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Kollektive Emotionen. Medienereignisse als Momente moderner Gemeinschaftsbildung

Diplomarbeit 2011 131 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Abstract

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach dem Entstehen und dem Nutzen von kollektiven Emotionen anhand von Medienereignissen. Hierzu setze ich mich zunächst mit den kommunikationswissenschaftlichen Grundbegriffen, die mit diesem Phänomen im Zusammenhang stehen, auseinander (Individuum – Kollektiv – Masse) und arbeite den Stand der Forschung zu den Themenbereichen kollektive Emotionen und Medienereignisse heraus. Anschließend stelle ich drei Fallstudien zu den Medienereignissen Unfalltod von Diana Spencer, Attentat vom 11. September 2011 und Tsunami in Südostasien vor. Ich arbeite die Gemeinsamkeiten dieser Medienereignisse heraus, unter denen als mögliche Ursachen für das Entstehen kollektiver Emotionen zu vermuten sind: Die Beteiligung prominenter Personen bzw. Elite-Nationen, Abbildung von Konflikten bzw. sozialen Dilemmata, Kämpfe zwischen ‹Gut und Böse›, Nicht-Zugehörigkeit des Ereignisses zum Erwartungshorizont, Verdichtung des Ereignisses im Bild. Diese fünf Merkmale prüfe ich im Folgenden hinsichtlich der Fallbeispiele auf ihre Relevanz für die Entstehung kollektiver Emotionen. Unter Berücksichtigung von kollektiven Identitäten, Empathie und Mimesis, kollektiver Bedeutungszuschreibung und der Bedeutung von Bildern, komme ich zu folgendem Schluss: Einschneidende und unerwartete Ereignisse erschüttern den Menschen. Werden diese Ereignisse z. B. durch die Medien zusätzlich in ihrer Stärke noch potenziert, so kann es passieren, dass Menschen instinktiv auf archaische Muster zurückgreifen, um diese Ereignisse ein- und ihnen Bedeutung zuordnen zu können. Im gemeinsamen Erleben und Teilen von Gefühlen findet der Mensch eine Entladung und die Möglichkeit sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben.

1. Einleitung

„Eine spezifische menschliche, das heißt bewusste gesellschaftliche Haltung gegenüber einem anderen Individuum einzunehmen oder sich dieses Individuums bewußt (sic) zu werden, heißt sich durch Mitgefühl mit ihm identifizieren, indem man seine Haltung zu und seine Rolle in der jeweiligen gesellschaftlichen Situation einnimmt und dadurch implizit auf diese Situation reagiert, wie der andere explizit darauf reagiert oder reagieren wird.“ (Mead, 1973: 348)

Blumenmeere, Trauermärsche, Tränen. Sowohl der Tod einer Medienprinzessin, als auch Terroranschläge auf eine Weltmacht sowie eine der verheerendsten Naturkatastrophen der letzten Jahrhunderte münden in dem Phänomen kollektiver Emotionen. Menschen finden sich angesichts dieser und ähnlicher Ereignisse in Gemeinschaften zusammen, deren Gemeinsamkeit nicht kultureller oder gesellschaftlicher Natur sein muss, sondern im geteilten Mitgefühl besteht. Sie bilden ein Kollektiv, das den Schrecken der Ereignisse gemeinsam verarbeitet. So wie sich unter dem Einfluss eines Ereignisses die kollektiven Gemeinschaften spontan bilden, lösen sie sich später wieder restlos auf.

In Endlosschleifen und Dauerberichterstattungen wird das Geschehen fokussiert und die Welt verharrt medial verknüpft. Medienhistorisch stellen solche kollektivierenden Ereignisse eine Zäsur dar, zeithistorisch wirken sie strukturierend. Bis heute wissen die meisten Menschen ad hoc, wo sie von dem jeweiligen Ereignis erfahren haben – und kommen automatisch ins Memorieren. Die Bilder von Medienereignissen prägen sich ikonographisch in das kollektive Gedächtnis der Menschen ein.

Doch nicht jedes bedeutende Ereignis besitzt diese Virulenz. Und menschliches Handeln ist in der Regel zielgerichtet und zweckorientiert. Vor diesem Hintergrund gehe ich den Forschungsfragen nach, welche Faktoren das Phänomen der kollektiven Emotionen auslösen und welcher Nutzen für das Individuum aus dem kollektiven Verhalten resultiert.

