selbstkonzept vs. Gruppe
3.3 Der Selbstwert in der Gruppe
3.4 Narrative Identitätskonzepte

4. Kritische Betrachtung

5. Fazit und Ausblick

5. Quellenverzeichnis
5.1 Literatur
5.2 Online

1. EINLEITUNG

Als Individuum wahrgenommen zu werden, gilt als Errungenschaft moderner Gesellschaftsformen. Die damit verbundene eigene Identität kennzeichnet den Menschen als Unikat. Doch niemand kann eine solche allein aus sich selbst heraus erzeugen - es bedarf eines steten Abgleichs mit anderen, sowohl als Idealbild als auch als Kontraposition. Dementsprechend erfüllt eine Identität ihre Funktion für die Fremdwahrnehmung, indem sie einerseits von anderen unterscheidet und andererseits Verknüpfungen innerhalb sozialer Gruppen herstellt. Ihre Prägung unterliegt dabei einem lebenslangen Prozess, welcher Korrekturen unterworfen ist, die durch äußere Einflüsse bedingt sind. Die erste Prägung erfährt das Individuum durch die Familie und dies ist der Grundstein für die Ich-Identität. Jedoch muss man die Familie als Sonderfall der Gruppe verstehen, da die Zugehörigkeit nicht freiwillig und selektiv gesteuert wird. Erst im Erwachsenenalter hat der Mensch die Möglichkeit, sein soziales Umfeld nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Folglich sind es die Zugehörigkeiten und Nicht-Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen, die den Prozess der Identitätsarbeit in bestimmtem Maße steuern. Die Grundlage hierfür bildet Kommunikation. Wenn es also um die Entwicklung der idealen bzw. idealisierten Identität geht, liegt die Basis in der kommunikativen Interaktion der Gruppe. Unter diesem Aspekt kann man den Prozess grundsätzlich als einen kollektiven und kollaborativen verstehen. Dies gilt im Besonderen vor dem Hintergrund der sich soziokulturell veränderten Rahmenbedingungen der westlichen Welt. „Veränderte Lebensumstände und -umwelten, aus den Fugen geratene Alltagsroutinen sowie neue Perspektiven stellen das eigene Selbstverständnis infrage und verlangen eine ständige Auseinandersetzung mit sich und der sich wandelnden Umwelt.“ (Born, 2002: 1). Die daraus resultierenden Möglichkeiten der Identitätskonstruktion, lassen schließen, dass die Auswahl und spätere Zugehörigkeit zu Gruppen dem persönlichen Engagement des Individuums zuzuschreiben ist. In welchem Umfang kollaborative Prozesse auf die Identitätsprägung wirken und welche Mechanismen dafür ausgebildet wurden, soll im Folgenden anhand soziologischer und sozialpsychologischer Theorien untersucht werden.

2. DAS INDIVIDUUM IM KONTEXT VON SOZIALEN GRUPPEN

Menschen finden sich überall zu den verschiedensten Zwecken in Gruppen zusammen. Den Kern des zwischenmenschlichen Zusammenseins bildet dabei der Beruf und die Privatsphäre, da sich hier im Übergang von der Wissens- zu der aktuell prognostizierten Kreativgesellschaft die zentralen Lebenswelten konstruieren. Mit der begrifflichen Klassifikation und der Klärung der Motivationsgründe beschäftigt sich unter Eingrenzung in Bezug auf die Identität stiftende Rolle der Gruppe dieses Kapitel. Herangezogen werden im Folgenden Theorien und Paradigmen der Sozialpsychologie, die mit Hilfe von Studien und Experimenten Gruppenstrukturen und aus der Gruppe resultierende Verhaltensweisen und Phänomene illustrieren.

2.1 INDIVIDUUM UND INDIVIDUALISIERUNG

Das Individuum wird von Mummendey (1990) als Abgrenzung von einzelnen Menschen zueinander hinsichtlich des Körpers, des Verhaltens und des Erlebens differenziert. Diese Sicht ist allerdings erst ein Projekt der Moderne. In den vorangegangenen Zeitaltern waren die Lebensentwürfe konkret vorgefertigt und damit die Frage nach der Rolle in der Gesellschaft obsolet. „Mit der Renaissance begann dann eine ‹profane› Selbstthematisierung, die sich als Prozess der Individualisierung beschreiben lässt.“ (Faulstich-Wieland, 2000: 34) Dies basierte auf eine Reihe von Entwicklungen, die Richard van Dülmen1 in fünf Themenfeldern zusammenfasst: die Entwicklung vom Gemein- zum Eigenwohl parallel zur Entstehung des Wirtschaftsindividualismus in England, die Auffassungsänderung der Ehe als Liebesangelegenheit statt einer Zweckgemeinschaft, die Möglichkeit der individuelleren Kindererziehung in der bürgerlichen Kernfamilie2, die Wahlfreiheit unterschiedlicher Lebensstile in Bezug auf den erhöhten Zugang zu Literatur, der Selbstinszenierung durch

Kleidung und Wohnraumgestaltung und der Ablösung von den Zwängen der Kirche, und der Verschiebung des Staates hin zum Vertreter des Individuums (vgl. Faulstich-Wieland, 2000: 34 f.). Das Handeln des Menschen rückt in den Vordergrund und ist damit Ursache sowohl für die Entwicklung des autonomen Subjekts als auch für das grundlegende Sozialisationsproblem: „Jeder einzelne Mensch muss sich über den Sinn des Lebens klar werden, was heißt, er muss ein Verständnis von sich selbst als Teil einer Gemeinschaft entwickeln - da dieses Verständnis über Sprache hergestellt wird und Sprache schon immer ein Gemeinschaftsprodukt ist, so ist auch das Individuum nicht ohne Bezug auf andere zu denken [...].“ (Vgl. Taylor, 1996: 69; in Faulstich-Wieland, 2000: 36)

Keupp spricht mittlerweile von der zweiten Moderne und zielt damit auf den sich stetig und scheinbar exponentiell fortsetzenden Individualisierungsdruck innerhalb westlicher kapitalistischer Gesellschaftsformen. „Der Prozeß (sic) der Modernisierung, der im Zuge der Durchsetzung der kapitalistisch verfaßten (sic) industriellen Gesellschaften in Gang kam, setzte eine dramatische Entwicklung der ‹Freisetzung› aus orts- und sozialstabilen Bindungen in Bewegung.“ (Keupp, 2008: 37) Längst lassen sich Arbeitsplätze frei gestalten und werden selbst Teil der sozialen Beziehungen, so dass kaum mehr ein Bereich des Lebens nicht selbstbestimmt zu verwalten wäre. „Die Zukunft des Sozialen und insbesondere die Zukunft des sozialen Zusammenhalts werden sorgenvoll kommentiert, Solidarität und Gemeinsinn gelten als gefährdete Güter.“ (ebd.: 34) Frei, flexibel, kurzfristig, individuell, global, virtuell und mobil soll das Individuum den ehemals stabilen Bindungen trotzen. Standardlebensläufe weichen, Lebensereignisse folgen keiner zeitlichen Norm, das Lebensalter ist kaum mehr ein Indikator für die zur Verfügung stehenden Optionen. Doch je mehr Optionen zur Verfügung stehen, umso eher kommt es zu einer Kehrtwende. Beachtet man die seit dem Beginn des neuen Jahrtausends aufgekommenen Meditationsangebote, lässt sich ein Trend zur (zumindest gewünschten) Beruhigung erkennen. Der äußeren Gestaltungsfreiheit wird mit innerer Stabilisierung begegnet. Selbstregulierend wird der Blick auf den eigenen Wesenskern gerichtet und der soziale Zusammenhalt neu organisiert, denn „die einzig klare Bedeutung, die sich der Freiheit geben lässt, ist die einer Abwesenheit äußerer Hindernisse“. (Taylor, 1988: 119)