Die Motivation für eine Kollektivbildung überprüfe ich aus soziologischer, neurobiologischer und (evolutions-)psychologischer Sicht – vor allem unter dem Einfluss von George Herbert Mead, der Soziologie und Evolutionismus verbindet. Ich gehe davon aus, dass ein menschliches Bedürfnis gestillt wird, das seinen Ursprung in der Frühgeschichte des Menschen hat und durch die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen befördert wird. Im Rahmen von Fallstudien untersuche ich die jeweiligen individuellen Merkmale der Ereignisse, um daraus die grundlegenden Muster für das Auslösen der kollektiven Emotionen zu extrahieren. Die Ergebnisse erfahren im Anschluss die Einbindung in einen theoretischen Kontext.

Neben wissenschaftlicher Literatur werde ich usergenerierte Online-Quellen wie Blogs oder Foren heranziehen. Sie bilden als öffentliche Aufzeichnungen eine Datenquelle für das versammelte Wissen und Denken der betroffenen Gemeinschaft. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass für mich nicht die Objektivität der Darstellungen von Bedeutung ist, sondern viel mehr die Wahrnehmung in der Gesellschaft. Die mediale Betrachtung erfolgt unter Berücksichtigung der Entwicklung und Verbreitung von Informationsflüssen sowie der Ikonisierung von Bildern. Hierfür werde ich exemplarische Berichterstattungen verschiedener Print- und Onlinemedien vor dem Hintergrund der Ereignisse recherchieren.

2. Der Mensch und die Medien

Bevor ich mich der Frage nach den Ursachen kollektiver Emotionen zuwende, werde ich darlegen, von welchen Begriffen und Ansichten ich in dieser Arbeit ausgehe. Kommunikation und die Frage wie Informationen zum Bestandteil der Lebensrealität von Rezipienten werden sind dabei Schlüsselpunkte, an denen ich ansetze. Dementsprechend wird dieses Kapitel die kommunikationswissenschaftlichen Grundbegriffe fassen und auf die für die weitere Bearbeitung tragenden Elemente eingrenzen.

2.1 Individuum – Kollektiv – Masse

Der Mensch ist von Geburt an auf andere angewiesen und lebt daher – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in Gruppen. Über viele Jahrhunderte stand das Gemeinwohl über dem Eigenwohl, Einzelne waren feste Bestandteile von Traditionen und starren gesellschaftlichen Hierarchien. Erst mit der Renaissance begann eine Entwicklung, die Denken und Handeln des Einzelnen ins Zentrum rückte – der Prozess der Individualisierung. Dieser Prozess zog eine Reihe von Entwicklungen nach sich, beispielweise die Ablösung von den Zwängen der Kirche, die damit einher gehende Verschiebung des Staates vom Vertreter der Kirche hin zum Vertreter des Individuums sowie die Wahlmöglichkeit unterschiedlicher Lebensstile und die Selbstinszenierung durch Kleidung und Wohnraumgestaltung. (Vgl. Faulstich-Wieland, 2000: 34 f.) Mit der Freiheit sein Leben gänzlich souverän gestalten zu können, löste sich der Mensch aus seiner Umwelt heraus, was die Frage nach seinem Selbstverständnis in der Gemeinschaft aufwirft und die Beschäftigung damit zur zentralen Aufgabe des Menschen macht.

Solchen Individualisierungsthesen steht die Auffassung der Gesellschaft als Masse gegenüber wie sie Le Bon, Canetti und Ortega y Gasset vertreten: Das Individuum ordnet sich der Masse unter, wodurch sein Verhalten affektiv und weniger reflexiv gesteuert wird. Die Masse hebt Unterschiede zwischen Individuen auf und macht so ein hohes Maß an Gleichheit erfahrbar. Der Mensch strebt nach dieser Transformation, da es die einzige Situation ist, in der die Angst vor dem Fremden aufgelöst scheint und das Umgebensein von gleichen sogar mit zunehmender Dichte mehr Erleichterung verbreitet. (Vgl. Canetti, 2006: 14 f.)