2.2 DAS INDIVIDUUM IM PLURAL

Menschen können sich kollektiv in verschiedenen Formen zusammenfinden - als Masse, Menge oder Gruppe3. Treffen viele Menschen ohne besondere Beziehung aufeinander, wird von einer Menge gesprochen. Kommt es zu einem aktivierenden, alle betreffenden Ereignis, wird aus ihr eine Masse mit einem gemeinsamen Motiv. Beginnen diese Menschen über einen bestimmten Zeitraum hinweg zu kommunizieren und darauf folgend ihre Beziehung zu strukturieren, wird aus einem Nebeneinander ein Miteinander bzw. ein Zueinander und es entsteht eine Gruppe. Wesentliche Strukturelemente einer Gruppe sind deren Verständigung über ihre Ziele, Normen, Rollen und Themen. Mitglieder einer Gruppe erleben und definieren sich als zusammengehörig, interagieren mehr innerhalb als außerhalb der Gruppe, haben ähnliche identifikatorische Bezugspunkte oder -personen, grenzen sich räumlich und/oder zeitlich von anderen Individuen und Gruppen ab. Gruppen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Größe, jedoch beziehen sich die meisten Untersuchungen auf Dyaden während in der Realität zumeist Kleinstgruppen mit fünf oder weniger Mitgliedern vorkommen. Weiterhin kann man verschiedene Organisationsformen unterscheiden wie informell und formal institutionalisiert (vgl. Sader, 1996: 39). Um Klassifikationen vorzunehmen, wird i.d.R. hinsichtlich des Arbeits- oder Interessenschwerpunktes differenziert4. Um mögliche Ableitungen treffen zu können, wird im Folgenden deduktiv vorgegangen, um schlussendlich auf Kleinstgruppen schließen zu können, die eng, also freundschaftlich, miteinander verbunden sind.

Adolf Friedemann beschreibt die menschliche Gruppenzugehörigkeit wie folgt: „Der einzelne Mensch wird in der Gruppe Teil eines neuen Ganzen, dessen Charakter von den Eigenschaften aller Gruppenteilnehmer bestimmt wird. Jedes Ich in der Gruppe nimmt etwas vom anderen und gibt etwas her.“ (Marmet, 1996: 23) Die Gruppe wird durch ihre Teilnehmer subjektiv über Denken, Erinnern, Fühlen und Wollen erlebt. Somit schafft sich eine Gruppe ihren eigenen Wirklichkeitscharakter, so dass deren phänomenale Welt durchaus real empfunden wird. Dieses Empfinden bezieht sich auf subjektives Erleben hinsichtlich des Zusammengehörigkeitsgefühls, der gemeinsamen Zielen und Normen, der Identifikation mit Bezugspersonen und der Bewertung untereinander (vgl. Sader, 1996: 42 f.). Wie es auch die Theorie des Geistes (theory of mind) beschreibt, verfügen Menschen ab dem dritten Lebensjahr über Mechanismen, Überzeugungen und Wünsche anderer abzuschätzen und dadurch vorhersagbar zu machen. Diese evolutionsbiologisch basierte Adaption lässt das Individuum relevante Probleme vorausahnen und - übertragen auf die Gruppe - Konflikte frühzeitig erkennen (vgl. Buss, 2004: 504 ff.). Um das erlebte Gefüge innerhalb einer Gruppe stabil zu halten, gilt es Dissonanzen zu vermeiden bzw. in Übereinstimmung zu bringen. Dies entspricht der Bereitschaft zu einer ausgleichenden Gruppendynamik wie sie in den Asch- Experimenten5 nachgewiesen wurde. Einer offensichtlich falschen Aussage wird zugestimmt, wenn ein Großteil der Gruppe diese vertritt. Das vorherrschende Gruppenklima hat hier großen Einfluss auf die Konformität der Aussage. Führt man dieses Ergebnis weiter, indem man von weniger offensichtlichen richtigen oder falschen Aussagen, beispielsweise von Einstellungen und Werten, ausgeht, wird klar, welches Potential die Gruppe für die kollektive Meinungsbildung hat.

Darüber hinaus ist die Wahl der Antwort im Sinne des lerntheoretischen Ansatzes auf die Lerngeschichte des Einzelnen zurückzuführen. Je nachdem wie viel Verstärkung oder Ablehnung dieser für vorangegangenes Handeln und Verhalten erfahren hat, ist er geneigt sich sozialisationsbedingt anzupassen oder den Konflikt einzugehen6. „Lerntheoretische Paradigmen gelten heute in der Psychologie allgemein neben den kognitiven Ansätzen als die wesentlichen Paradigmen.“ (Sader, 1996: 51) Die sozial-kognitive Theorie (1986, 1997) Banduras ist eine Weiterentwicklung seiner sozialen Lerntheorie (1977). Seiner Auffassung zufolge beeinflussen sich Umwelt, Verhalten und personenbezogene Faktoren wechselseitig (triadisch reziproker Determinismus). „Bandura (1986, 1994) hebt hervor, dass Menschen zur Symbolisierung, zum vorausschauenden Denken und zur Selbstreflexion in der Lage sind. Diese Prozesse wiederum befähigen sie zu selbst-reguliertem Handeln und zum Modelllernen.“ (Jonas/Brömer; in: Frey/Irle, 2002: 278) Unter Symbolisierung versteht er die kognitive und sprachliche Wiedergabe der erlebten Realität, welcher die jeweilige Bedeutung für das Individuum innewohnt. Dadurch können Ideen, die das real Erlebte übersteigen, und Verständnis für das Erlebte erzeugt werden, was die Grundlage für die interpersonelle Kommunikation darstellt. Das Modelllernen - oder symbolische Modellierung - befähigt den Menschen durch Beobachten anderer mögliche Verhaltensweisen kognitiv auf ihre Konsequenz hin zu überprüfen und durch Übertragung zu lernen. Der Begriff schließt auch die verbale und bildhafte Beeinflussung ein, so dass über das Beobachtungslernen durch direkte oder indirekte (z.B. medial präsentierte) Modelle hinaus auch das Lernen über sprachliches nicht-ausführendes Verhalten eines Modells möglich ist7. Der Erfolg des letzteren hängt dabei entscheidend von den verbalen und kognitiven Fähigkeiten ab.

[...]


1 Richard van Dülmen (1937-2004), Historiker und Professor (Geschichte der Frühen Neuzeit) sowie Mitherausgeber der Zeitschrift Historische Anthropologie

2 Hier sieht van Dülmen gleichsam die Ursache für die Trennung von Öffentlichkeit und Privatsphäre, was er als zentrales Kriterium der Moderne beschreibt.

3 Über diese drei hinaus gibt es als pluralistische Formen noch die Familien und Klassen, denen Menschen angehören, die jedoch keine flexiblen Zugehörigkeiten zulassen, sondern festgelegten Definitionen und Rollen unterliegen, weswegen sie bei der weiteren Betrachtung ausgeklammert werden.

4 Die Kritik an der Klassifikation des Gruppenbegriffs liegt in noch einer Reihe weiterer Relativierungsaspekte begründet: Gruppenstrukturen sind an Vergangenheit und Umgebung gebunden, in der Regel gehört ein Individuum mehreren Gruppen an, Gruppengrenzen sind oft fließend und zeitlichen Schwankungen unterworfen und die Anzahl der Gruppenmitglieder kann flexibel sein. Innerhalb einer praktischen Anwendung des Begriffs sind diese Einflüsse auf das Gruppengeschehen wichtige Implikationen, die in der Theorie nicht in die jeweiligen Untersuchungen einfließen können. (Vgl. Sader, 1996: 41)

5 Asch (1951) zeigte einer Versuchsgruppe von acht Personen einen optischen Standardreiz in Form einer geraden schwarzen Linie und einen Vergleichsreiz mit drei untereinander positionierten Linien unterschiedlicher Länge. Sieben vorinstruierte Teilnehmer geben auf die Frage, welche Linie des Vergleichsreizes die gleiche Länge hat wie die des Standardreizes, falsche Beurteilungen ab. Etwa ein Drittel der „echten“ Teilnehmer schließt sich gegen die eigene Beobachtung der Gruppenmeinung an. In Kontrollversuche ohne soziale Beeinflussung wurden durchweg die richtigen Antworten gegeben.

6 Die Dogmen der frühkindlichen Erziehung und der schulischen Ausbildung sind hier als Grundlage für Konflikt ausweichendes Handeln zu verstehen.

7 Dieses Phänomen findet in der Neurobiologie seine Verstärkung. Mithilfe von Spiegelneuronen wird allein über Beobachten anderer Menschen ein gemeinsamer sozialer Resonanzraum bereitgestellt, der bei der beobachtenden Person die Tätigkeit oder Empfindung spiegelt, so dass sich die Situation nachempfinden lässt (vgl. Bauer, 2006: 106 f.).

Details

Seiten
29
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668268197
ISBN (Buch)
9783668268203
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337511
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – Fachbereich Gestaltung
Note
1,0
Schlagworte
Identität Kollaborativ Gruppe Individuum Verhalten Kommunikation

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