Daher ist jedes Individuum genauso konstituierender Teil der Masse, wie die Masse aus Individuen besteht. Individuelle und gruppale Verhaltensmuster wirken wechselseitig aufeinander ein und können je nach Aufgabe dominieren oder unterliegen. Doch keiner dieser Pole ist je alleiniges Steuerelement. Bestimmend ist viel eher das Austarieren zwischen ihnen – dort ist das Kollektiv, dort findet ein Individuum seinen Platz, seine Aufgabe in der Hierarchie. Gleichzeitig können Gruppenphänomene Bedürfnisse des Einzelnen überlagern, so dass sich Werte, Überzeugungen und auch Emotionen manifestieren, die kollektiv erzeugt wurden, aber als individuell wahrgenommen werden. „Das kollektive Verhalten wird gewissermaßen nur als mehr oder weniger chaotischer Übergang zwischen zwei stabilen und klar definierten Systemzuständen geduldet.“ (Bühl, 2000: 10) Der Kollektivbegriff verwehrt sich einer ‹Entweder-Oder-Einordnung›. Zwischen Masse und Individuum liegt ein Grauwert, der meines Erachtens auf die Ursprünge menschlichen Verhaltens zurückgeht und somit Gegenstand ständiger Entwicklungs- und Anpassungsprozesse ist. Durch die Evolution haben sich Verhalten herausgebildet, die es dem Menschen ermöglichen, sein Überleben zu sichern, sich fortzupflanzen und seine Nachkommen zu schützen. Er hat Strategien entwickelt, adaptive Probleme kooperativ zu lösen. Strategien, die sich hingegen als nutzlos oder überholt erwiesen haben, wurden wieder ‹verlernt›. Evolutionspsychologisch betrachtet sind die modernen Prozesse der kritischen Selbstthematisierung allenfalls Sprösslinge gegenüber Jahrtausenden trainierten Verhaltens und tradierten Erlebens. „Belege deuten darauf hin, dass diese Gesellschaften die Bedingungen, unter denen wir uns entwickelten, eher widerspiegeln als moderne Gesellschaften und dass die Menschheit 99 Prozent der Menschheitsgeschichte aus Jägern und Sammlern bestand, was ungefähr den letzten Millionen Jahren vor Beginn der Landwirtschaft vor 10.000 Jahren entspricht [...].“ (Buss, 2004: 102)

Soziologen und Psychologen beschäftigen sich schon lange mit der Suche nach der zugrunde liegenden Struktur für die Ausprägung kollektiver Wahrnehmungen. Durkheim verbindet in seinen Überlegungen individuelle Autonomie und gesellschaftliche Solidarität und geht davon aus, dass Gesellschaften mit einem hohen Grad an Arbeitsteilung von unbewusst angenommenen Werten, Normen und Regeln geprägt und auf sie angewiesen sind. „Eine Individualisierung findet zwar statt, aber sie vollzieht sich massenweise und als ‹kollektive Individualisierung›.“ (Bühl, 2000: 20) Canetti spricht von der ‹offenen Masse›, die überall sein, uneingeschränkt wachsen und sich in alle Richtungen öffnen kann, und zerfällt, wenn sie aufhört zu wachsen (vgl. Canetti, 2006: 15). Das Interesse der ‹offenen Masse› ist zuerst einmal universeller Natur, kommt es aber zu einem verbindenden Element – beispielsweise das gemeinsame Erleben eines Ereignisses – wird sie aufgrund dessen zum Kollektiv. „Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspielt, ist die ‹Entladung›. Vorher besteht die Masse eigentlich nicht, die Entladung macht sie erst wirklich aus. Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als ‹gleiche› fühlen.“ (Ebd.: 16) Hier wird deutlich, welch schmaler Grat zwischen dem Verständnis des Kollektivs und der Masse besteht und um was für flüchtige bzw. instabile Konstrukte es sich handelt. Sloterdijk (2004) spricht bei diesen von Symbiose getragenen ko-isolierten[1] Lebenskonglomeraten von Schäumen um eine Aussage über die relative Dichte zu treffen.

Kommt es beispielsweise dazu, dass sich mehrere einander unbekannte Personen in der Öffentlichkeit durch Bekanntwerden eines Ereignisses sammeln (man kann sich hier die öffentlichen TV-Übertragungen in Innenstädten während des 11. Septembers 2001 vorstellen), formieren sie sich zu einer Masse. Beginnen sie die Information miteinander zu bewerten, findet also sprachlicher oder gestischer Austausch statt, werden sie zu einem Kollektiv. Über die Dauer seines Bestehens können sich jederzeit weitere Personen anschließen oder sich (wieder) abwenden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Schematische Darstellung der Grundbegriffe

Das Kollektivieren erfolgt also instinktiv und führt zu kommunikativem Austausch, der den Individuen offensichtlich Erleichterung verschafft. Unter diesen Gesichtspunkten wird deutlich, dass auch affektives Verhalten gewissermaßen reflexiv erworben wird, also eine Funktion hat: Der Mensch kann intuitiv handeln und dennoch unbewusst komplexe Ziele verfolgen. In der Masse oder dem Kollektiv ausgeübtes Verhalten müsste demzufolge ein Wert zuzuordnen sein. Allein die Form dürfte sich durch den anhaltenden medialen Fortschritt geändert haben, denn zwischenmenschliche Übertragungen sind geringer oder gar nicht an räumliche, sprachliche oder zeitliche Modalitäten geknüpft. Dies lässt die Übertragung affektiver Verhaltensmuster sogar auf globaler Ebene zu.

2.2 Kollektive Emotionen

Der Begriff ‹kollektive Emotionen› war bis vor wenigen Jahren noch gänzlich ungebräuchlich. Mittlerweile wird er besonders in Arbeiten verwendet, die im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen, speziell der Euphorie während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, stehen. Das Phänomen an sich ist aber kein neues. Das erste ‹live› übertragene Sportereignis war die Fußball-Weltmeisterschaft 1954, die unter dem Namen ‹Das Wunder von Bern› bekannt wurde: „So entstand eine Gemeinschaft, die wegen ihrer Größe und der Intensität ihrer Gefühle eine neue Qualität besaß und die am besten mit dem Begriff ‹virtuell› bezeichnet werden kann. Sie war virtuell, weil sie auf einem medial vermittelten Ereignis beruhte, bei dem fast keiner der so begeisterten persönlich anwesend war und das sie meist nicht einmal auf einem Fernseher mit eigenen Augen verfolgen konnten. Ihnen stand lediglich die Stimme des Radioreporters zur Verfügung, angereichert durch die Vorstellungen und Gefühle, die er bei ihnen freisetzte. Dabei führte diese Gemeinschaft keine konkrete Aktion durch und hatte sich nicht versammelt, um gemeinsame Werte zu vertreten. Sie verband vielmehr, dass sie zwei Stunden höchster Anspannung teilten und einem Ereignis folgten, das materiell nicht fassbar war, nur durch die Übertragung und in ihrer Wahrnehmung bestand, damals im Fernsehen nicht einmal konserviert werden konnte, nicht reproduzierbar war und schon im Moment des Erlebens verflog. Wenn die derzeit viel diskutierte Vorstellung von imaginierten Gemeinschaften etwas zutreffend beschreibt, dann die Ereignisse des 4. Juli 1954 und an den darauffolgenden Tagen.“ (Brüggemeier in: Lenger/Nünning (Hrsg.), 2008: 125) Dieses Beispiel zeigt die Virulenz eines Ereignisses, das Menschen unabhängig von Werten oder Ähnlichkeiten spontan zu einem Kollektiv verband. Die Mitglieder dieses Kollektivs teilten eine Nationalität, doch das war nicht der ‹zündende› gemeinsame Nenner. „Diese Elemente mögen eine Rolle gespielt haben, doch entscheidend war auch jetzt eine durch Medien erzeugte Gemeinschaft, die gekennzeichnet war durch Intensität, Spannung und Flüchtigkeit, die keine Werte verkündete und den Moment des gemeinsamen Erlebens nicht überdauerte.“ (Ebd.: 127)

Es scheint als zeigten sich derartige Ereignisse als Zäsur und zwar auf zweierlei Art. Zum Einen markiert dieser Moment des Erlebens einen Bruch mit der Normalität des Alltags, so dass die Menschen schon in ihrem Erfahrungsraum von ihrer Selbstwirklichkeit entfernt sind. Das Ereignis selbst übersteigt die Erwartungen. Die zweite Zäsur wird oft erst historisch sichtbar. Medienereignisse können die Kraft entwickeln, bestehende Strukturen zu verändern und werden so retrospektiv signifikant. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung jedoch ist völlig unklar, wie bedeutend sie einmal sein werden. Innerhalb solcher Momente der Unsicherheit ‹fallen› Menschen aus gewohnten Mustern. Die Zeit steht still oder verlangsamt sich, es bilden sich erst viele kleine Kollektive, die sich dann wellenartig zusammenschließen bis man sich letztlich durch die Bilder und Berichte der Medien mit jedem an dem Moment Teilhabenden verbunden fühlt. Es macht den Eindruck als würden Momente besonderer Unberechenbarkeit den Menschen im Kern erschüttern und ihn auf eben diesen zurückführen, so dass eine Einheit mit allen Menschen möglich und erstrebenswert scheint. Das Phänomen der kollektiven Emotionen wird daher maßgeblich durch Reaktionen potenziert. Die Übertragung des Ereignisses über Menschen und Medien macht jeden Einzelnen zum Akteur, eine Bedeutungszuschreibung erfolgt kollektiv. „Zentral für das Hervorbringen und die Wirkung von Ereignissen ist folglich die kollektive Verarbeitung und Interpretation des je individuell als bedeutsam erfahrenen Geschehens durch die Zeitgenossen.“ (Dietze in: Lenger/Nünning (Hrsg.), 2008: 43) Während sonst Gefühle meist nur im privaten Rahmen artikuliert werden, bedürfen die durch Medien-ereignisse hervorgerufenen Reaktionen eines öffentlichen Kanals. Den Personen ist bewusst, dass sie etwas mit anderen teilen, dementsprechend streben sie einen breiteren Austausch an.

Der Ausdruck jedoch wird dem Ereignis eigentlich nicht angepasst. Die Sprache erscheint umgangssprachlich, es erfolgt keinerlei Kontrolle wie sie für öffentliche Räume typisch wäre – die Menschen lassen ihren Emotionen freien Lauf. „Diana, ich frage mich auch heute noch immer, warum warum. Du fehlst so. In meinem Herzen stirbst du nie!“[2] „DEAR DIANA SISTER THIS IS NOT WORLD WITH OUT (sic) UALLWAYS (sic) I LOVE U AS MY SISTER“[3] Am Beispiel dieser beiden Einträge in einem Online-Kondolenzbuch für Diana Spencer zeigt sich die Intensität der Gefühle, die Menschen weltweit anlässlich ihres Todes zum Ausdruck brachten. Vor dem Hintergrund, dass vermutlich keine dieser Personen über eine direkte Beziehung zu Diana Spencer verfügte, erscheint das Maß der Anteilnahme deutlich überzeichnet. Die dargestellte Trauer kann mit der verglichen werden, die man beim Verlust nahestehender Menschen erwarten würde, so dass davon auszugehen ist, dass dieser Schmerz direkt und nicht parasozial empfunden wird.

Nun sind verlustbehaftete Ereignisse naturgemäß schwerer zu ertragen als Gewinne. Das Auftreten kollektiver Emotionen ist aber nicht auf erschreckende Ereignisse beschränkt, sondern kann auch an freudige Ereignisse geknüpft sein. Wichtig ist, dass ihnen gesellschaftlich virulenter Zündstoff innewohnt, der die Menschen aus ihrem gewohnten Denken heraus in intensivierte Kommunikationsprozesse zwingt. Das Ziel ist, aus der entstandenen Unsicherheit Sinn zu erzeugen und gesellschaftliche Ansichten wieder zu festigen. „Deshalb lösen Medienereignisse Prozesse der Identitätsbildung und Abgrenzung aus, sie wirken gemeinschaftsstiftend.“ (Ebd.: 44) Weitaus häufiger treffen diese Bedingungen auf Krisenmomente zu, so dass diese vermeintlich überpräsentiert sind. Rauchenzauner (2008) konnte in einer Umfrage unter Journalisten im Rahmen ihrer Dissertation nachweisen, dass mit 76,8 Prozent Zustimmung ein negativ konnotiertes Ereignis eine größere Chance hat zu einem Schlüsselereignis zu werden (vgl. Rauchenzauner, 2008: 108). Betrachtet man die großen geschichtlichen Ereignisse im Überblick (siehe Anhang: 124 ff.) lässt sich außerdem feststellen, dass selbst positive Ereignisse oft Bestandteil einer negativ geprägten Ereigniskette sind. So leitete der Fall der Berliner Mauer beispielsweise das Ende des Kalten Krieges ein.

Kollektive Emotionen treten aber nicht allein bei weltweit repräsentierten Ereignissen auf. Auch auf nationaler Ebene, zum Beispiel nach dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke 2010, sind sie zu beobachten.

2.3 Charakteristika von Medienereignissen

Wenn etwas passiert, das durch Weitererzählen und sukzessives Hinzufügen oder Auslassen zu einem Ereignis und historisch betrachtet zu einem Meilenstein wird, sprach man früher vermutlich von einer Sage und seit der Erfindung des Buchdrucks von einem Medienereignis. Damit sind erste wichtige Komponenten einerseits die Möglichkeit der Vervielfältigung und damit Verbreitung des Mediums und andererseits das Vorhandensein von Augen- oder Zeitzeugen bzw. Berichterstattern als stellvertretende Augenzeugen.

Die genannten Merkmale bezeichnen natürlich auch eine einfache Nachricht. Lenger (2008) grenzt diese vom Medienereignis ab, welches er es als Schlüsselereignis beschreibt, das einen Prozess gesamtgesellschaftlicher Kommunikation auslöst. „In ihnen verdichten sich nicht allein zentrale Thematiken der jeweiligen Zeit, sondern anhand ihrer medialen Repräsentation lässt sich auch sehr gut die Entstehung transnationaler Kommunikationsräume nachzeichnen.“ (Lenger in: Lenger/Nünning (Hrsg.), 2008: 8) Hier zeigt sich, dass die technischen Bedingungen moderner Massenkommunikation grundlegenden Anteil an der Entstehung eines Medienereignisses haben. „Nach dem physikalischen Gesetz, daß (sic) die Dinge da sind, wo sie wirken, müssen wir heute jedem Punkt des Globus die einflußreichste (sic) Allgegenwärtigkeit zugestehen.“ (Ortega y Gasset, 2007: 35) Die Vernetzung der nationalen und internationalen Nachrichtenmärkte ermöglicht inzwischen eine nahezu simultane globale Nachrichtenübermittlung. Bereits 1963 hielt die Nachricht von der Ermordung John F. Kennedys noch vor Ablauf von 24 Stunden Einzug in alle internationalen Massenmedien, so dass schon am Folgetag über die Reaktionen aus dem Ausland berichtet werden konnte.[4] Diese Selbstreferenzialität ist ein verstärkendes Charakteristikum von Medienereignissen (vgl. ebd.: 8): Durch die Berichterstattung über die Berichterstattung in allen Teilen der Welt beginnt das Ereignis um sich zu zirkulieren. Der kaum wahrnehmbare zeitliche Versatz[5] ermöglicht das direkte Anschließen der Reaktionen aus dem Ausland an das Ereignis, wodurch dieses intensiviert, verdichtet und mit Bedeutung angereichert wird – das Medienereignis rechtfertigt seine Existenz.

Morgner (in: Lenger/Nünning (Hrsg.), 2008) schließt hier passend an den Begriff der Geste von George Herbert Mead (1973) an. Innerhalb einer gesellschaftlichen Handlung wirken Reize auf die in die Handlung eingebundenen Wesen und beeinflussen damit die Reaktionen wechselseitig, weswegen die nachgestellten Reaktionen wiederum einen Reiz darstellen. Dieser Prozess, das Hervorrufen von Reaktionen anderer, die wiederum Reize für erneute Reaktionen darstellen, ist die Funktion der Geste. Die entstehende Handlung kann Ausdruck von Gefühlen werden und darüber hinaus mit Sinn und einer Idee verbunden werden. „Wenn nun eine solche Geste die dahinterstehende Idee ausdrückt und diese Idee im anderen Menschen auslöst, so haben wir ein signifikantes Symbol.“ (Mead, 1973: 85)

Folgerichtig ist Selbstreferenzialität ein Symbol für die Bedeutung eines Medienereignisses. Umso weit verbreiteter und wiederholter Reaktionen auf ein Ereignis seine mediale Präsenz beeinflussen, desto bedeutender wird das Ereignis (wahrgenommen).

Medienereignisse sind keine singulären Begebenheiten. Sie bedürfen der Integration in eine narrative Sinneinheit, damit ihnen Bedeutung zugeordnet werden kann. Medienereignisse werden also geschaffen. Bevor die Masse von einem Ereignis erfährt, ist es bereits selektiert, gedeutet und eingebettet worden. Der Titel des 2010 erschienenen Fotoromans von Benjamin Stuckrad-Barre ‹Auch Deutsche unter den Opfern› illustriert, durch welche Brille dabei geschaut wird. Nachrichten wird eine Priorität zugeordnet, die sich an der Relevanz für das jeweilige Publikum misst. Und diese orientiert sich an der Bedeutung und den jeweiligen Folgen von Ereignissen.

Daher ist meine Betrachtungsweise eine europäische und westlich-kulturell orientierte. Doch selbst dieser Versuch einer Kontur ist sicherlich nur ein Behelfskonstrukt bei der Frage nach kollektiven Anschlüssen, denn auch die Kulturwissenschaften erkennen die einstigen Kulturträger wie Nation, Raum oder Ethnie als in Bewegung geraten an. Scheffer (2009) kehrt die Abhängigkeiten um, indem er die räumlichen Einteilungen der Kultur folgen lässt und

interessenabhängige Kollektive als Konturgeber sieht. „Die zunehmende Globalisierung zeigt sich als Entankerungsprozess, der kulturelle Differenzen teilweise abstandslos werden lässt.“ (Scheffer, 2009: 1)

Die hier zusammengetragenen Charakteristika von Medienereignissen finden fachliche Entsprechungen in den Veröffentlichungen des DFG-Graduiertenkollegs ‹Transnationale Medienereignisse› der Justus-Liebig-Universität Gießen. In diesem Zusammenhang verweist Bösch (2010) zusätzlich auf eine etablierte Definition von Reinhart Koselleck, nach der eine Begebenheit zu einem Ereignis wird, indem durch „ein Minimum von Vorher und Nachher“ (vgl. Koselleck, 2003: 144 f.) eine Sinneinheit erzeugt wird. „Dieser Verweis auf die zeitstrukturierende (sic) Kraft ist eine Warnung, nicht für jedes Unglück, jede Wahl oder gar jede Sportveranstaltung inflationär den Ereignisbegriff zu benutzen.“ (Bösch, 2010) Er stellt weiterhin eine besondere ‹Aura›, die zu einer Emotionalität weiter Bevölkerungsteile führt, explizit als Merkmal eines Medienereignisses heraus.

3. Fallstudien

Im folgenden Kapitel wird anhand von ausgewählten Beispielen das Zustandekommen von Medienereignissen unterschiedlicher Kategorien nachvollzogen und hinsichtlich des Auftretens kollektiver Emotionen analysiert. Es geht demnach um die Frage, welche Faktoren erfüllt sein müssen, damit handlungsleitende Muster entstehen. Neben den narrativen Kontexten werden hierbei auch die medialen Bilder auf ihre kollektivierende Wirkung hin untersucht.

3.1 Ereigniskategorien und Auswahlkriterien

Die drei exemplarischen Ereignisse, die ich im Folgenden untersuchen werde, sind der Unfalltod von Diana Spencer, das Attentat auf das World Trade Center (9/11) und der Tsunami in Indonesien. Bei der Auswahl kam es mir auf eine möglichst disperse Schwerpunktsetzung an. Es handelt sich weiterhin um drei Ereignisse, die weltweit großes Interesse und eine längerfristige mediale Berichterstattung zur Folge hatten.[6] Der Tod von Diana Spencer ist eines der größten Medienereignisse seiner Zeit und bis heute unter den fünf medial am stärksten repräsentierten Todesfällen (inklusive nachträglicher Berichterstattung und der Beerdigung) bekannter Persönlichkeiten (siehe Abbildung 2). Die Ereignisse 9/11 und der Tsunami prägten die mediale Landschaft im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts derart, dass sie die Plätze 2 und 10 in der vom Global Language Monitor herausgegebenen Liste der am häufigsten benutzen Wörter dieser Dekade belegen (siehe Abbildung 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Top 5 der Beerdigungen der Jahre 1997–2009

Der Global Language Monitor (2009) hat die Zahl der weltweiten Berichterstattungen in englischer Sprache in gedruckten und elektronischen Medien gemessen – und zwar jeweils vom Todestag bis zur Beerdigung. Die Messung bezog 5000 Print- und Webmedien ein, jedoch keine Blogs oder Social Media Webseiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Top 10 Wörter der Dekade 2000–2009

[...]


[1] Sloterdijk widerlegt die Metapher ‹der Mensch sei eine Insel›, denn es handle „sich stets um ko-isolierte und an Netze angeschlossene Inseln, die mit Neben-Inseln, momentan oder chronisch, zu mittleren und größeren Strukturen verbunden sein müssen – zu einem Nationalkonvent, einer Love Parade, einem Club, einer Freimaurerloge, einer Firmenbelegschaft, einer Aktionärsversammlung, einem Konzertsaalpublikum, einer suburbanen Nachbarschaft, einer Schulklasse, einer religiösen Gemeinde, einer Menge von Automobilisten im Stau, einem tagenden Bund der Steuerzahler.“ (Sloterdijk, 2004: 604 f.)

[2] http://www.kondolenzbuch.prinzessin-diana.de/index.php?show=1832&skindir=kondolenz_diana_deutsch. Zugriff am 26.02.2011, 16:58.

[3] http://www.kondolenzbuch.prinzessin-diana.de/index.php?show=1850&skindir=kondolenz_diana_deutsch. Zugriff am 26.02.2011, 16:05.

[4] Die Schüsse auf John F. Kennedy fallen um 12:30 Uhr (Central Standard Time). 12:32 Uhr berichtet der Radiosender WFAA und um 12:36 Uhr das überregional sendende ABC-Radio von den Ereignissen. Zwischen 12:43 Uhr und 12:53 Uhr unterbrechen die großen amerikanischen Fernsehsender ihr Programm um kontinuierlich über das Attentat zu berichten. Nach etwa 30 Minuten sind etwa 68 Prozent und nach zwei Stunden 92 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung informiert. (Morgner in: Lenger/Nünning (Hrsg.), 2008: 131 f.)

[5] „In Deutschland hat eine halbe Stunde nach den Schüssen – also um 20.00 Uhr Ortszeit (Central European Time) – die Tagesschau den Ablauf der Nachrichtensendung geändert und beginnt mit der Meldung zu den Ereignissen in den USA: [...]“ (Morgner in: Lenger/Nünning (Hrsg.), 2008: 131)

[6] Hiermit folge ich der Definition des Graduiertenkollegs der Universität Gießen: „Herausragende Medienereignisse, Schlüsselereignisse im Sinne des Kollegs, zeichnen sich durch einen besonders hohen Grad medialer Aufmerksamkeit und eine spürbare Intensivierung der Kommunikationsprozesse aus. In ihnen spiegeln sich sowohl zentrale Kulturthemen als auch die Medienevolution wider, durch sie werden Öffentlichkeiten generiert, die soziale und räumliche Grenzen überschreiten. Aus interdisziplinärer Perspektive betrachtet das Kolleg solche transnationalen Medienereignisse als Faktoren und Katalysatoren transnationaler Kommunikation und Wissensbildung.“ (http://www.uni-giessen.de/cms/ueber-uns/jlu/graduiertenkollegs/medienereignisse. Zugriff am 27.02.2011, 18:17)

Details

Seiten
131
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668271784
ISBN (Buch)
9783668271791
Dateigröße
3.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v337495
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – Fachbereich Gestaltung
Note
1,5
Schlagworte
Medienereignisse Katastrophen Kollektiv 9/11 Diana Tsunami Gemeinschaft Identität

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